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Magazin: interview

Copyright Basis-Bild: obs/ZDF neo/Ben Knabe

„Einfach mal ein bisschen unbequem sein"

Jan Böhmermann: Präsidenten-Kritiker, Polit-Satiriker, Marketing-Genie. Durch Coups wie Varoufakis "Stinkefinger" und seine Art, die deutsche Medienlandschaft an der Nase herumzuführen, hat er das verhältnismäßig kleine ZDFneo und seine eigene Show Neo Magazin Royale zum Quotenschlager gemacht. Böhmermann erzählt IGM, warum er eigentlich Journalist werden wollte, welche Marketingtricks in der Popkultur funktionieren und wie akribisch sein Startup arbeitet.
IGM: Herr Böhmermann, Sie sind ein provokanter Typ, also steigen wir provokant ein: Muss man in die Wunde stechen, um Aufmerksamkeit zu erlangen?

Jan Böhmermann: Ich bin Satiriker. Und die beste Satire ist die, die wir selbst produzieren. Ich habe lange vor meiner eigenen Show für Harald Schmidt gearbeitet und mich als einen Mann ausgegeben, der von der Schweinegrippe infiziert wurde. Haben viele geglaubt, viele gedruckt, viele geschrieben. Eher wenige im Krankenhaus angerufen, um diesen Verdacht zu recherchieren. Vielleicht steche ich manchmal in die Wunde, weil es einer tun muss. Sicherlich auch, weil ich eigentlich Journalist werden wollte. Und das auch war – bei der Tageszeitung Die Norddeutsche und bei Radio Bremen. Dort wurde mir beigebracht, wie man eine Story verifiziert. Das wird halt nicht immer gemacht.

Nehmen wir die Varoufakis-Geschichte. Wir haben damit gespielt, weil wir darin eine gewisse Notwendigkeit gesehen haben. Weil unsere Gesellschaft dazu tendiert, in eine gewisse Richtung zu schießen, ohne sich über den Grund klar zu sein. Zu der Zeit war es en vogue, auf die Griechen draufzuhauen. Wir haben dann ein Verwirrspiel begonnen, niemand wusste plötzlich mehr, was da eigentlich gelaufen ist. War das hart? Ein bisschen. Aber wir empören uns gerne, jetzt nur anders. Ich habe schon das Gefühl, dass die Leute jetzt auch mal die Frage stellen: "Ist das wirklich echt oder wurde das nur aus dem Zusammenhang gerissen?" Damals schon dachten viele, dass ich einfach nur der Presse ans Bein pinkeln wollte. Ne, darum geht's nicht. Im Minutentakt prasseln Headlines auf uns ein, die muss jeder für sich einordnen. Jedes Land braucht die Satire, weil sie zum Nachdenken aufruft. Ich bin auch nur der Typ aus dem Fernsehen, Sie müssen mir nichts glauben. Aber wenn Sie eine Sendung schauen und mal länger über das Thema nachdenken, dann ist viel gewonnen. Politiker sind für Ergebnisse zuständig, Satiriker stoßen hoffentlich die richtigen Debatten an. Es hat seinen Grund, warum das ZDF uns nicht nur duldet, sondern wirklich stark unterstützt. Ein Sender, auf dem sonst Helene Fischer läuft.

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Damals schon dachten viele, dass ich einfach nur der Presse ans Bein pinkeln wollte
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IGM: Ist es schwierig, diese Rolle zu "spielen", diese Erwartungshaltung zu erfüllen? Sie sind ein bisschen wie Rockstar Games, von denen auch alle erwarten, dass sie sich mit jedem Release selbst toppen ...

Jan Böhmermann: Puh, das müssen andere beurteilen. Ich würde mich nicht auf so einen Thron setzen, weil GTA Satire in Perfektion abliefert. Das ist ja wirklich die Symbolisierung der amerikanischen Gesellschaft, von Plastikbrüsten bis ins Silicon Valley. Ich bin immer ein Freund davon, Dinge zu hinterfragen. Spiele, die das tun, sind mir sympathisch. Wir loggen uns überall mit unserem Facebook-Account ein, schmeißen mit unseren Daten um uns, freuen uns, diese ganze Software-Welt kostenlos konsumieren zu können und merken dann irgendwann: Na huch, nutzen die unsere Daten, um Geld zu verdienen? Skandal! Alles regulieren, am besten verstaatlichen, warum nicht gleich zerschlagen und enteignen? Wir Menschen mögen ja Extreme. Ich bin kein Fan von diesen Monopolisten, wohl aber von der Balance in Debatten. Ich glaube, jeder sucht sich in unserer Gesellschaft so seine Rolle, versucht die auszufüllen, vielleicht seinen Mitmenschen ein bisschen etwas mitzugeben. Und das macht mein Team, darauf bin ich wirklich stolz.

