Spielemarkt Osteuropa 2010
Background: Marktdaten, Lokalisierung, Distribution
(Aus IGM 07/10) Vor knapp drei Jahren haben wir uns den osteuropäischen Markt bereits einmal angeschaut – was hat sich seitdem geändert, wie stark hat die Wirtschaftskrise 2009 die aufstrebende Spiele-Region Osteuropa gebeutelt?
Seit 2007 ist einiges passiert im Spielemarkt Osteuropa. So explodierte im wichtigsten Teilmarkt, dem russischen, der Anteil der großen, nationalen Handelsketten. Damals machten sie etwa 20% der Gesamtverkäufe aus, heute sind es bereits mehr als 40 Prozent. Viele kleine, überwiegend regionale Ketten und Einzelhändler sind also pleite gegangen – vermutlich, weil sie mit den Discount-Aktionen der Großen nicht mithalten konnten. Am besten schlagen sich übrigens solche Großketten (oder auch kleinere Läden), die in der Nähe großer Bahnhöfe liegen – der öffentliche Nahverkehr ist in Russland wesentlich wichtiger als im Westen. Und doch nur ein Beispiel dafür, dass Osteuropa in vielen Dingen noch ganz anders funktioniert, als in Mittel- und Westeuropa gewohnt.
Ein ganz wesentlicher Unterschied in Russland, Polen, Ungarn und Co.: Noch immer sind PC-Spiele die klar wichtigste Plattform. Während die installierte Basis von Spiele-tauglichen PCs in Russland bei rund 9 Millionen liegt, sind jeweils nur etwa 250.000 PS3- und Xbox-360-Geräte in den Wohnzimmern zu finden. Eine verschwindend geringe Menge für ein 140-Millionen-Volk, das allerdings immer noch mit einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa 500 Euro im Monat auskommen muss. Immerhin gibt es etwa 600.000 PSPs in Russland, was wiederum ein im Vergleich zum westlichen Europa sehr hoher Anteil ist. Nintendo hingegen scheint weder die Wii noch den DS in Mengen abzusetzen, die auch nur entfernt mit den Erfolgszahlen in anderen Teilen der Welt zu vergleichen sind. Die meistverbreitete Konsole aber ist sowieso die gute alte PS2, rund 1 Million Stück wurden in Russland verkauft.
Mittlerweile unterhalten die Firmen EA, Microsoft (Games Division) und Sony Büros in Moskau, Nintendo sucht aktuell nach passendem Personal, und auch einige andere große Publisher sollen eigene Niederlassungen planen. Zumindest eigene Repräsentanten gibt es zudem von einigen weiteren Publishern: Man will den Märkten vor Ort auf die Finger schauen; aktuell gehen alle Third Partys außer EA über lokale Distributoren und Publisher.
Wie groß ist aber nun der legale Markt mit Spielen in Russland? Die Angaben schwanken stark, von etwa 400 bis zu 800 Millionen Euro – je nach Befragtem und Berechnungsmodell. Da unabhängige Marktdaten fehlen, strickt sich jeder Distributor seine eigene Statistik. In einem aber stimmen die Aussagen überein: Im letzten Jahr sind im russischen Spielemarkt, je nach Hersteller, enorme Umsatzeinbrüche von 20 bis 50 Prozent zu verzeichnen gewesen. Dem vorausgegangen waren mehrere sehr gute Jahre, in denen die Umsatzzahlen um bis zu 50 Prozent jährlich stiegen. So wird auch bereits für 2010 wieder ein Wachstum von 15 bis 20 Prozent für möglich gehalten. Daran sollen die Konsolenspiele zunehmend Anteil haben. Nikolay Baryshnikov, International Sales Director von 1C., prognostiziert: „Auch wenn PC-Spiele ein wichtiger Faktor bleiben werden: Die Situation hat sich zuletzt sehr in Richtung der Konsolen verändert.“
Die Preise für Konsolenspiele entsprechen denen im Westen oder sind sogar teurer. PS3-Spiele kosten etwa 2000 bis 3000 Rubel (etwa 67 bis 100 Dollar), die PS3-Platinumserie liegt bei etwa 50 Dollar pro Spiel. Während PS3-Spiele von Piraterie verschont zu bleiben scheinen, machen der Xbox 360 Raubkopien stark zu schaffen. Die Preise beginnen für Xbox-360-Titel bei etwa 40 Dollar für Spiele der Classics-Serie und gehen bis 100 Dollar für neue AAA-Titel. Wii-Spiele kosten zwischen 20 und 100 USD, spielen aber nur eine untergeordnete Rolle; auch der DS scheint in Russland keinen nennenswerten Einfluss zu haben.
