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Magazin: story

Basis-Foto © A_Bruno/Fotolia
Basis-Foto © A_Bruno/Fotolia

Black Ops 2, Deutsch 6

Nachdem IGM in der letzten Ausgabe Schweinfurter Hauptschüler zum Thema Videospiele befragt hat, sind diesmal Kindergarten und Grundschule dran. Auf dem Land. Da ist bestimmt alles ganz prima, oder? Die klare Antwort: Jein. Denn hier liegen die Probleme ganz woanders.

Kindergärtnerin X hat nicht nur täglich mit einer Horde Zwei- bis Sechsjähriger zu tun, sondern auch eine eigene Minihorde daheim: Ihr Sohn ist acht und geht in die Grundschule, die beiden Töchter sind zwölf (Gymnasium) und 15 (Mittelschule) – da hat man einen guten Überblick, was die Kurzen so mit Videospielen und ihren Handys anstellen. Die Familie lebt im unterfränkischen Aub. Nie gehört? Kein Wunder: Das Städtchen an der bayrisch-württembergischen Grenze hat gerade mal 1.500 Einwohner. Die alte Stadtmauer ist genauso intakt wie das Dorfleben rund ums Auber Schloss. Doch die Stadt hat ein Problem: Im Ortskern stehen jede Menge Häuser leer, auch hier wird mittlerweile um jeden Einwohner gekämpft. Gemeinden in der Umgebung zahlen bereits stattliche Prämien, wenn man hinzieht. Wer hier wohnt, muss mobil sein – im doppelten Sinne, wie wir noch zeigen werden.

Die Kinder hier sind viel draußen. Fußballspielen, Holzschnitzen, Treckerfahren. Klingt nach Astrid Lindgren, aber Aub ist nicht Bullerbü. Denn Nintendo und Co. sind sehr wohl ein Thema, weiß Frau X, das „geht schon im Kindergarten los. Früher gab’s den DS ab der dritten Schulkasse zur Kommunion, jetzt bekommen ihn die Erstklässler zu Weihnachten.“ So schlimm wie in der Hauptschule aus der letzten IGM sind die favorisierten Spiele allerdings nicht. Statt Black Ops und GTA ist Mario Kart schwer angesagt, und natürlich der hier allgegenwärtige Landwirtschaftssimulator. „Was und wie viel die Kinder genau spielen, dürfen sie aber oft nicht sagen. Die Eltern vertuschen das, weil es ihnen peinlich ist. Die ganz Kleinen werden aber sowieso eher vor dem Fernseher geparkt, weil das einfacher ist – bei einem Videospiel müssen die Eltern ja noch viel zeigen und erklären.“ Putzig: Im Kindergarten heißt der Nintendo einfach nur „Hnnnteno“ – was genau der macht, wissen die meisten Kinder gar nicht, aber das Wort klingt halt cool.

Treckerfahren geht immer
Ihr eigener Sohn „würde den ganzen Tag spielen“, entweder auf dem DS oder den Landwirtschaftssimulator auf dem PC. Doch die Mutter ist rigoros, „nur am Samstag und Sonntag darf er je eine Stunde ran.“ Bei gutem Wetter und beim Kicken mit seinen Freunden vergisst er das zwar schnell, pocht dann aber auf seine Nachhol-Rechte. Genau wie der siebenjährige Sohn unseres Hauptschullehrers aus der letzten IGM übrigens: Der darf nur dienstags eine halbe Stunde virtuell Treckerfahren. Ob er denn überhaupt schon mal geerntet habe, wollen wir wissen, denn in 30 Minuten hat man das Feld ja grad mal gepflügt und gesät. Der Junge schüttelt grinsend den Kopf. Seine Eltern, die für ihre Kindergeburtstage auch mal Traktorfahren (in echt!) und Schatzsuchen organisieren, kennen aber auch Kinder, die da keinen Bock drauf haben: „Die klinken sich dann aus und spielen lieber Supermario-Figuren nach.“

Auf Sohnemanns Schulhof ist derzeit Star Wars der Hit, dann fuchteln die Jungs wild mit Stöcken, Verzeihung, Lichtschwertern rum. Genau wie zu unserer Zeit also – mit dem Unterschied, dass wir damals zwölf waren und nicht sieben, also fünf Jahre unter der Altersfreigabe. Trotzdem kennen die Kinder die Figuren aus dem Animationsfilm-Serienableger The Clone Wars in- und auswendig: „Die haben dann sogar Zettel dabei, auf denen die Sprüche stehen. Aber mein Freund und ich machen da nicht mit. Ich finde Star Wars ja voll scheiße.“ Wir zucken unwillkürlich zusammen. Wer das damals bei uns gesagt hätte, wäre schon gemobbt worden, bevor es das Wort überhaupt gab. Es gehört Mut und/oder starkes Selbstvertrauen dazu, sich da auszuklinken.

