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Magazin: story

Copyright Basis-Foto: Africa Studio/Fotolia
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Das Kreuz mit der Box

Mit ihr wollte Microsoft den endgültigen Konsolen-Siegeszug feiern, doch dann wurde sie zum Sorgenkind Nummer 1: Die Xbox One hat bei der Zwangsanpassung an ihren Sony-Nebenbuhler viel Profil eingebüßt. Übrig geblieben ist ein System, das derzeit hart um Identität und Anerkennung ringt. IGM geht der Frage nach, wie sich die Multimedia-Konsole in den letzten fünf Monaten entwickelt hat.

Alle Welt fürchtet sich vor Hurricanes, doch die größten Sturmfronten unserer Zeit brauen sich im Internet zusammen: Wenn lauwarmes Community-Gefasel auf kalte Blogger-Schnauzen trifft, dann ist nicht selten ein gewaltiger Shitstorm die Folge. Der macht bereits auf hoher Online-See keine Gefangenen und türmt schließlich ausgewachsene Meinungs-Tsunamis auf, die auch an gut befestigten Konzern-Küsten alles unter sich begraben. Zwar hat ein reiches „Land“ wie Microsoft genug Ressourcen für einen raschen Wiederaufbau, doch der entstandene Image-Schaden wiegt schwerer als jeder greifbare Verlust.

Xbox-Streifzug durchs Einstein
Wie schwer, das erlebt IGM bei einem Besuch im größten Media-Markt der Welt: Schon im letzten Jahr haben wir das Shopping- und Spiele-Paradies im Münchener Einkaufszentrum „Das Einstein“ getestet. Jetzt wollten wir wissen, wie sich die Xbox One in dem Mega-Markt macht. Dieses Mal sogar mit offiziellem Segen von der Geschäftsführung. Danach leitet uns der verspielte Verkaufsprofi Khalil Boeller (früher selber Leiter eines Indie-Ladens) durch „sein Reich“. Und über dem weht momentan in erster Linie die „Xbox“-Flagge: Hinter einem überlebensgroßen „Dark Souls 2“-Ritter türmen sich die Xbox-One-Konsolen geradezu. Und das nicht nur deshalb, weil die Nachfrage kleiner ist als bei der PS4: Anders als Sony sieht Microsoft akuten Handlungsbedarf, um verlorenen Boden wieder wettzumachen. Darum ist die Hardware-Knappheit des PlayStation-Herstellers das ideale Zeitfenster, um mit Hilfe fetter Werbekostenzuschüsse in die Handelspräsenz der eigenen Marke zu investieren: Laut Boeller kommen auf jede Xbox-One-Nachfrage noch immer rund drei PS4-Wünsche. Trotzdem würden die aggressiven POS-Maßnahmen des Herstellers Wirkung zeigen.

Kein Wunder: Selbst ein Blinder mit Krückstock kann das Sammelsurium aus Anspielstationen, Präsentationen, Verkaufsdisplays und Brandings nicht übersehen: Während Sony nach wie vor von seinem PR-Coup im vergangenen Jahr zehrt, da greift Microsoft tief in seine prall gefüllte Kriegskasse, um zumindest halbwegs gleichziehen zu können. Der Wohnzimmer-artige Promotion- und Event-Erker der Abteilung wird links und mittig wie im vergangenen Jahr von „Skylanders“ bzw. „Disney Infinity“ okkupiert, das rechte Raum-Drittel dagegen gehört „XBone“: Die komplette Wand wurde im One-Look tapeziert, davor verführen (ebenfalls mit Branding) eine Sitzgruppe und ein kolossaler HDTV zum „Forza“-Zock. Der Eingang zur „Xbox-Area“ wird von einer „Kinect Sports Rivals“-Pappsäule nebst dazugehörigem Verkaufsdisplay flankiert. Vergleichsweise unterentwickelt macht sich da die PS4-Präsenz aus: Auf halben Weg zwischen „Infinity“ und „Skylanders“, leicht versetzt hinter einem klotzigen „Elder Scrolls Online“-Kaiserthron steht ein einsames Display in Standardausführung: Vom Next-Gen-Leitsystem hätte man schon allein aus Prestige-Gründen mehr erwartet.

