1:0

Editorial IGM 15/08

Der im letzten IGM-Editorial geäußerte Satz „Was wir in Leipzig können, das können wir auch in Timbuktu“, der die internationale Ver­lagerung der Games Convention gen „Wo auch immer“ betraf, kam bei den Messe-Verant­wort­lichen in Sachsen nicht gut an. Das Echo folgte prompt: „Was wir 2008 in Leipzig g­e­schafft haben, das schaffen wir auch 2009 – und zwar in Leipzig“. Kundgetan durch eine „facts & figures“-Präsentation, die allseits bekannte Da­ten aus diesem Jahr aufwärmte – nebst einer Aufforderung, sich bei etwaigen Fragen für 2009 doch an die Messe zu wenden. Laut Mit­teilung blicke man auf die 8. GC bereits jetzt gespannt und freue sich auf ein Wiedersehen am 19. bis 23. August 2009. Die Meldung er­reichte mich übrigens an einem Montag um 15:52 Uhr. Das Interessante dabei: Zitiert wurden annähernd alle Aussteller aus diesem Jahr. Der Tenor offenbarte das übliche „Never chan­ge a winning team“- und „Europäische Leit­messe“-Blabla. Die meisten der Protagonisten erröten jetzt wahrscheinlich, da sie sich heimlich aus dem Staub und gen Köln aufgemacht haben. Die mathematische Rechnung ist dabei recht einfach: Zwei zeitgleich stattfindende Mes­sen = Zu teuer. Also Köln. Deren „Sorry, wir haben uns jetzt doch anders entschieden“-Mitteilung tickerte an besagtem Montag übrigens acht Minuten früher über den Äther. 1:0 für Köln. Womit wir live beim Spiel wären: Tor­schütze war Olaf Wolters per Abstauber, dem ein gekonnt gespielter Doppelpass der Herren Kundratitz und Coenen vorausging. Keine Chance für Schönbeck im Tor. Trainer Marzin wollte übrigens gerade Mittelfeldmann Wiedemann einwechseln, doch der hat während des Spiels einen Vertrag bei der Gegenseite unterschrieben, weil sein britischer Sponsor das so wollte. Das ist zwar unlauter, interessiert bei diesem Gegurke aber nicht wirklich. Mann­schaftsarzt Sliwka hat ja auch bereits die Fronten gewechselt und berät jetzt die Kölner bei Zerrungen aller Art.

Es ist Halbzeit. Die Spieler wanken zum un­ver­dienten Pausentee und die Menge – größten­teils rekrutiert aus MSH- und ALDI-Ver­tretern – kloppt sich um 99 PS2-Euro, um letztlich bei 77 zu landen. Die Sony-Polizei schreitet nicht ein, sondern begutachtet das Ge­rangel mit Tränen verschmierten Euro-Zei­chen in den Augen. Vor Glück versteht sich. Wir überbrücken die Pause, um mit MSH-Anhängern über den bisherigen Verlauf des Spiels zu sprechen. Ein Fanclub-Mitglied zieht Zwischenbilanz: „Der DFB (sprich: der BIU) hat eingesehen, dass da in der Vergangenheit einige Fehler passiert sind, gerade was die Ansetzung des Spiels (sprich: der Messe) anbelangt. Wir wurden von den Verantwortlichen angerufen und gefragt, ob uns die neue Ter­minierung zusagt und wir haben bejaht. Was bringt schon so ein Spiel, wenn nicht die ge­samte MSH-Fanschar (sprich: Einkaufs­macht) vor Ort ist?“ Druck ha­be man indes nicht ausgeübt, aber als wahrer Hardcorefan und zahlendes Publikum wolle man schließlich auch dabei sein. Kurzum: Köln werde gewinnen. Da sei man sich sicher. Nun, ein Spiel währt bekanntlich 90 Minuten. Schau­en wir uns also Halbzeit 2 an bzw. springen gleich in Minute 64: Da die Aus­wech­sel­bank der Sachsen nur dünn gesät ist, wechselt sich Trainer Marzin selbst ein, hat einige wirklich gute Chancen, aber ihm fehlt einfach die Unterstützung von Außen. Flankengeber Man­fred Gerdes hatte sich bereits nach 20 Minuten aufgrund von Lustlosigkeit selbst ausgewechselt, und die sehr ungenauen Zuspiele aus dem Mittelfeld sind nur zu offensichtlich. Köln macht es da nicht besser. Kundratitz („Wir müssen mit der Messe in die erste Sep­temberhälfte“ – „Zum Wohle aller Branchen­teil­nehmer haben wir auf August gelegt“) ist einfach zu unentschlossen und versenkt aus aussichtsreicher Position nicht. Es bleibt letztlich beim 1:0 für Köln. Marzin ist geknickt und hofft, sein Team zum Rückspiel um den einen oder anderen Spieler aufstocken zu können. Köln jubelt, MSH weiß nunmehr um seine Fanmacht und wir – die wir unabhängig zu kommentieren haben – schütteln entgeistert den Kopf ob eines Spieles, das vor allem durch unstrukturiertes Geplänkel überzeugte. Es folgen die Tagesthemen. Darin: Xbox 360 bald für 69,99 Euro bei ARAL?

Ihr
Marius Hopp