IGM: Was genau ist denn Ihr Anliegen, möchten Sie Ihre Medienpräsenz nutzen, um die Welt zu verbessern – und kann das Satire leisten?

Jan Böhmermann: Ich bin eigentlich latent bequem, manchmal spießig, meistens freundlich, und die viele Aufmerksamkeit ist etwas, womit ich auch erstmal klarkommen musste. Ich bin da eher old-school, unterhalte mich lieber, als ein Selfie zu machen. Bekannt zu sein, ist dann toll, wenn ich dem Rettungsschiff Lifeline mit dieser #TogetherForRescue-Aktion auf Twitter und Instagram helfen kann, Menschen zu retten. Medienpräsenz führt aber auch dazu, dass im Urlaub Menschen auf einen zustürmen, die gerne ein High-Five möchten und so tun, als als würden sie mich schon zehn Jahre kennen. Ich tue jetzt auch immer so, als würde ich sie schon zehn Jahre kennen. "Ach, der Harry. Ah, die Michaela." Nimmt Nervosität und diesen Druck, diesen Personen jetzt gerecht werden zu müssen.

Aber ich drifte ab: Kennen Sie John Oliver? Er ist ein begnadeter britischer Satiriker, der jetzt die Show Last Week Tonight auf HBO hat. Begnadet deshalb, weil er die Dinge zeigt, wie sie sind, humoristisch verpackt. Weil er zeigt, dass amerikanische Gefängnisse oder diese Detention-Center für Einwanderer in erster Linie Big-Business sind. Und darin ist Satire ziemlich gut. Wir lachen, unterbewusst denken wir aber auch darüber nach. "Moment mal, wird da eine bestimmte Bevölkerungsschicht für den Profit geopfert?" Ne, würde ja niemand machen. Kennen Sie Veras Show Schwiegertochter gesucht? Dort werden Jungs im Fernsehen vorgeführt, die sagen wir mal an geistiger Behinderung grenzen. Damit rechnet natürlich niemand, man möchte ja Menschen zusammenführen, die sich verlieben. Ja, richtig. Wir haben Robin angeboten, 21. Ein einsamer Eisenbahnfreund, der nicht duscht, aber viel Liebe zu verschenken hat…

Was übrigens oft verkannt wird: Ja, das ist Arbeit. Wir sitzen nicht heute im Meeting und nächste Woche haben wir den Coup. Das war ein Jahr lang vorbereitet: Pina und andere Redakteure haben recherchiert, gecastet, längere Zeit diese Wohnung in Duisburg gemietet, weil das Produktionsteam ja mit den Nachbarn reden würde. Wir machen nichts anderes als viele gute Journalisten. So generell gesprochen: Ich will nicht belehren, weil das funktioniert nicht. Ich will auch nicht bekehren, nur Fragen stellen: "Bist du dir sicher, dass Bibi und diese ganzen Beauty-Youtuberinnnen deine besten Freunde sind? Oder wollen sie dir nur überteuerten Kosmetik-Nonsense verkaufen?" Das ist eine Frage, die man an junge Mädels stellen sollte. Deshalb ist es von Vorteil, dass wir als Show als cool genug durchgehen, um von dieser Zielgruppe gesehen zu werden.

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Ich bin eigentlich latent bequem, manchmal spießig, meistens freundlich
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IGM: Was kann die Videospiel-Branche von der Satire lernen, vielleicht sogar von Jan Böhmermann?

