Promi gesucht
Von Beyoncé bis Elton, von Calmund bis Klum: Promis werben seit Jahren für Games und Konsolen. Aber nicht jedes Testimonial erweist sich als Volltreffer
(Aus IGM 04/10)Glaubwürdig sollen sie sein, sympathisch und am besten auch noch pflegeleicht: Wer Testimonials unter Vertrag nimmt, erhofft sich einen positiven Effekt auf die eigene Marke – und bitteschön keine Negativ-Schlagzeilen. Wie Publisher ihre prominenten Fürsprecher auswählen.
Am 19. Februar tritt Tiger Woods in Ponte Vedra Beach/Florida vor die Fernsehkameras. Woods verliest ein Statement, in dem er sich für seine außerehelichen Affären öffentlich entschuldigt. „Ich habe Schande über mich gebracht“, sagt der 34-Jährige, „und habe alle enttäuscht“. Drei Monate ist es da her, seit Woods sich vom Golfsport zurückgezogen hat. Die Medien berichten ausufernd über die Untreue des Spitzensportlers, sein Ansehen ist arg ramponiert. Auch finanziell erweisen sich die Seitensprünge für Woods als durchaus schmerzhaft: Große Sponsoren wie AT&T, Accenture und PepsiCo beenden die Zusammenarbeit, Tag Heuer und Gillette setzen ihre Kampagnen aus. In einer Stellungnahme der Unternehmensberatung Accenture heißt es: „Nachdem wir die Ereignisse der vergangenen beiden Wochen sorgfältig betrachtet und analysiert haben, ist die Firma überzeugt, dass er nicht länger die geeignete Werbefigur für uns ist. Accenture wünscht Tiger Woods und seiner Familie nur das Beste.“
Es gibt aber auch Firmen, die trotz des Sex-Skandals weiter mit Woods werben. Neben Nike hat sich auch Electronic Arts zu dem reuigen Star bekannt. Bereits seit 1998 dient der Profi dem Publisher als Aushängeschild für dessen Golf-Simulation Tiger Woods PGA Tour. Dem Marktforschungsunternehmen NPD Group zufolge hat EA mit der Serie bis Mitte 2009 rund 500 Millionen US-Dollar umgesetzt. Man werde auch künftig mit Tiger Woods zusammenarbeiten, schrieb EA-Sports-Präsident Peter Moore bereits Anfang Januar 2010 in seinem Blog: „Tiger Woods hat selbst zugegeben, außerhalb des Golfplatzes einige Fehler gemacht zu haben. Doch egal, was in seinem Privatleben passiert und unabhängig von seiner Entscheidung, eine Auszeit vom Sport zu nehmen, ist Tiger Woods noch immer einer der größten Athleten der Geschichte.“ Wie geplant startete denn auch am 21. Januar die offene Betaphase für das Browser-Spiel Tiger Woods PGA Tour Online. Business as usual?
„Die Frage, ob ein Unternehmen Tiger Woods als Werbeträger behalten sollte, ist schlussendlich eine Risikoabwägung“, sagt Thomas Knieper, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der TU Braunschweig. „Der Sponsor kann sehr viel verlieren, wenn Woods rückfällig wird, und sehr viel gewinnen, wenn Woods seine Fans versöhnt und ein sportliches Comeback schafft. Dann nämlich erhält das Unternehmen sogar noch den Bonus der Loyalität, des Visionären.“ Mit dem tiefen Fall des einstigen Saubermannes ist eine völlig neue Situation entstanden, die es zu bewältigen gilt. Genau solche Situationen versuchen Unternehmen zu vermeiden, indem sie bei der Verpflichtung von Prominenten besonders umsichtig vorgehen.
Vor dem eigentlichen Auswahlprozess steht aber erst einmal die grundlegende Frage, ob der Einsatz von Promi-Werbung überhaupt in Frage kommt. „Als Faustregel gilt: Testimonials sind sinnvoll in gesättigten Märkten, in denen es über die Produkte kaum Differenzierungen gibt“, so Knieper. „In solchen Märkten lässt sich zusätzliche Aufmerksamkeit über Promi-Werbung generieren. Außerdem können Testimonials zur Emotionalisierung der Marke beitragen und ihr positives Image auf die Marke transferieren.“ Hat sich das Unternehmen erst einmal für den Testimonial-Einsatz entschieden, wird im nächsten Schritt eine Longlist mit Prominenten erstellt, auf deren Basis dann wiederum ein Auswahlprozess erfolgt. TNS Infratest hat in einer Untersuchung die fünf wichtigsten Auswahlkriterien für Testimonials identifiziert: Image, Glaubwürdigkeit, Zielgruppenaffinität, Sympathie und Bekanntheit. Auf den Plätzen sechs bis zehn folgen die Kriterien Vertrauenswürdigkeit, mediale Präsenz, Affinität zum Produkt, beruflicher Erfolg und Berufssparte. Wo aber setzen die deutschen Publisher ihre Schwerpunkte?
