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Magazin: editorial

Symbole

Ich frage mich, wer auf die grandiose Idee gekommen ist, die künftig mögliche Anwendung der Sozialadäquanzklausel in Games als Erfolg – als wichtigen Schritt für das Kulturmedium Games in Deutschland – zu werten. Endlich gleichberechtigt sei man nun und könne „ohne Ausnahmen am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen.“ Der Implementierung des Hakenkreuzes in digitalen Spielen sei Dank?

Ich zitiere game-Chef Felix Falk: „Als Games-Branche sehen wir mit Sorge die Tendenzen zu Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung. Wir stehen klar zu einer offenen und integrativen Gesellschaft, den Werten des Grundgesetzes und der historischen Verantwortung Deutschlands. Viele Spiele von engagierten und kreativen Entwicklerinnen und Entwicklern behandeln schwierige Themen wie die Zeit des Nationalsozialismus und gehen damit sehr verantwortungsvoll, kritisch und zum Nachdenken anregend um. Insbesondere Games tragen auf einzigartige Weise durch ihre Interaktivität zur Reflektion und Auseinandersetzung bei und erreichen wie kein anderes Medium auch junge Generationen.“

Der game liegt hier in meinen Augen falsch. Es gibt in Deutschland keine Tendenzen zu Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung. Vielmehr sind in Deutschland Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung an der Tagesordnung. Auch haben wir keine rein historische Verantwortung. Wir haben vor allem eine gegenwärtige und zukünftige Verantwortung.

Die Zeit des Nationalsozialismus als „schwieriges Thema“ zu bezeichnen, lässt mich als studierten Geschichtswissenschaftler erschaudern. Wer sich mit der Zeit zwischen die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg im Jahre 1933 – der sogenannten Machtergreifung – und dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 auseinandersetzt, der erkennt eine von Hass, Angst und Verrat geprägte Zeit, eine Zeit des millionenfachen Mordens.

Den Satz „Insbesondere Games tragen auf einzigartige Weise durch ihre Interaktivität zur Reflektion und Auseinandersetzung bei“, unterstreiche ich. Allerdings nicht im Kontext mit der Sozialadäquanzklausel. Denn was genau bewirkt die rein faktische Darstellung beispielsweise eines Hakenkreuzes in Games? Genau: Erst einmal nichts. Das Hakenkreuz ist ein Symbol, das gezeigt wird. Punkt. Wofür stand dieses Symbol? Für welche Werte stand der Träger einer Hakenkreuzarmbinde ein? Was geschah unter dem Banner des Hakenkreuzes?

Diese Fragen wird ein Computerspiel nicht beantworten können. Es wird die reine Symbolik zeigen, aber damit bei weitem nicht „zum Nachdenken“ anregen, wie es der game-Verband formuliert.

Denn der Schritt, der dafür nötig wäre, wird für digitale Spiele nicht gangbar sein. Kein Spiel wird seinen Schauplatz in ein Konzentrationslager verlegen, kein Spiel wird Gaskammern zeigen, in denen der Spieler interagieren kann, kein Spiel wird Massenmord mit dem Hakenkreuz in Verbindung setzen und es „Arbeit macht frei“ nennen. „Heil Hitler“ wird man in Spielen eher selten hören.

Und: Man wird den „Kühnengruß“ nicht sehen, auch keine Symbole von  „Junge Front“ (JF), „Nationaler Block“ (NB) oder „Heimattreue Vereinigung Deutschlands“ (HVD). Die Sozialadäquanzklausel bezieht sich ja nicht allein auf das Hakenkreuz, siehe § 86 Abs. 3 StGB.

Gewiss: Hier würde die USK auch einschreiten.

Aber warum eigentlich?

Steht Symbolik über der geschichtlichen Realität?

Reicht es wirklich aus, als Gamesbranche stolz heraus zu posaunen, dass man jetzt „endlich gleichberechtigt“ sei? Ist unser Ego wirklich so klein, dass wir nicht erdulden können, dass in Filmen Nazi-Symbole gezeigt werden dürfen, bei uns aber nicht?

Man setzt sich nicht mit der Geschichte auseinander, indem man Symbole zeigt.

Hinter den Symbolen verbirgt sich Geschichte.

Wer „am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen“ möchte, muss das begreifen.

Der auf Bundesebene für die geplante Games-Förderung zuständige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) vom Bundesverkehrsministerium (BMVI) wird jetzt ganz genau hinschauen, für wen er da die vom game-Verband geforderten 50 Millionen Euro locker machen soll. [Marius Hopp]