PC-Spiele werden in Russland selbst lokalisiert, hergestellt und konfektioniert. Deshalb sind PC-Spiele deutlich günstiger als im Westen, als letzter weltweiter Publisher hat kürzlich Electronic Arts damit aufgehört, eine Hochpreisstrategie zu fahren. Vielmehr kosten AAA-Titel – also aktuelle Top-Produkte wie zum Beispiel Assassin’s Creed 2 (PC), 17 bis 20 USD, während A-Titel bei 15 Dollar liegen und alles andere bei 8 bis 10 USD. Diese für westliche Augen sehr niedrigen Preise rechnen Sonderangebote à la „3 Spiele für 10 Dollar“ noch gar nicht ein. Erst seit relativ kurzem sind die russischen Distributoren davon abgerückt, den Preis eines PC-Spiels direkt von der Zahl der enthaltenen Datenträger abhängig zu machen. Nun zählen Qualität und Markenname.
Russland ist immer noch eine Bastion des physischen Handels. So sagt uns Irina Semenova, Business Development Manager bei Akella: „Nur große Städte und wirtschaftliche Zentren bieten eine gute Internetverbindung, in den kleineren Städten und auf dem Land ist die Situation immer noch schlecht. Elektronische Verkäufe wachsen deswegen zwar von Jahr zu Jahr, aber das betrifft eigentlich nur die Großstädte.“ Auf dem Land hätten sehr viele Menschen noch gar kein Internet. Dementsprechend gering schätzt Semenova die Digitale Distribution ein, auf wenige Prozentpunkte.
Viel wichtiger sind die landesweiten Multimedia-Ketten Soyuz, Hit-Zone und Nastroenie, dazu kommen die ebenfalls landesweiten Elektronik-Ketten Eldorado, M-video, Technosila und Media Markt. Letztere ist erst 2006 in Moskau gestartet und mittlerweile in elf Städten mit 25 Märkten aktiv – zwölf davon in Moskau und St. Petersburg. Auch die „Hypermärkte“ Auchan, The 7th Continent und Perekrestok tragen zu den Spieleverkäufen bei.
Lebensstandard und Preisgefüge in Polen haben sich seit 1989 immer mehr an westeuropäische Verhältnisse angenähert, auch wenn sie noch längst nicht auf deutschem Niveau sind. In Sachen Spiele-Umsätze ist Polen um etwa den Faktor 3 größer als Tschechien/Slowakei und erreicht etwa 30 Prozent des russischen Marktes. Viele europäische Ketten haben sich seit der Westöffnung des Landes in Polen niedergelassen, darunter die französischen Firmen Castorama (Baumarkt) oder Carrefour (Supermarkt). Auch MediaMarkt ist mit zurzeit 39 Filialen im Land vertreten, ein Plus von 25 Prozent oder 8 Filialen im Vergleich zu 2007. Spiele erwirbt man dort und in ähnlichen Ketten, in Kaufhäusern und in Spezialgeschäften.
Russland und Polen machen zusammen etwa 80 Prozent des Osteuropa-Markts aus, den Löwenanteil der restlichen 20 Prozent teilen sich Ungarn, Tschechien und die Slowakei. Während es vor allem in Tschechien einige namhafte Entwickler gibt (allen voran Bohemia Interactive), sind die Distributoren im restlichen Osteuropa meist dieselben wie in Polen und Russland.
Die osteuropäischen Studios waren traditionell sehr PC-lastig, erst in letzter Zeit haben erste Teams damit begonnen, auch für Konsole zu entwickeln. In Polen sitzt CD Project RED, das aktuell an The Witcher 2 arbeitet. Ebenfalls zu CD Project gehört Metropolis Software House, eines der ältestens polnischen Studios (Gorky 17). The Farm 51 hat soeben Necrovision (hierzulande bei The Games Company) veröffentlicht.
Die Riege der ukrainischen Entwickler führt das Studio GSC Game World an, das für seine Stalker-Reihe weltberühmt ist. Auch 4A Games, deren Metro 2033 hierzulande noch zum Vollpreis im Laden steht, sitzt in der Ukraine.
