Verleihnix?
Vom Sinn und Wahnsinn der gefühlten 1001 Awards in Deutschland
(Aus IGM 07/10) Finger in die Wunde legen ist schön und gut, und unserer Rubrik „Auf ein Wort“ zufolge schätzen viele die kritische Berichterstattung der IGM. Wir können aber auch anders! Positiv. Lebensbejahend. In rosa Farben. Nehmen wir nur mal das Thema Spiele-Awards, was fällt uns dazu wohl Gutes ein? Dieses etwa: Hierzulande werden derart viele Trophäen verliehen, dass quasi jeder eine abkriegt. Na bitte, geht doch auch mal weniger schwarzmalerisch.
Deutscher Entwicklerpreis, Deutscher Computerspielpreis, LARA, MTV Game Awards, Der Goldene Computer, Serious Games Award, EIGA, Gamesload-Newcomer-Award, „Best of Show Award“ der Gamescom, BÄM!, Gamestars – was Ehrerbietungen für Spiele angeht, leben wir auf der Glücksbärchi-Insel, im Herzen von Friede-Freude-Eierkuchen-Land. Die lange Liste an Auszeichnungen ist ein Segen: sowohl für die Branche, weil sie eigentlich ständig feiern kann, als auch für freie Autoren, um Zeilenhonorar zu schind
Doch Augenzwinkern beiseite: Awards haben natürlich eine Daseinsberechtigung. Das betonten alle Veranstalter, Preisträger, Jurymitglieder und Journalisten, die wir dazu befragten. Hört man sich unter den Branchenfachleuten um, wird aber auch deutlich: Ein richtig wichtiger Preis geht der Industrie dann doch ab. „Es gibt in Deutschland noch keine relevante, überregionale Auszeichnung“, wirft etwa Heiko Gogolin ein, Chefredakteur der Zeitschrift Gee und Jurymitglied des Deutschen Computerspielpreises.
Regiert im Bereich der Awards etwa Masse statt Klasse? „Wenn sie einem klaren Zweck dienen und ein Publikum dafür existiert, das ihnen Bedeutung beimisst, dann ist egal, ob es zwei oder 100 solcher Preise gibt“, meint André Horn, Verlagsleiter bei IDG. Die eigene Gamestars-Gala hält er für wichtig, weil sie „einzigartig das Meinungsbild der Hardcore-Spieler widerspiegelt“. Das beschere der Industrie ein unverfälschtes Votum über die besten Titel des Jahres, weil nur das Publikum wählt und es weder für Vorauswahl noch Nominierungen eine Fachjury gibt. Doch auch den Deutschen Computerspielpreis lobt Horn. Selbst wenn er warnt, die Veranstaltung dürfe nicht zum „Kinderspielpreis“ avancieren: „Sie ist ein extrem wichtiger Fortschritt für die Anerkennung von Spielen als Kulturgut.“
Wer innerhalb der Branche nach dem wichtigsten Award fragt, bekommt selten eine eindeutige Antwort. Es ist eben leider nicht so simpel wie beim Boxen, wo sich Mitglieder der verschiedenen Verbände zu Klump hauen, um am Ende ihre Nummer 1 festzustellen. Den MTV Games Award führt niemand an, obwohl dieser mit einer starken Fernsehpräsenz in der jungen Gamer-Zielgruppe glänzt. Stattdessen stehen Deutscher Entwicklerpreis, LARA-Award und Deutscher Computerspielpreis hoch im Kurs. Die häufige Nennung des zuletzt Genannten mag überraschen, hatte es kürzlich bei der Verleihung doch noch viel Kritik gehagelt, ja sogar Häme. Andererseits: Es winkt dort wohl auch in Zukunft viel Geld, zuletzt wurden die Preisträger mit einer halben Million Euro beworfen.
Hintergrund für die teils harschen Kritiken war, dass die nominierten Erwachsenentitel Dragon Age und Uncharted 2 wegen der dargestellten Gewalt nicht gewinnen durften. Deshalb kürte die Hauptjury Anno 1404 zum besten internationalen Titel. Die Trophäe als bestes deutsches Spiel gab’s ebenfalls. Weil die zuerst genannte Auszeichnung laut der Statuten auf der Homepage eigentlich an ein Spiel „aus internationaler Produktion“ hätte gehen sollte und die Firmen Related Designs und Blue Byte für die Entwicklung verantwortlich zeichneten, blieb für Spötter nur der Schluss, dass Mainz beziehungsweise Düsseldorf wohl aus der Bundesrepublik ausgemeindet worden sein mussten.
Für Stephan Reichart, Geschäftsführer der Firma Aruba Events, die den Deutschen Entwicklerpreis verantwortet, stellt der LARA-Award „die einzige große Gala der Branche dar“. Zudem lobt er den Deutschen Computerspielpreis als „Förderinstrument, das obendrein den politischen Dialog fördert“. Im gleichen Atemzug schießt Reichart scharf: „Die Jury braucht einen anderen Vorsitzenden als Professor Wolf-Dieter Ring. Stellen Sie sich vor, die Deutsche Filmakademie hätte als Vorsitzende die stärksten Kritiker des Mediums Film. Es ist absurd, dass die Deutsche-Computerspielpreis-Jury von einem bekennenden Spielegegner geleitet wird“, kritisiert er den Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien und Vorsitzenden der Kommission für Jugendmedienschutz.
