Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Copyright Basis-Foto: Viola F. Holtz/Fotolia
Copyright Basis-Foto: Viola F. Holtz/Fotolia

Black Ops 2, Deutsch 6

Nintendo im Kindergarten, GTA in der Grundschule, Black Ops mit zwölf: IGM hat sich mal umgehört, welche Spiele und Plattformen bei den Kindern der „NextGen“ so angesagt sind. Mit erschreckenden Resultaten.

Wir waren vorgewarnt. „Stell keine komplizierten Fragen!“, gab uns Hauptschullehrer X* als Tipp, bevor wir unseren Interviewbogen für seine Schüler zusammenstellten. Also haben wir ganz simple Fragen formuliert: Welche Konsolen / PCs / Smartphones hast Du? Welche Spiele spielst Du momentan? Was gefällt Dir so besonders an diesen Spielen? Spielst Du auch Spiele ab 16 oder 18 Jahren? Trotzdem haben uns die Antwortzettel umgehauen. Warum? Denken Sie einfach an sämtliche Klischees, die bei den Schlagwörtern „Unterschicht“, „Killerspiele“ und „Verblödung“ vor Ihrem geistigen Auge auftauchen. Und jetzt stellen Sie sich das doppelt so schlimm vor – und es reicht trotzdem nicht an die Realität heran.

Dreifach geschockt
Drei Dinge haben uns vor allem schockiert: Erstens die Schludrigkeit, mit der die 14 befragten Schweinfurter Siebtklässler ihre Zettel abliefern. Schreibfehler ohne Ende, kaum ein gerader Satz, manches können wir nur mit viel Mühe entziffern oder verstehen – wenn überhaupt. Die zehn befragten Mädchen hingegen geben ihre Antworten ordentlich durchnummeriert und teils in gestochen scharfer Handschrift ab. Aber die spielen ja auch kaum, ihr „brutalstes“ Spiel ist Mario Kart. Ganz anders hingegen die Jungs, die uns den zweiten Schocker liefern: 12 von 14 spielen 18er-Titel. Spitzenreiter ist Black Ops 2 mit zehn Nennungen, vor einer Ansammlung aus GTA V, Crysis 2 und Red Dead Redemption. Wohlgemerkt: Die Schüler sind zwischen 12 und 14 Jahre alt...

Der dritte Klopfer kommt bei Frage 5: Woher bekommst Du diese 18er-Spiele? „Meine Mutter kauft sie“, „von meinen Eltern“, „die hat mein Bruder“ sind die Standard-Antworten, nur einer der Schüler muss beim Download etwas kreativer sein: „Ich gebe falsche Daten ein, zum Beispiel geboren am 18.9.1990“. Ein anderer ist misstrauisch, obwohl die Antworten anonym bleiben: „Geb keine Info dazu.“ Lediglich zwei Jungs meiden die USK-18-Titel: „nett ab 18 weil es meistens Shooter Spiele sind und das ist nicht mein Typ“. Wir sind allerdings auch misstrauisch – geben die Schüler vielleicht einfach mit Spielen an, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben? „Nein, die spielen das wirklich. Beim Beantworten haben die Jungen sich auch nicht abgesprochen“, versichert uns ihr Lehrer.

Auf die Frage, was ihnen denn so besonders an den genannten Spielen gefalle, kommen sehr einsilbige Antworten, der Sprachschatz reicht von „geil“ bis „chillig“, „Grafik, alles“, „das Ballern“ und „weil es meine Freunde gefällt“. Denn die Kumpels, die sind wichtig: Immer wieder fällt der Satz „dass ich es mit meinen Freunden spielen kann“, und tatsächlich treten viele der Schüler in der Freizeit mit- und gegeneinander an, entweder bei einem Freund gemeinsam daheim, oder eben online. Bei einer Antwort mussten wir lachen: „Ich mag Minecraft, Pokemon und Black Ops. Einige davon spiele ich seit meiner Kindheit.“

Perfekt ausgestattet
Ausgestattet sind die Kinder top: Bis auf zwei haben alle ein aktuelles Smartphone, hier streitet sich Samsungs Galaxy-Flotte mit den diversen iPhone-Varianten um die Lufthoheit im Klassenzimmer. Dazu kommt fast immer mindestens eine Konsole, im Durchschnitt besitzen die Schüler drei Plattformen. Einer listet stolz neun Geräte auf: PC, PS2, Xbox, PS3, GB, DS, Handy, Wii, Gamecube. Am Schluss versichert er uns noch, alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet zu haben: „Alles ist erlich gemacht! Auch die Nr.1!!!“ Lediglich die neuen Konsolen nennt keiner, die sind wohl noch zu teuer. Wobei wir uns schon wundern, wie die Teenager an die teuren Geräte und Spiele kommen. Denn die Hauptschule liegt im fränkischen Schweinfurt, einer klassischen Arbeiterstadt. Ein hoher Anteil an Arbeitslosen und Geringverdienern sowie eine der deutschlandweit höchsten Seniorenquoten lassen die Stadt sozial weit abgeschlagen zurück, im „Zukunftsatlas 2007“ landete Schweinfurt auf einem der hinteren Ränge Deutschlands. Die Überalterung wirkt sich unter anderem massiv auf das Vereinsleben aus, den Sportvereinen fehlt schlicht der Nachwuchs – dazu gleich mehr.

