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Magazin: story

Copyright Basis-Foto: Robert Kneschke/Fotolia
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Am Puls der Spielemacher

Entwicklertagebücher gibt es in verschiedenen Formaten: als Blog, als Serie von Videos oder als Mischung aus beidem. Auch die Detailtiefe schwankt extrem: Mal werden die User mit stromlinienförmigen PR-Häppchen abgespeist, mal legt ein Indie-Entwickler sein Seelenleben oder die Diät seines Zwerghamsters offen. Ein Selbstläufer sind dev diaries jedenfalls nicht: das zeigen unsere zwei Praxisbeispiele.

„Als wir das Blog begannen, hatten wir kein konkretes Konzept“, sagt Pavel Sebor und schmunzelt. „Wir wollten es einfach nur ausprobieren. Inzwischen wird das Blog von so vielen Leuten gelesen, dass wir nicht einfach damit aufhören können, ohne eine Rebellion zu verursachen.“ Sebor ist Gründer und CEO des tschechischen Spielestudios SCS Software, das in Prag sitzt und 40 Leute beschäftigt. SCS ist vor allem für seine Spieleserien Wheels of Steel und Euro Truck Simulator (ETS) bekannt. Das PC-Spiel ETS2 erschien im Oktober 2012 und wurde in Deutschland von rondomedia publiziert. „Das Blog habe ich ungefähr ein Jahr vor dem Release von ETS2 gestartet“, erzählt Sebor. „Mit jedem Monat kamen mehr Besucher hinzu, beim Release waren es ungefähr 500.000 Page Views pro Monat.“ Nie zuvor hatte ein SCS-Spiel derartige Aufmerksamkeit erhalten – und diese Aufmerksamkeit zahlte sich aus: Bis heute hat sich ETS2 mehr als 750.000 Mal verkauft. Auch das Add-On „Going East!“ war ein Erfolg, derzeit arbeitet das Studio an einer Skandinavien-Erweiterung.

Cross-Promotion
Das Entwicklertagebuch hat sich mittlerweile zu einem Sammelblog für alle SCS-Produkte gemausert. Die Blog-Posts liefern detaillierte Infos zu den ETS2-Updates, aber auch zu Spielen wie dem Scania Truck Driving Simulator oder der Pocket Edition von Bus Driver. „Ziel des Blogs ist, unsere Produkte zu cross-promoten“, erklärt Sebor. „Wenn Leute wegen eines bestimmten Spiels vorbeischauen, bekommen sie vielleicht Lust, auch andere Spiele auszuprobieren.“ Aktuell hat die Seite zwischen 700.000 und 800.000 Page Views pro Monat, selbst an Tagen ohne neuen Post verzeichnet das Blog rund 20.000 Aufrufe. „Das Problem ist, dass wir in unserer Firma keinen PR-Verantwortlichen haben“, sagt Sebor. „In den ersten beiden Jahren war ich der Einzige, der Beiträge geschrieben hat. Inzwischen helfen mir zwei Mitarbeiter nebenbei.“ Der Studiochef plant, die Belegschaft in naher Zukunft auf 50 Mitarbeiter aufzustocken – und dann auch endlich eine PR-Vollzeitstelle einzurichten.

Beim Ubisoft-eigenen Studio Blue Byte in Düsseldorf hat man mit Entwicklertagebüchern viel Erfahrung, schon zur Anno-Reihe gab es ein detailliertes dev diary. Auch das 2010 gestartete Browserspiel Die Siedler Online (DSO) wird von einem Entwicklertagebuch begleitet, das im offiziellen Forum verankert ist. DSO ist sehr erfolgreich, laut Ubisoft hat es weltweit rund 10 Millionen registrierte User. Die schiere Reichweite des Online-Spiels bedeutet, dass das Entwicklertagebuch nicht so einfach nebenbei geschrieben werden kann. „DSO hat derzeit mehr als ein Dutzend Sprachversionen“, berichtet Manfred Jacobs, Worldwide Community Coordinator bei Blue Byte. „Jede Instanz hat ihr eigenes Forum, das von einem lokalen CM betreut wird. Meine Aufgabe ist, die Arbeit aller CMs zu koordinieren.“ Jacobs sorgt unter anderem dafür, dass der Entwurf für einen Tagebuch-Eintrag erstellt wird. „Dieser Entwurf geht dann – zusammen mit einem Zeitplan – an alle CMs. Wir veröffentlichen die Tagebuch-Einträge möglichst zeitgleich in allen Instanzen, damit sich einzelne Communities nicht benachteiligt fühlen.“

Zielgruppenansprache
Aus Sicht von Jacobs hat das Entwicklertagebuch vier Kernfunktionen. „Erstens versuchen wir, über kommende Inhalte möglichst konkret zu informieren. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass ein Casual Game wie DSO viele verschiedene Zielgruppen anspricht.“ Als erste Gruppe nennt Jacobs „die treuen Fans und Fansite-Betreiber, die wirklich jedes Detail lesen und für sich aufbereiten“. Eine weitere Zielgruppe seien Newcomer, „die sich ganz grundsätzlich über DSO informieren und auf dieser Basis entscheiden, ob das Spiel interessant für sie ist. Dazu zählen auch viele Silver Gamer, die womöglich ein anderes Hintergrundwissen haben als jüngere Spieler.“ Auch Pressevertreter und Betreiber von Browsergame-Portalen holen sich ihre Infos regelmäßig aus den Posts.

