Meinung statt Mainstream

Wie Blogs den Spieleheften und -portalen Konkurrenz machen

(Aus IGM 10/10) Das Informationsangebot zum Thema Vi­deo­spiele ist – gelinde gesagt – erdrückend. GameStar, GamePro, PC Games, PS3M, 360 Live, Gee Mag: Am Kiosk tummeln sich dutzende von Magazinen. Als sei das noch nicht genügend Lesestoff, hat der Gamer im In­ternet die Qual der Wahl zwischen zahllosen Angeboten, mögen sie nun 4players, Euro­gamer oder Gamona heißen – nicht zu vergessen englischsprachige Portale wie IGN. Das müsste doch eigentlich reichen! Wie, immer noch nicht? Stimmt, da gibt es ja noch die Blogs…

Zwischen all den journalistischen Dick­schif­fen wirken Gaming-Blogs wie wendige Ka­­jaks. Statt gemächlich mit dem Mainstream zu schwimmen, rudern die Blogger schon mal gegen den Strom, sei es bei der Themenwahl oder bei der Art, wie sie über diese Themen schreiben. Allerdings verschwinden viele Blogs irgendwann einfach von der Bildfläche oder dümpeln vor sich hin, weil ihre Betreiber die Lust verloren haben: „Letzter Eintrag vom 07.03.2008 …“. Es geht aber auch anders: In den USA und Großbritannien erreichen die großen Gaming-Blogs täglich hunderttausende von Lesern – und werden damit zu Leit­me­dien der Videospielkultur. Längst sind diese Blogs so einflussreich, dass sie auch in der Top-100-Liste der Suchmaschine Technorati auftauchen: Kotaku steht aktuell auf Position 12, Joystiq auf Platz 37. Hauptkriterium ist beim Technorati-Ranking, wie häufig andere Internetseiten auf die Blogs verlinken. Wenn also Kotaku ein Gerücht über eine Release-Ver­zögerung streut, landet dieses Gerücht in Minutenschnelle auf dutzenden kleinerer Blogs und breitet sich von dort unaufhaltsam weiter aus. Als Multiplikatormedien genießen Kotaku, Joystiq, GamePolitics und Co. ziemlich viel Macht: Schon ein einziger Blog-Eintrag kann einen Triple-A-Titel ins Zwielicht rück­en oder einem Mauerblümchen-Spiel zu un­ge­ahnter Popularität verhelfen.

Was aber macht diese Blogs so erfolgreich? Bei Kotaku ist es vor allem die unterhaltsame Mischung aus Nerd-Themen („vierdimensionale Rennspiele“), Tratsch (Activision-Bliz­zard-Chef Bobby Kotick gegen den Rest der Welt), amüsant formulierten News und Ga­mes-Rezensionen, die das Blog für unterschiedliche Lesergruppen öffnet. Beein­druck­end ist schon allein die schiere Masse an Blog­beiträgen: Kotaku bringt es auf mehr als 300 Postings pro Woche. Um einen konstant ho­hen Durchsatz zu gewährleisten, beschäftigt das Blog mehrere Redakteure, Reporter, Ko­lum­nisten und freie Mitarbeiter. Bezahlt wird das Ganze von der Firma Gawker Media, die eine Reihe von äußerst erfolgreichen Blogs (u.a. Gawker, Gizmodo, Lifehacker) betreibt. Das starke Netzwerk und die Gewinnorien­tierung (Werbepartner) machen Gawker Me­dia zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb der Blogosphäre: Aus finanzieller Sicht ist Ko­taku kaum noch von einem herkömmlichen Verlagsangebot zu unterscheiden. Die meisten Gaming-Blogs allerdings sind weit davon entfernt, wirtschaftlich profitabel zu sein – dennoch sind deren Macher mit vollem Einsatz bei der Sache. Was treibt die Blogger an, und wie versuchen sie, sich innerhalb der Masse zu behaupten? IGM hat mit einigen von ihnen gesprochen.