Hinzu kommt ein hoher Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund: In den 90er Jahren konnte die Einwohnerzahl von rund 50.000 nur durch den staatlich gelenkten Zuzug von Osteuropäern halbwegs stabilisiert werden, weil junge deutsche Familien ins Umland zogen. Heute hat ein Viertel der Bevölkerung ausländische Wurzeln, vor allem Russlanddeutsche und ehemalige Gastarbeiter. Die Arbeitslosenquote, Anfang der 90er noch bei fast 20 Prozent, schwankt heute zwischen fünf und acht. Zu den rund 50.000 Einwohnern kommen noch rund 11.000 US-Soldaten – die im Herbst 2014 allerdings endgültig abziehen.

Cola und Chips zum Frühstück
Durch diese Bevölkerungsstruktur liegt der Anteil der Hauptschüler mit Migrationshintergrund derzeit bei rund 60 Prozent, was zu Sprachbarrieren führt, die den Unterricht natürlich erschweren. Da ist es nicht gerade förderlich, wenn Schüler morgens mit einer Literflasche Cola und einer Tüte Chips aufschlagen, die sie zum Frühstück vertilgen – nach so einem Koffein-Kohlenhydrat-Boost hätten sogar langgediente Finanzbeamte massive Probleme mit dem Stillsitzen. Außerdem sind viele Kinder permanent übermüdet, denn zum Spielekonsum gesellen sich Fernsehen und Internet. Stundenlang. „Das geht schon vor dem Unterricht mit Hartz-4-TV los“, berichtet Lehrer X. Schwer angesagt sind Laiendarsteller-Serien wie „Berlin – Tag & Nacht“, deren Schauspieler schon mal auf Facebook beschimpft werden, „weil sie die Saskia so gedisst haben“ – die pöbelnden User können schlicht nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden.

Und nach dem Spielen? Spiele gucken!
„Die Kinder tun mir richtig leid“, sagt uns ihr Lehrer, „die haben zum Teil keinen Vater. Dann hat die Mutter einen neuen Freund, mit dem sie im Nebenzimmer beschäftigt ist, und die Kinder werden solange vor der Konsole geparkt.“ Doch selbst wenn die Kinder irgendwann mal zu platt zum Selberzocken sind, bleiben Spiele Thema Nummer eins – dann werden eben Let’s Plays geguckt. Die mittlerweile durchaus professionell produzierten Videos sind auch auf unseren Antwortzetteln ganz vorn dabei, wenn’s ums Thema Informationsbeschaffung über Spiele geht. Fachzeitschriften hingegen tauchen gar nicht mehr auf, denn Lesen ist halt anstrengend.

Sich bewegen, draußen spielen, im Verein kicken? Fehlanzeige. Dabei wohnen zahlreiche Schüler direkt am großen „Wildpark an den Eichen“, der ganzjährig geöffnet hat – noch dazu kostenlos. Doch viele Eltern waren mit ihren Kindern noch nie im Park, der unter anderem mit Sportplätzen, Schwimmbecken und einer Holzburg lockt. Ab zwölf Jahren könnten die Schüler sich hier sogar alleine austoben. Könnten. Doch selbst dann, wenn sie mal draußen unterwegs sind, bleiben PSP & Co. wichtiger: Lehrer X berichtet von einem Schüler, der sich auf einer Klassenfahrt strikt weigerte, seinen Nintendo wegzulegen. Als der DS schließlich zwangsrequiriert wurde, bekam der Junge tatsächlich Zitteranfälle.

Nacktfotos posten? Kein Problem!
Sind Videospiele, Fernsehen und Internet denn gar kein Unterrichtsthema, wollen wir wissen. „Doch, aber bei der vielzitierten Medienkompetenz geht es vor allem um Informationsbeschaffung im Internet, und um den sicheren Umgang mit Facebook und persönlichen Daten.“ Die Resultate sind allerdings fragwürdig: Sexting zum Beispiel, also das Verschicken von (Halb)nacktfotos per MMS oder Mail, ist für die Siebtklässler ganz normal. „Die nackte Freundin knipsen und die Bilder herumschicken, das machen alle, das schockt keinen“, so der Lehrer. Ist das nicht furchtbar frustrierend, in diesem Umfeld zu arbeiten? „Ach, dafür freue ich mich jeden Tag auf zuhause. Im Vergleich dazu ist unser Dorf das gelobte Land.“

Aber auch auf dem Dorf herrscht nicht nur heile Welt – wie wir in der nächsten IGM zeigen... (mde)