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Magazin: editorial

Party ohne Gastgeber

Die gamescom öffnet erst in knapp drei Monaten ihre Pforten und ist bereits dieser Tage in aller Munde. Wirklich freuen kann man sich in Köln darüber nicht. Wer frohlockt schon, wenn man zu einer Party einlädt und geladene Gäste – bzw. Teile der Gastgeberschaft selbst –kurzerhand absagen. Da fehlt dann das nötige Kleingeld für die Spritkosten (THQ), das Geschenk war noch nicht lieferbar (Nintendo) oder aber man hatte einfach nichts, was es zu verschenken gäbe (Sega).

Die gamescom hat auf diese Absagen gelassen reagiert. „Temporäre Aussetzer“ dieser Art seien im Messegeschäft normal, „weltweit in ihren Segmenten führende Unternehmen“ seien ja dabei, und sowieso werde man die Messe „entsprechend der Marktentwicklung auch in Zukunft weiterentwickeln“ und „die jeweiligen Teilmärkte hochwertig abbilden“.

Was soll er auch sagen, der Tim Endres, als Projektmanager für das Wohl und Wehe der gamescom verantwortlich. Kritik an einer Branche zu üben, welche als Rechteinhaber an der Marke gamescom uuuuuunbedingt von Leipzig nach Köln wollte, um endlich in einer wahren Medienmetropole die Hard- und Software-Flaggen zu hissen, wäre auch vermessen.

Also tut die gamescom das, was sie kann und was ihr Auftrag ist. Sie reist um die Welt, um internationales Publikum nach Köln zu locken, sie bietet mehr Fläche an und streckt ihre Fühler nach jedem Unternehmen aus, das auch nur annähernd Begriffe wie „Mobile“, „Online“ oder „Interactive“ im Namenszug trägt. Und ja: Die gamescom zieht die Preise an, wohl wissend, dass es sich innerhalb der Kooperation mit dem BIU nicht um eine never ending story handelt und man irgendwann einmal auch 5,50 Euro auf der Habenseite verbuchen will.

Der gamescom ist es auch völlig wurscht, wer sich da ausstellerseitig so alles in den Hallen tummelt. Ob nun ein Nintendo ganze Hallen mietet oder ein Bigpoint, spielt eine untergeordnete Rolle. Und ob nun ein Mario und Sonic in Lebensgröße durch die Hallen turnen oder aber irgendwelche Angry Birds von der Decke baumeln, ist auch eher sekundär.

Letztlich muss einfach verstanden werden, dass es DIE Gamesbranche im herkömmlichen Sinn einfach nicht mehr gibt. Wenn der BIU mit seinen dreizehn Mitgliedern 80% der Branche abbilden will, wie viel von einer Branche sehen wir dann in Köln, wenn (Stand heute) drei von ihnen gar nicht erst erscheinen?

Was, wenn im nächsten Jahr auch ein Sony oder Microsoft dankend abwinken und stattdessen lieber ein paar Konsölchen in LKWs verfrachten und damit von Meppen nach Bietigheim knattern? In Köln daheim, in der Welt zu Hause. Der BIU hat es sich damals so schön ausgemalt, dabei aber leider eine Weitsicht vermissen lassen, die zwanghaft vonnöten gewesen wäre. Kosten sind explodiert, die Spielgewohnheiten der Konsumenten haben sich verschoben, und die Bilanzen sind tiefrot.

Leipzig konnte man noch aus der Portokasse bezahlen. Köln nicht.
Wer wollte denn zwanghaft in den August? Und wer hat jetzt im August produktseitig nichts zu bieten?
Die gamescom hat bereits ihre Schlüsse gezogen. Wie sagte Tim Endres so schön: „Entsprechend der Marktentwicklung“ werde man die Messe weiterentwickeln. Übersetzt heißt das: Liebe Nintendos dieser Welt: Wir können auch ohne euch.

Eine Fehleinschätzung.

Denn sollten sich tatsächlich weitere BIU-Mitglieder mit physischem Produkt ihrer „Messeverpflichtung“ entziehen, entzöge das der gamescom die Grundlage. Der Faktor „Ordermesse“ entfiele komplett, und eine Ausrichtung als reine Consumermesse für die Online-Unternehmen dieser Welt wäre absurd.
Online kann ich überall. Dafür muss ich nicht nach Köln. Die Games Convention Online weiß, wovon ich spreche.

Vor allem die BIU-Mitglieder haben dieser Tage somit die Aufgabe, sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie es mit der gamescom, wie es mit dem Games-Standort Deutschland, weitergehen soll.

Eine EA-Hausmesse hilft niemandem.

Und wer quasi als Gastgeber auf seiner eigenen Party nicht erscheint, der sollte sich nicht wundern, wenn beim nächsten Mal keine Gäste mehr kommen.

-- Marius Hopp