Anzeige

Anzeige

Magazin: interview

"Ich investiere in Ideen, die uns als Gesellschaft voranbringen"

Es war sein Traum, Formel-1-Weltmeister zu werden. Kaum war der Champagner ausgetrunken und Pokal verstaut, beendete er seine Karriere und startete eine neue: als Unternehmer, Youtuber, GreenTech-Festival-Veranstalter und Investor. Mit IGM sprach Nico Rosberg über Roboter-Taxis, Elon Musk,
und wie Startups bei ihm punkten können.

IGM: Sie haben so ziemlich das Undenkbare getan: Ende November 2016 werden Sie Weltmeister, am 02. Dezember verkünden Sie, die Formel 1 verlassen zu wollen. Irre. Wie kam das?

Nico Rosberg: Ich war immer der Meinung, Träume muss man träumen, in die Realität umsetzen und sich dann den nächsten suchen. Und so war das bei mir: Ich habe die Formel 1 geliebt, aber es war auch mein komplettes Leben. Nur wenige Menschen haben Verständnis, wenn man bei der Ehre, für Mercedes ein Formel-1-Auto fahren zu dürfen, von Arbeit spricht. Aber das war es eben: Jede Woche eine andere Stadt, jedes Wochenende ein Rennen, quasi nie Freizeit. 1000 Prozent Disziplin, alles dreht sich darum, das nächste Rennen zu gewinnen. Ich war auf Hochzeiten, aber mein Kopf war nur beim nächsten Rennen. Ich hatte eine super intensive und schöne Zeit, aber habe auch schon mit sechs Jahren angefangen: Kart-Turniere, erste Sponsoren, Formel BMW, Formel 3, GP2-Serie, dann Formel 1. Dem Motorsport habe ich über 20 Jahre gewidmet, und jetzt hatte ich das Gefühl: Ich habe alles erreicht, was mich glücklich macht. Lasst uns das Buch schließen und ein komplett neues schreiben.

IGM: Und was für ein überraschendes Buch: Sie setzen sich sehr stark für elektrische Mobilität ein, planen gerade ein Festival rund um das Thema Ökologie namens GreenTech zusammen mit der Deutschen Bahn in Berlin. Formel-1-Veteranen schlagen eher selten eine solche Karriere ein.

Nico Rosberg: Und das ist ganz wundervoll. Ich wollte in meiner zweiten Karriere, wenn man es so nennen möchte, gerne etwas mit meiner Frau Vivian machen, und das sind Themen, die uns beiden am Herzen liegen. Wir managen das alles gemeinsam und lernen unglaublich viel. Was in Sachen GreenTech, also nachhaltiger Technologie abgeht, ist einfach inspirierend. Und wenn wir uns anschauen, wie schnell der Klimawandel fortschreitet, dann muss sich unsere Gesellschaft wandeln. "Der klingt ja nicht so geil wie ein V8 oder V12", ist natürlich ein valides Argument, muss man auch gelten lassen, jeder hat einen anderen Geschmack. Aber ich finde es super wichtig, Elektromobilität sexy zu machen. Denn das ist sie: Der Mercedes EQC, ganz tolles Auto. Der neue Audi eTron ebenso. In Deutschland fahre ich viel ICE, weil es praktisch ist. In Monaco fahre ich einen AMG Project One – Formel-1-Technologie, schnell wie ein Bugatti Veyron, aber mit Hybrid-Motor, der aus vier Elektromaschinen besteht. Das ist natürlich eine extreme Art der Mobilität, gar keine Frage. Auch in dem Preissegment. Aber ich möchte gerne meine Popularität auf Social-Media nutzen, um auch Supercar-Enthusiasten zu zeigen: Hey, es geht auch anders. Fürs GreenTech-Festival versuche ich übrigens gerade, Leonardo Di Caprio zu gewinnen – bitte Daumen drücken. 

"
Lasst uns das
Buch schließen und ein komplett neues schreiben
"

IGM: Gibt es eigentlich Parallelen zwischen dem Bau einer Firma als Unternehmer und der Formel 1?

