Auf in die dritte Dimension!

3D-Filme wie „Avatar“ sind an den Kinokassen äußerst erfolgreich. Auch die
Games-Branche möchte von dem Trend profitieren. Was Experten sagen – und was die Firmen planen

(Aus IGM 06/10) Die 3D-Welle hat das Kino mit voller Wucht erfasst. James Camerons Science-Fic­tion-Märchen Avatar spielte bislang mehr als 2,7 Milliarden US-Dollar ein und ist damit der erfolgreichste Film aller Zeiten. Tim Bur­tons Alice im Wunderland, gerade mal am 5. März gestartet, hat jetzt schon knapp 900 Mil­lionen Dollar in die Kassen gespült. Ange­sichts solcher Erfolge setzen immer mehr Film­studios auf 3D: In den kommenden Mo­naten werden unter anderem Toystory 3D, Für immer Shrek, Resident Evil: Afterlife so­wie Harry Potter und die Heiligtümer des To­des zu sehen sein. Wenn 3D im Kino so erfolgreich ist – warum sollte das dann nicht auch bei Videospielen klappen?

Jon Landau jedenfalls ist überzeugt, dass das „3D-Gaming-Potenzial größer ist als das Potenzial von 3D-Filmen“. Der Mann ist nicht irgendwer, immerhin hat er Avatar produziert. Auf dem 3D Gaming Summit, der vorletzte Wo­che in Los Angeles stattfand, war Landau Stargast und keynote speaker. Kongress-Ini­tiator Bob Dowling wird sich besonders über die Worte des Hollywood-Schwergewichts ge­freut haben. Wenn Dowling selbst über Stereo­skopie spricht, klingt das euphorisch: „3D ist eine neue Spielwiese, auf der Entwickler ihr Talent zeigen können. Es ist ein enorm fruchtbarer Boden mit Möglichkeiten, die wir kaum erahnen können. Es ist der Katalysator für eine neue Welle der Kreativität.“

John Gaudiosi, Analyst und Consulant bei 3D Gaming Summit, sieht das Ganze etwas nüchterner: „Die meisten Experten, mit denen ich gesprochen habe – Hollywood-Kreative und Spiele-Entwickler – waren sich einig, dass 3D mit den unhandlichen Brillen Schluss ma­chen muss, wenn sie die 3D-Erfahrung wirklich in die Eigenheime bringen wollen.“ Auch der einflussreiche Analyst Michael Pachter von Wedbush Morgan Securities steht der 3D-Begeisterung kritisch gegenüber. „Es wird ein paar Jahre dauern, bis 3D-Displays weit verbreitet sind. Das Hindernis, eine Brille tragen zu müssen, wird die Verbreitung einschränken.” Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind die für den Durchschnittskonsumenten bislang kaum erschwinglichen Hardware-Preise. Auf dem 3D Gaming Summit wurde denn auch viel über mögliche Entwicklungen spekuliert, Greifbares gab es aber kaum. Große Erwar­tungen liegen allerdings auf den 3D-Aktivi­täten der Branchenriesen Sony und Nintendo. „Wir glauben, dass stereoskopisches 3D die größte Revolution werden könnte, die der Vi­deo­spielbereich auf lange Zeit erlebt“, sagt Si­mon Benson, der das Stereoscopic 3D Team von SCE leitet. „3D-Gaming ist sehr wichtig für uns, wir sehen es als bedeutende Lang­zeit­strategie.“

Sony startet seine 3D-Offensive schon in die­sem Sommer – mit Fernsehgeräten, Blu-ray-Playern, Filmen und Games. Die PS3 hat im April bereits ein Firmware-Update erhalten, das die Konsole 3D-fähig macht. Pünkt­lich zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafri­ka werden dann die ersten 3D-fähigen Bravia-Monitore (HX805) erhältlich sein. Das 40-Zoll-Modell kostet rund 2200 Euro, dazu kommt noch eine Shutterbrille für rund 100 Euro. Das Shutter-Prinzip funktioniert folgendermaßen: Räumliche Tiefenwirkung entsteht, wenn das Gehirn die Teilbilder beider Au­gen zusammensetzt. Der Monitor erzeugt also in schneller Abfolge Teilbilder, synchron dazu werden die beiden Brillengläser abwechselnd durch Flüssigkristalle abgedunkelt, und es entsteht die Illusion von Dreidimen­sio­na­lität.