Das kleine Tschechien steuert mit Bohemia Interactive und Black Element Software zwei Militärsimulationsexperten bei – erstere kennt jeder als die Macher des ersten Operation Flashpoint und nun Armed Assault 2, letztere sind für Alpha Prime und das kommende ArmA-2-Addon Operation Arrowhead verantwortlich. Bohemia erstellt zudem ernsthafte Militärsimulationen, die unter anderem vom US-Militär genutzt werden, und bietet Dienste wie Motion Capturing oder Vertonung für andere Firmen an.
Ubisofts Heroes of Might & Magic 5 entstand bei Nival Interative in Russland, die mittlerweile Targem Games gekauft (Gear Grinder) hat. Der A-Strategietitel King’s Bounty wurde bei Katauri Interactive gezimmert. Nicht zu vergessen ist Astrum Nival, von denen das bekannteste MMO aus osteuropäischen Landen stammt, Allods Online. Noch erfolgreicher ist in der G.U.S. Perfect World – ebenfalls von Astrum Nival betrieben. Große Publisher wie Akella und 1C besitzen interne Lokalisierungs- und Entwicklungsstudios, bei letzteren gehören dazu Ino-Co (Elven Legacy) und Maddox Games (IL-2 Sturmovick).
1C ist seit 2007 mit dem ehemaligen Konkurrenten Soft Club vereint und bildet nun den größten russischen Konsolendistributor und den zweitgrößten Publisher, mit entsprechendem Nummer-1-Anspruch in Osteuropa. Während sich 1C UK darum kümmert, westliche Spiele auf den osteuropäischen Markt zu bringen, betreut 1C Publishing EU (hieß bis 2005 Cenega Publishing) die Gegenrichtung: Unabhängigen osteuropäischen Entwicklern sollen die westlichen Märkte erschlossen werden. Eine weitere Tochterfirma will derweil von Peking aus den asiatischen Markt erschließen. Der Mutterkonzern 1C macht nicht nur Spiele und vertreibt sie, teils über eine eigene Handelskette, sondern bedient auch andere Geschäftsfelder. So kümmert sich 1C: Enterprises um Großkunden-Software.
Akella hat rund 20 Niederlassungen in Russland, von den Metropolen im Westen bis nach Sibirien. Nach eigenen Angaben hat die Firma derzeit etwa 70 Spiele in der Pipeline und das größte Lokalisationsstudio in Russland. Seit Q4 2009 hat die Firma unter anderem Left4Dead 2, Assassin’s Cred 2, Dawn of War 2 und Metro 2033 auf den russischen Markt gebracht, für dieses Jahr stehen Prince of Persia: Die vergessene Zeit und Arcania: Gothic 4 an. Akellas internes Studio .DAT beendete 2009 Disciples 3, weltweit wird das Spiel bald von Kalypso veröffentlicht werden.
CD Projekt stammt aus Polen und ist mittlerweile ein wichtiger Spieler in Osteuropa geworden. Der Publisher unterhält Büros in Warschau und Prag und betreibt seit 2005 mit gram.pl eine Art eBay für gebrauchte Spiele, Mitte 2008 gründete CD Projekt mit GOG.com („Good Old Games“) eine international beachtete Digitaldistribution für sehr alte Spiele, die dank Überarbeitung auch auf heutigen Rechnern meist problemlos laufen.
Noviy Disc (Russland) ist eigentlich bekannt für Kinder- und Lernprodukte, unter dem Label ND Games vertreibt sie aber auch AAA-Titel. Russobit-M fungiert als Distributor für viele westliche Publisher wie Ubisoft, THQ und Jowood und betreibt außerdem das Frogster-MMO Runes of Magic. Der Distributor Buka hatte in der Vergangenheit viele Spiele von Valve, THQ und Codemasters sowie einige von Ubisoft vertrieben, wurde aber 2008 von 1C aufgekauft.
Lokalisierung ist der Schlüssel, um in Osteuropa erfolgreich zu sein. Lokalisierte Produkte verkaufen sich, bei gleichem Preis, um bis zu 20 Prozent besser als englische. Allein Akella beschäftigt etwa ein Fünftel seiner 250 Mitarbeiter in Moskau in der Übersetzungsabteilung, die in Abstimmung mit dem jeweiligen westlichen Entwickler oder Publisher arbeitet. Schließlich erstellt der Hersteller im Westen das Master und schickt dieses nach Moskau, von wo es dann vor Ort in Russland produziert wird. Vermutlich ist auch die oft fehlende Übersetzung bei Konsolenspielen ein Grund, dass sich diese bislang schlechter verkaufen als PC-Spiele.