XBox kann doch nichts!
Auch in den regulären Verkaufs-Korridoren der Abteilung ist die Microsoft-Hardware beispielhaft vertreten: Zwar fehlt es den Archiv-, Neuheiten- und Peripherie-Regalen naturgemäß an der Diversität, durch die sich ein betagteres System wie die Xbox 360 auszeichnet, doch die belegte Fläche ist dieselbe. Eine Etage weiter unten gibt‘s in der TV-Abteilung noch mal einen Xbox-One-Aufbau: Auf einem 16.000 Euro teuren 4K-TV von Toshiba läuft erneut „Forza 5“, daneben wetteifern Aufsteller zu „Titanfall“ und „Kinect Sports Rivals“ um Aufmerksamkeit. Davor: Sitzgruppe und Xbox-One-Palette. Kostenpunkt der Hardware: 429 Euro für Konsole und zwei Pads. Oder 499 für das etwas dickere Paket mit Konsole, Pads und zwei Spielen: „Forza 5“ und „Titanfall“.
Ob die Aktion offiziell von Microsoft abgesegnet ist, will man uns nicht verraten, aber eingedenk der mächtigen Xbox-Präsenz im gesamten Markt kann man sich die Antwort denken.

Und dann – als hätten wir sie für unsere Recherche bestellt – schlendert eine Truppe Zocker-Twens an dem Aufgebot vorbei. Während der Rest der Gruppe weitergeht, verharrt einer von ihnen kurz vor dem Schirm mit „Forza 5“, dreht sich dann zur Palette um, stiert auf das 499-Euro-Angebot. Doch bevor er sich noch ernsthafter damit beschäftigen kann, schallt der Ruf des Rudel-Leittiers durch die Etage: „Ey, kauf Dir lieber ne PS4! Die Xbox kann doch nichts!“ Echt jetzt? Ok, das wollen wir genauer wissen und ergreifen spielerisch Partei für das System, wollen den Zweifler vom „Titanfall“-Paket überzeugen: Klar, PlayStation ist geil – aber Xbox One für 499 Euro mit „Titanfall“ noch geiler! Alter, das Teil ist von den „Call of Duty“-Machern und rockt wie Hölle! „Wirklich?“ Der Zweifler kommt ins Wanken, offenbar findet er wirklich sexy, was er hier sieht. Doch der Leitwolf bleibt hartnäckig: „Hey, lass Dir keinen Mist erzählen! Mit dem Teil musst Du ständig online sein!“ Nein, muss man nicht! „Doch, muss man!“ Nein. Doch. Aha, na gut. Wenn Du es sagst. Als die Truppe wieder abzieht, dreht sich der Xbox-Sympathisant um. Richtet weiter begehrliche Blicke auf das Angebot und bedankt sich bei uns für den Tipp.

Nichts als die Wahrheit
Ja, dieses Szenario hat sich tatsächlich so abgespielt. Hand aufs Herz. Und vermutlich ist es dabei nicht das einzige seiner Art. Doch frei nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ setzt Microsoft weiterhin mutig auf „Kampf“ – und das in einem Land, in dem es die Marke seit jeher schwer hat. Denn etwas zu verlieren gibt es schon: Der Kern der Core-Gamerschaft praktiziert derzeit den Exodus Richtung PS4. Wer sich für mehr interessiert als „Call of Duty“ und FIFA, der hat auch hierzulande früher gerne „geboxt“. Auch „Very Early Adopter“, chronische Onliner und Computer-Spieler mit Konsolenschlagseite haben dem Microsoft-System während der auslaufenden Generation schnell die Treue geschworen. Doch genau diese Gruppen haben die Meinungsmache im Netz besonders aufmerksam verfolgt und transportieren jetzt per stiller Post Informationen weiter, die so längst nicht mehr stimmen: Denn nach den ersten, offensichtlichen Änderungen hat Microsoft weiter hart daran gearbeitet, sein System zu verbessern. Dazu zählen nicht zuletzt mehrere Firmware-Updates seit dem Release: Neu sind vor allem überfällige Details wie Anzeigen über die Auslastung der 500-GB-Festplatte („Wie viel Speicherplatz habe ich noch?“) und den Akku-Status des Joypads („Wie lange kann ich noch spielen?“).