„Tu etwas richtig gut, und die Leute werden es mitbekommen“, sagt Jim Rossignol, wenn man ihn nach dem Erfolgsrezept für Rock, Pa­per, Shotgun fragt. 2007 gestartet, zählt RPS mittlerweile zu den zehn beliebtesten Ga­ming-Blogs im englischsprachigen Raum – ob­­wohl (oder gerade weil) es sich auf PC-Spie­le beschränkt. Die Texte sind originell und witzig, man merkt ihnen an, dass sie nicht einfach nur schnell hin- oder gar abgeschrieben sind. Hinter RPS stehen die erfahrenen Ga­mes-Journalisten Kieron Gillen, Alec Meer, Jim Rossignol und John Walker: Alle vier sind auch für bekannte Publikationen wie Euroga­mer, Edge, PC Gamer UK, Gamasutra oder den Guardian tätig. RPS hat nach eigenen An­gaben 700.000 Besucher (Unique User) pro Mo­nat – eine stolze Zahl für ein Blog. Pro Wo­che fallen rund 2000 Kom­men­tare an, häufig auch sehr viel mehr. Inhaltlich beschränkt sich RPS keineswegs auf Triple-A-Titel, sondern be­richtet auch Skurilles aus der Independent-Szene. „RPS hat bewiesen, dass auch lange Ar­tikel über obskure Spiele oder Interviews mit Entwicklern von Hardcore-Games ein Publ­i­kum finden“, sagt Rossignol, „die Leute wollen redaktionelle Qualitätsar­beit genauso wie Nachrichten. Wir versuchen ihnen beides zu geben, und auch wenn uns das nicht immer gelingt, wissen es die Leute zu schätzen. Wir widmen uns ganz diesem For­mat, und es zahlt sich aus.“

Einen Sammelbegriff für diesen höchst sub­jektiven, anekdotenhaften Stil voller popkultureller Querverweise hat Kieron Gillen bereits 2004 geprägt: „New Games Jour­na­lism“. Er soll die Antwort auf den einfallslosen, klischeebeladene Schreibstil sein, der in vielen Games-Magazinen vorherrscht. Für ihre Blogging-Leidenschaft sind Gillen & Co. bereit, das letzte bisschen Freizeit zu opfern. Jim Rossignol etwa testete den Open-World-Racer Fuel, indem er die gesamte, 14.400 Qua­drat­kilometer große Karte umrundete: Ein auf den ersten Blick völlig sinnfreies Unter­fangen, das aber durch Rossignols minutiösen „Reise­bericht“ geradezu episch wirkte.

Der Einfluss des „New Games Journalism“ ist auch in der deutschsprachigen Blogo­sphä­re seit einigen Jahren spürbar. Zu den Pionie­ren gehört das Projekt VierSpieler, das 2004 entstand und 2008 in das Blog Polyneux überging. „Wir wollten einfach nur etwas Anderes machen. Anders als dieser unkreative, pseudo-objektive und stereotype deutsche Spiele­jour­­na­lismus, mit dem wir seit den 80ern aufgewachsen waren“, erzählt SpielerZwei Jörg Krei­enkamp. Um die zehn Autoren machen bei Polyneux mit, alle haben Jobs und einige auch Familie, Bloggen ist für sie ein reines Freizeitvergnügen. Der Durchsatz ist mit acht bis zehn Artikeln pro Monat denn auch vergleichsweise gering, mit einer Reichweite von 30.000 Unique Usern ist Polyneux meilenweit von englischsprachigen Gruppen­blogs wie Rock, Paper, Shotgun entfernt. Kommentiert werden die Polyneux-Artikel im Durchschnitt nur 10 bis 15 Mal. „Vielleicht liegt es an unserer Art zu schreiben, vielleicht an unserem Pub­likum“, mutmaßt Kreien­kamp, „vielleicht fehlt hierzulande aber auch einfach eine entsprechende ‘Kommentar-Kultur’, wie man sie im Ausland beobachten kann.“ Dabei sind die Polyneux-Artikel meist lesenswert, zum Bei­spiel die Analyse der Achievements in GTA IV oder die originelle Rubrik „Moment des Mo­nats“. Mit acht bis zehn Postings pro Mo­nat ist der Durchsatz aber einfach zu gering, um Poly­neux viele Leser zu bescheren.

Auch wenn sie sich ihr Publikum nicht aussuchen können, haben Kreienkamp und Kol­legen so etwas wie die idealen Leser vor Au­gen: „Leute, denen klar ist, dass die Bewer­tung von Unterhaltungsmedien niemals objektiv sein kann. Leute, die auf lächerliche Pro­zent­wertungen am Ende eines Artikels verzichten können. Leute, die einen Artikel auch dann le­sen, wenn sie das jeweilige Spiel eigentlich gar nicht interessiert, weil sie einfach gerne gut geschriebene, fachkundige und unterhaltsame Texte lesen.“ Die Glaub­wür­digkeit hält Krei­en­kamp für besonders wichtig: „Viele unserer Leser vertrauen den kommerziellen Angebo­ten schlicht und einfach nicht, weil die wirtschaftlichen Zusam­men­hänge bzw. Abhäng­ig­keiten zwischen Con­tent-Industrie und Fach­­presse auf der Hand liegen. Genau hier sehe ich den größten Vor­teil der Spieleblogs ge­genüber den großen Spielemagazinen: Sie sind für viele Leser die glaubwürdigere Infor­mations­quelle.“