Ein prominentes Gesicht, das man seit Jahren mit Games verbindet, ist der TV-Komiker und Moderator Elton. Bereits 2005 sagte Elton in einem Interview mit stern.de, er verbringe „fast jede freie Minute“ mit Videospielen. Für den Privatsender ProSieben und dessen Tochter SevenOne Intermedia war der Schauspieler mehrfach auf der Games Convention und im vergangenen Jahr auch auf der GamesCom unterwegs. Er spielt dort – wie auch schon als Sidekick von Stefan Raab – die Rolle des listigen Gute-Laune-Bären. Nicht nur als Sidekick von Stefan Raab genießt der mittlerweile 38-Jährige große Sympathien bei der jugendlichen Zielgruppe. Auch die von Brainpool produzierte Comedy-Sendung Elton vs. Simon konnte bei ProSieben-Zuschauern punkten: Über drei Staffeln hinweg traten Elton und sein Schauspielkollege Simon Gosejohann in absurden Wettkämpfen gegeneinander an, die dritte Staffel lief als Show und wurde von Johanna Klum moderiert.
Dass Nintendo mit seiner Werbung für Wii Sports Resort auf das bewährte Trio zurückgreift, darf als gelungener Schachzug gelten. Mehrere TV-Spots seit der Vorweihnachtszeit zeigen Elton, Simon und Johanna beim Paddeln, Tischtennis und Schwertkampf. Diese Spots dürften beim Zielpublikum besser ankommen als die TV-Werbung mit – in Deutschland weitgehend unbekannten – europäischen Nachwuchssportlern, die Nintendo zum Launch von Wii Sports Resort im Sommer 2009 geschaltet hatte. Mit dem ProSieben-Trio gelingt es Nintendo hingegen hervorragend, die intendierte Botschaft zu transportieren: Beim gemeinsamen Spiel an der Wii gibt es keine Verlierer, sondern mehr Spielspaß für alle.
Ein weniger naheliegendes Testimonial-Duo hatte Nintendo für die DSi-Werbespots verpflichtet, die ab August 2009 im Fernsehen liefen. Die Schauspieler Christian Ulmen und Moritz Bleibtreu waren zwar 2006 in einem gemeinsamen Film aufgetreten: Elementarteilchen. Allerdings war das Drama um zwei ungleiche Brüder so gar nicht das, was sich der DSi-Nutzer überlicherweise im Kino anschaut. Christian Ulmen ist auch sonst nicht gerade für familienkompatible Auftritte bekannt, sondern vor allem für seine wechselnden Rollen als nervensägender Borderline-Komödiant (Mein neuer Freund, ulmen.tv). Eine dieser Rollen ist der Arbeitslose Uwe Wöllner, der so ziemlich alle Klischees vom computerspielenden Soziopathen verkörpert.
Dennoch ließ Nintendo Ulmen gemeinsam mit Bleibtreu auftreten. „Christian Ulmen und Moritz Bleibtreu genießen große Sympathie und Glaubwürdigkeit bei allen Zielgruppen, die wir ansprechen wollen: bei Kindern und Jugendlichen ebenso wie bei Erwachsenen, bei traditionellen Videospielern wie Neueinsteigern und Gelegenheitsspielern“, sagt Silja Gülicher, Senior Assistant Manager PR bei Nintendo. Tatsächlich funktionierten die Spots erstaunlich gut: Ulmen und Bleibtreu als Freunde, die auf dem Sofa herumlümmeln und einander mit dem DSi Streiche spielen, wobei der „clevere“ Ulmen meist die Nase vorne hat. „Unsere wichtigsten Kriterien sind Authentizität und Identifikation“, so Gülicher.