Kommunikative Gamer freuen sich vor allem über eine Reparatur des anfangs noch problembehafteten Party-Chats. Auch Software-seitig ist die Welt in Ordnung: Mit dem bekannten Launch-Lineup und dem jüngst veröffentlichten „Titanfall“ hat die One von beiden Next-Gen-Systemen das stärkere Exklusiv-Programm an Bord. Trotzdem wird das System immer wieder heftig unter Beschuss genommen – und das nicht selten aus purer Unkenntnis seitens der Kritiker. So wettert Xbox-360-Fan Daniel Tibi aus dem Zocker-Lager bei IGM über „das Interface, die ständigen Wartezeiten allerorts, Installationen aus der Hölle, die schwächste Grafik bei Multiplattformtiteln, einen zumindest in Europa wertlosen HDMI-In und das unnütze Kinect“. Und weiter: „Die 360 war während der letzten Gen meine favorisierte Plattform. Die One hat für mich nur wegen einiger Exklusivtitel eine Daseinsberechtigung.“

Immer diese Meckerfritzen
Ganz so hart geht nicht jeder 360-Fan mit dem Nachfolger seiner Lieblingskonsole ins Gericht, doch selbst einstige Xbox-Fachredakteure sind skeptisch. So meint der ehemalige 360-Live-Schreiberling Nils Oswoski: „Nach einem knappen halben Jahr fühle ich für meine One so etwas wie Hassliebe. Liebe, weil die Kachel-Oberfläche und das Multimedia-Zeugs super-praktisch sind, Snap eine großartige Funktion ist und der Controller der beste am Konsolenmarkt. Hass, weil Microsoft so viele kleine Details aus keinem ersichtlichen Grund einfach gestrichen hat: Warum z.B. kann ich die Y-Achse nicht mehr System-seitig invertieren oder die Notifications standardmäßig ausblenden? Und wo ist der einfache Zugriff auf meine geliebte Party-Funktion? Immerhin bügelt man diese Versäumnisse jetzt allmählich durch Updates aus. Daher bin ich recht optimistisch, dass aus meiner Hassliebe im Laufe der Zeit noch echte Liebe werden kann.“ Doch mit der Kinect will der Redakteur einfach nicht warm werden: „Die halte ich für redundanten, suboptimal funktionierenden Schrott. Bewegungs- und Spracherkennung sind von keinerlei integralem Wert für ernstzunehmende Spiele. Darüber hinaus: Gesten-Navigation durch Benutzeroberflächen habe ich schon in Minority Report als lachhaft empfunden. Menschen die etwas per Sprache steuern wollen, halte ich für bemerkenswert schrullig. Und dass mich dieses „grandiose“ Stück Technik trotz optimalem Setup, guter Raumausleuchtung und einer geringen Distanz von ca. zwei Metern noch immer nicht erkennt, das halte ich für einen makabren Scherz.“

Auch Deepsilver-Community-Manager Rudolf Inderst ist von Kinect nicht so recht überzeugt – und das trotz der diversen Verbesserungen bei Sprach- bzw. Gestenerkennung, die Bestandteil des letzten Updates waren: „Das Erkannt-werden auf der Couch ist nett. Aber der Rest ist nach wie vor wenig überzeugend. Vor allem stört es mich, wenn laut gesprochene Sätze als Fehleingabe interpretiert werden.“

Obwohl Inderst mit seiner Xbox One nach über fünf Monaten „im Großen und Ganzen sehr zufrieden ist“, befindet er die kritische Berichterstattung zur Markteinführung nicht als hetzerisch, sondern objektiv: „Den Finger auf die Nachteile eines Systems zu legen, das ist einer der Aufträge der Spielepresse. Und genau das hat ja auch stattgefunden.“

