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Magazin: interview

„Wir wollen eine neue Geschichte erzählen“

Shaun Escayg kennt Hollywood, weil er an Scott Pilgrim und Transformers: Dark of the Moon gearbeitet hat. Und die Welt der Spiele, als Cinematic Director von The Last of Us und Game Director von Uncharted: The Lost Legacy. Als Creative Director von The Avengers muss er jetzt beide Universen vereinen und erzählt im Gespräch mit IGM, warum man sich gegen die Original-Film-Stars wie Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson und für einen All-Star-Cast der Gamingkultur entschieden hat. 
IGM: Schon Iron Man 3 hat 2013 1,3 Milliarden US-Dollar an den Kinokassen eingespielt. The Avengers: Infinity War letztes Jahr 2 Milliarden, Endgame dürfte 2019 gar die Marke von 3 Milliarden US-Dollar knacken. Da fragt man sich: Warum so wenige Marvel-Spiele?

Shaun Escayg: Das hat viel damit zu tun, wie sich Spieleentwicklung emanzipiert hat. Früher hätte man eine spielbare Version des Films abgeliefert, aber der Anspruch ist heute ein anderer. Wir haben da zum einen die technologische Seite: Die Zwischensequenz in einem Spiel unterscheidet sich grafisch und von den CGI-Effekten nicht mehr dramatisch von einer Kino-Sequenz. Man würde also ziemlich genau das gleiche erleben. Wo wäre da die Spannung, die überraschenden Story-Wendungen. Das, was man "Hero Journey" nennt – die Charakterentwicklung, die Heldenreise. Deshalb erscheint The Avengers zu einem perfekten Zeitpunkt: Weil diese große Reise der Film-Avengers gerade zu einem fulminanten Finale gekommen ist mit Endgame und wir jetzt eine neue Epoche eröffnen können. Die größten Film-Gaming-Franchises nehmen sich in der Regel viele Freiheiten, weil sie diese brauchen. Wir verlagern die Geschichte von der Ostküste, wo The Avengers bis Endgame größtenteils spielten, an die Westküste, speziell San Francisco. Wir nutzen einen dieser riesigen Helicarrier, die im Kino nur der Agentenbehörde SHIELD vorbehalten ist, als fliegendes Hauptquartier. Dadurch wird es zum Charakter, kann man sich darin bewegen, unterhalten, seine Crew kennenlernen.

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Wo wäre da die Spannung?
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IGM: Die größte Überraschung ist sicherlich, dass Sie nicht Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Chris Evans, Chris Hemsworth und Mark Ruffalo im Cast haben und nicht mal deren Aussehen verwenden in Form eines 3D-Scans. Wie kam es dazu?

Shaun Escayg: Wir haben sehr früh entschieden, dass wir nicht diese großartigen Schauspieler verwenden, sondern unseren eigenen Cast schaffen. Der Hauptgrund dafür ist, dass wir eine neue Geschichte erzählen wollen und Freiheiten brauchen, was die Charakterentwicklung angeht. Eine Filmfigur ist sehr definiert, wir hingegen bedienen uns aus den Comics, den Filmen, den Serien. Wenn wir uns die jüngere Filmhistorie anschauen, dann haben neue Darsteller für James Bond den Charakter komplett neu definiert: Sean Connery war ein anderer Bond als Roger Moore. Pierce Brosnan hatte seinen eigenen Charme, mit Daniel Craig ist man dann wieder in eine andere Richtung gegangen. So konnte man ein neues Kapitel aufschlagen, die Marke frisch und spannend halten. Auch bei Batman war das so und Spider-Man – Tobey Maguire hat Spidey ganz anders gespielt als jetzt Tom Holland. Robert Downey Jr. Ist ein brillanter Charakterdarsteller und ein großartiger Tony Stark, da sind wir uns alle einig. Aber Nolan North gibt ihm eine neue Richtung und hey – Nolan ist ein riesiger Star in der Gaming-Szene, er hat seit über einem Jahrzehnt Nathan Drake in der Uncharted-Serie verkörpert. Troy Baker hat die Hauptrollen in BioShock Infinite, The Last of Us und vielen anderen Titeln gespielt – auch er gibt Bruce Banner eine neue Richtung. Laura Bailey hatte die Hautrolle in Uncharted: The Lost Legacy und Spider-Man, sie spielt Black Widow. Es ist ein All-Star-Cast des Gamings, auf den wir sehr stolz sind.

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Ein All-Star-Cast des Gamings,
auf den wir sehr stolz sind
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IGM: Es ist also mehr Chance, denn Marketing-Risiko?