Den Appetit auf die Hardware wird Sony mit einem Spielepaket anregen, das Käufer ei­nes Bravia kostenlos über das PlayStation Net­work herunterladen können. In dem Paket wer­den die Titel Wipeout HD, MotorStorm: Pacific Rift, PAIN und Super Stardust HD enthalten sein. Ein Wermutstropfen: Die Darstel­l­ung der Spiele ist auf eine Auflösung von ma­xi­mal 720p beschränkt, um eine konstante Bild­rate zu ermöglichen. Bei MotorStorm: Pa­cific Rift wird die Auflösung nach Medien­be­richten sogar unterhalb von HD liegen, damit die PS3 mit der Bildberechnung nachkommt. Fairerweise muss dazugesagt werden, dass die vier genannten Spiele nachträglich angepasst wurden. Künftige Titel, die eigens für 3D produziert werden, dürften mit der Ressourcen­nut­zung besser zurechtkommen. Auf der Ga­me Developers Conference im März wurden unter anderem MLB 10: The Show und Gran Turismo 5 gezeigt. Wie das Magazin CVG er­fah­ren haben will, ist für den Shooter Killzone 3 ebenfalls ein 3D-Modus geplant.

Sony-Konkurrent Microsoft hält sich beim Thema 3D derweil noch zurück. „Wir sind mo­mentan noch etwas unsicher, welche Art von 3D-Erfahrung sich der Kunde in seinem Wohnzimmer wünscht“, so Aaron Green­berg, Produktmanager für die Xbox 360, ge­gen­über CVG. „In ferner Zukunft, wenn das gan­ze 3D-Thema massentauglich wird, werden wir es uneingeschränkt unterstützen. Wir unterstützen es aber auch schon heute. Wenn Entwickler mehr 3D-Spiele produzieren wollen, können sie das tun.“ Im Hinblick auf die Xbox 360 sagt Greenberg: „Aus technischer Sicht sind wir vollkommen 3D-tauglich. Es sind aktuell schon 3D-Spiele erhältlich.“ Als Bei­spiele nennt der Microsoft-Mann das XBLA-Spiel Scrap Metal und die Filmversoft­ung Avatar – The Game. Bis Microsoft eine spezielle „3D-Xbox“ auf den Markt bringt, dürfte es in jedem Fall noch ein Weilchen dauern. Mit Blick auf Natal liegt es durchaus im Interesse des Konzerns, das Thema 3D in Reichweite zu halten.

Für maximale Aufmerksamkeit bei Fach­me­dien und Bloggern hat die Firma Nintendo Mitte März mit der Ankündigung einer 3D-fähigen Mobilkonsole gesorgt. Nintendo-Chef Reggie Fils-Aime sagte gegenüber Business Week: „Wir haben bestimmte Ideen, was wir dem Kunden anbieten wollen, aber mit dem aktuellen DS-Modell leider nicht bewerkstelligen können. Der Nintendo 3DS ist unsere nächs­te Handheld-Plattform.“ Das Gerät soll schon im Oktober 2010 auf den Markt kommen – damit würde es im Weihnachtsgeschäft gegen Konkurrenten wie Natal und Move an­treten. Die eigentliche Nachricht ist aber, dass die Konsole 3D ohne Spezialbrille darstellen kann. Das klingt verblüffend, wenn man be­denkt, dass selbst neueste 3D-Fernseher wie der Bravia mit Shutterbrillen ausgeliefert werden. Tech-Blogs mutmaßen eifrig, wie 3D auf dem kommenden Nintendo-Gerät funktionieren wird. Gizmodo.com vermutet die Lösung im so genannten Head Tracking: Die Kamera des 3DS erfasst die Position der Augen und richtet die Darstellung auf dem Display entsprechend dem Betrachtungswinkel aus. Das funktioniert natürlich nur mit einem einzelnen Betrachter – wer dem Spieler über die Schul­ter schaut, sieht auf dem Display nur Sche­men. Sehr beeindruckend hat das Head Tracking übrigens der US-Physikstudent Johnny Chung Lee auf Youtube vorgeführt – mit einem ausgebauten Wii-Sensor, den er an seinem Kopf befestigte.