Reichart verweist stolz darauf, dass die hauseigene Veranstaltung, der Entwicklerpreis, in der Presse seit 2008 als „Oscar der Spielebranche“ bezeichnet wird. Immerhin von relevanten Fernsehsendern wie RTL, ARD und ZDF. „Wir hatten 2009 eine Reichweite von über 85 Millionen Menschen.“, begegnet er Kritik, wonach die Industrie trotz aller Mühen kaum in der allgemeinen Medienlandschaft stattfinde.
Während der Show traten auch Fernsehleute wie Oli P. und Matthias Schweighöfer auf. Manche mögen diese als B-Prominenz abtun. Aus der Sicht Reicharts ist bei möglichen Zugpferden aber entscheidend, dass es sich um „glaubwürdige Gamer“ handelt. Für die nächste Preisverlei-hung am 1. Dezember kündigt der Aruba-Chef „revolutionäre Neuerungen“ an, die aber noch bis Juni geheim bleiben. Fest steht, dass es erstmals Auszeichnungen für das beste Gaming-Portal, ein Spiele-Magazin und einen Händler gibt.
„Eine glamouröse Preisverleihung, die stark auf Außenwirkung abhebt, ist ein probates Mittel, um das breite Angebot an Spielen noch stärker in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu rücken“, sagt Harald Hesse. Genau dieses Kriterium spricht er dem vom Verlag Gruner + Jahr veranstalteten LARA-Award zu, bei dem er als Vorsitzender der Jury fungiert. Der gehört auch TV-Mann und Spielefan Elton an. Als optimal im Sinne einer größtmöglichen Außenwirkung würde Hesse die Fokussierung auf ein einziges Event bezeichnen, das „neben der Gamescom einen zweiten kommunikativen Leuchtturm“ darstellt. Den allgemeinen Auszeichnungswahn kritisiert er mit den Worten „weniger wäre mehr“.
Er spricht aber nicht allen Galas die Existenzberechtigung ab: „Der Entwicklerpreis ist eine gelungene Weihnachtsfeier der deutschen Entwicklerszene, und der Computerspielpreis beglückt die hiesigen Kreativschmieden mit ordentlich Fördergeldern.“ Wenn der zuletzt Genannte ernst genommen werde wolle, „muss er künftig aber nicht nur dokumentieren, was Gutes aus Deutschland kommt, sondern auch, was in Deutschland gut ankommt. Ich freue mich schon auf die Diskussionen der Jury um Crysis 2 aus dem Hause Crytek, das nächstes Jahr in der Kategorie ´Bestes internationales Spiel` nominiert werden muss.“
Ob das passiert, bleibt ungewiss. Olaf Wolters, Geschäftsführer des mitausrichtenden Bundesverbands interaktive Unterhaltungssoftware, formuliert es deutlich: „Die beim Deutschen Computerspielpreis ausgezeichneten Titel müssen nach dem Willen der Politik pädagogisch und kulturell wertvoll sein. Schließlich kommen 50 Prozent der Fördermittel aus dem Bundeshaushalt.“ Dennoch sei der Preis enorm wichtig: Man habe ihn immerhin der „Killerspiel“-Debatte zum Trotz realisieren können. Die Kritik, dass kein Titel ab 16 oder 18 Jahren ausgezeichnet worden sei, ist für Wolters nachvollziehbar, aber „in der Sache ungerecht“. Er spricht vom zweigeteilten Medienecho: „Die Gewinnertitel wurden erfreulich breit kommuniziert. Außerdem gab es sehr unsachliche Kritik. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es sich um einen Förderpreis für deutsche Produktionen handelt und nicht um die Auszeichnung der besten Spiele, die in Deutschland erscheinen.“
Jens Fischer, stellvertretender Chefredakteur der Computerbild Spiele, sieht wie andere für die Industrie vor allem das Problem, dass ihr ein Event fehlt, der in der Wahrnehmung mit dem Oscar vergleichbar ist. „Also ein Preis, der von Publikum und Branche als wichtigster angesehen wird.“ Die aktuell bedeutendste deutsche Auszeichnung ist aus seiner Sicht die seines Arbeitgebers. „Der Goldene Computer stellt den wichtigsten Leserpreis dar, von Europas größter Spielezeitschrift mit einem Marktanteil von deutlich über 50 Prozent im Einzelheftverkauf. Eine wertvolleren Auszeichnung für die Hersteller gibt es nicht.“
In seiner Funktion als Jurymitglied des Deutschen Computerspielpreises sagt Fischer: „Dass dort bewusst gewaltfreie und pädagogisch wertvolle Titel ausgezeichnet werden, ist aufgrund der Vielfalt der deutschen Award-Landschaft völlig in Ordnung. Spiele lassen sich nach unterschiedlichen Kriterien und Schwerpunkten beurteilen.“ Die Jury müsse allerdings Procedere und eigene Statuten kennen. Auf die Frage, ob er im kommenden Jahr unter gleichen Bedingungen erneut dem Schiedsgericht zur Verfügung stünde, erwidert er: „Da sich die Bedingungen ändern werden, stellt sich diese Frage nicht.“
Ist das zu optimistisch gedacht? Ähnlich hoffnungsfroh und erneut einsatzbereit wie Fischer äußern sich Heiko Gogolin von Gee und Petra Fröhlich, Chefredakteurin beim Computec-Verlag. Sie glaubt, dass dem Feedback vieler Juroren sicher Gehör geschenkt wird. „Beim Procedere muss nachgebessert werden.“ Heiko Klinge, Gamestar-Redakteur und Projektleiter von Making Games will seine Jurytätigkeit ebenfalls fortsetzen, um in der Diskussion mit Politikern und Wissenschaftlern dafür einzutreten, dass auch Spiele für ältere Jugendliche und Erwachsene als kulturell wertvoll erachtet werden können.
