Bundestrainer
(Editorial IGM 09/10) In der Gamesbranche verhält es sich so wie mit der Nationalmannschaft. Ein jeder gibt Ratschläge und Prognosen ab, fordert, kritisiert und tut sein Halbwissen kund.
Eine Nationalmannschaft, 80 Millionen Bundestrainer.
Eine Gamesbranche, tausende Besserwisser.
Am exekutiven Hebel würde auch gerne Dr. Jens Uwe Intat von Electronic Arts sitzen. Aus Genf, einem Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft und Europa-Sitz von EA, hört man ja ansonsten nicht allzu viel. Der gleichnamige See soll sich hervorragend zum Surfen eignen und Essen is auch lecker. Ab und an aber wird die gähnende Genfer Langeweile durch mutige Vorstöße durchbrochen. So hallte erst kürzlich die Intat’sche Forderung durch Europa, die aktuelle Konsolengeneration müsse die 100 Euro-Grenze unterbieten. PS3, Xbox 360, Wii: Alle 99 Euro. Schluss, Aus, Ende. Und sowieso Nintendo: Welche Pläne dieses Unternehmen überhaupt verfolge, sei völlig unklar, raunte der Herr Intat ins Reuters-Micro.
Intat hält es da mit dem Vorstandschef von EA, John Riccitiello. Der setzt zwar jedes Jahr gerne mal einige Milliönchen in den Sand und entlässt, was nicht früh genug auf die Bäume kommt, dafür erfreut er das gemeine Volk in regelmäßigen Abständen mit völlig abstrusen Innenansichten und betätigt sich zudem gerne als Nostradamus, etwa, wenn er das Ende des physischen Vertriebes datiert.
Michael Pachter ist auch so ein Kamerad. Der prognostiziert und analysiert ebenfalls gerne. Als anerkannter US-Analyst wird er von Wedbush Morgan Securities sogar dafür bezahlt. Anfang des Jahres beglückte uns Pachter mit der Einschätzung, dass sich die Microsoft’sche Bewegungssteuerung Kinect (die damals noch Natal hieß) klar im Vorteil gegenüber der Technologie von Sony befände. Allerdings waren seine Äußerungen wohl der einen oder anderen Pulle Rotwein zuviel geschuldet, denn dieser Tage sieht Pachter die Vermarktungschancen von Kinect ganz nüchtern als sehr begrenzt an. Vorteil Sony also? Keine Ahnung. Herr Pachter wird es uns wissen lassen, wenn ihm danach ist.
Gemein haben Pachter und Intat vor allem eines: Das Herumgenörgele am Preis. Da werden dann hochgeistige Zusammenhänge hergestellt wie: Je billiger Kinect oder Move sein werden, desto mehr Leute werden es auch kaufen.
Schön, haben wir wieder einmal dazugelernt.
Nicht begriffen wurde allerdings von der selbsternannten Kritikerfraktion, dass der Preis einer Konsole nur ein Bauteil innerhalb des Gesamtkonglomerats, das da fortschreitende Etablierung von Unterhaltungselektronik heißt, darstellt.
Sicher, der Preis ist ein Faktum, aber mal ehrlich, Herr Intat: Verkaufen Sie Ihre Spiele doch künftig einfach für 29,99 Euro statt für 69,99 – oder nehmen Sie endlich den Woods vom Grün, damit er nicht irgendwann noch mit dem Krückstock einlochen muss. Gewiss wird diese Initiative auch der aktuellen Hardwaregeneration gut tun.
Viel wichtiger als der lauthalse Ruf nach niedrigeren Preisen scheint mir die Beantwortung der Frage zu sein, welcher Vermarktungsmechanismen es gerade bei den neuen Trends „Bewegungssteuerung“ und „3D“ bedarf, um Kunden tatsächlich zu überzeugen und bestmöglich auch noch zu binden.
Schauen Sie sich die Themenwelten im stationären Handel (ich weiß, Herr Riccitiello, den gibt’s ja eigentlich gar nicht mehr) an: UE, IT, CE, Multimedia, Network und Braune Ware werden hermetisch voneinander abgetrennt präsentiert – und das, obwohl gerade die Konsolenhardware den Platz im Wohnzimmer – im Mittelpunkt des täglichen Lebens – für sich beansprucht und die Konvergenz der Devices zu beeinflussen gedenkt.
Genau diese Trennung in Teilbereiche hat sich auch in den Köpfen der Konsumenten manifestiert, da unsere Industrie nicht in der Lage zu sein scheint, multimediale Komponenten verschmelzen zu lassen.
Wer sich einen 3D-Fernseher zulegen will, holt ihn sich im Saturn. Noch eine PS3 und Move gefällig? Gerne, die stehen zwei Stockwerke höher links in der Ecke neben den Hammerpreis-DVD-ROMs von Koch Media.
Zielgruppenerweiterung sieht anders aus.
Die Gamesbranche spricht gerne vollmundig von Innovationen und Trends. Die Etablierung neuer Technologien und das Aufbrechen des Massenmarktes scheitert leider nur viel zu oft an mangelnder, adäquater Präsenz und Aufklärung – nicht am Preis.
Bundestrainer spielen wir alle gerne. Aber für taktische Fehlentscheidungen verantwortlich sein wollen wir nicht.
Ihr
Marius Hopp