Auch im Kommunikationskonzept von Sony Computer Entertainment Deutschland spielen Prominente eine wichtige Rolle. „Bei der Wahl unserer PR-Testimonials achten wir sehr darauf, dass sie eine Affinität zum Gaming an sich und zu PlayStation als Marke im Speziellen haben“, sagt Guido Alt, Senior PR Manager bei SCED. „Da es sich um PR-Kooperationen handelt, sind es natürlich in der Regel Software-bezogene Aktionen. Das bedeutet, dass auch hier im Besonderen die Affinität zum jeweiligen Titel vorliegen sollte.“ Für ganz wichtig hält Guido Alt, dass „die Gesichter nicht austauschbar sind. Sollten die Personen heute für uns stehen, morgen für Hundefutter und übermorgen für Deo-Roller, leidet die Glaubwürdigkeit darunter. Und zwar sowohl der Marke als auch der Testimonials.“
Derzeit hat Sony zwar keine Kooperationen mit Celebs, ist aber zu wichtigen Branchen-Anlässen stets mit Promis präsent. Auf der GamesCom brachte das Unternehmen eine ganze Reihe von Testimonials an den Start: Hollywood-Schauspieler Ralf Möller (Gladiator) fungierte als Juror beim Finale der Parkour-Serie PlayStation the way, die Komiker Erkan & Stefan kürten den Sieger des SingStar-Wettbewerbs, und DFB-Starkoch Holger Stromberg trat zusammen mit dem Fußballexperten Reiner Calmund auf: Beim Showkochen für die Finalisten der Playstation Liga erklärten Calmund/Stromberg den Messebesuchern, wie man sich gesund ernährt. Einen ähnlich hohen Testimonial-Aufwand wie Sony betrieb auf der GamesCom eigentlich nur noch Activision – unter anderem mit Skateboard-Legende Tony Hawk und den Musikern Kool Savas, Thomas D. und Smudo.
Bei Electronic Arts sind es vor allem die EA Sports-Titel, die sich für Testimonials eignen. Neben der ganz auf Tiger Woods zugeschnittenen Golf-Serie sucht sich der Publisher jährlich neue Athleten für seine diversen Sport-Spiele: Im vergangenen Jahr waren das unter anderem Dwight Howard (NBA Live 10), Patrick Kane (NHL 10) sowie Mohammed Ali und Mike Tyson (Fight Night Round 4). Bei der populären Fifa-Serie präsentiert EA Sports neben einem internationalen Testimonial je nach Erscheinungsland auch nationale Stars auf dem Cover: Bastian Schweinsteiger in Deutschland, Andreas Ivanschitz in Österreich oder Tranquillo Barnetta in der Schweiz. „Eine hohe Glaubwürdigkeit des Testimonials bei den verschiedenen Zielgruppen ist dabei Grundvoraussetzung“, sagt Ralf Anheier, PR Manager bei EA. „Die integrierte Nutzung und Verfügbarkeit des Testimonials für PR- und Marketingaktivitäten ist in manchen Fällen sogar wichtiger als der sportliche Erfolg – welcher aber selbstverständlich nicht außer Acht gelassen wird.“
Natürlich wird bei den Fifa-Fans darüber debattiert, ob nun ein Schweinsteiger aufs Cover gehört oder doch eher ein Mario Gomez. Schwieriger gestaltet sich die Wahl des passenden Testimonials aber beim EA Fußball Manager. „Trainer werden schnell zum Sympathieträger, aber auch zum Sündenbock“, sagt Anheier, „deshalb spielt bei der Auswahl des Testimonals neben sportlichen Aspekten auch oft die Frage der generellen Persönlichkeit eine Rolle.“ Dass sich EA Sports beim Fußball Manager 10 für Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick entschieden hat, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt nachvollziehbar. Rangnick gilt vielen Fußball-Fans als ehrgeizig bis zur Verbissenheit, seit seinem Taktiktafel-Auftritt im Aktuellen Sportstudio 1998 hat er den zweifelhaften Ruf eines „Fußballprofessors“. Aus Sicht des Publishers ist es aber genau dieser Sachverstand – gepaart mit hervorragender Arbeit in der Talentsuche und -Förderung – der Ralf Rangnick zum bestmöglichen Testimonial für die Trainersimulation macht.
Bei aller Begeisterung über Testimonials hat der Promi-Einsatz quantitative Grenzen – in der Games-Branche ähnlich wie in anderen Wirtschaftszweigen. Der branchenübergreifend fast schon inflationäre Einsatz von Testimonials hinterlässt bereits Spuren in der öffentlichen Wahrnehmung: Aufmerksamkeits- und Erinnerungswerte von prominenten Markenbotschaftern nehmen ab. Einen Beleg dafür bietet der Horizont-Kommunikationstrend von 2008: Zwar fällt 41 Prozent der Befragten Promi-Werbung mehr auf als normale Werbung; und bei 36 Prozent bleiben die Werbebotschaften mit prominentem Absender besser im Gedächtnis haften. Die Werte liegen aber deutlich unter denen von 2006: Damals waren es 47 beziehungsweise 42 Prozent. Ins Bild fügt sich der Rückgang an Glaubwürdigkeit von Werbebotschaften prominenten Absenders: Lediglich 15 Prozent (2007: 18 Prozent) überzeugt Reklame mit Stars und Sternchen. Durch den verstärkten Promi-Einsatz versickert der eigentliche Bonus, sagt Imas-Marktforscher Niels Wettemann: „Promi-Werbung verliert dadurch das Besondere. Sie wird alltäglich.“ Umfassende Studien zur Promi-Akzeptanz in der Games-Werbung stehen noch aus. In der Zielgruppe der Casual-Gamer dürfte die Akzeptanz höher liegen als bei Hardcore-Gamern, die sich stärker über andere Quellen informieren. In den Foren der Games-Magazine stößt Testimonial-Werbung fast durchweg auf Ablehnung.
