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Magazin: story

©Foto: Matej Pavlansky/Shutterstock&blackboard1965/ArchMan/shutterstock
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Bereit zum Reload

Vor gut einem halben Jahr wurde die ZDF-Sendung „Pixelmacher“ eingestellt. Seitdem halten nur noch zwei Magazine das Spielefähnchen im deutschen Fernsehen hoch: Reload und Game One. Reload läuft auf EinsPlus, einem Digitalsender der ARD; Game One wird von den Privatsendern MTV, Viva und Comedy Central ausgestrahlt. Beide Magazine sind über diverse Websites auch online empfangbar. Nur: Reicht das, um die immer stärker werdende Konkurrenz auf Youtube, Twitch.tv und Co. in Schach zu halten? Mit welchen Konzepten versuchen Reload und Game One, ihre jeweiligen Zielgruppen zu erreichen? Wir haben mit den Machern gesprochen und stellen die Konzepte in einer zweiteiligen Serie vor. Teil 1: das Magazin Reload.

Ein Mops läuft durch einen Parcours aus Kisten und Röhren. Auf dem Rücken trägt er ein blau-rotes Cape, dazu erklingt die Melodie aus Super Mario Bros.. Der Mops schnüffelt am Boden, er schnüffelt auch an Goldmünzen, die mit Bindfäden aufgehängt sind. Einem Ball, der vorüberrollt, schaut er nur kurz irritiert hinterher, dann läuft er hechelnd weiter. Schließlich erreicht er eine Pappburg mit einer Fahne und wird von einem zweiten Mops begrüßt, der einen pink-weißen Umhang trägt. In der letzten Einstellung sieht man, wie beide Möpse einträchtig von dannen hoppeln.
„Super Mops Bros.“ ist nur einer von vielen Sketchen, den sich das Team von Reload ausgedacht hat. Seit dem Start im Mai 2012 wird das Spielemagazin alle zwei Wochen auf dem Digitalsender EinsPlus ausgestrahlt. Es läuft dort neben Sendungen wie „Klub Konkret“, „Beatzz“, „Ausflug mit Kuttner“ und „Walulis sieht fern“. All diese Formate hatte der federführende Südwestrundfunk 2012 ins Programm gehoben, um mit EinsPlus eine jüngere Zielgruppe anzusprechen: nämlich besonders die 14- bis 30-jährigen Zuschauer. Reload läuft jeden zweiten Dienstagabend ab 21:15 Uhr, die Folgen dauern zwischen 28 und 30 Minuten. Wiederholt werden sie in der Nacht auf Mittwoch, schon vorher sind sie aber in der ARD-Mediathek verfügbar. Produziert wird Reload von acht redaktionellen Mitarbeitern, dazu kommen Kameramänner und Cutter. Zwei Moderatoren (Fred Peters, Stefan Bächle) führen durch die Sendung.

Viel Herzblut
Die beiden Redaktionsleiter bringen eine Menge Erfahrung mit: Heiko Gogolin war Chefredakteur des Gee Mag, Uke Bosse Redaktionsleiter bei Game One. „Reload soll eine Mischung aus Gee und Game One sein. Wir machen die Sendung mit viel Herzblut“, sagt Bosse. „Teilweise sind die Beiträge sehr intelligent, teilweise völliger Wahnsinn. Oder beides zugleich.“ Schon in der allerersten Folge präsentierte Reload eine Retrogame-Fassung von Charlotte Roches Ekelroman „Feuchtgebiete“ – die Pixelgrafik machte das Ganze nur noch schwerer erträglich. In seiner Rubrik „Spielosophie“ erklärt Reload philosophische Konzepte anhand von Games: Weil Zelda-Held Link so gerne Töpfe in fremden Häusern zerdeppert, wird er mit Kants Kategorischem Imperativ konfrontiert. Ähnlich abseitig ist die Rubrik „Geht das auch in Echt?“, die Spielmechaniken mit dem nichtdigitalen Leben konfrontiert: So testeten die Reload-Macher beispielsweise, ob man in der Realität genauso viel Ausrüstung kann wie der Fantasy-Held in Skyrim. Sehr schön verspult ist auch die Rubrik „Das Blaue vom Himmel“: Hier liest ein professioneller Sprecher (Wolf Frass) die überkandidelten Pressemeldungen von Spielepublishern vor.