Was Awards den Publishern und Entwicklern bringen? „Oft werden bei Kritikerpreisen Spiele prämiert, die kommerziell weniger erfolgreich waren. Für ein solches Game ist es toll, wenn der eine oder andere doch noch darauf aufmerksam wird“, weiß Benedikt Schüler, Marketingchef bei Ubisoft. Starke Spiele verkaufen sich auch ohne Awards, gibt’s aber das i-Tüpfelchen obendrauf, nutze man dies natürlich begleitend zum Produktmarketing. Dass Anno 1404 beim Deutschen Computerspielpreis in der Sparte „Internationales Spiel“ gewissermaßen zweite Wahl gewesen sei, weist Schüler zurück. „Es hat ja auch die wichtigste, mit dem höchsten Preisgeld dotierte Kategorie gewonnen.“ Erfolgreich war die Aufbausimulation ferner beim Entwicklerpreis und beim Goldenen Computer.
Nennenswerte Auswirkungen auf Verkaufszahlen haben Awards selten, erklärt Pascal Schmidt, Marketingleiter bei Nintendo. „Spiele werden in der Regel ja lange nach ihrer Veröffentlichung geehrt.“ Positiv wie zuletzt bei New Super Bros. (Goldener Computer) und Wii Fit (LARA) sei neben dem Imagegewinn dass es sich bei den Auszeichnungen um Qualitätsurteile handele, die Konsumenten die Orientierung erleichtern. Die Vielzahl der Awards bringe den Vorteil, dass Produkte aus unterschiedlicher Perspektive bewertet werden. Entsprechend könnten Kunden etwa gezielt nach pädagogisch wertvollen Spielen suchen. „Darüber hinaus zeigen Awards unseren Entwicklern, ob sie auf dem richtigen Weg sind.“
„Im Idealfall haben Awards auch Einfluss auf das Kaufverhalten“, sagt Martin Lorber, Pressechef bei Electronic Arts, „beziffern lässt sich das aber nicht.“ Hinsichtlich Dragon Age, das beim Deutschen Computerspielpreis leer ausging (dafür gab’s drei Gamestars), zeigt er sich pragmatisch: „Dass das Spiel offiziell nominiert wurde, macht deutlich, dass die Jury unter dem Vorsitz von Professor Ring einen Erwachsenentitel prinzipiell für preiswürdig hält.“ Sprach’’s und schiebt Kritik nach: Der Preis sei in Zukunft mit der Lebenswirklichkeit der Spieler in Einklang zu bringen.
Award-Veranstaltungen müssten Spaß machen, exzellent und medienwirksam in-szeniert und mit einer fachlich anerkannten, unabhängigen Jury sowie einer kritischen Masse an Prominenten besetzt sein. „Je bekannter, desto besser. Ohne roten Teppich geht es nicht.“
„Allerdings darf sich nicht alles um die bekannten Persönlichkeiten drehen – und es hilft nicht, C- und D-Promis aufzufahren“, betont Steffen Hippe, Vertriebs- und Marketingvorstand von dtp, das mit Drakensang und Giana Sisters DS Erfolge feierte. „Award-Veranstaltungen bringen Aufmerksamkeit, Anerkennung und Verständnis für unsere Branche. Jedenfalls sollte das der Fall sein, wenn sie mit der richtigen Intention initialisiert wurden.“ Noch vor kurzem hätte er den Deutschen Computerspielpreis als Award-würdig bezeichnet. In seiner Grundintention sei er die wichtigste Trophäe. „So lange aber die Politik so deutlich wie dieses Jahr zeigt, dass es ihr nicht wirklich darum geht, Verständnis für Games zu schaffen, bringt uns dieser Preis nicht so voran, wie er sollte und könnte.“ (hfr)




