Bratwurst

(Editorial IGM 10/10) Jetzt, da der mega Hype um den Lara-Award 2010 so gaaaaanz langsam abgeebbt ist, können wir allmählich auch wieder nüchtern werden und locker durch die Hose atmen. Ich war persönlich nicht auf der Veranstaltung zugegen, da wie immer nicht eingeladen. Dennoch gehe ich mit offenem Visier durchs Land – auch durchs Internetländle, um rechts und links zu schauen, wer das Games­branchle im allgemeinen so weiterbringt. Die google-Top-10 mit dem Stichwort „Lara-Award 2010“ sind die folgenden: www.lara-award.de, www.lara-award.de, www.lara-award.de, www.stern.de, www.netzwelt.de, www.computerbild.de, www.digitalvd.de, www.spielbar.de, www.derwesten.de, www.giga.de.

Immerhin!

Wir bei IGM werden Events wie diese nicht auf die Beine stellen. Dazu fehlt mir ehrlich gesagt auch die Sinnhaftigkeit einer derartigen Aktion. Im nächsten Jahr im Mai feiern wir 5-jähriges Jubiläum und werden gewiss das eine oder an­dere Branchenmitglied zum Grillen im Garten einladen, um ihm nach 1,9 Pro­mille lustige Jahresabschlüsse unter die Nase zu halten. Vielleicht klappt’s ja. Und falls nicht, gehe ich eben in den Pokalshop im Dorf, kaufe 20 von diesen Dingern und hämmer ein IGM-Logo drauf. Nach dem Motto: „Bester Brat­wurst­esser“. Hurra. Alle sind glücklich, gehen breit ins Bett und wissen am nächsten Morgen nicht mehr, was letzten Abend war. Für Unterhaltung könnte mein Nachbar sorgen. Der ist über 70, immer ein wenig traurig-melancholisch, aber echt nett. Der gibt dann etwas von Elvis zum Besten. Ich spiele irische Flöte dazu, obwohl ich eigentlich nur „O Tannenbaum“ (mit Noten) kann. Egal. Dafür gibt’s ja Bratwurst satt. Und das Internet wird auch drüber berichten, da ich die hiesige Lokalpresse kenne und auch einen Typen von der Bild. Dem sag ich einfach, dass wir ab 23:00 Kinectimals einlegen und alle niedliche Löwenbabys streicheln. Dann kommt der bestimmt (nebst Kamerateam). Am nächsten Morgen werden Sie Youtube verteufeln.

Genug der Ironie. Wenn man Events wie dem Lara-Award etwas abgewinnen will, dann das: Gut, dass es ein Verlagshaus gibt, das fast alle mal wieder zusammen gebracht hat, damit man gemeinsam ein Bierchen trinken kann. Gut so. Wirklich gut. An der medialen Außenwirkung sollte indes noch gefeilt werden.

Apropos Außenwirkung.

Wirklich übel wird es, wenn man heutzutage die aktuelle „TV Spielfim“ aufschlägt. Ich bin jemand, der sich Anzeigen in Printmagazinen anschaut. Dafür wird man in 5 Jahren zwar von Apple & Co. verhaftet – aber momentan tue ich es noch mit Begeisterung. Die Kinnlade entglitt mir allerdings, als ich die Werbung von „Schau hin!“ sah. Ein kleines Mädchen mit großen Augen, einem Controller aus den 80ern in der Hand und gefangen von Kabellage. Die Über­schrift: „Wenn aus fesselndem Spaß Ernst wird – Lassen Sie Ihre Kinder mit elektronischen Spielen nicht allen“.

Ich weinte. Naja, fast. Denn bevor ich mir die erste Träne aus den Augen wischen konnte, sah ich, wer da so alles bei dem „Schau Hin“-Gedöns mitmacht: Die sicherlich fett bezahlte Anzeige war eine Initiative vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (ich habe mich schon immer gefragt, warum Frauen nicht mit zum Begriff Familie gezogen werden und Jugend nicht vor Senioren kommt – zudem fehlt mir der Begriff Männer). Noch mit an Bord der Initiative: Vodafone, Das Erste und ZDF.
Kurzum: Hä?

Weinen kann sich da sehr schnell in Frust verwandeln. Kein BIU dabei? Kein Lara-Award? Kein seniler Amerikaner, der irgendwann mal die Gamesbranche, Pong oder das Waffeleisen erfunden hat?

Manchmal, aber nur manchmal, schaue ich lieber weg als hin, wenn Leute am Ruder sitzen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, aber meinen, sich mit irgendeinem Firlefanz in die öffentliche Wahrnehmung drücken zu müssen.

Das gilt für dämliche Initiativen genauso wie für den Verleihungswahn in deutschen Landen.

Ihr

Marius Hopp