Jan Böhmermann: Einfach mal ein bisschen unbequem sein, Fragen von einer anderen Seite aufrollen. Ecken und Kanten haben. Sicherlich auch mal laut sein, aber mit Substanz. Es müssen auch gar nicht so harte Themen sein, auch Klischees lassen sich ganz wunderbar in Satire verwandeln. Erinnern Sie sich an Last Action Hero? Ha, großartig, Arnold Schwarzenegger zieht das Hollywood-Action-Kino durch den Kakao. Wie herrlich würde das mit der heutigen Gaming-Landschaft funktionieren: Regenerierende Gesundheit, mehr Helikopter-Abstürze als in Mission Impossible, rote Öl-Fässer überall. Und wie oft hat sich Prinzessin Peach eigentlich schon von Bowser kidnappen lassen? Wird das nicht irgendwann lästig? Wäre es nicht super, ein Game zu haben, das genau das Gegenteil von dem tut, was alle erwarten? Wir haben das selbst probiert mit Game Royale: Jäger der verlorenen Glatze und Game Royale 2: The Secret of Jannis Island. Die Namensähnlichkeiten sind rein zufällig, alles in Jahre langen Brainstorm-Meetings entstanden. Oh, übrigens: Wer meine Redaktion kennenlernen möchte, die sind dort alle verewigt, so wie Sarah Kuttner, Helene Fischer und alle anderen. Es ist quasi Monkey Island, nur mit Gags aus dem Dschungelcamp und anderen popkulturellen Phänomenen. Gerade arbeiten wir an Trüderbrook, wo ich auch eine Sprechrolle habe. Geht aber in eine andere Richtung und ist technisch echt schön. Also noch schöner als die anderen Spiele natürlich.

IGM: Sie hielten die Keynote auf der größten Start­up-Konferenz Europas, der Bits & Pretzels. Tipps um ein Startup zu gründen, Erfolg inklusive?

Jan Böhmermann: Die Leute da draußen müssen eine Meinung zu dir haben. Darum geht's. Die muss nicht ausschließlich positiv sein, die wird sich auch immer wieder ändern. Aber versuch' nicht einfach mitzuschwimmen. Ich bin jetzt kein Gaming-Experte, aber Spiele sind ja nichts anders als Filme. Viele Werke zitieren regelrecht unterwürfig die Großen des Genres. Man versucht, Stirb Langsam zu kopieren und scheitert. Und man versucht, James Bond zu kopieren und es ist peinlich. Tarantino wäre nicht Tarantino, wenn er einfach Mainstream abliefern würde. Und ich glaube, als Startup musst du verstehen, dass es auf jeden einzelnen Konsumenten ankommt. Alle sprechen immer von Skalierung, davon, das nächste große Ding werden zu wollen. In Wahrheit musst du aber verstehen, dass es erstmal losgehen muss.

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Wäre es nicht super, ein Game zu haben, das genau das Gegenteil von
dem tut, was alle erwarten?
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Wir haben bei unserer Produktionsfirma BildundTonfabrik immer versucht, aus dem jeweiligen Budget das Maximum rauszuholen und einfach geiles Fernsehen für egal wie viele Menschen zu machen. Und das sollte man relativ lange durchziehen, weil in dem Moment, wo es nur ums Skalieren geht, verlierst du das, wofür du ursprünglich mal die Firma gegründet hast. Dann entsteht dein Spielestudio oder Tech-Startup plötzlich nach Excel-Tabelle. Und nicht gleich alles umschmeißen, wenn's mal nicht so läuft. Denken Sie an Neo Magazin Royale: Von 100 Schüssen sind vielleicht 5 Treffer, darüber reden dann alle. 20 schnuppern zumindest am Ziel, der Rest verfehlt. Hat nicht Rovio 50 Spiele entwickelt – vor Angry Birds? Ich sehe gewisse Parallelen. Und es schadet natürlich nicht, den Markt zu verstehen. Wir haben immer dann Werbung im TV gebucht, wenn Kollegen mit deutlich höherer Reichweite ihre erste Sendung hatten – zuletzt beim Launch von Late Night Berlin. Ich wollte natürlich nur den Klaas (Anm. d. Red.: Klaas Heufer-Umlauf) pranken, klar. Aber wenn man als Startup Aufmerksamkeit gebrauchen kann, here we go. Für alles andere buchen Sie jetzt die Böhmermann Master Class. (bk)
(Copyright Basis-Bild: obs/ZDF neo/Ben Knabe)