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Copyright Basis-Bild: hayo/stock.adobe.com
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BIU-Leistungskurs

Entscheidende Monate liegen vor einem Branchenverband, der die Interessen internationaler Publisher und lokaler Entwickler gleichermaßen vertreten will. Wie bringt der BIU all das unter einen Hut? Anders gefragt: Wer ist der BIU? Und wenn ja, wie viele?

In den Tagen vor der Bundestagswahl sind die Termine von Spitzenpolitikern besonders eng getaktet – nichts geschieht zufällig. Maximale Medienpräsenz ist oberstes Gebot. Dass Angela Merkel erstmals die diesjährige Gamescom eröffnet, ist natürlich vornehmlich dem Wahlkampf geschuldet. In den vergangenne Jahren musste sich Deutschlands sechstgrößte Publikumsmesse mit Grußworten von Oberbürgermeistern und Staatssekretären begnügen. Jetzt also der Griff ins oberste politische Regal: Die Kanzlerin kommt. Und wenn es ihre Redenschreiber gut mit der Branche meinen, wird Merkel einen Hinweis auf die Stärkung der Branche im Manuskript vorfinden – so, wie es im gemeinsamen Wahlprogramm von CDU/CSU niedergeschrieben ist. Für den Gamescom-Ausrichter, den Branchenverband BIU, wäre ein solcher Moment am 22. August ein weiterer Baustein auf dem Weg zum großen Wahlkampfziel: einer bundesweiten Entwicklungsförderung.

Ein Verband wird politischer
Im Januar ist Felix Falk als Nachfolger von Maximilian Schenk von der USK zum BIU gewechselt. Mit Blick auf das Wahljahr habe er als Geschäftsführer unmittelbar damit begonnen, den Verband "politischer" zu machen, wie er sagt. Der Schwerpunkt lag also auf dem politischen Netzwerk, den Wahlprogrammen und der starken politischen Präsenz auf der Gamescom. "Denn hier bedingt sich vieles wechselseitig. Die Tatsache, dass die Generalsekretäre für die Wahlkampf-Arena zugesagt haben, ist ein gutes Beispiel dafür: Da hängt einerseits eine Zusage an der anderen und damit folgt andererseits auch, dass manche Parteien, die sonst vielleicht nichts zu Games in ihr Wahlprogramm geschrieben hätten, die Themen stärker diskutieren, gerade weil sie vor einer öffentlichen inhaltlichen Auseinandersetzung in einer Wahlkampf-Arena stehen." Um es mit einem Thema wie der Entwicklungsförderung wirklich auf die politische Agenda zu schaffen, reiche es nicht, drei Bundestagsabgeordnete zu kennen, die das gut fänden. "Das muss man auf breiter Ebene strategisch angehen", erklärt Falk. "Deshalb habe ich gleich zu Beginn beim BIU unter anderem das Ressort Politik gestärkt, weil wir hier absolut keine Zeit zu verlieren hatten. Denn von dem, was wir hier jetzt erreichen, leben wir die nächsten vier Jahre. Was wir jetzt nicht verankern, hat es sehr schwer in der nächsten Legislaturperiode."

