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Magazin: story

Ausgeschleckt?

„Fit for the Future“: Unter diesem Motto kündigte der strauchelnde Drogerie-Riese Schlecker schon vor rund zwei Jahren tiefgreifende Reformen an – aber gebracht hat‘s augenscheinlich wenig, denn momentan entscheidet der Insolvenzverwalter, was bzw. ob neu strukturiert wird. IGM über das langsame (Aus)-Sterben eines Einzelhandels-Dinosauriers.

Kennen Sie noch Schlecker? So richtig? Sind Sie das letzte Mal an der Hand ihrer Mutter bzw. Großmutter durch einen der (noch) 6.000 Märkte (in Deutschland) gestolpert… oder haben sie sich in den vergangenen fünf Jahren tatsächlich selber und aus freien Stücken in einen Schlecker, verirrt‘? Wenn nicht, dann geht es Ihnen genauso wie uns: An Schlecker hat man sich erst wieder erinnert, nachdem das Unternehmen in den letzten Wochen durch die drohende Pleite in die Schlagzeilen kam. Keine Frage: Wann immer es die vom zurückgezogen lebenden Anton Schlecker 1975 gegründete Kette in die Presse schaffte, war die Assoziation nicht eben positiv: Das Unternehmen fiel nicht nur durch Haifisch-artige Übernahmen, sondern vor allem durch den fast schon legendären schwäbischen Geiz seines Gründervaters auf. Der soll seinen Angestellten ein geradezu unmenschliches Arbeitsumfeld geboten haben: Die Mitarbeiter in den chronisch unterbesetzten Märken wurden angeblich schlecht bezahlt und durften während der Arbeitszeit nicht mal kurz auf dem WC verschwinden. Auch die Häufigkeit, mit der sich Diebes- und Einbrecher-Gesindel über die Filialen hergemacht haben soll, muss – gemessen an ähnlichen Vorkommnisen bei den Mitbewerbern – höchst auffällig gewesen sein. Angeblich habe es die Familie Schlecker nie in Erwägung gezogen, in zeitgemäße Abwehrmechanismen zu investieren: Moderne Alarmanlagen oder Safes mit verschlüsseltem Kombinationsschloss? Fehlanzeige. Immerhin würde diese Philosophie der ,Null-Sicherheit‘ erklären, wieso sich die meist einsamen Angestellten bis zur Gewerkschafts-Intervention nicht hinter ihrer Kasse weg bewegen durften: Wer pinkelt, passt nicht auf.

„Wer pinkelt,
passt nicht auf“

Kaputt gespart?Nicht ganz unbegründet ist da die Frage nach dem Ursprung des Problems: Sind die Schlecker-Läden mitsamt ihrer Sicherheits-, Gehalts- und Sortiments-Struktur dermaßen runtergekommen, weil es in Wirklichkeit schon lange am für eine sinnvolle Reform nötigen Kleingeld mangelt? Oder entstand das Problem erst, weil man am falschen Ende gespart und gemütlich-geizig dabei zugesehen hat, wie modern ausgestattete Konkurrenten á la dm, Rossmann oder Müller Düsenjet-artig am Schlecker-Dino vorbeigezogen sind? Apropos ,vorbeigezogen‘: Schlecker steht im Ruf, den Markt der Drogerien bis heute dominiert zu haben – fragt sich nur, wie und in welcher Disziplin. Lag man wirklich nach Gewinn oder zumindest Umsatz vorne? Oder war es seit jeher einfach die Zahl der Filialen und Beschäftigten, die dem Unternehmen zu solch vermeintlich elaborierter Position verholfen hat?

Ist wie seine Schwester Meike (o.) in der Unternehmensführung und sollte... Ist wie seine Schwester Meike (o.) in der Unternehmensführung und sollte... Wir erinnern uns: Schleckers rasantes Wachstum beginnt in einer Zeit, in der die Drogerie-Sparte noch nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit im Selbstbedienungsfeld beheimatet ist wie heute. In der ,guten alten Zeit‘ sind Drogerien (die nicht umsonst nach den klassisch in ihnen gehandelten ,Drogen‘ benannt sind) die ,Vorstufe‘ zur Apotheke. Seit Ende des 19. Jahrhunderts dürfen sie auch in Deutschland wieder solche Arzneien, Kräuter, Tees o.ä. verkaufen, deren Handel zuvor allein den Apotheken vorbehalten ist. Wie der klassische Apotheker weiß der Drogist dieser Zeit wie man bestimmte Tinkturen, Salben oder andere Mittelchen selber und speziell auf Kundenwunsch braut.

Heute ist diese Art der klassischen Drogerie jedoch nahezu ausgestorben – eine Entwicklung, die der Berufsstand nicht zuletzt der Familie Schlecker verdankt, weil die das damals immer stärker florierende Konzept des Selbstbedienungs- oder ,SB‘-Ladens schließlich auf das Drogeriegeschäft anwendet. Wer Mitte der 70er abseits der Stadtzentren Drogerie-Artikel kaufen möchte, muss auf die luxuriösen Warenauslagen von Hertie und Kaufhof verzichten und  Anton Schleckers Sohn Lars. ...das marode Unternehmen wieder auf Kurs bringen: Anton Schleckers Sohn Lars.

stattdessen in einen der erwähnten Drogerie-Märkte, bei denen die Waren noch immer über die Theke gehen. Nach dem phänomenalen Erfolg seines Konzepts eröffnet Anton Schlecker an jeder (gefühlten) Straßenecke des Landes die bekannten Märkte, von denen die meisten noch immer wenig größer sind als die Drogerien und Tante-Emma-Läden, die sie einst ablösten – allerdings ohne deren nostalgischen Charme.

Überholt und abgehängtLeider scheint das Unternehmer-Ehepaar Schlecker in den folgenden Jahrzehnten immer mehr den Anschluss an den Zeitgeist zu verlieren: Trägt der sprichwörtliche Schwabengeiz anfangs noch entscheidend dazu bei, die Firma mit einer Mischung aus klugem Unternehmergeist und stetiger, aber vorsichtiger Expansion an die Spitze zu taktieren, wird der Geist des ,Sparbrötchens‘ schließlich zum Stolperstein. Wer heute Drogerie-Artikel kaufen will, der profitiert vom breiteren und tieferen Sortiment der attraktiver geführten dm- bzw. Rossmann-Märkte – oder aber er besucht gleich einen Müller, der sein Programm schon früh um eine engagiert geführte multimediale Shopping-Sparte bereichert hat, und der von vielen Kunden gar nicht mehr als Drogerie wahrgenommen wird: Hier geht man hin, um CDs, Filme oder eben Videospiele zu kaufen… ein Lippenstift ist vielleicht auch noch drin – aber für Anti-Fußschweiß-Salbe und Kakerlaken-Killer geht man dann zu dm respektive Rossmann, in deren Filialen man sich (anders als bei Schlecker) zumindest nicht selber wie Ungeziefer fühlt. Und wofür geht man eigentlich zum Schlecker? Naja – da geht man hin, wenn sonst keiner in der Nähe ist. Also in diesen seltenen Momenten, bei denen man sich im tiefsten Winter und mit aufgesprungenen Lippen mitten in der Einöde wiederfindet, während sich der Labello schon vor Stunden durch ein Loch in der Hosentasche verabschiedet hat.