Europäische Spielemagazine

Print und Online im Vergleich

(Aus IGM 05/10) Print sinkt, online steigt – das weiß jeder, aber mit Zahlen untermauert wird die Er­kenntnis selten. IGM betrachtet erneut die Spiele-Hefte und -Websites in den drei wich­tigsten europäischen Märkten und wirft auch einen Blick auf das restliche Eu­ropa.

Das Siechtum der Printmagazine ist kein deutsches Thema. Ob in Italien oder Spa­nien, Skandinavien oder Osteuropa: Über­all drängen die Leser ins Internet, wo es Informationen über Spiele erstens kostenlos, zweitens schneller und drittens mit so­fort zugänglichem Bewegtbild gibt. Zum drit­ten Mal stellt IGM den europäischen Spielehefte-Markt vor, wobei wir für die drei wichtigsten Märkte Deutschland, UK und Frankreich Print und Online gleichberechtigt betrachten. Für das restliche Eu­ropa beschreiben wir, was an nennenswerten Spieleheften noch übrig geblieben ist.

Das Audit Bureau of Circulations (ABC) ist das englische Äquivalent zur hiesigen IVW: Diverse Verlage haben sich zusammengeschlossen, um ihre Auflagenzahlen un­abhängig messen zu lassen. Seit 1931 (!) meldet die ABC die Verkaufszahlen der Hef­te, seit 1996 auch Online-Reichweiten (unter der Firmierung ABCe). Wenig überraschend: Meldeten in England im 2. Halb­jahr 2008 noch 16 Spiele-Hefte insgesamt 502.199 verkaufte Stück, sind es aktuell nur noch 15 Hefte mit 423.139 Stück pro Monat – ein Rückgang von rund 16%.

Marktführer sind die drei offiziellen Konsolen-Hefte von Future Publishing, die 100.000er Marke überschreitet jedoch schon lange keines mehr. Am besten verkauft sich immer noch das Official Xbox Magazine mit 60.834 (2008: 63.908) Heften. Das Official Nintendo Magazine musste hin­gegen größere Einbußen in Kauf nehmen und schafft es mit 51.271 (2008: 58.795) nur noch knapp über die 50.000er Marke. Das PlayStation-Magazin kann mit seinen 47.033 (2008: 53.644) nur hinterher schauen. Immerhin: Der Future-Verlag hat in den letzten Jahren zugekauft oder verdrängt, was nicht bei drei auf den Bäumen war: 10 der 16 ABC-gelisteten Hefte gehören ihm, der Konkurrent Image Publishing kommt nur noch auf vier (Total PC Gaming wurde vor kurzem eingestellt), und keines der Image-Hefte kann mittlerweile noch die 25.000 verkauften Hefte pro Monat überschreiten. Uncooked Media bleibt mit seiner 360 Gamer weiterhin unter 20.000 Heften pro Monat; die Play Gamer ist nicht mehr bei ABC gelistet.

Betrachten wir die Spielewebsites in UK. Hier gibt es einerseits eine riesige Zahl von Fansites, Blogs und kleineren Magazinen, andererseits gibt sich „com“ etwas einfacher in den Browser ein als „co.uk“ – will heißen: aufgrund der nahezu identischen Sprache dominieren die großen US-Websites im englischen Markt. Vielleicht deshalb zwingen amerikanische Anbieter wie IGN oder GameSpot gerne europäische Besucher per IP-Check und Umleitung auf die UK-Aus­gabe ihrer Magazine. Interessanterweise listet ABCe für Online-Spielemagazine nur noch drei Angebote auf – 2008 waren es noch sieben. Den Zahlen nach verbesserte sich Eurogamer.net zwischen November 2008 und November 2009 von 3,707 Mil­lio­nen auf 4,534 Million Unique Users – eine kräf­tige Steigerung um 22 Prozent. Noch mehr konnten die Page Impressions zulegen: Von 22,96 auf 35,38 Millionen. Doch Markt­führer ist aktuell GameSpot UK mit 4,92 Millionen Unique Usern und beachtlichen 49,36 Millionen PIs.

