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Magazin: interview

Copyright Basis-Bild: Copictures/GameOn

Ambitioniert und äußerst vital

Gamescom, E3, Tokyo Game Show, Paris Games Week: Beim Stichwort "Spielemessen" fallen einem meist diese vier Namen ein. Doch natürlich gibt es noch viele andere aufstrebende Expos, die einen Besuch wert sind. Gerade in Osteuropa tut sich diesbezüglich einiges. Prominentes Beispiel: die GameOn in der litauischen Hauptstadt Vilnius. IGM hat sich vor Ort umgeschaut und Besucher befragt.
Spannung liegt in der Luft, als Austin Wintory die Bühne betritt. Der Komponist des berühmten Journey-Soundtracks trägt heute Schwarz: Er dirigiert das Video Game Orchestra, das bei der GameOn auftritt. Das rund zweistündige Konzert war der Höhepunkt der Spielemesse in Vilnius. Am 16. und 17. September kamen hier rund 16.000 Fans und Fachbesucher zusammen, um Games zu feiern und Geschäfte einzufädeln. Mehr als tausend Besucher kamen am Messesamstag in die Konzerthalle, um Wintory und Kollegen zu lauschen.

Die GameOn fand bereits zum dritten Mal statt. Von einer übergroßen LAN-Party im Jahre 2015 hat sie sich zur größten Consumer-Messe der baltischen Staaten entwickelt. Zwar fehlen noch die ganz großen Namen der Branche, denn Publisher wie Sony, Microsoft, EA oder Activision haben hier noch keine eigenen Stände. Doch mit Sponsoren wie Samsung, LG und der litauischen Elektromarktkette Topocentras sind bereits einige Schwergewichte an Bord. Die GameOn findet auf dem LitExpo-Gelände in Vilnius statt; mit rund 11.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche war sie dieses Jahr noch recht übersichtlich, dürfte aber in den kommenden Jahren wachsen. "Die meisten unserer Besucher sind natürlich aus Litauen. Besonders in Lettland wächst aber das Interesse", berichtet Messe-Organisator Arturas Rumiancevas vom litauischen Konzern Telesoftas. Auch aus Estland und Weißrussland kämen immer mehr Besucher.

Sieben Bühnen
Auf insgesamt sieben Bühnen veranstaltete die GameOn ein abwechslungsreiches Programm, das von eSport-Turnieren (League of Legends, Overwatch, CS) über Cosplay-Wettbewerbe bis hin zu einer eigenen Entwicklerkonferenz reichte. Der Ticketpreis lag im Vorverkauf bei 12 Euro für eine Tageskarte und 19 Euro für zwei Tage; ein sogenanntes Fan-Ticket kostete 37 Euro und schloss den Konzertbesuch ein. Familien, die von den GameOn-Organisatoren besonders angesprochen werden, zahlten 24 Euro pro Ticket.

Das Organisationsteam um Artur Rumiancevas besteht aus gerade mal fünf Personen, die das ganze Jahr über mit der Messe beschäftigt sind. Zum Event selbst rekrutieren sie nicht nur hunderte freiwillige Helfer, sondern auch bekannte Persönlichkeiten aus der Cosplay- und Blogger-Szene. "Über das Jahr hinweg haben wir verschiedene Events. Wir gehen auch an Schulen in ländlichen Gebieten und stellen unsere Branche vor", berichtet Rumiancevas. Auch die GameOn selbst bietet nicht nur puren Konsum, sondern auch zahlreiche Mitmach-Events wie etwa Programmier-Workshops für Kinder: Die Messe hat zudem einen edukativen Anspruch. Rumiancevas ist aber vor allem wichtig, internationale Firmen nach Vilnius zu locken. "Wir sind sehr glücklich darüber, einige Publisher hierhergebracht zu haben", sagt er. "Das ermöglicht unseren Entwicklern, mit ihnen über mögliche Partnerschaften zu sprechen. Dieses Jahr haben wir drei ausländische Publisher zu Gast: die Wargaming Alliance aus Weißrussland, Klabater aus Polen und Versus Evil aus den USA." Zu den wichtigsten heimischen Firmen auf der Messe zählten Nordcurrent, Sneaky Box und TutoToons. Aus dem osteuropäisch-baltischen Raum war beispielsweise Housemarque vor Ort, deren Vertreter auch Vorträge bei der Entwicklerkonferenz hielten.

Schlendert man über das Messegelände, so kommt einem die GameOn doch sehr übersichtlich vor. Rechts liegt die Haupthalle mit den Hardware-Herstellern und Indie-Studios, direkt davor ein kompakter Bau, der die Entwicklerkonferenz beherbergt. Das Ganze ist über einen verglasten Gang mit zwei weiteren Gebäuden verbunden, in denen sich diverse Publisher, Merchandise-Händler, Cosplayer und auch die Presse tummeln. Auf der linken Seite des Messegeländes wiederum liegt der Gebäudekomplex mit eSports, Live-Stage, Kino und Konzerthalle. Auf dem zentralen Platz der GameOn haben sich etliche Imbissbudenbetreiber und auch der eine oder andere Übertragungswagen breit gemacht. Hier ist die Messe über viel los – außer phasenweise am Sonntag – des starken Regens wegen.

