Grauimporte: Krötenwanderung über die Schmerzgrenze


(Aus: IGM 01/10) Laut Schätzungen kommt mittlerweile jedes fünfte Spiel als Import nach Deutschland. Die Kröten landen somit nicht bei hiesigen Publishern – was diesen natürlich wehtut

Die Zahl der Deutschen, die sich Spiele und die zugehörige Hardware aus dem Ausland holen, steigt. Das sorgt für großes Zähne­knirschen bei den Publishern. Und für beredt­es Schweigen: „Kein Kommentar“ heißt es meist, als wir zum Thema recherchieren – wo­bei kein Kommentar gewissermaßen auch ein Kommentar ist. Dann nennt aber doch je­mand Zahlen. Zahlen, die alarmierend sind?

„Aufgrund der Weltwirtschaftskrise und der daraus resultierenden Schwäche des britischen Pfunds, aber auch wegen der extrem aggressiven Preisgestaltung des englischen Handels ist eine starke Zunahme von Im­porten zu verzeichnen“, konstatiert Markus L. Wiedemann, Geschäftsführer von Sega Deutsch­land auf Anfrage von IGM. Über die Höhe gebe es keine eindeutigen Zahlen, räumt er ein, dennoch wird er konkreter: „Vor­sichtige Schätzungen gehen von bis zu 20 Prozent aus. Bei Ab-18-Spielen liegen die Quoten teilweise bei 50 Prozent, im Bereich ab sechs Jahren bei zehn Prozent.“

Die Zeit, als sich nur so genannte Nerds mit Import-Spielen eingedeckt haben, ist vorbei. Damals wie heute gab und gibt es Original­sprachefanatiker, die den Klang des Eng­lischen grundsätzlich cooler finden. Das kennt man auch aus der Filmbranche. Doch selbst wenn Spiele immer professioneller synchronisiert werden, hält sich das Gerücht von der stets schwächeren deutschen Fassung hart­näckig. Mutmaßlich dank nachweislicher Totalaussetzer wie anno 1998 beim Fantasy-Rollenspiel Baldur’s Gate, als Elfen, Zwerge und Gnome sächsisch, bayerisch und schwäbisch babbelten. Weiteres Problem: Wegen des strengen deutschen Jugendschutzgesetzes sind oft selbst Titel mit dem USK-Zeichen „Ab 18“ geschnitten. Und jetzt kommt auch noch das englische Pfund ins Spiel …

Beim Bundesverband Interaktive Unter­haltungs­software geht man von weniger dramatischen Zahlen aus als bei Sega. „Der Anteil dürfte insgesamt sehr gering sein, ich vermute unter zehn Prozent“, glaubt BIU-Ge­schäfts­führer Olaf Wolters. Bei Spielen, die keine Kenn­zeichnung von den Obersten Landes­ju­gendbehörden erhalten, liege die Quote na­tür­lich signifikant höher. Diese Titel werden in Deutschland, zumindest auf Konsolen, grundsätzlich gar nicht veröffentlicht. „Im­porte und Re-Importe sind von der Euro­päischen Union gewollt und gewünscht, mit allen Konsequenzen“, weist Wolters auf die Macht­losigkeit deutscher Publisher hin.

Selbst bei familienorientierten Vertretern oh­ne große Ab-18-Produktpalette gibt es we­gen der niedrigen englischen Preise spürbare Auswirkungen. Im Fall von Nintendo etwa. „Dies ist nicht verwunderlich, wenn zum Bei­spiel der marktführende Online-Versand­händ­ler seine britische Ware auch über deutsche Webseiten anbietet und vom europäischen Zentrallager aus Deutschland versendet“, erläutert Wolters. Es ist also so, dass mittlerweile sogar Gelegenheitsspieler mit der Na­se darauf stoßen, wie sie mit Importen bar­es Geld sparen.