Nico Rosberg: Super viele. Du musst dich fokussieren können. Ich kann mir in diese Woche 100 Meetings legen, die können natürlich sehr produktiv sein. Aber ich weiß, dass ich das Maximum nur raushole, wenn ich mir zwischen jedem Meeting 15 Minuten gebe, um das Gesagte zu rekapitulieren und mich auf das nächste vorzubereiten. Dann sind alle in der Formel 1 Excel-Liebhaber, weil Daten unser größtes Kapital sind. Du musst innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde Entscheidungen treffen, und es gibt quasi keinen Raum für Fehler. Ist diese Lücke groß genug, um zu überholen oder riskiere ich einen Crash? Mit wie viel Maximal-Speed kann ich in die Kurve gehen, ohne dass es mich raushaut? Wie reagiert der und der Reifentyp bei Regen? Und diese Daten musst du als Unternehmer für deine Firma analysieren: Welche monatliche Burnrate ist okay, also wie viel kann ich für Personal ausgeben. Wie viel kann ich in Social-Media investieren, wie viel in Instagram, Twitter und Youtube. Welches Produkt passt besser zu LinkedIn, welches besser zu Instagram. Und natürlich auch mit welchem Druck kann ich in diese Kanäle reinpushen – mal funktioniert eine direkte Message, mal musst du es eher im Storytelling verpacken. Dabei hilft mir natürlich ein Team von Experten, aber das sind einfach Daten, die du für dein Unternehmen ermitteln musst.

"
Du musst dich fokussieren können
"

IGM: Haben Sie spezielle Tipps für Startups im digitalen und Gaming-Bereich?

Nico Rosberg: Ich bin in der Gaming-Materie nicht so drin, da vielleicht lieber mal beim Lewis durchklingeln (er meint Ex-Formel-1-Teamkollege Lewis Hamilton, Anm. d. Red.). Aber ja, Fokus, Fokus, Fokus. Gerade bei den jüngeren Startups, die ich begleite – und mit begleiten meine ich nicht einfach nur Geld geben, sondern wirklich aktiv mitarbeiten – merke ich immer wieder, dass das Hauptfeature noch gar nicht perfekt ist und sie schon 10 andere Ideen haben, die in die Plattform integriert werden sollen. Davor kann ich nur warnen: Wer ein E-Sports-Game entwickeln will, der kann nicht nebenher einen Hollywood-Blockbuster von der Story her abliefern oder sollte zumindest erst den einen Milestone abschließen, bevor er sich verzettelt. Das ist übrigens auch das größte Learning, was ich von all den Gesprächen mit CEOs auf Konferenzen mitnehme. Die sagen ganz oft: Die wichtigsten Entscheidungen waren meist die, sich gegen ein Feature zu entscheiden. Wir sind ja immer alle ganz heiß aufs Skalieren – Wachstum, wo immer es geht. Aber es muss die Basis stehen, das Fundament. Dann kann man darauf auch ein schönes Hochhaus bauen (lacht). Und bitte auf eine gesunde Work-Life-Balance des eigenen Teams achten. Das ist schwer, ich weiß. Aber du willst nicht, dass dein Team ein Jahr brennt und im zweiten dann nicht mehr kann. Ich finde ja generell, dass Unternehmen sehr viel mehr für körperliche und geistige Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun sollten. Mal einen Pilates-Coach einladen, einen Yoga-Kurs jede Woche durchführen. Eine Saftpresse für frische Fruchtsäfte kostet auch nicht die Welt und werden die meisten im Budget haben.

IGM: Wie kann man bei Ihnen punkten? Was muss passieren, damit der Investor Nico Rosberg das Scheckbuch zückt?