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Sehr glücklich darüber, einige Publisher hierher gebracht zu haben
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Das Publikum ist im Durchschnitt deutlich jünger als etwa bei der gamescom, man sieht viele Kinder mit ihren Eltern. Interessant: Anders als bei der gamescom gibt es hier keinerlei Jugendschutzmaßnahmen – selbst USK-18-Titel wie Playerunknown's Battlegrounds laufen nicht hinter verschlossenen Türen.

Organisches Wachstum
Insgesamt macht die Messe den Eindruck, sich organisatorisch noch ein bisschen finden zu müssen. Und tatsächlich ist ihr Wachstum sehr organisch. "GameOn war als Marke ursprünglich auf den litauischen Entwicklerverband beschränkt und richtete sich nur an Spieleentwickler", erzählt Algirdas Stonys. "Im Jahr 2015 entschieden wir dann, daraus auch ein B2C-Event zu machen – mit Messe, eSports und Konferenzen. Seitdem ist es kontinuierlich gewachsen und ist jetzt eine vollkommen selbstständige Geschäftsabteilung von Telesoftas." Stonys selbst ist Gründer und CEO von Telesoftas, einer Software-Firma mit 200 Mitarbeitern in aller Welt. "Gaming ist unsere Leidenschaft. Bei Telesoftas finden zwecks Teambuilding viele LAN-Parties statt. Wir entwickeln auch selbst Games", berichtet der CEO stolz. Und nennt schon seine Pläne für die Zukunft des Events: "Wir werden aus GameOn ein selbstständiges Unternehmen machen, in das Telesoftas weiter investiert." Auch wenn große Publisher 2017 hier noch keine eigenen Stände hatten, waren sie durchaus präsent: Sony als Partner von Topocentras mit rund 50 PS4-Konsolen, Microsoft als Gold-Partner von Telesoftas. Die Hauptsponsoren der Messe, Topocentras und LG, hatten auf der GameOn Stände zwischen 100 und 200 Quadratmetern. Zu den weiteren Sponsonren zählten unter anderem das Studio Nordcurrent und die Hardware-Anbieter Inida, HyperX sowie Republic of Gamers.

LG veranstaltet auf der GameOn ein großes League-of-Legends-Turnier. "Wir promoten hier vor allem unser Gaming-Konzept: das Spielen auf Ultrawide-Monitoren mit dem Seitenverhältnis 21:9. Mit dem field of view kann man gut sehen, was um einen herum passiert", sagt Pawel Gusiew, Trade Marketing Manager bei LG. "Wir waren schon ganz am Anfang dabei, als GameOn nur eine Idee von passionierten Litauern war." Die LG-Niederlassung befindet sich im lettischen Riga, von dort aus kümmern sich die Mitarbeiter um alle drei baltischen Staaten. Dabei geht es nicht nur um Games-Monitore, sondern unter anderem auch  um Projekten, TV-Geräte, Weiße Ware und Klimaanlagen. "Die baltischen Länder sind zwar klein, aber vital", beschreibt Gusiew die hiesige Games-Branche. "Eine Zeitlang sah es so aus, als würde die PC-Sparte aussterben, als würden die Kunden auf Laptops wechseln. Aber dann begann der Aufschwung des eSports mit immer mehr Events und Turnieren." Dem trägt auch LG auf der GameOn Rechnung – und präsentiert dabei Monitore zwischen 100 und rund 1500 Euro.

Letten in Litauen
Keine 20 Meter von LG hat die lettische Games-Branche ihren Messestand. "Im ersten Jahr hatten wir unseren Stand noch in der Indie Booth Arena", erzählt der Verbandsvorsitzende Elviss Strazdiņš. "2016 wollten dann schon viel mehr Mitglieder der Latvian Game Developers Association an der GameOn teilnehmen. Die Messe hat uns dafür zwar keinen Rabatt, aber einen separaten Stand gegeben – so wie auch dieses Jahr." Strazdiņš ist nicht nur als Verbandsvorsitzender hier – er präsentiert auch das Platform-Spiel Bearslayer seines eigene Studios Bool Games. "Dieses Event ist großartig", schwärmt er. "Es kommen jede Menge Leute, und wir erleben, wie sie unsere Spiele ausprobieren. Wir können unsere Spiele vermarkten und unsere Zielgruppen erweitern." Bearslayer war auch für das Finale des Indie-Wettbewerbs nominiert, den die Wargaming Alliance sponserte.

