„Move vereint das Beste beider Welten“

Interview mit Shuhei Yoshida, President SCE Worldwide Studios

(Aus IGM 09/10) Die E3 2010 stand ganz im Zeichen der drei Firstpartys, und nicht zuletzt deren grundverschiedener Ansätze zur Bewegungssteuerung. Sony glaubt, mit Playstation Move das beste der drei Systeme in petto zu haben. Wir haben den Präsidenten der SCE Worldwide Studios zudem zum angeblichen 3D-Trend und zum Lebenszyklus der aktuellen Konsolen befragt.

IGM: Herr Yoshida, bald wird jede der drei Firstpartys ihre eigene Variante einer Bewe­gungssteuerung im Markt haben: Nintendo ihr schon längst veröffentlichtes WiiMotion Plus. Microsoft bringt Natal, das neuerdings Ki­nect heißt. Und Sony schickt Playstation Move ins Rennen. Also bekommt der Kunde überall ungefähr dasselbe?

Shuhei Yoshida: Nein, alle drei Ansätze sind verschieden. Natürlich ist Bewegungs­er­kennung das verbindende Element. Doch Play­station Move vereint das Beste beider Wel­ten: Zum einen optische Technologie über die Eye-Kamera, womit wir bereits eine große Erfahrung haben. Und zum anderen sehr präzise Sensoren im Motion Controller selbst. Diese Kombination ergibt die fortschrittlichste, präziseste und reaktionsschnellste Be­we­gungs­kennung. Die anderen Firstpartys gehen anders an die Sache heran, was man an den Spielen, die sie zeigen, sehen kann. Playstation Move erlaubt hingegen auch Core Games, de­ren Käufer sehr, sehr anspruchsvoll sind. Die E3-Besucher, die SOCOM 4 mit Move ausprobiert haben, waren begeistert darüber, wie viel Kontrolle sie beim Feuern hatten. Es fühlt sich realistischer an als mit dem Dualshock-Gamepad.

IGM: Uns überrascht allerdings der hohe Preispunkt, der für Move verkündet wurde. Gerundet 40 Euro für einen Move Controller, 30 Euro für den Navigation Companion. Da­zu 30 Euro für die Eye-Kamera, wenn man noch keine hat. Oder 60 Euro für ein Set aus einem Move Controller, EyeToy-Kamera und der Mini­spiel-Sammlung Sports Cham­pions. Wer also SOCOM 4 mit Move spielen möchte, zahlt zusätzlich zum Spiel 100 Euro für einmal Move nebst Navigation Controller und Ka­mera, wer zu zweit mit je zwei Move Con­trollern Sportspiele erleben möchte, zahlt fürs Set plus drei Zusatz-Controller stolze 150 Eu­ro. Das ist eine Menge Geld!

Shuhei Yoshida: Aber längst nicht alle Spiele benötigen so viele Controller. Die meisten kommen mit der Eye-Kamera und einem Move-Controller aus. Gerade das von Ihnen erwähnte Set stellt einen großartigen Gegen­wert dar! Und bei SOCOM 4 können Sie den Navigation Controller auch durch ein normales Dualshock ersetzen.

IGM: Microsoft hat bislang noch keine Aus­sage zum Preis von Kinect getroffen, auch wenn es Gerüchte gibt, die von 150 Dollar spre­chen. Sollte nun aber Kinect plötzlich zu einem geringeren Preis vertrieben werden als, sagen wir, Ihr Set und ein zweiter Move Con­troller – schließlich können mit Kinect gleich zwei Personen spielen –, wäre dann noch Luft in Ihrer Preisgestaltung, die 100 Euro deutlich zu unterbieten?

Shuhei Yoshida: Wir glauben, dass unsere Preise sehr gute Preise sind für die Konsu­men­ten. Ich glaube nicht, dass wir in dem von Ihnen skizzierten Fall unseren Preis ändern würden.

IGM: Es wurden sowohl in der Sony-Pres­se­konferenz als auch auf der E3 selbst mehrere Spiele in 3D präsentiert, es wurde betont, dass die PS3 „3D-ready“ ist. Aber wie groß ist denn eigentlich der Markt für 3D, es haben sich doch bislang nur eine verschwindend kleine Zahl von 3D-Fernsehern verkauft!

Shuhei Yoshida: Stimmt, Sony selbst hat erst kürzlich damit begonnen, die Bravia-3D-Modelle auszuliefern. Wenn wir von heute spre­chen, ist die installierte Basis an 3D-Fern­sehern sicherlich nahe null. Aber wir arbeiten eng mit unseren Kollegen von Sony sowie an­deren Fernsehherstellern zusammen, die ge­samte Unterhaltungselektronik-Industrie ist auf 3D fokussiert. Sony stellt 3D-Fernseher her und 3D-Spiele, die PS3 spielt aber auch 3D-Blu-rays ab. Und über das PSN können wir 3D-Patches zu bestehenden Produkten nach­liefern. Wir bieten also bereits das volle Sortiment in Sachen 3D – für Kunden, die nun nach und nach auf 3D-TVs upgraden werden.

IGM: Wir stimmen also darin überein, dass es heute noch keinen Markt für 3D-Spiele gibt. Wie viele Jahre wird es aus Ihrer Sicht dauern, bis sich das ändert?

Shuhei Yoshida: Es liegt alles an den In­halten. Wer Spiele liebt, hat bereits in den nächs­ten zwölf Monaten mit Titeln wie Gran Turismo 5 und Killzone 3 starke Gründe, um einen 3D-Fernseher zu kaufen. Das ist aber natürlich keine kleine Investition, deshalb dürf­ten die meisten Konsumenten abwarten, bis sie sowieso einen neuen Fernseher kaufen wollen. Und in der Zwischenzeit werden wir ja immer weiter Spiele herausbringen, die auch in 3D laufen können.

