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Magazin: editorial

Abstinenz

Lassen Sie mich über Abstinenzler sprechen. Nein, ich meine nicht die Burschen, die ihre letzte Pulle Eckes Edelkirsch einbetoniert und im Garten verbuddelt haben und auch nicht die Kollegen, die außer ihrem Kuschelteddy und aufblasbarem Plastik nichts und niemanden in ihr Heiabett lassen.

Die Rede ist von Abstinenzlern der Neuzeit, von Multimedia- und Messe-Enthaltsamkeit, von Karstadt und Nintendo.

Natürlich ist zur künftigen Abstinenz der Karstadtschen Multimedia-Abteilung schon alles gesagt worden (außer, dass ich mir mein 4711 Echt Kölnisch Mundspül-Wasser und meine langen Liebestöter-Unterhosen da jetzt aus Protest auch nicht mehr kaufen werde).

Und die Nintendosche gamescom-Abstinenz? Da wird eine to-do-list aus Kyoto in die Mailbox des Dr. Fakesch geflattert sein – und hinter gamescom 2012 stand halt ein rotes Kreuzchen.

So läuft das Spiel.

Da bringt es dann auch nichts, Ansagen dieser Art zu retournieren, frei nach dem Motto: „Hier in Großostheim treffe ich die Entscheidungen, und überhaupt werden wir Euch nie wieder mit aufs Oktoberfest nehmen oder Bockwurst aus der Dose als original Thüringer Rostbratwurst unterjubeln“.

Feedback wie dieses würde in Kyoto nur für Verärgerung sorgen.

Und wenn die Japaner erst einmal verärgert sind, dann gibt es kein Halten mehr. Dann wird sich zwar immer noch verbeugt (obwohl man genau weiß, dass dich dein Gegenüber am liebsten in den Allerwertesten treten will), nein, dann wird ein Mittagessen mit Peter Hartz spendiert und Aus die Maus.

Was ich damit sagen will: Mütter bleiben eben Mütter, egal ob sie im Land des Lächelns oder aber in Übersee thronen. Und was Mütter sagen, das wird getan.

Da hilft es herzlich wenig, dass man sich hierzulande zu einem Verband zusammen geschlossen hat, der 80 Prozent des deutschen Marktes für Computer- und Videospiele repräsentiert, die wahren Entscheidungsgewalten aber tausende von Kilometern entfernt liegen.

Diese Tatsache hat auch BIU-Chef Dr. Schenk zu akzeptieren. Der soll übrigens ein Guter sein. Ein sehr Guter sogar. Wurde mir zugetragen. Was ich bestätigen kann (allein aufgrund eines Telefonates): Ja, er ist sympathisch, und ja, er scheint was auf dem Kasten zu haben. Ein intelligenter Mann am rechten Platz, der hoffentlich nicht bereits wieder in einem halben Jahr die Segel streicht, weil er die Gamesbranche, ihre Eigenarten und diese permanente Uneinigkeit und Unprofessionalität satt hat.

Dennoch gibt es von meiner Seite eine (vergleichsweise kleine) Breitseite:

Dass Karstadt sein Multimedia-Sortiment aus dem Fenster schmeißt (und noch nicht einmal jemand darunter steht, um den nicht mehr konkurrenzfähigen Kram wieder zusammen zu löten), wäre meines Erachtens ein BIU-Statement wert gewesen. Karstadt fällt stellvertretend für die Warenhaus-Landschaft als multimedial-physischer Vertriebskanal weg.

Das ist eine Hausnummer, derer sich auch der BIU via PM hätte annehmen können.

Selbiges gilt für die gamescom-Absage seitens Nintendo, die ja noch nicht einmal von Nintendo selbst kam, sondern als erstes via Blitz- und Donner-Rundmail von den Kollegen vom Gamesmarkt kundgetan wurde.
Mit Verlaub: Nintendo ist BIU-Mitglied, und die Rechte an der Marke gamescom gehören dem Verband.

Etwas mehr interne Kommunikation zwischen dem BIU und seinen Mitgliedern wäre hier wünschenswert gewesen. Inklusive einer Mitteilung mit allen Hintergründen der Absage der diesjährigen Messeteilnahme.
So bleibt ein fader Beigeschmack.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass ein bis zwei weitere BIU-Mitglieder dem Ruf nach Köln auch nicht folgen werden. 

Das würde dann die ehedem getroffene Entscheidung des BIU, die „Gesamtbranche“ in die Domstadt zu holen, konterkarieren. Eine BIU-Messe ohne das Gros der BIU-Mitglieder wäre eine Farce – trotz Verschiebung hin zu den Bubble Bubble-Ausstellern dieser Welt und trotz Marionettendasein der deutschen Publisher-Niederlassungen.

Ich hätte mir eine multimediale Kernsanierung und Neuausrichtung bei Karstadt gewünscht. Und ich hätte mir eine Teilnahme aller BIU-Mitglieder in Köln gewünscht. Ein Nicht-Erscheinen schadet nicht allein der Messe, sondern vor allem der Gesamtbranche.

Abstinenz ist keine Tugend.

-- Marius Hopp