Šarūnas Mackonis steht an einem Tresen mit einer gemütlichen Sitzecke. "Unser Stand ist hauptsächlich eine Lounge, die zeigen soll, dass es eine Lithuanian Game Developers Association gibt", so der LGDA-Sprecher. "Wir wollten Besuchern vor allem einen Treffpunkt bieten – schließlich ist eines unserer Hauptziele, Entwickler und Studios zusammenzubringen." Zu den Vereinsmitgliedern zählen litauische Indie-Studios wie Nordcurrent, TutoToons, Sneaky Box, On-5, Pixel Punch und Tag of Joy; derzeit hat der Verein 15 Mitgliedsunternehmen und 50 bis 60 Einzelmitglieder. Games zeigt die LGDA auf der GameOn auch: Zum Beispiel das abstrakte Denkspiel Pyro Mind (Steam, Google Play). Gleich nebenan hat die Stadt Kaunas ihren Stand aufgebaut. "Wir zeigen, was die Informatik-Fakultät der Technischen Universität Kaunas mit Virtual Reality macht", so KTU-Dozent Andrius Paulauskas. "Mit einem unserer VR-Programme können Nutzer in einem Paraglider über die Stadt Kaunas fliegen. Mit einem anderen können sie Ski fahren." Präsentiert werden außerdem Shooter, ein Architektur-Programm und eine AR-Software, die Street Art in Kaunas um neue Details erweitert. "Wir wollte zeigen, dass Kaunas eine Stadt für Spielentwickler-Start-ups ist", sagt Paulauskas. "Viele erfolgreiche Studios wurden von ehemaligen Studierenden der KTU gegründet."

Impro-Kunst
Auch die internationalen Besucher sind von der GameOn begeistert. "Ich war schon auf vielen Conventions und Konferenzen, und jede von ihnen hatte ihre ganz eigene Atmosphäre", erzählt Austin Wintory, der hier auch mit Angela Bermúdez ein improvisiertes Musizieren-und-Malen-Event veranstaltet. "Bei dieser Messe hier gefällt mir besonders gut, dass sie die Balance findet zwischen unserer etwas intimen Show, dem gestrigen Konzert, das ein bisschen Spektakel war, und sehr viel größeren Spektakeln wie zum Beispiel eSport-Wettbewerben. Die meisten Messen würden an diesem Balance-Akt scheitern."

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Entwickler und Studios zusammen­-bringen
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Wintory und Bermúdez hatten auf der GameOn zudem einen eigenen Stand, an dem sie Drucke, Fotos und CDs verkauften. Auch Stefan Köhler gefällt die GameOn gut. "Sie ist sichtbar größer geworden, es ist ja eine neue Halle dazugekommen", so der GameStar.de-Redakteur, der in Vilnius lebt. "Mir gefällt dieser Festival-Charakter. Das ist natürlich eine kleine, lokale Messe für die Litauer und die anderen baltischen Staaten. Es geht hier nicht darum, neue Titel zu zeigen, sondern sich an denen zu erfreuen, die es bereits gibt." Köhler nennt Counter-Strike, Playerunknown's Battlegrounds, Heroes of the Storm, Overwatch, League of Legends und Destiny 2 als Highlights. "Die Leute kommen her und haben Spaß zusammen, es sind Cosplayer da, es ist natürlich auch Media Business da, viel B2B im Hintergrund. Aber für die meisten, die hier herkommen, ist es ein Festival." Köhler glaubt, dass die Anwesenheit großer Publisher der GameOn nochmals einen deutlichen Schub geben könnte.

Rebecca Lautner vertritt auf der GameOn das Netzwerk BerlinBalticNordic von media:net berlinbrandenburg. "Arturas Rumiancevas ist auf uns aufmerksam geworden und hat uns eingeladen. Erst durch Gespräche mit ihm wurde mir bewusst, dass es hier eine sehr große Gaming-Szene gibt, die immer weiter wächst", so Lautner. Ein weiterer Teilnahmegrund sei gewesen, sich in der hiesigen Start-up-Szene umzuschauen. "Dabei hat sich gezeigt, dass gerade in Vilnius diesbezüglich sehr viel passiert." Lautner fände gut, wenn es bei der nächsten GameOn einen dezidierten B2B-Bereich gäbe. Nachholbedarf sieht sie auch bei der Internationalisierung der Entwicklerkonferenz: "Viele Talks waren auf Englisch. Aber gerade ein paar der Panels, die mich auch interessierten, waren auf Litauisch." Mit Sicherheit ließe sich an der GameOn noch einiges verbessern, so Lautner. "Das Event ist aber unglaublich schnell gewachsen – und das so zu organisieren, ist eine sehr beeindruckende Leistung." Diesem Urteil schließen wir uns uneingeschränkt an. (feh)