Appgeschrieben
Ausklinken, das hat auch die fünfzehnjährige Tochter unserer Kindergärtnerin erlebt. Letztere sieht eine ganz andere Gefahr als den übermäßigen Spielkonsum: „Computer- und Videospiele gab es ‚schon immer‘. Aber Facebook und WhatsApp haben viel mehr verändert. Unsere Tochter war monatelang richtiggehend ausgegrenzt, weil auf ihrem älteren Handy zwar Facebook lief, aber WhatsApp nicht. Und weil Facebook und Simsen bei den Jüngeren mittlerweile völlig out sind, laufen sämtliche Verabredungen nur noch über WhatsApp. Das geht bis hin zum Vereinstrainer, der Terminänderungen ausschließlich per Rundum-Message verschickt hat – obwohl er wusste, dass zwei der Mädchen gar kein WhatsApp nutzen können. Das war sehr, sehr erschreckend. Wir haben dann lange überlegt und ihr doch ein aktuelles Smartphone gekauft.“ Bei der jüngeren Tochter gab’s das entsprechende Handy schon mit zwölf, um ihr die gleichen Erfahrungen zu ersparen. „Das haben wir sogar mit der Großen vorher abgesprochen, das war für sie völlig in Ordnung.“

Die Mutter beklagt vor allem den „Kontrollverlust“: „Früher war bei uns ständig das Telefon besetzt, aber ich wusste wenigstens meistens, wer gerade dran war. Erst ruft der an, nachher die – das war in Ordnung, ich kannte die Freunde ja. Jetzt ist das Telefon zwar frei, dafür habe ich den Überblick überhaupt nicht mehr. Aber ich vertraue meinen Kindern, ich würde sie auch nie auf Facebook nerven.“ Doch sie bekommt eben auch mit, wie stark sich das Smartphone mittlerweile auf die Kinder auswirkt. „Computer und Konsole macht man nach dem Spielen wieder aus, aber Handy, WhatsApp und Facebook laufen eben dauernd. Manche Kinder schlafen gar nicht mehr richtig, aus Angst, eine Mitteilung zu verpassen. Auch an Schultagen brummt das Ding bis in die Nacht, Statusmeldungen um 23 Uhr sind da völlig normal.“

Nackte Tatsachen
Eltern tun sich schwer damit, dem Dauerbombardement entgegenzutreten. „Wir waren die Bösen, weil wir Facebook und WhatsApp erst gar nicht erlaubt haben, dann mit 13 nur eine Stunde am Tag.“ Solche Konsequenz wird in der Schule nicht mitgetragen: Anders als in der Schweinfurter Hauptschule herrscht auf dem Gymnasium im Auber Nachbarort Röttingen kein generelles Handyverbot, die Smartphones liegen offen auf dem Tisch. Die dreifache Mutter wünscht sich daher eine stärkere Unterstützung durch die Schulen, aber auch mehr Engagement der anderen Eltern. Doch häufig bricht erst dann Aktionismus aus, wenn es zu spät ist: In der benachbarten Realschule boten Polizei und Jugendamt Infoabende zum Thema Handyvideos und -nacktbilder an, als die schon längst die Runde machten.

Aber: Die Eltern müssen eben auch aktiv mitmachen, sich interessieren. Und genau das tun viele halt schlicht nicht. „Da gucken die Kindergartenkinder schon laufend RTL II. Dabei sind die Figuren ganz schrecklich, die Filme viel zu hektisch. Das kann ein Kind in dem Alter noch gar nicht verarbeiten.“ Vier, fünf Kinder in ihrer vierzehnköpfigen Gruppe „schauen dauernd Fernsehen, das wirkt sich extrem auf ihr Verhalten aus.“

Facebook for Dummies
Die Kindergärtnerin begrüßt deshalb eine frühe Aufklärung: Im Nachbarort gab es neulich Medienabende mit speziell geschulten Lehrern, die zum Beispiel einen Film über Facebook-Bekanntschaften gezeigt haben. Die Themen werden über mehrere Tage mit Referenten vertieft. Wenn man damit erst an höheren Schulen beginnt, ist es schon zu spät, findet die Erzieherin. Wie wichtig ein intaktes Elternhaus ist, bekommt sie zusätzlich durch die Arbeit ihres Mannes mit, der im Jugendamt tätig ist. Ihm geht es wie unserem interviewten Hauptschullehrer – er ist froh, wenn er nach Hause kommt, und schätzt das Familienleben umso mehr. Auch wenn Facebook und Co. mittlerweile Mitbewohner sind.

Unser persönliches Highlight ist übrigens eine Jugendliche, die ihr iPhone weit weg vom Bett deponiert, „damit ich extra aufstehen muss, um meine Nachrichten zu lesen – und dafür bin ich dann doch zu faul.“ Das Ding einfach ausschalten? „Nein, dann könnte ich ja was verpassen!“ (mde)