Über Ausstattung und Spiele für den 3DS wird derzeit ebenfalls noch heftig spekuliert. Offenbar wird Nintendo eine komplette Ab­wärts-Kompatibilität zu älteren DS-Titeln ga­rantieren, was die Marktchancen beträchtlich erhöhen dürfte. Details möchte Nintendo aber erst auf der E3 Mitte Juni verraten – dann sollen auch erste Testexemplare zur Verfügung ste­hen. Beim Thema 3DS zeigt sich auch der sonst 3D-kritische Michael Pachter optimistisch. Nintendo werde das erste 3D-Gerät für den Massenmarkt produzieren, so der Analyst. Auch könne man davon ausgehen, dass der Publisher „eine Tonne Games“ bereitstellt. Soll­te der 3DS ein Erfolg werden, könnten Fir­men wie Apple nachziehen, glaubt Pachter. Denkbar sei ein iPad mit 3D-Funktion.

Während die Konsolen gerade erst 3D lernen, ist Stereoskopie in PC-Spielen kein wirklich neues Thema. Schon 1987 veröffentlichte die Firma Square den Konsolentitel 3-D World­Runner, bei dem es diverse Hindernisse hüpfend und schießend zu überwinden galt. Dem Spiel lag eine Rot-Grün-Brille aus Leicht­karton bei. Solche Anaglyphenbrillen kamen bereits im 3D-Kino der fünfziger Jahre zum Einsatz. In den Neunzigern schlief der Möchtegern-Trend zu 3D-Games aber schnell wieder ein – was wohl nicht zuletzt am hohen Kopfschmerzpotenzial der Pappbrillen lag. Auch Polfilterbrillen, wie man sie aus dem 3D-Kino kennt, konnten sich am PC nicht durchsetzen.

Schon etwas besser spielte es sich am PC mit den bereits erwähnten LCD-Shutterbrillen, die Ende der neunziger Jahre in die Läden kamen. Allerdings benötigen sie eine passende Grafik­karte und einen Monitor mit mindestens 120 Hz, weil die Berechnung der 3D-Bilder die Fra­merate halbiert. Für den Mainstream war die Hardware lange viel zu teuer und auch technisch nicht ausgereift. Mittlerweile hat Nvidia mit der 3D Vision eine überzeugende und vergleichsweise preisgünstige Shutterbrille entwickelt: Die automatische 3D-Anpassung funktioniert bei hunderten von herkömmlichen Spieletiteln, einige neuere Games wie Batman: Arkham Asylum, Just Cause 2 und Metro 2033 sind bereits für die dreidimensionale Darstellung optimiert.

Der Markterfolg von 3D-Spielen wird stark davon abhängen, ob die Kunden den spielerischen Mehrwert erkennen können. Natürlich profitieren besonders Rennspiele von der Tech­nologie, weil in ihnen die räumliche Orientierung eine wichtige Rolle spielt. Die gesteigerte Immersion stellt die Entwickler von 3D-Spielen jedoch vor neue Herausforde­rung­en. Beispielsweise laufen sie Gefahr, angesichts der Prachtgrafik die Handlung zu vernachlässigen: Man denke nur an Avatar – The Game, das zwar einen 3D-Modus besitzt, aber handlungsmäßig erstaunlich flach daherkommt. „3D wirkt häufig wie eine Spielerei, weil es zwar attraktiv ist, aber keine konkreten Auswirkungen auf das Spiel selbst hat“, schreibt Levi Buchanan vom Games-Maga­zin IGN über die ersten 3D-Games. Auch Ka­me­raführung, Bildkomposition und Schnitt sind bei 3D-Spielen von größerer Bedeutung als bei ihren 2D-Pendants. Zum Beispiel wird die Punkteanzeige üblicherweise im Bildvor­dergrund eingeblendet, was aber in 3D-Games dazu führt, dass der Spieler häufig neu fokussieren muss.

