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Magazin: interview

Felix Falk, USK

„Populistisches Draufhauen lohnt nicht“

Torstraße 6, Berlin-Mitte. Ein modernes Bürogebäude, helle Räume, viel Glas - aus den Fenstern im viertenStock geht der Blick auf Volksbühne und Fernsehturm. Hier hat die USK ihren Sitz, hier werden Spiele gesichtet und Alterskennzeichen vergeben. Wir sprechen mit USK-Geschäftsführer Felix Falk über aktuelle Herausforderungen und Pläne für die Zukunft.

IGM: Herr Falk, im Jahr 2012 gab es bei der USK 2.400 Prüfverfahren,  drei Jahre zuvor waren es noch 3.100. Die Zahl der physischen Datenträger, die geprüft werden, nimmt also merklich ab – dafür gewinnt Online immer mehr an Bedeutung. Wie reagiert die USK auf die Schwemme der Browsergames und Gaming-Apps?

Felix Falk: Auch da streben wir eine Lösung an. Bei digital und global distribuierten Spielen machen landesspezifische Kennzeichnungsverfahren allerdings keinen Sinn, deshalb arbeiten wir mit den weltgrößten Selbstkontroll-Institutionen an einem gemeinsamen System. Am IARC (International App Rating Coalition) sind neben Deutschland auch Brasilien, Japan, Südkorea, Südafrika, die USA und die europäischen PEGI-Länder beteiligt. Alle diese Länder haben das Problem, dass Unternehmen wie Apple oder Google sich nur ein Stück weit an die national geltenden Jugendschutzregeln halten.

IGM: Wie funktioniert IARC?

Falk: Wenn sich ein User auf einer Download-Plattform anmeldet, werden ihm automatisch die landeseigenen Kennzeichen angezeigt. Die Kennzeichen kommen aber nicht durch viele verschiedene Verfahren in den einzelnen Ländern zustande, stattdessen füllt der Anbieter des Spiels einen Fragebogen aus. Die Antworten werden dann unterschiedlich gewichtet: Für Deutschland ist der Faktor bei Krieg und Gewalt besonders hoch, für die USA bei Sex oder vulgärer Sprache. Aus dieser Gewichtung berechnet das System automatisch die landestypischen Ratings, die auf der Plattform angezeigt werden.

IGM: Wann geht IARC an den Start?

Falk: Einen offiziellen Starttermin gibt es noch nicht. Es existiert bereits ein voll funktionsfähiges Pilotsystem. Nun kann dieses System durch die Plattformen eingebaut werden – Microsoft, Sony, Nintendo und andere befinden sich bereits in diesem Prozess. Sobald sich der Nutzen und die Praktikabilität von IARC hier bestätigen, werden nach und nach immer mehr Plattformen dazukommen.
 
IGM: Was macht Sie so zuversichtlich, dass sich das System bewährt?

Falk: Gerade haben wir als USK die Ergebnisse eines Pilotprojekts veröffentlicht. Für das Projekt wurden eigene Klassifizierungskriterien erstellt und über einen längeren Zeitraum knapp tausend Computer- und Videospiele ausgewertet. In den unterschiedlichen Phasen füllten sowohl Mitarbeiter der USK als auch Mitarbeiter von Spieleunternehmen spezielle Fragebögen aus. Mit dem Ergebnis, dass es bei den automatisch vergebenen Alterskennzeichen eine hohe Deckungsrate gibt. Sie liegt bei rund 90 Prozent, wenn spezifisch deutsche Kriterien in den Klassifizierungskatalog aufgenommen wurden. Die Qualität des Fragebogen-Ratings ist also grundsätzlich sehr hoch. Für uns sind diese Ergebnisse sehr wichtig, weil wir mit IARC genau in diese Richtung gehen.

IGM: Macht sich die USK mit einem solchen System irgendwann selbst überflüssig?