In die gleiche Kerbe schlägt Jörg Neißer, der mit fünf Co-Autoren das Blog Gamgea betreibt: „Online-Auftritte von Spielemaga­zinen sind meist sehr sachlich, News werden oft ohne zu hinterfragen von anderen Seiten ko­piert, schlicht falsche Inhalte an die Leser weitergegeben. Dies ist zum einen natürlich dem Fakt geschuldet, dass diese Magazine im­mer am Puls der Zeit sein müssen und zu je­dem noch so kleinen Schnipsel Information eine Mel­dung bringen müssen. Ganz einfach, um nicht in Punkto Aktualität gegenüber vergleichbaren Inhalten zurückzufallen.“ Gam­gea möchte es besser machen und sich durch „eine eigene Meinung, einen Charakter, Ehr­lichkeit und Sorgfalt“ auszeichnen, so Neißer. Dass dies ein steiniger Weg ist, gibt er unumwunden zu. Mit 55.000 Besuchern pro Monat ist das Blog im deutschsprachigen Internet ver­gleichsweise populär. Ein knappes Jahr lang war Gamgea Teil der schweizerischen Blog­­werk AG, die mehrere bekannte Seiten zu Technik- und Ar­beits­themen betreibt (neuerdings.com, imgriff.com). Nach unterschiedlichen Auffass­ungen über die inhaltliche Aus­rich­tung ist Gam­gea aber mittlerweile wieder unternehmensunabhängig, die einzige Ein­nah­­mequelle sind Google-Werbe­banner. „Der­­zeit versuchen wir uns in einer Nische zu platzieren und den bisher noch nicht so abgegrasten und zu­kunfts­trächtigen Markt der In­die- und Down­load-Spiele abzudecken“, sagt Neißer.

Testmuster bekommt Gamgea von fast allen Spielefirmen zugeschickt, besonders in­teressiert zeigen sich die Publisher von XBLA-, PSN- und Wiiware-Titeln. „Eine tolle Sache“ findet das Jörg Neißer. Ähnlich gute Erfah­rungen mit den Publishern hat auch Kristin Knillmann von Zockwork Orange gemacht, das im Oktober 2009 an den Start ging: „Wir werden derzeit insbesondere von Ubisoft und Nintendo unterstützt.“ Zockwork Orange hat eine etwas andere Philosophie als die Blogger von Polyneux: Die Texte sind kürzer, dafür gibt es mehr Netzfundstücke wie Trailer oder Link-Empfehlungen. „Der reguläre Internet­nutzer liest einfach keine langen Artikel im Web“, glaubt Knillmann. Trotz einigen Nach­hol­bedarfs sieht Knillmann die deutschsprachigen Gaming-Blogger im Aufwind: „Stän­dig entstehen neue Spieleblogs. Auch die be­reits bestehenden Blogs vernetzen sich immer mehr auf Sozialen Netzwerken. Darüber hin­aus gibt es immer häufiger Kulturveranstal­tungen mit Gaming-Bezug, z.B. den Spiele­entwicklertreff NRW, die Next Level Confe­rence oder das GamesCamp Cologne. Dort können sich Gamer und Blogger kennenlernen und eine Zusammenarbeit planen. Das stärkt na­türlich eine solche Szene.“

Wie viele Gaming-Blogs es mittlerweile im deutschsprachigen Internet gibt, darüber kann nur spekuliert werden – zumal sich viele Hobby-Blogs als Eintagsfliegen erweisen. Die Seite wikio.de listet in ihrem Ranking (wikio.de/blogs/top/gaming) allein 76 Sites auf – vom Senior Gamer („Deutschlands führendes Gamer-Blog für alte Säcke“) über das Nerd­weibchen bis hin zu zu Retropoly („Alles über die kultigen 80er und 90er“): Immer mehr Blogger suchen sich also ihre Nische, statt mit dem breiten Angebot der Spiele­ma­gazine zu konkurrieren. Gleichzeitig steigern sie ihre Aktivität bei Facebook und dem Kurz­nachrichtendienst Twitter. „Soziale Netzwer­ke sind eine Erweiterung des Bloggens“, sagt Kristin Knillmann, „sie können besonders schön eingesetzt werden, um das eigene Blog noch privater und zugänglicher zu gestalten.“

