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Magazin: editorial

Bemerkenswert

Der BIU ließ uns im März wissen, dass „neue Konsolen Wachstumsmotor für den Markt“ seien – und zwar „trotz steigender Lebenshaltungskosten“ und einer „zuletzt schwächeren Konjunktur“. Das im Auftrag des BIU durch die GfK befragte Konsumentenpanel 2013 sei zudem repräsentativ.

Ich fand das bemerkenswert.
Also nahm ich mir die Zeit und las die Pressemitteilung von A bis Z durch. Gleich zu Beginn bekam ich rote Bäckchen (also Wangen), da der Chef unser aller Interessenvertretung, Dr. Maximilian Schenk, das gemeine Volk wissen ließ:
„Computer- und Videospiele erfreuen sich zunehmender Beliebtheit“.
Na, da entkorkt man doch gerne mal einen guten Tropfen.
Weiter heißt es im O-Ton:
„Die Computer- und Videospielbranche setzt ein Zeichen in der Medienlandschaft.“
Jawollja. Zeichen setzen ist immer gut. Der Medienlandschaft mal zeigen, wo der Hammer hängt! Die DVD-Fuzzis und das andere Gesocks in die Schranken weisen. Wer ist hier Herr im Haus? Na, wir. Ist doch klar!
Und weil wir gerade so schön anstoßen, geht’s unvermittelt weiter:
„Das digitale Spiel entwickelt sich zunehmend zum Leitmedium der digitalen Kultur.“
Sauber. Da simma dabei, dat is prima! Viva Gamesbranchia! Wir sind der Leitwolf im Rudel der Bekloppten. Wir geben den Weg vor. Wir sind der erste in der Polonäse Blankenese. Wir sind der Gottlieb Wendehals des kulturellen 1 mal 1 ...
So, nun nehmen Sie Ihrem Kollegen erst einmal die Hände von den Schultern, es wird ja noch viel besser!
Denn:
„Während sich in anderen Ländern der Verkauf von Computer- und Videospielen immer stärker auf den Download-Bereich verlagert, blieben die Deutschen auch im Jahr 2013 dem Einzelhandel treu“.
Saaaagenhaft! Das sind eben wir Deutschen. Wir lassen unseren Einzelhandel nicht im Stich. Niemals! Die Franzosen, die Amis, die Russen: Alle loaden sich um Kopf und Kragen. Wir nicht! Wir stehen wie ein Mann vor dem Schlecker. Ob der nun pleite ist oder nicht: Wir stehen geschlossen davor und wollen verdammt nochmal diesen Fön für 39,99, den es bei amazon bereits seit Jahren für die Hälfte gibt!
Die Schattenseiten der BIU‘schen Depesche möchte ich dennoch nicht verhehlen:
„Browserspiele verzeichneten im Jahr 2013 einen Nutzerzuwachs von vier Prozent auf insgesamt 11,6 Millionen Spieler.“
Nun. Man weiß ja nie, wer sich da so alles zufällig einloggt bzw. auf Irrwegen auf diese Seiten gelotst wird. Außerdem sind 11,6 Millionen Spieler doch nun wirklich vernach-lässigungswürdig. Allein die Goodgame Studios haben zwölf Trilliarden User (und zwar täglich). Und Fishlabs kommt unter neuem Namen auch demnächst wieder um die Ecke. Dann können Sie das Ganze getrost mal 96 nehmen!
Warum nun maße ich mir an, eine vom BIU in Auftrag gegebene „Repräsentativbefragung unter 25.000 Deutschen“ zu karikieren?
Weil ich die Realität kenne. Weil ich von Natur aus skeptisch bin. Weil ich an der Basis arbeite. Weil ich tagtäglich mit den Protagonisten spreche. Mit Industriellen, mit Groß- und Einzelhändlern, mit allen, die die Gamesbranche an sich ausmachen. Und fast alle von denen haben derzeit mehr als hart zu kämpfen. Aber sowas von. Denen geht es nicht darum, „Zeichen zu setzen“, ein „Leitmedium“ darzustellen oder sich von Sätzen wie „wir bleiben dem Einzelhandel treu“ blenden zu lassen. Denen geht es um die Existenz, ums nackte Überleben.
Der BIU meint: „Die Computer- und Videospielbranche sorgt mit Produktinnovationen für stabile Marktverhältnisse“.
Laut Duden besagt das Wort „stabil“:
„Widerstandsfähig. Kräftig. Nicht anfällig.“
Bemerkenswert ...