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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Delphotostock/stock.adobe.com
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Brexit-Stimmen

Konsumenten scheren sich für gewöhnlich nur wenig darum, wo die Produkte herkommen, die sie in den Einkaufswagen packen. Käse findet man eingeschweißt in der Supermarkt-Kühltruhe oder an der Käse-Theke, Schnitzel gibt's beim Metzger und Videospiele bei Elektro-Discounter, Fachhändlern oder im Internet.
Dass man aber teils hochspezialisierte Arbeiter benötigt, bis Käse, Schnitzel und Games in der Warenauslage landen, daran verschwendet man keinen Gedanken. Oder ob diese Produkte das Ergebnis komplexer Waren-, Lieferungs- und grenzüberschreitender Herstellungsketten sind. Dass es ohne ausländische Fachkräfte kein "Call of Duty" gäbe. Oder "Assassin's Creed". Also erteilt man den nötigen Strukturen einfach mal eine General-Absage und wählt sich per Referendum kurzerhand raus – und damit direkt in den schönsten Schlamassel. 
Das Land der Lords und Ladies hat sich vor mittlerweile anderthalb Jahren per Referendum dafür entschieden, der EU den Abschiedskuss zu geben. Darüber ist die Insel so etwas geworden wie ein europäisches Labor: Ein Testgelände, das uns ungeschminkt zeigt, was dann passiert, wenn man sich über Nacht dafür entscheidet, einen über Jahrzehnte gewachsenen und miteinander verschmolzenen Staatenbund zu verlassen.

Die Grafikerin
Wo genau bei so einem Experiment die heftigsten Einschläge erfolgen und wer darunter zu leiden hat, das können unsere Gesprächspartner dieser Tage live miterleben. Denn alle drei leben in und um London herum, sind entweder gebürtige Briten oder als Games-Schaffende ins Königreich immigriert.

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Direkt in den schönsten Schlamassel
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Mit dabei: die 28 Jahre junge Lily Zhu. Die gebürtige Chinesin ist in Deutschland aufgewachsen und vor zwei Jahren nach London übergesiedelt, um als "Environmental Artist" bei Splash Damage zu arbeiten. Das auf Online-Games spezialisierte Studio arbeitet seit einiger Zeit mit Wargaming zusammen, außerdem hat man den Multiplayer-Modus für "Gears of War 4" geliefert und die Internet-Ballerei "Dirty Bomb" auf den Weg gebracht. Über ihre Entscheidung, nach England zu ziehen, sagt Zhu: "Vor zwei Jahren hat mir ein befreundeter Kollege von Splash Damage erzählt und mir dann eine interessante Rolle bei einem sehr herausfordernden Projekt angeboten. Also habe ich beschlossen, London auszuprobieren. Von Brexit war damals noch keine Rede, das Pfund stand zum Euro auf Rekordhoch – es klang also alles rosig. Mittlerweile habe ich mich – abgesehen vom Brexit-Schock natürlich – ganz gut eingelebt. Auch wenn es Dinge gibt, an die ich mich wohl nie gewöhnen werde – wie z.B. den Umstand, dass es im Supermarkt nur eine Sorte Wurst gibt und die auch tatsächlich "Sausage" heißt."