Unsere Heftauflagen-Zahlen von 2008 eignen nicht mehr zum 1:1-Vergleich, da diese von der Fédération Nationale de la Pres­se d’information Spécialisée (FNPS) stammten – und nur die Druckauflagen wie­dergaben. Deswegen nahmen wir da­mals wohlwollend einen Abverkaufswert von 55% für die Hefte an. Mittlerweile können wir für Spielehefte auf die Daten der OJD zugreifen, die eigenem Bekunden nach echte Verkaufszahlen liefert. Doch auch aus einem zweiten Grund fällt der Vergleich mit 2008 schwer: Abseits von neun Future-Hef­ten, deren französischer Verlag sich zwischenzeitlich in Yellow Media umbenannt hat, sind keine weiteren Spielemagazine ge­listet.

Viel Konkurrenz gibt es sowieso nicht mehr: Sechs Hefte wurden in der Zwischen­zeit offiziell eingestellt – drei bei Future, der Rest durch den Bankrott von Publishern wie Posse Press (Playbox) oder Darwin Pro­ject (Backstab). Nur noch vier Konkur­renz­hefte konnten wir ausfindig machen. Eines davon, Cyberstratège (Editions Du Paladi) be­treibt nebenbei Onlinespiele, um sich über Wasser zu halten; RPG Magazine er­scheint nur alle zwei Monate und ist vollständig auf Rollenspiele konzentriert. Zwei­wöchentlich hingegen kommt weiterhin Canard PC heraus. Von Jeux Video PC und Virus Gamer Magazine fehlt hingegen jede Spur. Letztes Lebenszeichen von Virus Ga­mer Magazine ist eine MySpace-Seite, die seit Januar 2009 nicht mehr aktualisiert wurde. Insgesamt werden nach Angaben der OJD nur noch 355.355 Spielehefte pro Monat verkauft – die vier Mitbewerber-Ma­gazine ohne Meldung dürften zusammen die 100.000 nur knapp überschreiten.

Multiformat-Marktführer in Frankreich ist das seit 113 Ausgaben erscheinende Jeux Vidéo Magazine. Die monatliche Auflage des Yellow-Media-Titels beträgt knapp 110.000 Hefte, wobei Fans seit Jahren die stär­ker werdende Casual-Ausrichtung be­kla­gen. Der älteste Marktteilnehmer, Joy­stick, bringt es bereits auf 229 Ausgaben, aber nur noch auf 39.907 verkaufte Exem­plare pro Monat. Das Heft liefert sich ein Kopf an Kopf-Rennen mit der französischen Ausgabe von PC Gamer, PC Jeux ge­nannt, die 38.802 verkaufte Einheiten meldet.

Die Online-Spielemagazine sind in Frank­reich eher stiefmütterlich besetzt. Wichtige französische Spiele-Sites sind gamekult.com und playingzone.com, beide publizieren in der Landessprache. Hi-Me­dias jeuxvideo.com bildet mit nur rund 250.000 Besuchern das Schlusslicht der größeren lokalen Websites. International dürfte die bekannteste Magazinmarke das englischsprachige Edelblog Joystiq sein – das nichts mit dem PC-Spieleheft Joystick zu tun hat und von AOL aufgekauft wurde. Joystiq erzielt regelmäßig gute Platzie­rungen bei Google und ist vom Renommee her vergleichbar mit dem amerikanischen Games-Blog Kotaku.com von Gawker Media.

Im Vergleich zum restlichen Europa be­fanden sich die Spielehefte Deutschlands in den letzten Jahren geradezu im freien Fall: minus 35 Prozent im Vergleich zu minus 22 Prozent (UK) und minus 7 Prozent (Frank­reich) von 2006 auf 2008. Von 2008 auf 2009 hat sich die Lage jedoch stabilisiert (alle Angaben von IVW Q4/2009): Dank Neu­gründungen und spezialisierten Zeit­schriften wie den beiden MMO-Magazinen buffed und PC Games MMORE von Com­putec konnte die IVW-geprüfte Ge­samt­auflage wieder knapp über die 1 Mil­lionen-Marke klettern. Dennoch bleibt das Ge­samt­bild im Printbereich alarmierend. Be­sonders die PC-Spielemagazine mussten durch­weg kräftig Federn lassen. Am besten schlug sich Marktführer Computer Bild Spiele mit einem Verlust von nur 4% auf 274.451 Exemplare pro Monat. Die bei Core­­gamern beliebten Zeitschriften Game­Star (IDG) und PC Games (Computec) hatten da schon mehr zu kämpfen: Um 22,5% (38.656 Hefte) beziehungsweise 17,7% (21.663 Hefte) brach die Auflage im letzten Jahr ein. Am schlimmsten traf es die PC Action (Computec), deren bereits schwache Marktposition weiter bröckelte und nur noch 34.439 Hefte hergab – ein Schwund um 38,5% im Vergleich zu 2008. Es fällt zu­dem auf, dass Computec nur noch einen Teil seiner Publikationen in der IVW meldet und ansonsten mit eigenen Angaben aufwartet.