Das wachsende Heer der Gaming-Blogger stellt die Presseabteilungen der Publisher vor neue Herausforderungen. Nach wie vor liegt das Hauptaugenmerk der Spielefirmen aber auf den etablierten Zeitschriften und Por­talen. „Ich denke, dass klassische Games-Ma­gazine auch in Zukunft ihre Leserschaft ha­ben werden und daher relevant bleiben“, sagt Martin Lorber, PR Director von Electronic Arts. „Klar ist aber, dass Blogs an Bedeutung zunehmen.“ Blogger hätten zumeist andere Informationsbedürfnisse als Games-Maga­zine, berichtet Lorber. „Aber natürlich werden Blogs mit der gleichen Sorgfalt behandelt wie andere Magazine oder Portale auch.“ Elec­tronic Arts nutzt Blogs im übrigen selbst als Kommunikationsinstrument. Promi­nen­tes Beispiel ist das corporate blog „It’s in the game“ von Peter Moore: Der Chef von EA Sports berichtet über die Weiterentwicklung bekannter Franchises wie Fifa, Tiger Woods oder Madden NFL. Die Vorteile liegen auf der Hand: Erstens erhält die Unternehmenslinie einen persönlichen Anstrich, zweitens wird das Leserbedürfnis nach Prominenz bedient.

Auch das Blog dreisechzig.net hat einen pro­minenten Betreiber: den Spieleveteranen Boris Schneider-Johne, Spitzname „Kugel­blitz“. Der Xbox-Produktmanager, frühere Jour­­nalist und Spiele-Übersetzer (u.a. Ma­niac Mansion, Monkey Island 2) bloggt aber aus­schließlich aus „Mitteilungsdrang und Selbst­­darstellung“, wie er augenzwinkernd zu­gibt.

„Alles auf dreisechzig.net ist meine private Mei­nung. Sie widerspricht manchmal der Un­ternehmenslinie. Deswegen steht auf jeder Sei­te, daß es eben meine Privat-Ver­an­staltung ist“, sagt Schneider-Johne. Und er­gänzt: „Micro­soft hat sehr ausgewogene Richt­linien zum Bloggen der Angestellten ausgegeben. Mir ist wenig verboten. Im Wesentlichen geht es darum, keine Firmengeheimnisse auszuplaudern – das hat ja mit Bloggen per se nichts zu tun, das sollte ich auch nicht in Ge­sprächen oder Interviews.“ Um Missver­ständ­nissen und falschen Erwartungen vorzubeugen, hat Schneider-Johne eigens einen Menüpunkt „Gerüchte“ angelegt, unter dem er klarstellt: „Auf dieser Webseite werden, Xbox 360 betreffend, keine Gerüchte von mir kommentiert.“ Dennoch erhält er immer wieder Anfragen von Gamern und Journa­lis­ten, die dreisechzig.net für ein corporate blog halten: „Wenn Webseiten mit bezahlten Jour­nalisten dreisechzig.net als Microsoft-Meinung zitieren, werde ich sauer. Da hat jemand simpelste Haus­aufgaben nicht gemacht.“

In Schneider-Johnes Blog geht es keineswegs nur um Xbox-Themen, sondern auch Gadgets, Bücher, Filme und Musik. Zu kontroversen Themen wie Online-Embargos, Raubkopien oder Netzsperren nimmt er unverblümt Stellung. Der „Kugelblitz“ investiert in sein Privatvergnügen eine ganze Menge Zeit : „Es gibt Wochen da hänge ich zwanzig Stunden im Blog, gerade rund um Messen und An­kündigungen.“ Zum Schrei­ben der Blogposts kommt die Beantwortung der Leserkom­mentare – bei Aufregerthemen können schon mal 200 zusammenkommen. Schneider-Johne schätzt Twitter, weil es das Bloggen gut ergänzt: „140 Zeichen sind schnell geschrieben. Ein Link auf etwas, das mir gefallen hat, ist schnell verbreitet.“ Man müsse ja nicht immer tiefgründige Artikel schreiben.

Gaming-Blogs wie Polyneux, Gamgea, dreisechzig.net und Zockwork Orange zeigen: Die deutsche Szene wächst und gedeiht, und das mit durchaus unterschiedlichen Konzepten. Vom Frei­zeitvergnügen zur Professiona­li­sierung ist es noch ein weiter Weg, zumal die Konkurrenz durch etablierte Spielemagazine und englischsprachige Blogs sehr stark ist. (feh)