Nico Rosberg: Daten sind mir wichtig, so bin ich eben. Also nicht nur Wolkenschlösser bauen, sondern das auch mit Industrie-Fakten untermauern können. Personality ist das A und O: Brennt das Führungsteam für diese Sache oder wollen sie nur schnell Kohle einsacken? Da spielen langfristige Pläne eine große Rolle. Ich habe ja in das Münchner Startup Lilium Aviation investiert, die an einem Flug-Taxi arbeiten. Die haben einen genauen Plan: 2020 geht's los in Dubai, vorerst noch mit Piloten, nur innerhalb der City. Später dann weiter ausrollen, Richtung autonomes Fliegen, Richtung höhere Distanz. Mega geiles Gründerteam, Frank Thelen hat investiert, da war ich auch gleich dabei. Aber auch keine Angst haben, mal den Großen auf die Füße zu treten: Elon Musk, Wahnsinnstyp. Ich meine, er hat quasi im Alleingang die mächtige Automobilbranche mit all ihren Playern dazu gezwungen, in Elektroautos zu investieren. Wie geil ist das denn? Und ich sehe viele Branchen, die eine Disruption brauchen, weil sie sich seit vielen Jahren nicht verändert haben respektive auch nicht genug tun, um unserer Gesellschaft etwas Gutes zu tun. Ich war gerade in China – große Smog-Probleme, die noch größere gesundheitliche Schäden hervorrufen. Deshalb rüstet China gerade komplett um: Solar, Wind, Elektrizität. Bei uns in Europa hört man oft negative Dinge über China – stimmen mitunter sicherlich auch, aber sie haben eben auch ganze Tiefgaragen, die vollgepflastert sind mit E-Ladesäulen. Wir denken da in Deutschland oft noch etwas falsch herum: Es sind jetzt zwar tolle Autos im Markt, aber die Infrastruktur, also die Abdeckung der eigentlichen Ladesäulen, ist noch nicht optimiert. Das müssen wir besser machen: Ich bin happy, dass die Großen jetzt alle mit Milliarden-Initiativen und vielen, sehr schönen Autos reagieren. Jetzt brauchen wir die Energie-Wende, hin zu 70 bis 80 Prozent erneuerbarer Energie.

"
Eine Saftpresse für frische Fruchtsäfte kostet auch nicht
die Welt
"

IGM: Sie bleiben Ihren Investments in der Regel treu und gehen mit ins Risiko. Sie haben in SpaceX investiert, welches satte elf Raketen-Fehlstarts der Falcon-Modelle erleiden musste, bevor es geklappt hat. Eine Falcon kostet 65 Millionen US-Dollar. Schwitzt man da nicht als Investor?

Nico Rosberg: Ich könnte jetzt verraten, was wir in neue Formel-1-Autos und Technologie investiert haben, die oft nicht funktionierte, Fehlfunktionen hatte, Ausfälle, uns den Sieg gekostet hat oder wir das Rennen nicht mal beenden konnten. Ärgerlich, ja. Aber du musst weitermachen. Wir reden hier ja auch nicht über eine Banalität – sondern darüber, den Weltraum zu erobern, eine interplanetare Spezies zu werden. Es gibt jetzt schon Buchungen für gut hundert Launches, dahinter steht nicht nur eine geile Idee, sondern ein Milliarden-Geschäft. Als nächstes folgt Starship –  ein wiederverwertbares Raumschiff mit 100 Plätzen für interplanetare Reisen. Wenn ich das noch erlebe – Wahnsinn. Wenn meine Kids es erleben, dann war es eine Investition in ihre Zukunft. Die Formel 1 hat mich in die glückliche Situation versetzt, dass ich auch in Visionen und Ideen investieren kann, die nicht direkt Profite abwerfen. Sondern unsere Gesellschaft nach vorne bringen, was ja letztlich viel wichtiger ist. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir unseren Planeten retten können, wir müssen nur jetzt alle mit voller Kraft anpacken. Aber es schadet nicht, mit Elons Mars-Kolonie einen Backup-Plan zu haben. Und wer weiß, was für Stoffe wir dort finden, was für Metalle. Vielleicht finden wir welche, die unsere Autos zu 100 Prozent sicher machen oder super leichte Flugtaxis ermöglichen, mit denen wir elektrisch durch die Weltgeschichte "Lyften" (Rosberg ist in den Uber-Konkurrent Lyft investiert, Anm. d. Red.). Wer weiß, die Zukunft wird uns überraschen und darauf freue ich mich. (bk)