Wer wie wir bei Amazon.de „Konsole Nin­tendo Wii Sports“ in die Suchmaske eingibt, bekommt in der folgenden Trefferliste zwei deutsche und zwei britische Varianten gezeigt: Zunächst die weiße deutsche Standardfassung für 189,95 Euro, dann das aktuellere und er­heblich umfangreichere Sports Resort Pak aus Großbritannien in schwarz oder weiß für je 198,95 Euro und zuletzt das entsprechende deutsche Gerät für knapp 250 Euro von anderen Anbietern. Damit sollte klar sein, wo der Kunde zugreift. Freundlicherweise findet Otto-Normalverbraucher beim UK-Angebot gleich noch einen Hinweis: „Möglicherweise benötigen Sie einen Adapter, um diese Kon­sole in Deutschland betreiben zu können“. Nebst Link, der zu einer Auswahl passender Reisestecker führt.

Stichproben am Beispiel stündlich gelisteter Spiele-Bestseller bestätigen die gewaltigen Amazon.de-Preisunterschiede: The Saboteur für die PlayStation 3 gibt es als EU-Fassung ab 42 Euro, während die Variante für den hiesigen Markt – natürlich ohne Hakenkreuze – über 60 Euro kostet. Eigentlich müsste sie dem­nach eher „SaboteuEr“ heißen. Beim eng­lischen FIFA 10 für die Xbox 360 stehen 43 Euro den knapp 59 Euro für die deutsche Ver­sion gegenüber (Stand jeweils kurz vor Re­dak­tionsschluss).

Grauimporte sind für Publisher ein Riesen­problem, gerade wenn von einem Spiel extra eine spezielle, teure deutsche Fassung produziert wurde – das hört man unter der Hand. Offiziell äußern möchten sich nur wenige. Während sich ein Hersteller trotz mehrfacher Anfrage einfach gar nicht mit einer Antwort rückmeldete, wollten andere weder Zahlen noch das Ausmaß des Problems beim Namen nennen. Ein Anbieter gab sogar erst eine Stel­-l­ungnahme ab, um diese wenig später zu wider­rufen.

Die Microsoft-Pressestelle lässt verlauten: „Man darf nicht den Fehler machen, von ei­ner Gruppe versierter Nutzer, die über entsprechend gute Englischkenntnisse verfügen, auf den großen deutschen Markt zu schließen.“ Der Löwenanteil der Titel werde nach wie vor über die Handelsketten aus dem Regal heraus verkauft. „Die meisten deutschen Spie­ler legen Wert auf eine lokalisierte Fas­s­ung der Titel.“ Trotzdem hält man häufig mehr­sprachige Versionen bereit, wenn es auf dem Datenträger diesbezüglich keine Platz­pro­bleme gibt. „In manchen Fällen, wie zum Bei­spiel bei Fable 2, kann die englische Ton­spur sogar nachträglich heruntergeladen werden. Diesen Service bietet kein anderer Pub­lisher.“

Für die eingangs erwähnten Original­sprache­fanatiker kann es sicher ein Anreiz sein, wenn ein Anbieter die multilinguale Fass­ung auf dem deutschen Markt platziert. Aber welche Lösungsansätze gibt es noch? Electronic Arts möchte nach Auskunft von Pressechef Martin Lorber zum einen mit „ei­ner hochwertigen Lokalisierung“ allgemein und zum anderen durch „exklusive Zusatz­inhalte“ punkten, wie das zuletzt bei Left 4 Dead 2 geschah. Nur der deutsche Zombie-Shooter enthielt fünf zusätzliche Waffen aus Counter-Strike Source. Die Fachpresse registrierte allerdings eher die fehlenden Splatter-Effekte und wertete diese als spielspaßmindernd.

Zum Erfolg des ungeschnittenen Dragon Age trug vielleicht die gute Lokalisierung von EA bei, möglicherweise aber auch die Tat­sache, dass es sich um eine mehrsprachige Fass­ung handelte. Doch so genau scheint niemand zu wissen, welches Rezept das richtige ist. Sega etwa geht genau den entgegengesetzten Weg, Geschäftsführer Wiedemann kündigt an: „Wir stellen in Zukunft keine EFIGS-Produkte mehr her, sondern veröffentlichen nur noch länderspezifische Versionen.“ Das für Ende Februar terminierte Aliens vs. Pre­da­tor schafft den Sprung nach Deutschland über­haupt nicht. Überzogen formuliert wäre nach etwaigen Schnitten vom eigentlichen Hor­ror-Spiel wohl nicht viel übrig.