Falk: Nein, das nicht. Wir sind zwar zu dem Ergebnis gekommen, dass ein solches System sehr leistungsfähig ist. Es ist aber auch klar geworden, dass wir das existierende Gremiensystem weiter brauchen werden. Ein Anbieter von Datenträger-Spielen benötigt Rechtssicherheit – er muss sich hundertprozentig darauf verlassen können, dass sich das Rating nicht mehr nachträglich ändert. Würde er sich selbst einstufen und die staatliche Aufsicht würde dann ein Veto einlegen, müsste er vielleicht 100.000 Spiele aus dem Handel nehmen. Das kann man nicht wollen und deshalb ist der rechtssichere Verwaltungsakt nach wie vor wichtig. Im Online-Bereich hingegen braucht man keine hundertprozentige Rechtssicherheit, das Kennzeichen lässt sich schnell im Online-Store ändern. Da hat man also einen ganz anderen Zugriff und eine ganz andere Geschwindigkeit, mit der man reagieren kann. Doch auch hier werden Gremien eine wichtige Rolle spielen, sei es bei Berufungen oder Zweifelsfällen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

IGM: Das Rating bei physischen Datenträgern ist ja nicht unumstritten. Politiker, Pädagogen und Elternverbände kritisieren die Einstufung gerne mal als zu lax. Hat der gesellschaftliche Druck auf die USK in den letzten Jahren zu- oder abgenommen?

Falk: Die populistische Kritik an Spielen hat mittlerweile auch deswegen nachgelassen, weil immer mehr Menschen verstehen, was Spiele eigentlich ausmacht. Sie stempeln das Medium nicht mehr als böse ab, sondern wagen einen differenzierten Blick. Darüber hinaus besitzt Deutschland eines der besten Jugendschutzsysteme weltweit – das zu vermitteln, ist für uns nach wie vor eine wichtige Aufgabe. Wenn man erst einmal versteht, wie unser Jugendschutzsystem funktioniert, dann merkt man auch, dass sich populistisches Draufhauen nicht lohnt. Das gilt auch für diejenigen, die auf der anderen Seite Entscheidungen vielleicht als zu lax bemängeln. Diskutieren kann und soll man über Entscheidungen immer. So ein Prüfgremium entscheidet ja auch nicht immer einstimmig. Und solange wir nach wie vor sowohl Beschwerden bekommen, bei denen eine Bewertung als zu lax bemängelt und andere, bei denen das gleiche Spiel als zu restriktiv eingestuft empfunden wird, scheinen wir ja eine ganz gute Mitte zu finden.

IGM: Stichwort Transparenz: Nach Ihrem Amtsantritt Ende 2009 haben Sie das als eines Ihrer Hauptanliegen bezeichnet. Wie sieht die Zwischenbilanz aus?

Falk: Ich habe bereits innerhalb des ersten Jahres einen kompletten Relaunch umgesetzt und dabei nicht nur das ganze Corporate Design, sondern auch alle Inhalte auf der Website und in unseren Broschüren erneuert. 2011 sind wir von Berlin-Friedrichshain nach Berlin-Mitte umgezogen. Die hiesigen Räumlichkeiten bieten bessere Möglichkeiten, die Arbeit der USK transparent darzustellen. Wir veranstalten Tage der Offenen Tür, bei denen sich jeder Bürger einen eigenen Eindruck machen kann und über das ganze Jahr verteilt finden zahlreiche Termine mit Presse oder auch Politik hier statt. Auf der gamescom sind wir jedes Jahr mit einem eigenen Stand präsent, dessen Konzept sich seit 2010 deutlich verändert hat. Darüber hinaus besuchen wir zahlreiche Konferenzen, Elternabende und Lehrerfortbildungen, um dort die Arbeit der USK vorzustellen. 2011 haben wir die Leitkriterien der Prüfgremien erarbeitet und online gestellt. Und im April 2013 haben wir einen Elternratgeber herausgebracht, der ebenfalls online abrufbar ist. Das alles hat bereits erheblich zur Transparenz beigetragen, was nach meinem Eindruck auch zu einer verbesserten Wahrnehmung der Institution in der Öffentlichkeit geführt hat.

IGM: Einige Kritiker fordern, die Zahl der Altersabstufungen zu reduzieren. Sie bemängeln beispielsweise, dass USK 16 und USK 18 nicht trennscharf genug sind. Was sagen Sie dazu?