„Wir können unser Konzept nur umsetzen, weil wir nicht ständig auf die Quote schauen müssen“, sagt Uke Bosse. Reload sieht er als „positives Beispiel für öffentlich-rechtliches Fernsehen. Die Sender können einfach mal Geld in eine Sache stecken und sie aufbauen, weil sie kulturell wertvoll ist“. Die Reichweite der Sendung zu schätzen, ist für Bosse ohnehin ein schwieriges Unterfangen: „Unsere Beiträge liegen in der ARD-Mediathek, auf einsplus.de, auf dasding.de und auf Youtube. Das fragmentiert sich alles.“ Auch die Zielgruppe von Reload möchte Bosse nicht messerscharf abgrenzen: „Sie ist etwas älter als die von Game One. Ich schätze mal, zwischen 20 und 35 Jahren.“ Dass Reload sehr unterschiedliche Altersgruppen erreicht, veranschaulicht Bosse an einem Beispiel: „Wir haben mal eine Mail von einem vielleicht 17-jährigen Mädchen bekommen. Die war über Reload gestolpert, weil ihr Vater das immer schaut.“ Reifere Jahrgänge holt Reload also ebenfalls mit ins Boot: „Über mehrere Folgen hinweg haben wir die Games-Kultur der siebziger, achtziger und neunziger Jahre porträtiert. Dafür bekamen wir auch von vielen älteren Zuschauern positives Feedback.“

Feste Struktur
Trotz wechselnder Rubriken hat die Sendung ein festes Grundgerüst: Jede Folge enthält drei Hauptbeiträge, die zwischen sieben und neun Minuten lang sind. Einer davon ist eine aktuelle Review, die anderen beiden beschäftigen sich häufig mit Games-Geschichte und -Kultur. „Unsere Reviews sollen eine gewisse Zeitlosigkeit haben“, sagt Bosse, „der Beitrag soll auch ein Jahr später noch funktionieren“. Im Beitrag zu Wolfenstein: The New Order ging Reload ausführlich auf die Geschichte des Spiels ein, erkundete aber auch die Rolle von Nazi-Schergen in anderen Spielen. Das Oberthema zum Rollenspiel-Shooter Destiny (VÖ 9.9.) wird sein, wie man einen guten Multiplayer-Modus entwirft. „Spielejournalismus ist – überspitzt formuliert – der einfachste Journalismus der Welt“, so Bosse. „Wirklich jeder kann sagen, ob ihm die Grafik gefallen hat, ob es ordentlich geknallt hat oder nicht. Für uns ist das aber uninteressant. Wir wollen etwas zum Spiel sagen, was man sonst nirgendwo liest oder hört.“ Zum Beispiel, dass die Firma Lego in ihren Indiana-Jones-Titeln sämtliche Nazi-Figuren nur als „Deutsche“ betitelt.

Neben den drei Hauptbeiträgen gibt es in jeder Sendung noch zwei bis drei kleinere Beiträge – zum Beispiel eben „Das Blaue vom Himmel“ oder „Spielosophie“. „Früher haben wir Fred und Stefan häufig in die Beiträge integriert“, erzählt Bosse. „Aus organisatorischen Gründen haben wir das aber zurückgefahren.“ Das Team dreht einmal im Monat – und dann gleich für zwei Reload-Folgen auf einmal. Fred moderiert die Übergänge zwischen den Hauptbeiträgen, so dass für die Zuschauer ein roter Faden entsteht. Stefan hat eine eigene Rubrik am Ende der Sendung, in der er – exakt eine Minute lang – weniger bekannte Titel vorstellt, zum Beispiel aus der Indie-Szene. „Authentizität ist für unsere Sendung sehr wichtig“, betont Bosse. „Deshalb schreibt Stefan seine Rubrik selbst, wir unterstützen ihn redaktionell.“ Ganz wichtig sei Abwechslung innerhalb der Sendezeit: „Wir machen keine Themen-Sendung. Du schaltest dich rein, der zweite Beitrag gefällt dir vielleicht nicht, du kannst dir aber immer noch den dritten anschauen.“ Reload soll auch bei Zappern funktionieren.

Andere Logik
Doch was sagen die Reload-Macher zu den überaus erfolgreichen Netzformaten auf Youtube und Twitch.tv? Sind Let‘s-Play-Videos und Livestreams am Ende vielleicht eine Bedrohung fürs „klassische“ Gaming-TV? „Es sind ganz unterschiedliche Arten, sich mit Games zu beschäftigen“, urteilt Bosse. „Vom finanziellen Standpunkt – wenn man nur die Reichweite betrachtet – haben wir gegen Let‘s Plays und Streams überhaupt keine Chance. Wenn aber Fernsehen nur nach dieser Logik funktionieren würde, dann würde sich die Fernsehlandschaft völlig verändern.“
Aus seiner Sicht macht es aber einen großen Unterschied, ob jemand ein Spiel live kommentiert – „oder ob er das Spiel komplett durchspielt und den Beitrag plant, schreibt, dreht, gegebenenfalls dafür auch noch Interviews führt, das Ganze dann schneidet und vertont. Vom Aufwand ist das eine ganz andere Nummer“. Die kreative Schaffenshöhe mache sich in den Beiträgen bemerkbar: „Die Ideen pro Minute sind einfach wesentlich höher als bei Streams oder Let‘s Plays.“ Bei Internetformaten laufe nun mal viel über Personality: „Und das ist völlig ok, wenn es die Leute mögen.“ (feh)

Ab dem 22.7. macht Reload Sommerpause und zeigt Wiederholungen. Neue Folgen werden wieder ab dem 23.9. gesendet. Das Magazin Game One porträtieren wir in der kommenden Ausgabe. (feh)