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Magazin: editorial

Analysten

PC-Spiele sind tot. Nintendo hat mit dem 3DS versagt. Die PSP floppte. Wii U ist gar keine Next-Gen-Konsole. 3D ist bereits schon wieder am Ende. Kinect und Move sowieso. Die PS Vita wird gegen Smartphones keine Chance haben. Die aktuelle Konsolengeneration ist veraltet. Casual Games ist nur ein Modewort.

Mit anderen Worten: Alles wie immer.

Der Blätterwald lebt von Schlagzeilen dieser Art. Und das Internet multipliziert sie in Windeseile. Ich verspreche Ihnen: Wenn ich heute poste, dass der Xbox-360-Nachfolger den schmucken Namen „Fuzzikato“ tragen wird und mich dabei auf eine Glaskugel-Session von drei alkoholisierten Analysten aus Alabama berufe, wird google das in die unendlichen Weiten des digitalen Schwachsinns tragen.

Da wird dann nicht mehr recherchiert und hinterfragt. Nein, da wird via copy & paste auf Teufel komm raus und 1:1 übernommen, was da gerade durchs World Wide Waiting geistert.

Besonders gern genommen sind Orakelsprüche erwähnter Analysten. Wie der Name bereits vermuten lässt, basieren die geistigen Ergüsse dieses Berufszweiges auf fundierten Analysen.

Da ist man dann als Journalist auf der sicheren Seite und leitet Meldungen mit analytischem Hintergrund nur allzu gerne weiter – insbesondere dann, wenn sie reißerischer Natur sind und das Ende bzw. gerne auch mal den Tod von was auch immer vorhersagen.

Seltsam nur, dass Voraussagen dieser Art ausschließlich kernig formuliert sind. Wer sich Gehör verschaffen will, der muss halt zu besonderen Mitteln greifen.
Denn was wäre ein Analyst, wenn sich kein Schwein für seinen Schmonsens interessiert und der beste Freund des Analysten – der Journalist – ihn aufgrund mangelnder Schärfe in den digitalen Papierkorb knüllt?
Ein vorsichtiger Konjunktiv etwa wäre da komplett fehl am Platz. Angst und Schrecken zu verbreiten, macht da schon mehr Sinn. Schwupps sind 5 Millionen Klicks im Sack, und die eigene Profilneurose erstrahlt in neuem Glanz.

Schade nur, dass sich an diesem Szenario wohl nie etwas ändern wird. Es liegt in der Natur insbesondere des Deutschen, dass er sich eher für Meldungen wie „Deutscher Schäferhund von albanischem Kleinwagen angefahren“ interessiert, als dass er „Hungersnot in Somalia breitet sich aus“ anklickt. Am Hunger in dieser Welt kann man ja eh nichts ändern, aber in Albanien könnte man jedenfalls einmarschieren.

Die Bild-Zeitung funktioniert nach diesem Prinzip. Und wie wir alle wissen, ist deren Auflage nicht gerade gering.

Auch (und gerade) in der Gamesbranche sind Orakel, Gerüchte, Prognosen und wirres Geschwätz an der Tagesordnung.

Die letzte Woche erschienene PS Vita etwa wird es wirklich schwer haben, sich gegen Smartphones (was für ein Vergleich!) zu behaupten. Besser gesagt wird sie keine Chance haben. Ach, was rede ich, das Teil ist bereits tot. In Japan haben sich seit Launch läppische 600.000 Geräte verkauft.

Ich sehe bereits die Schlagzeilen vor meinem geistigen Auge vorbeihuschen: „PS Vita vom Markt genommen. Andrew House verhaftet“.

Nicht vergessen sollten wir bei diesem Irrsinn, dass es Hardwarehersteller wie Sony, Microsoft und Nintendo sind, die das Geschäft mit Games seit Jahrzehnten beleben und leben lassen – und nicht Samsung, LG und Motorola.

Aber wenn wir ehrlich sind, wollen wir Meldungen wie „Sony belebt mit PS Vita den Markt“ gar nicht lesen.
Mit dem vorschnell prognostizierten Ableben einer Hardware indes lassen sich Klicks sammeln und Kohle scheffeln.

Journalisten wissen das. Und Analysten auch.

Schade eigentlich.

-- Marius Hopp