Neben der Informationsfunktion hat das Entwicklertagebuch auch eine Partizipationsfunktion. „Wir wollen den Usern ermöglichen, uns Feedback zu geben“, betont Jacobs. „Drittens hat das Tagebuch auch eine strategische Funktion, vor allem für Hardcore-Spieler. Sobald wir nämlich Events ankündigen – wie aktuell das Oster-Event – beginnen die Strategiefüchse mit der Vorbereitung: Sie versuchen, bereits vor dem Start eigene Restbestände der Event-Ressourcen aus dem Vorjahr gewinnbringend im Handel einzusetzen. Oder sie versuchen, Restbestände von anderen Spielern zu ergattern, um maximalen Nutzen aus dem Event zu ziehen.“ Zu guter Letzt hat das Tagebuch auch eine Archivfunktion.

Protokollstil
Beim Lesen der Beiträge fällt der sachliche, fast schon protokollartige Schreibstil auf. Genauso soll das aber auch sein, sagt Manfred Jacobs: „Im Mittelpunkt stehen die Grundfunktionen des Spiels, etwa ob ein neues Gebäude limitiert, handel-, ausbau- oder verschiebbar ist. Das Tagebuch ist also auch eine Art Factsheet. Über die Details tauschen sich gerade unseren treuesten Fans sehr rege aus. Grundsätzlich versuchen wir, der Community so viele Infos wie möglich zu geben.“ Früher habe man bei Blue Byte Tagebuch-Einträge geschrieben, die sehr weit vorausschauten. „Da ging es dann zum Beispiel um die Features für die nächsten sechs Monate. Im F2P-Bereich ist die Entwicklung aber sehr organisch. Technische Änderungen nehmen Zeit in Anspruch, da kommt es dann schon mal zu Verschiebungen. Eine wesentliche Rolle spielt auch das User-Feedback, das hin und wieder zu inhaltlichen Änderungen führen kann.“ Anfang 2014 habe Blue Byte deshalb seine Vorgehensweise geändert, so Jacobs: „Wir schreiben nicht mehr als Erstes einen Tagebuch-Eintrag. Stattdessen veröffentlichen wir Sneak Peeks, in denen wir die geplanten Features präsentieren. Außerdem können die User die Vorab-Versionen auf dem frei zugänglichen Test-Server ausprobieren.“ Basierend auf dem User-Feedback gebe es dann mehrere Iterationen, so Jacobs weiter. „Den Tagebuch-Eintrag schreiben wir erst, wenn die neuen Features definitiv feststehen.“

Auch Pavel Sebor kennt die Gefahr verfrühter Ansagen. „Wenn wir etwas ankündigen, besteht immer das Risiko, dass die geschätzte Zeit bis zur Veröffentlichung falsch ist“, so der Studiochef. „Häufig sind wir da zu optimistisch. Wir sagen: Ok, in einer oder zwei Wochen bekommt ihr das Feature. Schlussendlich dauert es aber dann doch einen Monat. Das lehrt uns, vorsichtiger zu sein.“ Die User beschreibt er lächelnd als „definitiv nicht geduldig. Wenn wir ihnen etwas Neues mitteilen, fangen sie sofort an, nach Zusatz-Features zu fragen“. Blog-Beiträge verzeichnen bis zu 500 Kommentare, auf der Facebook-Seite von ETS2 sind es oft noch mehr. Darüber hinaus betreibt Sebor auch einen Twitter-Account, in dem er seine persönliche Sicht der Dinge schildert.

Video-Einblick
Gerne würde Sebor deutlich mehr Videos in das Tagebuch integrieren. „Selbst Videos über nebensächliche Aspekte – etwa die Aufnahme von Motorengeräuschen – erreichen zehntausende Views“, berichtet er. Blue Byte setzt derweil Videos gezielt ein, um der Entwicklung eine persönlichere Note zu geben („Blue Byte Backstage“). „In einem Video haben wir zum Beispiel die Techniker erklären lassen, was bei einer Server-Wartung passiert, warum das mehrere Stunden dauern kann“, erzählt Jacobs. „Wir lassen auch die Entwickler beschreiben, wie sie sich ein neues Feature vorstellen und wie sie es umsetzen wollen.“ Die Backstage-Videos werden auf Deutsch und Englisch produziert, Untertitel gibt es in französischer und polnischer Sprache. Sie werden auf YouTube veröffentlicht und sowohl im Siedler-Forum als auch in diversen Social Networks gepostet.

Fazit: Entwicklertagebücher bauen Spannung auf und stärken die Community. In den von uns genannten Beispielen dürfen die Fans auf baldigen Tagebuch-Nachschub hoffen: In DSO steht das Oster-Event vor der Tür, bei SCS Software gibt es bald Neues vom American Truck Simulator. (feh)