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Alle Mitglieder stehen voll hinter der Förderung
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Förderung strahlt auf ganze Branche ab
Nach Lage der Dinge besteht der kommende Bundestag aus sechs Fraktionen – vier davon versprechen in ihren Programmen eine vage Unterstützung für die Branche. Aus Sicht des BIU ist das ein Erfolg, wenngleich die Zusagen im Koalitionsvertrag des Jahres 2013 schon mal präziser ausformuliert waren. Im November 2016 hat der BIU ein küchenfertiges Steuerkonzept vorgestellt, das die Anrechnung von 25 Prozent der Entwicklungskosten vorsieht. Darüber freuen sich in erster Linie jene Unternehmen, die Videospiele und Apps in Deutschland produzieren – von Wooga und Yager über Blue Byte und Deck 13 bis hin zur Bethesda-Tochter Id Software. Umgekehrt bedeutet das natürlich, dass Vollmitglieder ohne eigene Studios zwischen Flensburg und Freising zwangsläufig leer ausgehen. Was sagen eigentlich Sony, Nintendo, Electronic Arts und Co. zu den politischen Ambitionen des BIU? Alle Mitglieder stünden voll und ganz dahinter, betont der BIU-Geschäftsführer. "Manche wundern sich, warum unter den Befürwortern auch die großen Publisher sind. Das ist schnell erklärt: Eine substanzielle Entwicklungsförderung ist eine so grundlegende Basis bei der Stärkung eines Standorts – davon profitieren alle Marktteilnehmer. Sie ist eben auch eine starke Zusage seitens der Politik, sich hinsichtlich der Rahmenbedingungen für eine Branche zu engagieren. Deshalb strahlt die Einführung einer Förderung auf alle Bereiche der deutschen Games-Branche ab. Genau das ist der Grund, warum wir hier alle an einem Strang ziehen. Und das müssen wir auch, wenn wir erfolgreich sein wollen." Analoges gelte auch für das Thema eSport, das ebenfalls in mehreren Wahlprogrammen Eingang gefunden hat. "Gemeinnützigkeit von Vereinen, Visa-Erleichterungen, Anerkennung als Sport – das kommt der ganzen Branche zugute. Denn eSport wie auch Virtual Reality sind zwei Phänomene, die unglaublich gut verkörpern, was Games ausmachen: das Soziale, die Wirtschaftskraft, die Innovationsfähigkeit."

Politisches Gewinnerthema
Spannend wird es, sobald sich der neue Bundestag konstituiert und der konkrete Ministerien-Zuschnitt samt Kabinett feststeht. BIU-Chef Falk warnt indes vor voreiligem Optimismus: "In Bezug auf eine Entwicklungsförderung wird noch eine ganze Menge Arbeit notwendig sein, denn es ist ja auch überhaupt noch nicht sicher, dass dieses Thema auch im Koalitionsvertrag verankert wird. Wir stellen uns deshalb strategisch breit auf, indem wir mögliche neue Mandatsträger bereits jetzt treffen und informieren, damit wir das Thema direkt zu Beginn der kommenden Legislaturperiode möglichst schnell weiter vorantreiben können. Derzeit liegen wir sehr gut im Rennen."

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Derzeit liegen
wir sehr gut im Rennen
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Entscheidend für einen Erfolg sei allerdings eine möglichst große Geschlossenheit innerhalb der Branche, nicht zuletzt mit dem GAME Bundesverband. Falk ist "heilfroh", dass beide Verbände im Moment eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten."Bei der Entwicklungsförderung sind wir so dicht dran wie noch nie. Und wenn wir jetzt keine Fehler machen, dann kann es mit der Förderung wirklich klappen. Dafür müssen wir als Branche aber wirklich einig sein." Wenn die Politik das Gefühl habe, dass eine Branche sich nicht einig ist, dann schwenke sie eben schnell auf andere Branchen, bei denen eine größere Einigkeit besteht. "Kein Politiker hat Lust, sich für etwas einzusetzen, bei dem er das Gefühl hat, von einem Teil der Branche am Ende doch kritisiert zu werden. Die Entwicklungsförderung muss ein politisches Gewinnerthema sein."

Networking statt Verbandsmeierei
Schon vor seiner BIU-Zeit habe er nie einen Hehl daraus gemacht, dass es einen gemeinsamen Verband der Games-Branche geben sollte, sagt Felix Falk. "Die Durchsetzung unserer Ziele ist sonst einfach ungleich schwerer und viel zu viel wertvolle Zeit wurde in der Vergangenheit für ausschließlich Branchen-interne Debatten genutzt anstatt für die wirklich drängenden Themen. Aber solange wir mit BIU und GAME nun einmal zwei Verbände haben, solange ist es unsere Verantwortung, so eng und gut wie möglich zusammenzuarbeiten und nach Möglichkeit zu verhindern, dass diese Situation den Interessen unserer Branche schadet." Aus seiner Sicht gibt es in der Branche ein großes Bedürfnis nach Einheit – dafür stehe er auch als Person. "Es geht mir eben gerade nicht um Verbandsmeierei und Kleingärtnerkämpfe, sondern um die gemeinsamen Ziele unserer gesamten Branche."