Hat sie seit dem Brexit schon so etwas wie Diskriminierung zu spüren bekommen? "Da ich in London lebe, das ja immer noch ziemlich weltoffen ist, habe ich so was bisher nicht erfahren. Aber damit hatte ich auch in Deutschland keine Probleme, obwohl meine Familie erst eingewandert ist, als ich schon elf Jahre alt war. In London ist die allgemeine Bevölkerung ja auch ziemlich gut durchmischt, und im Büro spielen Rasse bzw. Herkunft sowieso keine Rolle. Hier nehmen wir aufeinander Rücksicht und gehen respektvoll miteinander um. Aus dem Freundeskreis weiß ich aber, dass es durchaus mal zu Beschimpfungen kommt – gerade in ländlicheren Gegenden. In London dagegen ist der Brexit als solcher verhasst. Vor allem bei Bevölkerungsschichten, die in der Lage waren, selber zu recherchieren und sich ein Bild von der Lage zu machen. In der Branche war uns von Anfang an klar, dass das eine schreckliche Idee ist. Und mittlerweile habe ich das Gefühl, dass auch die allgemeine Bevölkerung verstärkt dieser Meinung ist. Denn die Zeichen, dass es langsam bergab geht, die haben sich während der letzten anderthalb Jahre gehäuft. Natürlich ist all das noch immer ein heiß diskutiertes Thema. Die offizielle Haltung unserer Firma ist es, dass man sich darum bemühen will, alle zugewanderten europäischen Kollegen im Unternehmen zu halten, sollte uns die Regierung kein Aufenthalts- oder Arbeitsrecht garantieren. Aber wie das am Ende aussehen wird, weiß keiner so richtig. Tatsächlich beschäftigt Splash Damage recht viele ausländische EU-Kollegen. Wir lieben unsere Arbeit, und die Firma aus politischen Gründen verlassen wollen wir nicht. Aber im Alltag hat sich bisher wenig geändert – immerhin ist GB noch immer in der EU."

Der Lokalisierungs-Profi
Schon jetzt stärker von den Auswirkungen des Referendums betroffen ist Thorsten Heinze: Der 43-jährige Produktions- und Lokalisierungs-Profi arbeitet bereits seit 20 Jahren im Ausland und hat in den USA studiert. Im Jahr 2000 ging es von San Francisco nach Dublin, wo er für Vivendi Universal die Übersetzungs-Teams von "Diablo 2", "Warcraft 3" und "Half Life 2" leitete.

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In London ist der Brexit als solcher verhasst
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Inzwischen hat sich der mit einer Japanerin verheiratete und im Londoner Stadtteil Ealing ansässige Familienvater selbständig gemacht: Mit einem Geschäftspartner und mehreren Angestellten betreibt er eine kleine Dienstleistungs-Agentur, die sich vor allem auf Games-Lokalisierung spezialisiert hat und daher mit Studios sowie Herstellern aus aller Welt zusammenarbeitet.

Als Geschäftsmann bekommt Heinze die Einschläge teils unmittelbar zu spüren: "England ist zwar noch in der EU, aber die Auswirkungen des Referendums bemerken wir schon seit über einem Jahr teils deutlich. Als zwischenzeitlich angekündigt wurde, dass es vielleicht einen "softeren" Brexit geben könnte, hatte sich die Stimmung zwar für einige Wochen wieder entspannt, aber insgesamt herrscht Unsicherheit", berichtet er. "Immer mehr Firmen arbeiten daran, ihren Sitz in die EU zu verlagern oder dort zumindest Niederlassungen zu eröffnen. Zum einen, weil man weiterhin von den Finanzspritzen aus Richtung EU profitieren will – zum anderen, weil man auf die Arbeitskräfte von überall her angewiesen ist. Gerade wenn Du ein Spiel mit größerem Budget entwickelst, willst Du dafür ja nur die besten Fachkräfte anheuern – und die gibt es nicht notwendigerweise im eigenen Land."

Laut Heinze könnte bei einem Brexit auch die klassische Struktur vieler Groß-Publisher auf dem Prüfstand stehen: Firmen wie Sony, Activision oder EA verlassen sich noch immer auf die klassische USA-UK-Europa-Hierarchie, bei der die nächsthöhere Order von der Insel kommt. Diese Unternehmen könnten sich im Brexit-Ernstfall dazu gezwungen sehen, ihre Strukturen neu auszurichten.

"Vor allem wäre das natürlich ein ziemlich teurer Spaß", vermutet Heinze. "Weil letztlich aber niemand weiß, welche Kosten der Brexit wirklich mit sich bringt, sind viele Hersteller und Studios gerade auf Sparkurs. Ergebnis: Interessante Projekte werden niedriger budgetiert als geplant oder gleich komplett eingefroren. Noch merken wir davon nichts, aber spätestens Ende dieses Jahres wird auch der Endkunde die Auswirkungen zu spüren bekommen."