Ein User schreibt im Forum von PC Action: „Ich lasse mich lieber von Spielezeitschriften und Webseiten auf gute Spiele hinweisen. Wenn ich zufällig einen Werbespot zu einem Spiel sehe, erinnert er mich vielleicht an ein Spiel, auf das ich schon vorher aufmerksam wurde. Ich lasse mich höchstens von einem gut gemachten Spot unterhalten, aber das kommt dank der meist langweiligen Spots eher selten vor. Außerdem ist es für meine Kaufentscheidung irrelevant, welcher A-, B- oder C-Promi welches Spiel spielt oder nicht. Ich habe meinen eigenen Spielegeschmack und danach fälle ich meine Kaufentscheidungen.“ Ein anderer Foren-Nutzer ergänzt: „Wie hier schon erwähnt, sind für viele Gamer Spielszenen am gefragtesten. Man will sehen, was man bekommen könnte. Wenn da unbedingt Stars dabei sein müssen, dann sollten die zum Spiel passen oder gar verkörpert werden. So könnte Chow Yun Fat für Stranglehold werben, Sam Worthington für die Avatar-Versoftung, und so weiter. Aber die echten Spielecharaktere sind hier eindeutig die Stars, die Zocker sehen wollen, ob es nun Nico Bellic, Altair, Sam Serious Stone oder sonst wer ist.“
Eine gesunde Skepsis gegenüber der Wir- kung von Testimonials dürfte in jedem Fall nicht verkehrt sein. Zumindest in den USA wird der Trend zur Promi-Werbung aber eher noch stärker: Immer häufiger setzen die großen Publisher dort auf geballte Star-Power. Jesse Divnich von Marktforschungsinstitut EEDAR ist fest davon überzeugt, dass Testimonial-Werbung größeren Einfluss auf die Verkaufszahlen hat als beispielsweise Rezensionen: „Der Einsatz von Prominenten in einer Massenmarkt-Medienkampagne ist sicher einer der effektivsten Wege, wenn man einen Must-own-Titel etablieren möchte“, sagt Divnich. „Der Krieg zwischen Guitar Hero und Rock Band ist dafür das perfekte Beispiel: Guitar Hero hat es letztendlich mit Hilfe von Testimonials und Werbung geschafft, Massenmarkt-Akzeptanz zu erlangen – und das, obwohl in den Rezensionen deutlich wurde, dass Rock Band das bessere Produkt ist.“ Auch wenn man darüber geteilter Meinung sein kann, ist der Aufwand von Guitar-Hero-Publisher Activision in jedem Fall imposant: Für seine Werbespots durfte Hollywood-Regisseur Bret Rattner (X-Men 3) zahlreiche Top-Stars einspannen: In einem der Clips rocken die Sportler Kobe Bryant, Alex Rodriguez, Tony Hawk und Michael Phelps – bekleidet mit weißen Boxershorts und rosa Hemden – durch ein Wohnzimmer, nur um schließlich auf der Couch-Garnitur weiter zu zappeln. Weitere Spots zeigten Heidi Klum als notdürftig bekleidete Rockröhre oder auch eine fidele Rentnerband, die sich mit den Musikern von Metallica anlegt. Vergleichbare Prominenz fuhr Nintendo für die US-Version seines Spiels Rhythm Paradise auf: Niemand geringerer als die R&B-Sängerin Beyoncé Knowles vergnügte sich in Werbespots mit dem Musikspiel, das Making-of-Video gab es gleich noch dazu.
Einen massiven Testimonial-Einsatz werden wir erleben, wenn Ende des Jahres die Gestensteuerung Natal auf den Markt kommt. Wie das Branchenblatt MCV berichtet, setzt Microsoft in seinem Werbefeldzug stark auf prominente Unterstützung. Im Fokus der US-Kampagne stehen Frauenmagazine wie Glamour und Vogue, Lifestyle-Magazine wie Cosmopolitan, Eltern-Zeitschriften und Publikationen, die sich primär an Nicht-Gamer wenden. Damit nimmt Microsoft exakt die Zielgruppe ins Visier, die Nintendo in den letzten Jahren für seine Wii beackert hat. Im Netz wird bereits eifrig spekuliert, welche Promis Microsoft künftig vor der Natal-Kamera herumhampeln lässt. Die nötige Familientauglichkeit spricht eher für Oprah Winfrey als für Lady Gaga. (Feh)