Der hohe Preis der Konsolenspiele liegt nicht an der Willkür der Publisher. Neben den Lizenzabgaben an die First Partys ist auch der vor allem nach Russland sehr lange Transportweg zu bezahlen. Dazu addieren sich 15 Prozent Importsteuer auf den Verkaufspreis, die noch auf die 20 Prozent Mehrwertsteuer in Russland oben drauf kommen. Lizenzabgaben, Produktion im Ausland, Transport und Importsteuer fallen bei den in Russland produzierten PC-Spielen nicht an, was sie soviel billiger macht.
In Sachen Marketing unterscheidet sich Osteuropa nicht groß vom westlichen Markt. Es werden Radio-Spots gebucht, vereinzelt auch TV-Spots, Plakate geklebt und in Tageszeitungen Rabattaktionen und Spezial-Discounts in den lokalen Märkten beworben. Die Schwäche der Wii führt Nikolay Baryshnikov auch auf mangelnde Werbung zurück: „Die Wii ist immer noch sehr schwach, und es gibt wenig bis keine Anstrengungen des lokalen Nintendo-Distributors, die Plattform zu promoten“. Immerhin: Auf der Homepage von Media-Markt Russland befindet sich aktuell ein kleiner Wii-Button…
Allein in Russland warten acht Spielezeitschriften auf Anzeigen. Deren Auflagen klingen ein wenig so, als wäre Russland die letzte Bastion des Print-Journalismus in Sachen Computerspiele: Igromania („Spiele-Begeisterung“) berauscht sich nach Eigendarstellung an monatlich 190.000 verkauften Exemplaren – das wäre nach der deutschen ComputerBild Spiele (Q 1/2010: 236.488 Exemplare) Platz 2 in Europa. Dazu kommen PC Igry (85.000 Hefte) PC Games (70.000), Strana Igr (80.000), LKI (60.000), PC Gamer Russia (58.920), World of Fantastic (35.000) sowie Game World Navigator (65.000).
Da die Digitale Distribution noch in den Kinderschuhen steckt, sind verkaufsförderne Aktionen dafür, wie sie insbesondere Steam im Westen zelebriert, weitgehend unbekannt – also Vorbestellerrabatte, Wochenend-Deals, Publisher-Sparpakete oder digitale Premium-Versionen.
Auch in Osteuropa ist WoW der erfolgreichste Genrevertreter. Der größte Launch der letzten zwei Jahre war Allods Online, das in Russland entwickelt wurde. Weitere wichtige Spiele sind Perfect World, Lineage 2, Aion und Everquest 2 – also alles Client-basierte Titel. Allerdings, so Irina Semenova, sei es längst nicht mehr so einfach, ein neues MMO zu launchen, wie noch vor drei Jahren: „Damals genügte es, ein MMO zu kaufen und etwas PR dafür zu machen, um eine gute Userzahl und sicheres Geld einzufahren.“ Heute müsse jedes neue Spiel hart um seinen Platz kämpfen, und immer stärkeres Marketing sei notwendig. Gleichzeitig seien die Lizenzierungspreise und die abzuführenden Gewinnbeteiligungen kräftig gewachsen.
Irina Semenova glaubt bei den Konsolenspielen an ein starkes Wachstum, zusammen mit den MMOs könnten sie in 2013 etwa 60 bis 70 Prozent des russischen Marktes ausmachen. Der Rest gehört dann noch den PC-Spielen, mit einem wachsenden Einfluss der digitalen Distribution. „Die Spiele-Entwicklung in Russland hat es heute schwerer als früher. Nur Teams, die Spiele zu bekannten Marken entwickeln, werden noch Chancen haben, international zu konkurrieren.“ Außerdem erwartet sie, dass sich AAA-Titel noch besser und Budget-Titel schlechter verkaufen lassen, und dass mehr internationale Publisher Niederlas-sungen errichten werden in einem zunehmend wichtigen russischen Markt.
Nikolay Baryshnikov ist nach dem Krisenjahr 2009 vorsichtig in seiner Prognose: „Die Situation ist nach der Wirtschaftskrise immer noch angespannt. Aber die ersten vier Monate 2010 geben Grund zum Optimismus. Die nächsten Monate und Jahre könnten noch zulegen.“ Sollte diese Tendenz dann anhalten, so Baryshnikov, könnte der russische Spielemarkt einer der größten und schnellstwachsenden in Europa werden. (la)