Aus den genannten Gründen stehen viele Ent­wickler der 3D-Technologie noch skeptisch gegenüber. Nicht so die Firma Blitz Ga­mes Studios aus Warwickshire/England: Sie zählt zu den Pionieren der 3D-Konsolenspiele. Ver­gangenes Jahr stellte Blitz Games auf der GDC Europe in Köln Invincible Tiger: The Le­gend of Han Tao vor: Der Kung-Fu-Sides­crol­ler war das erste 3D-Spiel für Xbox 360 und PS3; Blitz Games veröffentlichte es über XBLA und PSN. „Mit Invincible Tiger haben wir ge­zeigt, was in der aktuellen Konsolen-Genera­tion möglich ist“, sagt CTO Andrew Oliver. „Bei der Ent­wicklung hatten wir aber mit einer gan­zen Reihe von Problemen zu kämpfen.“ Display-Hersteller wie Hyundai, Mitsubishi, iZ3D, Zal­mon oder JVC benutzten damals noch unterschiedliche Schnittstellen. „Zum Glück ist der Format-Krieg vorbei“, so Oliver. „Die 3D-Fern­­­seher, die jetzt in die Läden kommen, be­nutzen ein einheitliches Format, mit dem sich Spiele einfach und mit besserer Grafik entwickeln lassen.“ Der Standard HDMI 1.4 erlaubt die einheitliche Übertra­gung von Grafikdaten aus PS3 und Xbox 360 auf die Bildschirme.

Als langjähriger „3D-Prediger“ ist Oliver na­türlich über jeden Schritt dankbar, den Fir­men wie Sony oder Nintendo in Richtung Ste­reo­skopie unternehmen. Große Hoffnungen setzt der Brite nicht nur in den angekündigten 3DS und die 3D-Offensive auf der PlayStation, sondern auch in Tracking-Technologien wie Natal und das PlayStation Eye. „Das wird Ob­jekte ermöglichen, um die man herumlaufen und die man aus verschiedenen Richtungen be­trachten kann“, prophezeit Oliver. Bei aller persönlichen Begeisterung bleibt er aber vorsichtig, was die Consumer-Akzeptanz betrifft. Das Thema 3D-Gaming habe nach wie vor ein Kommunikationsproblem: „Es ist schwierig, 3D in 2D-Medien wie etwa Zeitschriften abzubilden. Zeigt man den Leuten das Spiel persönlich, sind sie begeistert von der Qualität. Aber wir haben nichts, was wir auf Papier brin­gen können, um diese Erfahrung nachzustellen. Das macht es für uns noch schwerer, die Vorbehalte der Menschen gegenüber 3D zu beseitigen.“

In Deutschland setzt die Firma Crytek verstärkt auf 3D. Man nehme das Thema sehr ernst, sagt Carl Jones, verantwortlich für das Cry­Engine-Geschäft, gegenüber dem Magazin develop. Gerade bei First-Person Shootern „ver­ändert Tiefenwahrnehmung die gesamte Spielerfahrung und kann den Spielspaß enorm steigern“, so Jones. „Ich denke, die Leu­te wachen langsam auf und sehen, dass 3D wirklich auf dem Weg ist. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Entwickler von dieser neuen Technologie profitieren.“ Mit der Cry­Engine sei stereoskopisches 3D in Echtzeit problemlos möglich, betont Jones. Ob es Crysis 2 in einer 3D-Version geben wird, möchte er aus nachvollziehbaren Gründen noch nicht verraten. Lassen wir uns überraschen, was die schöne neue 3D-Welt so alles bereithält. (feh)