Donnerstags um 20:15

(Editorial 07/10) Wenn es schon die hiesigen Verbände, Vereine und Verlagshäuser nicht schaffen, der Branche durch krude anmutende Verleihungszeremonien zu einem gewissen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung zu verhelfen, müssen eben einzelne Pub­lisher herhalten. Hohn und Spott haben wir dank des „Deutschen Computer­spiel­preises“ in den letzten Wochen auch schon zur Genüge geerntet.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Doch die erhoffte stolze Brust der Games­industrie, die gerne damit angibt, die Videobranche finanziell abgehängt zu haben, mutierte wieder einmal zu einer Hühnerbrust. Was wohl in der Berliner Fäden­zieherzentrale nach dem entwaffnenden – und hoffentlich allseits bekannten – Arti­kel in der WELT los gewesen ist? Eintracht signalisieren, wo doch Konfusion herrscht? Kommunikationsstrategien abstimmen, wo doch kein Konsens besteht? Den Verdacht, die Politik hätte Einfluss auf die Nominierungen genommen, vehement von sich zu weisen, wo doch jedem klar sein sollte, wie der Hase gelaufen ist? Was tun?

Der BIU hat die einzig richtige Entscheidung getroffen und einfach Gras über die ganze Sache wachsen lassen. Nix sagen, da kein Gesprächsbedarf. Für das nächste Winnenden hatte man bereits etwas Vorgefertigtes in der Schublade, aber wenn die WELT nachbohrt, dann streckt man eben die Waffen. Plan B gab es einfach nicht.

Schachmatt. Chance vertan. Mal wieder. Eine gesamte Branche hat sich der Lächer­lichkeit preisgegeben. Wer sich derart fremdgeleitet in der Öffentlichkeit präsentiert, muss sich selbst hinterfragen.

Kürzlich wurde auf Stern TV wieder einmal das Thema „Computerspielsucht“ plattgetreten. Das übliche „Ich muss in die Flasche pinkeln, weil ich nicht vom Spiel loskomme“. Wieder kein Branchenvertreter da, wieder keine zweite Meinung. Ja, ja, ich weiß: Ihr wusstet davon nichts und wart auch nicht eingeladen. Gäääähn.
Zurück zum Einleitungssatz und damit zu Erfreulichem wie gleichfalls Pri­vatem, oder anders ausgedrückt: Was treiben Sie eigentlich donnerstags um 20:15 Uhr?
Bei mir zu Hause wird donnerstags interfamiliär gezankt. Schuld daran ist Heidi (mit Nachnamen Klum). Donnerstags kommt „Germany’s Next Topmodel“. Für die 3sat-Enthusiasten unter uns: Hierbei handelt es sich um eine Castingshow, in der zahlreiche weibliche Modelle (allesamt mit acht Meter langen Beinen, kaum Busen und einem Kampfgewicht von unter 40 Kilo gesegnet) rumzicken. Die Gewinnerin kommt auf das Cover der Cosmopolitan und hat finanziell ausgesorgt.

Will Mann eigentlich nicht sehen. Schon gar nicht, wenn parallel „Akte X – Der Film“ oder „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ kommt. Nun, ein Mann gegen zwei Frauen: No Chance. Kurzum: Wir beäugten in trauter Dreisamkeit, welches der acht Meter langen Beine sich wohl als erstes verknotet.

Was dann kam, war allerdings bemerkenswert: In der Show ging es um Mimik, Gestik und Körpersprache; es ging um Emotionen und richtig gute Stimmung; es ging um SingStar – um unsere Branche! Ich war atemlos.

Verstehen Sie mich nicht falsch, aber unsere Branche um 20:15 in einer Main­stream-Sendung auf PRO 7 vor Millionenpublikum? Zur Primetime? Das war mir neu. Sicher, die Gamesbranche ist TV-erprobt. Ich kannte sie allerdings nur aus GIGA TV, bei dem man als Zuschauer noch persönlich mit Händedruck begrüßt wurde.

So sahen also Millionen Menschen, dass der Marketingleiter von SCED (in seiner Funktion als Jurymitglied) komplett unbewaffnet daherkam und ein ganz normaler Mensch ist, der hinter seinem Produkt steht und es entsprechend vermarktet.
Sicher: Es ging nicht um Killzone, sondern um SingStar. Dennoch sehe ich in der Sony’schen Aktion einen absoluten Mehrwert für die Gesamtbranche. Gesicht zeigen. Produkt zeigen. Flagge zeigen. Und zwar da, wo die Massen sind.
SingStar bei „Germany’s Next Topmodel“ ist ein schöner Anfang.

Nun seid ehrlich zu euch selbst, geht step zwei, zeigt, verleiht und prämiert auch euer für Jugendliche und Erwachsene geeichtes Produkt. Diskutiert. Stellt euch Kontroversen. Seit einfach präsent. Am besten zur Primetime.

Alternativ: Lügt euch weiter in die Tasche und macht Kohle mit Spielen, die es eigentlich nicht geben darf.

Wenn sich während der gamescom ein 15-Jähriger in Pusemuckel mit der vom Papa entwendeten Kalaschnikow den rechten Zeh abschießt und irgendwo in einer Kinderzimmerecke „Lost Planet“ herumliegt, werden wir alle inhaftiert. Seid euch dessen bewusst – und beruft euch dann bitte nicht auf den „Deutschen Kasper­letheater“- und „Wir-sind-doch-sauber-gewonnen-hat-doch-Anno“-Preis.
Das wirkliche Leben sieht anders aus.

Ihr

Marius Hopp