Beschmierte Haus-Fassaden
Aber wie macht sich das Referendum seiner Erfahrung nach auf persönlicher und menschlicher Ebene bemerkbar? "Idioten gab es natürlich auch hier schon immer – aber jetzt fühlen sich viele Leute durch den Brexit in ihrer Hinwendung zu rassistischen Strömungen bestätigt und tragen ihre Aggressionen stärker in die Öffentlichkeit. Das hat eine neue Qualität. Polen bekommen dabei richtig viel Ärger ab, und jeder aus der EU muss für verlorene Arbeitsplätze als Sündenbock dastehen. Muslime werden ebenfalls häufig sehr schlecht behandelt – aber Deutsche trifft es auch mal. Gerade, wenn sie einen deutlich hörbaren Akzent haben. Das beginnt bei Anfeindungen und eskaliert in Gewalt, eingeworfenen Fensterscheiben oder zugeschmierten Hausfassaden."

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Niemand weiß, welche Kosten der Brexit wirklich mit sich bringt
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Und was tut die Regierung dagegen? Interessiert die sich überhaupt dafür? "Zum einen haben wir diejenigen Politiker, die aus voller Überzeugung auf ihrem alten Imperialismus rum hüpfen", erklärt Heinze. "Dann gibt es natürlich auch diejenigen, die sich um eine Lösung bemühen – nur leider sind auch sie manchmal nicht besonders engagiert. Außerdem sind alle Parteien im Tagesgeschäft so mit Brandbekämpfung und sich selber beschäftigt, dass am Ende nicht viel passiert. Vor einigen Wochen hat sich Premier-Ministerin May zum ersten Mal überhaupt an die in England lebenden Europäer gewandt. Ich denke, es sagt einiges aus, dass sie dafür anderthalb Jahre gebraucht hat."

Und die britische Games-Branche? Kann sie dabei etwas bewirken?" "Ja, denn sie erwirtschaftet hierzulande rund acht Prozent des Bruttosozialprodukts – weit mehr als in Deutschland. Darum haben die beiden englischen Branchen-Verbände "Ukie" und "TIGA" durchaus Mitspracherecht, immerhin geht es um sehr viel Geld." Um seinen persönlichen Aufenthalt im Königreich macht sich Heinze indes wenig Sorgen: "Ich besitze zwar noch keine britische Staatsbürgerschaft, habe aber den Vorteil, dass meine Frau über eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis verfügt. Möglich wäre auch, dass ich vielleicht für einige Tage ausreisen muss, dann aber wieder ins Land kann. Kommt es allerdings hart auf hart, würden wir vielleicht nach Japan ziehen."

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Kommt es hart
auf hart, ziehen wir vielleicht nach Japan
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Der Personal-Fachmann
Ebenfalls schon jetzt von Brexit-Sturm betroffen ist das Geschäft vom britischen Recruitment-Experten David Smith: Seine Firma "Interactive Selection" hat sich darauf spezialisiert, Games-Talente genau dort einzusetzen, wo sie am meisten gebraucht werden. "Der Brexit hat schon jetzt einen spürbaren Effekt auf das Personalgeschäft", erläutert Smith. "So hatten wir gerade erst einen griechischen Programmierer, der wegen der unsicheren Situation das Job-Angebot eines britischen Studios ausschlagen musste. Interessanterweise verdienen wir seit dem Brexit aber trotzdem mehr Geld – ein Umstand, der allerdings dem aktuellen Wertverfall des britischen Pfunds geschuldet ist. Darum kommt natürlich mehr Geld rein, wenn wir mit EU-Firmen zusammenarbeiten und dann Rechnungen in Euro ausstellen. Letztlich müssen die Studios einfach standhaft bleiben und lernen, sich den neuen Umständen anzupassen."