Falk: Die Debatte gibt es immer wieder. Aber man kann – egal welche Altersstufen man festlegt – der unterschiedlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nie vollkommen gerecht werden. Nur ein Beispiel: Im Alter von 12 Jahren ist ein Junge ganz anders entwickelt als ein gleichaltriges Mädchen. Die bestehenden Altersstufen gibt es schon seit Jahrzehnten. Sie sind per Gesetz festgelegt worden, und ich beobachte derzeit keine Diskussion hierzu auf politischer Ebene. Gerade weil die Altersstufen nie hundertprozentig der Realität einzelner Kinder und Jugendlicher entsprechen, käme man vermutlich auch vom Regen in die Traufe, wenn man sie ändern würde. Hinzu kommt, dass kaum etwas so bekannt ist wie die jetzigen Altersstufen. Selbst wenn manche mit dem Begriff „USK“ nichts anfangen können, wissen sie doch immerhin, was eine 18, eine 16 oder eine 12 auf der Verpackung oder im Kino bedeutet.

IGM: Die USK betreibt auch Consulting für ihre Mitglieder. Was hat sich da seit Ihrem Amtsantritt getan?

Falk: Beratung bieten wir für alle Unternehmen an. 2011 haben wir uns aber zusätzlich unter dem JMStV als Selbstkontroll-Organ für Online-Spiele anerkennen lassen. In diesem Rahmen haben wir mittlerweile ganz unterschiedliche Mitglieder wie Nintendo, Gameforge, Bigpoint, McGame oder ProSiebenSat.1 Games. Auch die meisten Verlage sind Mitglied der USK. All diese Mitglieder beraten wir kontinuierlich bei allen Aspekten des Jugendschutzes bei Online-Content und können ihnen darüber hinaus als anerkannte Selbstkontrolle einen rechtlichen Rundumschutz bieten.

IGM: Wo hat sich durch Beratung zu konkreten Spielen etwas verbessert?

Falk: In der Vergangenheit gab es oft lokalisierte Fassungen, weil den Unternehmen das Gespür und die Erfahrung fehlte, welche Inhalte in Deutschland ein Problem darstellen. In diesem Bereich haben wir unser Consulting ebenfalls verstärkt: Ein USK-Mitarbeiter fährt auf Anfrage weltweit in die Entwicklerstudios oder berät die Entwickler von Berlin aus. Dabei kann er schon im Entwicklungsprozess wichtige Informationen geben, worauf sich die Entwickler jugendschutzrechtlich in Deutschland einstellen sollten. Das führt dazu, dass immer mehr internationale Versionen unverändert in Deutschland erscheinen können.

IGM: Ein Blick in die nähere Zukunft: Wie kann die Politik zu einem verbesserten Jugendschutz bei Spielen beitragen?

Falk: Unser Ziel ist es, auch im Online-Bereich zu einer noch besseren Qualität des Jugendschutzes beizutragen. Dafür wünsche ich mir stärkere politische Unterstützung. Sowohl das Jugendschutzgesetz als auch der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag sind seit 2003 nicht erneuert worden, obwohl sich gerade online in den letzten Jahren unglaublich viel getan hat. Auf viele neue Fragen finden die bestehenden Gesetze bislang keine Antwort – auch, was unsere Arbeit betrifft.

IGM: Ein Beispiel?

Falk: Mit IARC haben wir die tolle Gelegenheit, auf internationaler Ebene deutsche Jugendschutzkriterien zu verankern. Das Gesetz kennt einen solchen Ansatz aber nicht. Da muss sich noch eine Menge tun, doch gerade durch die geteilten Kompetenzen blockieren sich Bund und Länder derzeit gegenseitig. Ich hoffe, dass jetzt nach der Bundestagswahl mehr Dynamik in die Sache kommt. Bund und Länder müssen sich gemeinsam an einen Tisch setzen und zeitgemäße Antworten auf die Entwicklung des Internets finden, gerade auch beim Thema Games. (feh)