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Magazin: story

Brutale Wahrheiten

Hohe Kreativ-, Konzeptions-, Steuerungs- und Problemlösungskompetenz. Mindestens 7 Jahre Berufserfahrung in den Bereichen Jugendschutz, Politik, Regulierung. Ein üppiges Netzwerk in der Games-Branche und Politik. Und ein abgeschlossenes Studium mit Bezug zur Aufgabe wäre auch noch schön.

So lauten einige der Anforderungen an den oder die künftige Geschäftsführer/in der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) in Berlin. Amts-Inhaberin Marie-Blanche Stössinger wird den Job spätestens im Januar 2018 abgeben, den sie erst ein Jahr zuvor als Nachfolgerin des jetzigen BIU-Geschäftsführers Felix Falk angetreten hatte.

Seit Jahrzehnten sichtet die USK Computer- und Videospiele und vergibt Alterfreigaben  ab 0, 6, 12, 16 oder 18 Jahren, die von den obersten Landesjugendbehörden abgesegnet werden. Zwischen 300 und 3.000 Euro kostet so ein Verfahren, je nach Größenordnung und Vorlauf. Darüber hinaus ist die Agentur als Dienstleister aktiv, prüft Gamescom-Trailer und überwacht die App-Stores von Nintendo und Google im Rahmen des IARC-Abkommens.

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Spiele-Indizierungen lassen sich an einer Hand abzählen
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"Noch brutaler und intensiver"
Wer die Entscheidungen der USK aufmerksam verfolgt, stellt fest: Spiele, die vor fünf Jahren entschärft, vor zehn Jahren indiziert und vor 15 Jahren beschlagnahmt worden wären, erhalten mittlerweile Freigaben ab 16 oder 18 Jahren. Mit anwaltlicher Hilfe schaffen es selbst Nachfolger zu indizierten Spielen – etwa Dead Rising 4 – durch die USK-Altersprüfung, und das ungeschnitten. Gleichzeitig gibt es so gut wie keine Spiele mehr, deren Gewaltgrad für den deutschen Markt heruntergeregelt wird. Die Entwickler des Bethesda-Shooters Wolfenstein 2: The New Colussus (erscheint am 27. Oktober) werben gar damit, dass sich die Waffen im Spiel "noch brutaler und intensiver" als in Teil 1 anfühlen werden – ein Pro-Argument, das eifrig von der Fachpresse aufgegriffen wird. Der Werte-Kanon hat sich erkennbar verschoben.

USK-Chefin Stössinger erklärt dieses Phänomen damit, dass sich die Spruchpraxis der USK-Gremien ständig weiterentwickle. "Die Spruchpraxis orientiert sich am gesellschaftlichen Konsens, welcher ja seinerseits stetem Wandel unterworfen ist. Die Gremien aus verschiedenen Jugendschutzsachverständigen und Vertretern der Obersten Landesjugendbehörden sollen eben die vielfältige Erfahrung aus den Stellen abbilden, in denen die einzelnen Mitglieder mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben und Einblick in deren Lebensumstände und Entwicklungsstand erhalten. Zum anderen muss sich die USK auch an den Entscheidungen der BPjM orientieren, wir beobachten daher Listenstreichungen, Nicht-Indizierungen und Indizierungsvorgänge sehr genau", so Stössinger.

Weniger Indizierungen, mehr Listenstreichungen
Auch wenn nur gut 7 Prozent aller geprüften Spiele auf USK-18-Titel entfallen: Für Hersteller und Handel sind sie von enormer Bedeutung – 9 der 20 meistverkauften PC- und Konsolenspiele trugen 2016 ein rotes Ab-18-Siegel. Wurde ein Spiel erst mal von der USK durchgewunken, kann es nicht mehr indiziert werden. Die Zahl der Spiele-Indizierungen ist rückläufig und lässt sich mittlerweile an einer Hand abzählen: 2016 gab es nur einen einzigen Fall, 2017 deren fünf. In den meisten Fällen handelte es sich um internationale Versionen, die ohnehin nicht für den Vertrieb in Deutschland vorgesehen waren. Derzeit stehen immer noch 566 Computerspiele auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BpjM). Regelmäßig stellen Publisher den Antrag auf Listenstreichung – so geschehen bei Klassikern wie Max Payne, Doom, Quake, Gears of War, Resident Evil, Fallout 3 oder Duke Nukem 3D. Die Motive sind unterschiedlich gelagert: Mal geht es um eine Smartphone-Umsetzung auf Basis des Originalspiels, mal um die sorgenfreie Vermarktung eines Nachfolgers.

Die Bundesprüfstelle gehört zu Dutzenden von Behörden, die ihren Sitz weiterhin in der einstigen Bundeshauptstadt Bonn haben – genauso wie beispielsweise die Bundesnetzagentur oder der Bundesrechnungshof. Nicht überliefert ist, ob die Vorsitzenden der BPjM zwangsläufig Doppelnamen führen müssen. Jedenfalls löste Martina Hannak-Meinke im März 2016 die langjährige Amtsinhaberin Elke Monssen-Engberding ab, die unglaubliche 25 Jahre lang an der Spitze der BpjM stand. Die streitbare Jugendschutz-Expertin war jahrelange das Feindbild der Spielefans, die in der Indizierung von Titeln einen Akt der Zensur sahen. Monssen-Engberding erlangte bundesweite Bekanntheit, als sie 2002 eine Indizierung des Taktik-Shooters Counter-Strike verhinderte – und das unter enormem politischen und öffentlichen Druck nur wenige Wochen nach dem Amoklauf in Erfurt.