Trotzdem bereitet ihm die zunehmende Schwierigkeit, EU-Entwickler für englische Firmen anzuheuern, Kopfzerbrechen: "Etwa ein Drittel der Entwickler-Belegschaft in England kommt aus Europa. Die unsichere Situation erschwert es den Studios nun immer mehr, neue Fachkräfte vom Kontinent anzuheuern. Der Status der bereits beschäftigten EU-Einwanderer ist zwar mittlerweile halbwegs geregelt, aber niemand weiß, wie unser Immigrations-Systems einmal aussehen wird."

Anders als Thorsten Heinze will Smith aber keinen Wandel in der Attitüde Einwanderern gegenüber beobachtet haben: "Natürlich ist nicht jeder Ausländern gegenüber aufgeschlossen – das hat unser Referendum gezeigt. Aber ich glaube nicht, dass sich die allgemeine Einstellung Immigranten gegenüber durch die Abstimmung gewandelt hat. Bisher hat sich tatsächlich nicht viel verändert. Natürlich verlassen einige Kollegen wegen der vorherrschenden Unsicherheit das Land wieder. Darunter z.B. sogar eine britische Bekannte von mir: Die war mit dem Ergebnis des Referendums so unglücklich, dass sie daraufhin nach Frankreich umgezogen ist. Aber im Großen und Ganzen wartet man einfach ab. Die schlimmsten Auswirkungen auf unsere Ökonomie, die einige prophezeit haben, sind ausgeblieben. Der Börse geht es gut, und die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit 40 Jahren nicht mehr – das ist die aktuelle Realität. Die meisten Briten glauben daran, dass der Brexit tatsächlich kommt – und das Gros der Games-Industrie arbeitet hart daran, sich darauf vorzubereiten. Immerhin kann man das Ganze auch als Gelegenheit begreifen: Das Games-Business als Teil der Kreativ-Branche liefert der britischen Regierung genau die Belege, die man benötigt, um für unseren Sektor künftig den bestmöglichen Deal auszuhandeln. Ohne den Brexit hätte es keine solche Chance gegeben."

Auch Lily Zhu sieht die Situation nicht vollkommen schwarz: "Das Medien-Bild, das seit dem Referendum gerne von England gemalt wird, ist nicht ganz korrekt. Ja, es gibt Ausschreitungen, aber in den Großstädten spürt man nicht viel. Und wenn wir von der Games-Industrie reden, dann sprechen wir ja vor allem von den Metropolen. Die Branche bietet eine Vielfalt aus allen möglichen Nationalitäten, Hautfarben, Religionen und Kulturen. So ist es überall auf der Welt, und in England ist es nicht anders."

Der beste Deal?
Hoffentlich bleibt es auch dabei. Denn tatsächlich zeichnen alle drei Gesprächspartner ein teils dramatisch anderes Bild: Da haben wir einmal den deutschstämmigen Unternehmer, der um Aufenthalt, Familie und Geschäft fürchtet und bei dem sich das Referendum schon jetzt auswirkt. Dann die angestellte Entwicklerin, die sich zwar etwas sorgt, aber insgesamt eher optimistisch in die Zukunft schaut. Und schließlich den Briten, der die Probleme der aktuellen Situation einerseits nicht ignorieren kann, sie aber andererseits auch als Chance begreifen möchte – die Chance auf einen "Deal". Nur ist der Begriff "Deal" nicht mehr sonderlich positiv besetzt, seitdem Figuren wie Trump oder Boris Johnson mit ihm vor allem ihre Ellenbogen-Mentalität zum Ausdruck brachten: Jeder ist sich selbst der nächste – und Zusammenarbeit nur so lange wünschenswert, wie dabei der beste "Deal" für das eigene Lager rausspringt.

Nur: So funktioniert die Welt nicht. Oder zumindest nicht auf Dauer. Selbst die Evolution – das weiß man längst – war immer dort am erfolgreichsten, wo die Vertreter einer Art besonders eng zusammen gearbeitet haben. Wie in einem Spiele-Studio. (rb)