IGM: Bei typischen Neuanschaff­ungs­zyk­len von 10 Jahren bei Fernsehern haben Sie da aber einige Wartezeit vor sich. Wer sich also erst vor kurzem einen Bravia-HD-Fernseher gekauft hat, profitiert erst in etwa 10 Jahren von Ihrer 3D-Strategie?

Shuhei Yoshida: Das hängt vom jeweiligen Konsumenten ab, wir werden aber sicher mit unserer 3D-Strategie nicht wieder aufhören. Wenn Sie Spiele oder Filme in 3D ausprobieren, fühlt sich das sehr natürlich an. Nach ein paar Minuten vergessen Sie sogar, dass sie nun etwas in 3D erleben, es fühlt sich einfach so an, wie es sein soll. Also handelt es sich bei 3D-Spielen um eine natürliche Evolution. Es geht uns bei unseren Spielen immer darum, den Spieler in sie „hinein zu ziehen“, und da­bei hilft uns 3D.

IGM: Wenn Sie so interessiert an 3D sind, freuen Sie sich sicher auf den 3DS-Handheld von Nintendo, der es schafft, räumliche Sze­nen ganz ohne 3D-Spezialbrille zu erzeugen.

Shuhei Yoshida: Ich habe den 3DS noch nicht ausprobieren können, also kann ich nicht wirklich etwas zu dem 3D-Effekt sagen. Aber von dem 3D-Screen, den beiden Kame­ras und dem Analogstick abgesehen, scheinen mir die Verbesserungen im Vergleich zum be­stehenden DS recht zurückhaltend zu sein. Wie wertig das Gesamtpaket wird, können wir sowieso erst dann evaluieren, wenn Nin­ten­do Release-Termin und Preis des 3DS an­kündigt.

IGM: Die im Frühjahr erschienene PSP Go hatte einen sehr schweren Start…

Shuhei Yoshida: Wir haben eine Reihe von Problemen bei PSP Go festgestellt. Der Preis der PSP Go ist höher als der einer normalen PSP. Und die PSP Go richtet sich natürlich auch an bestehende PSP-Nutzer, und die ha­ben eine große Zahl von UMD-Spielen. Wir haben es nicht geschafft, ihnen die Konver­tie­rung ihrer Spielesammlung auf PSP Go zu er­möglichen.

IGM: Außerdem hat Sony der PSP Go – ge­nauso wie Nintendo ihrem DSi – keine 3G-Kon­nektivität geschenkt.

Shuhei Yoshida: Wir wollten doch kein Han­dy aus der PSP Go machen! 3G-Daten­über­tragung ist bis heute ziemlich teuer, und wenn die PSP Go nicht das Handy ersetzen soll, würde 3G ein zusätzliches Investment für unsere Kunden bedeuten. Demgegenüber be­sitzen viele Leute bereits WLAN in ihrem Zu­hause, ohne dass sie ein zusätzliches Invest­ment tätigen müssten.

IGM: Die E3 ließ klare Rückschlüsse auf die Strategie der drei Firstpartys zu: Nintendo schenkte Core Games mehr und Casual Ga­mes weniger Zeit, als in den letzten Jahren gewohnt. Microsoft hingegen hat Kinect nun – anders als bislang – ausschließlich in Verbin­dung mit Familienspielen präsentiert. Sony hin­gegen betonte ständig die Vielseitigkeit der Spiele, die Move unterstützen.

Shuhei Yoshida: Über die Strategie unserer Mit­bewerber kann ich natürlich nicht sicher urteilen, sondern nur meine Eindrücke wiedergeben. Meine Eindrücke decken sich weitgehend mit dem, was Sie gerade beschrieben haben. Nintendo ist von der Fachpresse in den letzten Jahren immer wieder kritisiert worden, nicht genug für die „Enthusiasten“ zu tun. Vielleicht haben sie das in den letzten Jah­ren erkannt und umgesetzt, und nun kommen Spiele heraus, die dem Rechnung tragen. Praktisch alle Spiele für Microsofts Kinect hier auf der E3 sind Casual-Spiele, und das ist er­staunlich, denn Microsoft sagt etwas ganz an­deres über Kinect. Wir wollten mit Move im­mer beide Gruppen von Spielern bedienen, und ich denke, das ist uns gelungen.

IGM: Ist denn noch Wachstum möglich im Core-Bereich?

Shuhei Yoshida: Absolut, der Core-Markt ist noch nicht ausgeschöpft. Selbstverständ­lich kam eine Menge Wachstum in den letzten Jahren aus dem Casual-Bereich. Aber die Co­re-Spieler waren immer da und waren immer die ersten, die auf Innovationen angesprungen sind.

IGM: Mit ihren Bewegungscontrollern verfolgen die drei Firstpartys ein gemeinsames Ziel: Der Lebenszyklus der aktuellen Konso­len soll damit verlängert werden. Dennoch: Wann beginnt der nächste Konsolenzyklus?

Shuhei Yoshida: Für Sony kann ich sagen: Wir haben PS3 klar als zukunftssichere Kon­sole konzipiert, und dank Cell-CPU und verwendeter Grafiklösung hat die PS3 immer noch stattliche Reserven bei der Rechen­leis­- t­ung. Die meisten Entwickler bestätigen das. Dass wir Move zum angekündigten Preis­punkt veröffentlichen können, liegt auch da­ran, dass die komplette Berechnung quasi ne­benbei von der PS3 angestellt wird. Zum Le­bens­zyklus haben wir seit Release der PS3 in 2006 gesagt: „10 Jahre“. Jetzt ist es 2010. Wir reden also von 2015 oder 2016 für die nächste Generation. (la)