Bei den Konsolenmagazinen ist die Lage vergleichsweise entspannter. 360 Live von Airmotion Games konnte gar um 3.634 verkaufte Exemplare pro Monat (auf 18.710) zulegen. Gleichzeitig musste der Verlag die GamesTM dichtmachen und betreibt nicht einmal deren Website weiter. XBG von Live­Emotion stieg immerhin um 904 verkaufte Hefte pro Monat. Marktführer GamePro (IDG) musste zwar mit Einbußen kämpfen, die waren mit 3,2% und 1.141 Exemplaren jedoch deutlich geringer als bei der PC-Schwester GameStar.

Während es bei Print durchwachsen mit Blick nach unten bleibt, zeigt sich im Inter­net weiter ein klarer Trend nach oben: pcgames.de kam zuletzt laut AGOF auf 740.000 Unique Users (2008: 610.000) und gamestar.de auf 620.000 (2008: 570.000). Auch Netzwerke wie Onlinewelten und Commu­nity-fokus­sierte Seiten wie cynamite.de (Com­putec, 200.000) müssen sich nicht hinter der print­gestützen Konkurrenz verstecken: Durch­schnittlich 500.000 bzw. 200.000 Uni­que Users im Q4 2009 sind für reine Online­ma­gazine nicht zu verachten; spieletipps.de und 4players.de liegen jedoch mit je rund 1 Mil­lion Unique Users pro Mo­nat an der Reich­weiten-Spitze.

Absolut gesehen stellt der deutsche Spiele­­hefte-Markt immer noch eine beachtliche Größe dar; die Spielehefte Computer­bild Spie­­le, GameStar oder PC Games befinden sich noch im sechstelligen Bereich, der für Fach­ma­gazine anderer Branchen längst kei­ne Selbstverständlichkeit ist. Gleichzeitig ha­ben sich die Online-Magazine auf einem ho­hen Reichweitenniveau angesiedelt; nach den USA befinden sich die meisten professionellen – und wohl auch größten – Spiele-Web­si­tes der westlichen Welt auf deutschen Ser­vern.

In Holland und Dänemark werden gerne auch englische und US-Hefte gelesen. Den we­nigen holländischen Magazinen gehen gleich­zeitig die Käufer verloren. Power Un­limited von HUB Uitgevers, das bis vor kurzem noch dem Verlagshaus VNU gehörte, hat 2009 nur noch 38.905 Exemplare verkauft, 2008 waren es laut Verlagsangaben 50.000. Die [N]Gamer wird schon gar nicht mehr beim holländischen Mediadienst HOI gelistet. Der Publisher wirbt mit einer Auf­lage von 15.000 Exemplaren. Die PC Zone von IDG Benelux hat die Segel gestrichen. IDG setzt nun auf die 1999 gegründete Web­site GameZ.nl, die auf rund 280.000 Uni­que Users und 1,8 Millionen Page Im­pressions pro Monat kommt.

In Skandinavien gibt es eine erstaunlich vitale Spieleheft-Kultur. Immer noch setzt das 1992 gegründete finnische Magazin Pelit (laut der finnischen Organisation Levikin­tar­­kastus Oy) 29.721 Exemplare pro Monat ab – eine angesichts der sehr überschaubaren Markt­größe (Finnland hat 5,3 Millionen Einwoh­ner) eine beachtliche Leis­tung. Den Markt do­miniert hingegen nach eigenen Angaben mit rund 71.000 verkauften Exem­plaren Pe­laa­ja vom Verlag H-Town. Dessen PC-Spiele-Spinoff PCpelaaja wurde mittlerweile wieder eingestellt. In Schwe­den war SuperPLAY seit 1993 im Markt und erreichte eine Auflage von bis zu 20.000 Heften. Im August 2009 aber wur­de es vom Fallbeil „Sin­kende Auflage“ guil­lotiniert und ist seitdem nur noch online aktiv.