Shaun Escayg: Als wir das Spiel auf der E3 zum ersten Mal zeigten, kreischten die Fans. Das ist Energie pur, die Leute sind super gespannt auf den Titel. Ich kenne ja beide Seiten – habe u.a. an Transformers: Dark of the Moon und Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt auf Hollywood-Seite gearbeitet und an The Last of Us und Uncharted: The Lost Legacy bei Naughty Dog. Es gibt sehr viele Unterschiede zwischen einem Film mit zwei Stunden Laufzeit und einem Spiel, was viel, viel mehr Szenen und Tiefe ermöglicht. Es gibt viele Dinge aus den Comics, die wir aufgreifen werden. Es ist zum Beispiel spannend, dass Black Widow zwar eine enorm fähige Agentin ist, aber letztlich "nur" ein Mensch – während alle anderen entweder Superhelden-Kräfte haben oder in einer Titan-Panzerung stecken, wie Iron Man. Das ist eine spannende Komponente. Für Nolan ist Tony Stark ein tragischer Held, der sich nach Außen super cool gibt, aber nach Innen sehr verletzlich ist. Und trotzdem die besten One-Liner hat. Ein Spiel ermöglicht uns diese Facetten sehr tief auszuarbeiten.

IGM: Koop-Shooter sind gerade in, können aber auch böse Schiffbruch erleiden, wie gerade Anthem. Wie funktioniert The Avengers?

Shaun Escayg: Es erzählt eine tiefgehende Geschichte – das liegt einfach in der DNA von Crystal Dynamics, die ja auch Tomb Raider verantworten. Aber es bietet auch packende Kämpfe, bei denen wir für jeden Held ein ganzes Arsenal an Fähigkeiten und Manövern entwickelt haben – unser Lead Combat Designer hat vorher an God of War gearbeitet, was ja auch extrem erfolgreich war. Es gibt Missionen, die sind Koop fokussiert, hier müssen die einzelnen Figuren harmonieren. In anderen entscheidet man sich für eine Figur – das erhöht natürlich den Widerspielwert, weil etwa der Hulk nicht zwingend für Subtilität berühmt ist, während andere Charaktere mehr Stealth-Optionen ermöglichen. Die Kampagne ist sehr rasant inszeniert, mit stellenweise atemberaubenden Tempo, Hollywood-reifer Action – genauso wie sich auch die Filme anfühlen. Mal ist die Figur vorgeschrieben, etwa bei einer Flugpassage, in der Tony wie ein menschlicher Kampfjet über die Golden Gate Bridge saust. Mal frei. Als Spiel können wir uns aber auch viel Zeit für ruhigere, narrativ getriebene Passagen nehmen. Im Laufe der Geschichte fallen die Avengers in Ungnade bei den Bewohnern der USA, die sie eigentlich beschützen wollten, was sehr an ihrem Selbstverständnis nagt. Sobald man die Kampagne und Hauptgeschichte abgeschlossen hat, geht es in eine riesige Koop-Welt, die sehr viele Gebäude und Missionsobjekte beinhaltet, die man aus Filmen, Serien und Comics kennt und zu der wir später mal mehr verraten.

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Das liegt
einfach in der
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IGM: Nathan Drake trug in Uncharted immer sehr ähnliche Kleidung. In The Avengers scheint die Auswahl von Fashion, Rüstungen etc. sehr wichtig zu sein. Verstehen Sie den Titel als Games-as-Service-Modell?

Shaun Escayg: Im Fall von Marvel macht es einfach Sinn: Iron Man hat diese vielen Anzüge, die alle Mark I bis Mark XII gehen und sehr unterschiedlich aussehen. In den Comics gibt es noch mehr Variation. Genauso mit Thor – unterschiedliche Rüstungen bringen Abwechslung im Fashion-Sinne, aber auch spielerisch. Sie entwickeln Ihren Charakter, machen ihn schneller, was andere Schubdüsen bedingt. Oder bringen mehr Möglichkeiten in der Vertikalen. Ich würde es eher als Fan-Service bezeichnen. Ich glaube in Sonys Spider-Man-Spiel ist eine der Lieblings-beschäftigungen der Fans, Selfies mit coolen neuen Spidey-Suits zu machen – nicht nur den neuen aus den Filmen, auch denen aus den Comics der 70er. Es ist schon wichtig, dem enormen Einfluss von Social Media Rechnung zu tragen und viele Helden und Möglichkeiten zu haben, die sich freischalten lassen. Wir nutzen die Filme, Serien und Comics als Vorlage, liefern aber unsere eigene Interpretation. Es gibt viele Dinge, die die Filme nur anreißen – etwa was diese Helden eigentlich nach Feierabend machen, wie sie leben, was sie denken, wie sie mit den Geschehnissen emotional umgehen. Wir erzählen eine Geschichte, während der The Avengers als offizielle Regierungsbehörde aufgelöst werden. Und wie sie sich wieder zusammenraufen müssen, gegen einen übermächtigen Feind, der seine Armee auf genau ihre Fähigkeiten vorbereitet hat. (bk/bb)