Chancengleichheit

(Editorial IGM 02/10) Ende letzten Jahres war es Modern Warfare 2 aus dem Hause Activision Blizzard vorbehalten, für unrühmliche Furore zu sorgen. Trefflich beschrieben von RA Stephan Mathé in seiner letzten IGM-Kolumne. Das Jahr 2010 währt noch nicht einmal zwei Monate, da machte auch schon ein weiteres Spiel auf recht befremdliche Art von sich reden: Mass Effect 2 von EA.

Als Vertreter einer scheinbar aussterbenden Rasse wollte ich eigentlich am 28. Januar in den Saturn meines Vertrauens dackeln, 75 Euro auf die Theke knallen und mich fortan stolzer Besitzer der Mass Effect 2 Collector’s Edition nennen. Ich wollte gar mein Mittagspäuschen für die Fahrt zu den Blauen knicken und den Bleistift bereits am späten Nachmittag fallen lassen, um mich am frühen Abend genüsslich der Installations-Zeremonie widmen zu können. Vor meinem geistigen Auge sah ich die „Werthers Echte“-Werbung vorbeiziehen. Frei nach dem Motto: „Ich weiß noch ganz genau, wann ich meine erste Mass Effect 2 Collector’s Edition von Saturn bekam, und ich war 37. Ich hatte etwas Mühe, die hochwertige Metal­l­box zu öffnen. Aber dann. Nie werde ich den Anblick des 48-seitigen Hardcover-Buches, der Bonus-DVD und der Ausgabe 1 des Redemption-Comics vergessen.“ So dachte ich jedenfalls.

Dann allerdings kam das:

EA war einen Deal mit Gamesload eingegangen, der im stationären Handel für enorme Verärgerung sorgte. Gamesload-Kunden konnten Mass Effect 2 bereits 48 Stunden vor Release downloaden, um es am 28. Januar bereits um 00:01 spielen zu können. In der entsprechenden Pressemitteilung wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Gamesload-Kunden damit bereits vor Ladenöffnungszeiten des stationären Handels losspielen können. Definitiv ein Schlag ins Gesicht des Einzel- und Großhandels, der mit Titeln wie diesen sein Hauptgeschäft macht. Oder an­ders ausgedrückt: „Die Beteuerungen, auf den Handel zu setzen, sind reine Lippen­bekenntnisse“, wie sich unlängst ein Großhändler gegenüber IGM ärgerte. EA in­des sparte die Handelsmarge, Verpackung, Duplizierung und Logistik in diesem Be­reich ein. John Riccitiello lässt grüßen. Saturn spielte dieses Spiel übrigens auch mit: Das gamesload-Szenario war 1:1 auch auf gamerunlimited.de (powered by Saturn; ein Service von Computec Media) möglich.

Man stelle sich vor: Ich lade mir dank Saturn Mass Effect 2 vor dem Release runter, um es am Releasetag bereits vor Ladenöffnung um 00:01 spielen zu können und nicht in den Saturn selbst gehen zu müssen. Unglaublich. Lieber Saturn, vielleicht hätte ich ja gern noch einen Kühlschrank, ein Waffeleisen und eine 1.000er Pa­ck­ung Batterien mitgenommen. Oder gar noch ein zweites Spiel? Diese Chance hattet ihr euch nun selbst vermasselt.

Es ging aber noch besser: Bei Gamestop gab’s Mass Effect 2 für Xbox 360 für 9,99 Euro, wenn man denen im Gegenzug zwei gebrauchte 360er-Spiele neueren Da­tums andrehte (u.a. Fifa 10, Darksiders etc.). Und ein kurzer Blick auf amazon offenbarte das bereits Vermutete: Die uncut-Version aus UK war natürlich preiswerter als die deutsche Variante.

Was also tun? Den Wecker auf 5 vor 12 stellen? Die erst vorgestern erworbenen Spiele dem Gamestop geben (der sie dann für gesamt 100 Euro wieder verkauft) und dafür eine Edition für 75 Euro bekommen? Auf den Wechselkurs und damit auf UK setzen?

Wissen Sie was? Ich dackelte am 28. Januar zum Saturn, knallte meine Kohle auf die Theke und nannte mich fortan stolzer Besitzer einer Mass Effect 2 Collector’s Edition.
Kühlschrank, Waffeleisen und Batterien habe ich links liegen lassen. Quasi aus Rache.
Wenn es allerdings Schule macht, dass die Industrie den Großhandel und weite Strecken des Einzelhandels am Releasetag eines potenziellen Blockbusters temporär benachteiligt, schadet dies nicht nur der gesamtwirtschaftlichen Situation, da die Multiplikatorwirkung des Handels außer Acht gelassen wird, auch die Publisher schössen sich auf lange Sicht ins eigene Bein.

Communitypflege und wahre Kundenbindung mittels beigelegter Figuren, Art­books, Handbücher und Poster lassen sich nun einmal nur über den stationären Handel realisieren und nicht durchs Internet würgen.

Und was, wenn bei Gamesload die Downloadzahlen (der Mass Effect 2-Preis wurde bei denen übrigens bereits am 29. Januar (!) um satte 7 Euro gesenkt) nicht die Erwartungen erfüllen? Sich wieder der Jahrzehnte lang währenden Handels­partnerschaft erinnern und doch noch mal schnell ins Presswerk? Pfui!

Wer Chancengleichheit verwehrt, darf sich später nicht wundern, wenn er keine Chance mehr hat.

Ihr

Marius Hopp