Herrscht wegen des Themas Import-Spiele unter den Publishern sogar etwas wie Angst? Spieler mutmaßten dies deutlich, nachdem sich Activision Blizzard Deutschland Ende vergangenen Jahres hinsichtlich der Entschär­fung des Kassenschlagers Call of Duty: Mo­dern Warfare 2 extrem bedeckt gehalten hatte … vorsichtig ausgedrückt. Im Internet wurde dem Publisher mehrfach unterstellt, bewusst gelogen zu haben. Dazu Stellung nehmen will die deutsche Niederlassung auf unsere An­frage hin nicht.

Fest steht, dass der Anbieter vor Veröffent­lichung des Spiels ausdrücklich betont hatte, dass die deutsche Version des Ego-Shooters nicht geschnitten sei. Dann kristallisierte sich heraus: Die umstrittene Flughafen-Mission ent­spricht nicht 1:1 der internationalen Fas­s­ung. In dieser ist es möglich, auf wehrlose Zi­vilisten zu schießen, ohne mit einem Spiel­abbruch bestraft zu werden. Daraufhin ließ der Publisher in einer Pressemitteilung durchblicken, dass man dies nicht als Kürzung verstehe. Das genannte, sagen wir mal „Kom­muni­kationsproblem“ sorgte dafür, dass zahlreiche Händler damit warben, dass die deutsche Version von Modern Warfare 2 ungeschnitten sei. Bei Amazon.de prangte beispielsweise bis zum Erstverkaufstag (10. No­vember 2009) der Schriftzug „Uncut“ neben dem Titel.

Vorbesteller sauerInteressant wäre, ob und im welchem Um­fang es zu Stornierungen kam, als das werbewirksame Wörtchen verschwand und die Wahr­heit ans Licht kam. Doch auch Amazon wollte sich in keiner Weise zu dem Fall äu­ßern. Sprecherin Kathrin Schmitz: „Wir geben keine Informationen über Kunden­ver­halten heraus, die über die auf unserer Seite hinausgehenden Details hinausgehen, insofern kann ich leider nur auf die Rezensionen und Diskussionsforen verweisen.“ Etliche der angesprochenen Einträge sprechen Bände, dass deutsche Publisher aufgrund der strengen Jugendschutzgesetze hierzulande Ein­bußen hinzunehmen haben. So schreibt ein Kunde: „Leider werde ich meine Bestellung nun stornieren müssen und auf ein wirkliches Uncut-Exemplar aus UK zurückgreifen.“

„Wer eine deutsche Version erwirbt, erhält ein in jedem Fall optimal an den deutschen Markt angepasstes Produkt“, heißt es vonseiten Microsoft. Was dabei gern vergessen wird, ist die Tatsache, dass viele Spiele innerhalb der Europäischen Union auf Deutsch und trotzdem ungeschnitten zu haben sind: Bioshock, Borderlands und Fallout 3, um nur einige we­nige prominente Beispiele zu nennen.

„Die meisten Spiele kommen als internationale, multilinguale Versionen auf den Markt und werden für Österreich mit deutscher Packung und Handbuch versehen“, er­klärt Chris Veber, Geschäftsführer der Firma Gameware.at. „Sprich: Die Spiele sind eingedeutscht worden, nur für den deutschen Markt gibt’s dann eben die zensierte Version.“ Weil 70 Prozent seiner Kunden Deutsche sind, macht er dank des Jugendschutzes mit Ex­porten ins Nachbarland ein entsprechend gu­tes Geschäft. Der Kurs des englischen Pfund bekommt allerdings auch seinem Versand­han­del nicht gut: „Ich habe momentan Schwie­rigkeiten, mit den Importpreisen mitzuhalten.“

Wahrscheinlich sind die deutschen Pub­lisher heilfroh, dass nur unter den eingangs er­wähnten Nerds bekannt ist, wie leicht sie an deutschsprachige, aber trotzdem ungeschnittene Spiele kommen können. Das würde even­tuell auch erklären, warum viele An­bieter mit Informationen gegenüber der Presse knausern: Weil sie die daraus resultierenden Berichte fürchten. Vielleicht liegt es aber tatsächlich nur an der ausgegebenen Marsch­­route der großen Mutter-Konzerne, wonach sich deutsche Vertreter zu bestimmten Sach­verhalten nicht äußern sollen, wie es oft heißt. (hfr)