Der spanische Spieleheftemarkt ist fest in der Hand des Axel Springer Verlags, dem seit 1998 der ehemalige Spezialistenverlag Hob­by Press gehört. Das Konsolenheft Hobby Con­solas bringt es immerhin auf 223 Aus­gaben und eine verbreitete Auflage von 60.570 Heften laut OJD. 27.195 Hefte schafft das PC-Spielemagazin Micromania (181 Ausgaben) aus demselben Hause, und Nintendo Acción (bislang 204 Ausgaben) kommt auf 41.873 Exemplare. Playmania schließlich (130 Aus­gaben) wollen 37.790 Spa­nier pro Monat le­sen. Außerdem will der Axel Springer Verlag auch noch die Pub­likation e-Girl unters Volk bringen – etwa 16.000 Muchachas greifen zu.

In Griechenland haben die Menschen offen­­­­kundig andere Sorgen, als sich per Print­­heft über Spiele zu informieren: Brach­te IDG 2006 in Griechenland noch drei Games-Magazine heraus (GamePro, Com­puter Games und PS2), ist dieses En­gage­ment mittlerweile gestorben: Keines der drei Hefte existiert noch in Printform.

Der größte Zeitschriftenmarkt Südeu­ro­pas ist immer noch der italienische. Wie in England und Frankreich kontrolliert Future das Geschehen. Play Generation kommt als größ­tes Games-Heft auf beachtliche 105.739 verkaufte Exemplare im Monat. Die italienische Fassung des Game Informer (Gamestop) setzt 52.854 Einheiten um.
Von 40 Millionen Polen wollen nicht we­nige regelmäßig über gra komputerowa so­wie gra telewizyjna lesen, in Heften wie Play (Sprin­ger), Click! oder PC Games CD. Markt­führer ist die CD-Action (Bauer), die als einziges Ma­gazin mit 139.946 Einheiten (lt. ZKDP) die 100.000er Grenze überschreitet. Zum Ver­gleich: Play kommt nur noch auf 34.988 Hefte im Monat.

Auch, wenn es sich jeder Leser schon den­ken kann: Der europäische Trend bei den Spie­le­magazinen zeigt weiterhin stetig nach unten – sofern sie auf Papier gedruckt er­schei­nen, statt als Bits und Bytes im In­ternet. Meh­rere Hefte im In- und Ausland wurden in den letzten zwei, drei Jahren beerdigt. Zwar gibt es immer wieder vereinzelte Licht­blicke, und, ge­ra­de in Deutsch­land, auch die eine oder andere Neu­grün­dung im Spe­zial­titel-Bereich (etwa Elek­tro­spieler, dessen 3. Aus­gabe bevorsteht), doch abseits von Nischen wird sich wohl kein Verlag mehr trauen, ein größeres Printpro­dukt für die über­­durch­schnittlich technik- und on­line-affine Ziel­gruppe „Gamer“ zu veröffentlichen.

Die deutschen Print-Spielemagazine ha­ben in den letzten Jahren absolut am meisten Auf­lage eingebüßt, auch relativ gehören die Ver­luste zu den größten. Gleichzeitig hat sich in Deutschland ein sehr vitaler Markt mit On­line-Spielemagazinen entwickelt, wäh­rend in vie­len anderen europäischen Ländern englischsprachige Sites wie IGN eine große Rolle spielen. Der direkte Ver­gleich allerdings zwischen den deutschen Reichweitenmarkt­füh­rern Spiele­tipps.de und 4players (jeweils rund 1 Million Uni­­que Visitors) mit den UK-Dick­schiffen Gamespot und Eurogamer.net (die 4 Millionen Visitors überschreiten) fällt freilich schwer: Die ABCe-Berechnungen stellen eine weniger harte Wäh­rung dar als die Zah­len der deutschen AGOF. (la)