Ko-Kriterium Nachahmereffekt
Zwischen der USK und der BpjM gibt es eine enge Abstimmung, inklusive wechselseitiger Entsendung von Prüfern. Im Rahmen von Kongressen wird über Trends und Kriterien im Jugendmedienschutz debattiert: "Zuletzt hat die BPjM zu einem Fachaustausch zum Thema ‚Jugendmedienschutzrelevante Bewertung von Posendarstellungen/Anime' eingeladen", erklärt Hannak-Meinke auf IGM-Anfrage. Sie teilt die Auffassung ihrer USK-Kollegin Stössinger mit Blick auf die veränderte Medienwelt: "Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer mediatisierten, digitalen Gesellschaft auf. Computerspiele sind unbestreitbar ein Teil der Alltagskultur. 44 Prozent spielen mindestens mehrmals pro Woche an PC, Konsole oder online und das zunehmend mobil. Die potentielle Gefährdung durch die Spiele hat sich verändert."

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Der Werte-Kanon hat sich erkennbar verschoben
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Kindern und Jugendlichen werde heute ein höheres Maß an Medienkompetenz zugestanden, was dazu geführt habe, dass die Wirkung von Gewaltdarstellungen in Videospielen auf Heranwachsende anders bewertet wird. Die Bewertung der Jugendgefährdung bleibe weiterhin eine Einzelfallabwägung, betont BpjM-Chefin Hannak-Meinke. An verschiedene Medienarten würden unterschiedliche Anforderungen gestellt. "Es ist ein Unterschied, ob die Gewalt in Worten beschrieben (Buch, Liedertext), im Bild dargestellt wird (explizite Darstellung von Verletzungshandlungen, Wunden, Leiden der Opfer) oder der Rezipient sie selbst im Rahmen eines Computerspiels ausübt." Die zentrale Frage sei grundsätzlich, inwiefern ein Medium eine verrohende Wirkung erzeugen oder zu Nachahmereffekten anreizt. Entscheidend sei auch, ob alternative und bestenfalls gewaltfreie Konfliktlösungsmöglichkeiten im Spiel vorgesehen sind und ob Gewalt im Spiel sanktioniert wird. So wäre es sicher ein Problem, wenn der Spieler in Grand Theft Auto 5 wahllos Passanten über den Haufen fahren könnte, ohne von der Polizei verfolgt zu werden.

Das Kreuz mit den Hakenkreuzen
Die einzig verbliebene, in der Praxis relevante rote Linie in Computerspielen ist und bleibt damit der Einsatz von verfassungsfeindlicher NS-Symbolik, etwa Hakenkreuze, SS-Runen und -Totenköpfe, Reichskriegsfahnen oder Hitler-Abbildungen. Tatsächlich hat diese Regelung nichts mit dem Jugendschutz, sondern vielmehr mit dem Strafrecht zu tun – der dafür zuständige Abschnitt findet sich im Strafgesetzbuch im Paragraph 86a. Bei Spielfilmen greift eine Ausnahmeregelung, die im Sinne der Kunstfreiheit weit ausgelegt wird. Deshalb darf ein Film wie "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr laufen. Auch der Oscar-gekrönte, mit deutschen Fördergeldern vollgepackte Action-Film "Inglourious Basterds" mit Brad Pitt und Christoph Waltz quillt nur so über vor Nazi-Symbolik. FSK-Freigabe: ab 16. Prädikat: Besonders wertvoll. Einzig beim Filmposter war sich der Verleih nicht sicher, ob das Hakenkreuz im Filmlogo noch okay wäre – deshalb ging er vorsichtshalber nicht das Risiko ein, dass der Geschäftsführer womöglich verknackt wird.
Wenngleich die USK seit Januar 2014 auch den Kunstaspekt in der Bewertung von Spielen würdigt, sind Hakenkreuze weiterhin ein No-Go. Für das satirische Cartoon-Rollenspiel "South Park: Der Stab der Wahrheit" hat Ubisoft alle Nazi-Bezüge entfernt. Auch der USK-18-Shooter "Wolfenstein 2: The New Colussus" wurde eigens für den gleichermaßen wichtigen wie sensiblen deutschen Markt angepasst. Publisher Bethesda mahnt eindringlich, nur offiziell freigegebenes Promotion-Material zu verwenden. Wer als Händler arglos die internationalen Screenshots in seinen Webshop integriert, unterliegt zumindest dem theoretischen Risiko, dass der Staatsanwalt aktiv wird. Seit Jahren diskutiert die Branche, ob man nicht mal anhand eines konkreten Falles durchexerzieren sollte, eine Gleichbehandlung zwischen Film und Spiel hinzubekommen. Doch führende Publisher scheuen sowohl den mutmaßlich mehrjährigen, kostspieligen Prozessverlauf  als auch die wenig Image-fördernde Botschaft, dass Hakenkreuze auf juristischem Wege den Weg in ein Unterhaltungsprodukt finden sollen.

Wir lernen: Abgesehen von solchen strafrechtlich relevanten Themen dürfen Spielehersteller sowohl Kindern und Jugendlichen als auch Erwachsenen heutzutage deutlich mehr zumuten als noch vor wenigen Jahren. Übrigens, falls Sie Interesse am USK-Geschäftsführer-Job haben: Ihre Unterlagen sollten bis spätestens 22. Oktober an bewerbung [at] usk [dot] de gehen. (pf)