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Keine Verbands­meierei und Klein­gärtner­kämpfe
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In der Zwischenzeit wachsen die Netzwerke BIU.Dev und BIU.Net mit bemerkenswertem Tempo: 5 Neuzugänge im Januar, 21 im April, 17 im Juli. Neben Exoten wie der Messe Husum (die sich als Austragungsort für eSport-Turniere empfiehlt) und Startups stoßen auch gestandene Unternehmen hinzu, die bislang parallel beim GAME Bundesverband gelistet sind. Das gilt zum Beispiel für das Hamburger Studio Rockfish Games ("Everspace"), das erst seit kurzem als BIU.Dev-Mitglied gelistet ist. In der Startphase sei es den Gründern sinnvoll erschienen, als Indie-Studio einem Entwicklerverband wie dem GAME beizutreten, so Geschäftsführer Michael Schade. "Inzwischen sehen wir unsere Interessen sehr gut durch den BIU vertreten: Das Team um Felix Falk und Thorsten Hamdorf macht einen prima Job und bindet uns als ‚kleine' Entwickler proaktiv ein." Ein Beispiel seien die BIU-Online-Live-Seminare, an denen Rockfish als Zuschauer und Referenten teilgenommen habe. "Das Paket an geldwerten Leistungen gibt es als Sahnehäubchen obendrauf. Wir halten es für wichtig, uns in Verbänden einzubringen. Ob wir weiterhin zweigleisig fahren, wird man sehen." Schon seit über einem Jahr ist hingegen das Bremer Studio King Art Games (Die Zwerge) dabei. Überzeugt hätten ihn vor allem die Service- und Networking-Möglichkeiten, so Gründer Jan Theysen, der auch das BIU-Konzept zur Games-Förderung "voll und ganz" unterstützt.

DCP: Eine Branche zahlt ihr eigenes Preisgeld
Bleibt noch das Sorgenkind der jüngeren Vergangenheit, der Deutsche Computerspielpreis, kurz: DCP. Nachdem im Vorfeld der diesjährigen Verleihung doch noch ein Konsens mit dem Verkehrsministerium über die Finanzierung des Preisgeldes erzielt wurde, will Felix Falk die neue Legislaturperiode für eine Neujustierung nutzen. "Ich persönlich und der ganze BIU stehen absolut hinter dem DCP. Wir wollen, dass wir in der guten Partnerschaft der drei Träger in Zukunft weiter und noch besser zusammenarbeiten. Was sich aber ändern sollte: Der DCP ist der einzige Kultur- und Medienpreis der Bundesregierung, bei dem die Preisträger zur Hälfte ihr eigenes Preisgeld bezahlen müssen. Es gibt mehr als 15 Preise, vom Filmpreis bis hin zum Musikinstrumentenpreis, mit zum Teil deutlich mehr Budget. Das Preisgeld wird dabei immer zu 100 Prozent vom Bund übernommen – und der DCP ist der einzige Preis, der zur Hälfte von der Branche selbst bezahlt wird. Das ist eine falsche Struktur und ein völlig falsches Signal."
Wenn es schon einen kulturpolitischen Preis geben soll, dann sei das Preisgeld eine öffentliche Aufgabe. Die Wirtschaft soll natürlich weiter Verantwortung übernehmen, zum Beispiel bei der Ausrichtung der Gala oder bei der Organisation durch das Award-Büro. Es sei allerdings grundfalsch, dass der Entwickler und der Publisher auf der Bühne die Hälfte des eigenen Preisgelds bezahlen müsse. "Im nächsten Bundestag möchte ich versuchen, eine Debatte zu beginnen, wie wir den DCP so weiterentwickeln können, dass er nicht dem alten Stigma folgt wie in der Gründungszeit von 2007. Inzwischen hat sich gesellschaftlich und politisch so viel getan, dass es hier im Vergleich zu anderen Preisen keine grundsätzliche Andersbehandlung mehr geben sollte."  (pf)