1080p Vs. 900p
Wenig nachvollziehbar findet er dagegen die Debatte, die wegen der Auflösungs-Differenzen zwischen One und PS4 immer wieder hochkocht: Multiplattform-Titel wie „Thief“ laufen auf der PS4 in Full HD, auf der Xbox One dagegen können sie nur 900p. Grafisch aufwändige und schnelle Action-Titel wie „Battlefield 4“ wiederum bringt die PS4 in 900p, die One häufig nur in 720p. „Diese Debatte ist für mich in Sachen Lächerlichkeit kaum zu überbieten und ein rotes Tuch bei absolut jeder Diskussion. Mit anderen Worten: Es könnte mir gar nicht egaler sein, wenn sich Frau oder Herr X in einer Redaktion hinstellt und anfängt Pixel zu zählen.“
Ganz ähnlich sieht das Groß- und Einzelhandels-Urgestein Jörg Konert. Der Filialleiter eines Games- und Mobile-Geschäfts zieht sogar einen Vergleich zur Ära 16Bit: „Man merkt natürlich, dass die Architektur der XBO erstmal beherrscht werden will. Dennoch bin ich nicht der Framerate-Junkie oder Auflösungsapostel. Das erinnert mich doch sehr an den alten Kampf Super NES vs. Mega Drive.“ Grafisch fehlt ihm dagegen noch „der spürbare Sprung nach vorne“, und zwar auf beiden Systemen. „Das aktuelle Angebot verrät mir, dass auch die One mindestens ein Jahr zu früh auf den Markt gebracht wurde. Denn was ich bisher spielen kann, das ist nett, aber nicht herausragend. Vor allem fehlt einfach die Angebotsbreite.“ Dann spricht er sich noch für das „alte Blade-System“ der Xbox 360 aus – ein Verweis, der übrigens von mehreren Befragten kommt. Verständlich, aber dennoch skurril: Fast alle unserer Gesprächspartner erinnern sich an das vielgeliebte Blade-System, als hätte es die Xbox 360 während ihrer gesamten Lebensspanne begleitet. Doch Tatsache ist, dass die ursprüngliche Blade-Logik nach gerade mal drei Jahren ausgedient hatte und einem neuen, mit Werbung zugetackerten Avatar-Interface wich.

Ende 2011 war dann die letzte große Wandlung vollzogen: Xbox 360 wurde kinectisiert und der Kachel-Optik von Windows 8 angepasst. Ergo: So stark wie behauptet unterscheidet sich die neue Xbox gar nicht von der alten. Nun meint zwar auch Jörg Konert, dass das „Gebashe ziemlich gewichen ist“, aber in einem Xbox-unterentwickelten Markt wie Deutschland fällt es trotzdem schwer, die einmal gefestigten Vorurteile aus den Köpfen der Spieler zu verbannen: Weltweit hat Microsoft laut jüngster „Erfolgs“-Meldung über fünf Millionen Xbox-One verkauft. Damit liegt man nach Stückzahlen um zwei Mio. hinter Sony, Umsatz-seitig aber ungefähr gleichauf. Der höhere Preis macht‘s: Kinect als einer der markantesten Kritikpunkte an Xbox One hat – ironischerweise – am Ende zumindest den Umsatz gerettet.

Dass Microsoft – wie ursprünglich von Pachter & Co prognostiziert – rasant als Sieger aus den „Next Gen Wars“ hervorgehen wird, erscheint aktuell unwahrscheinlich. Trotzdem könnten Zeit und tiefes Portemonnaie dem Konzern am Ende in die Hände spielen. Denn Sony steckt trotz des PS4-Erfolgs noch immer in der Finanzklemme. Mit sieben Mio. verkauften PS4-Einheiten ist man dem Mitbewerber zwar um einige Nasenlängen voraus, dennoch geht es vor allem um eins: Den längeren Atem.

Hierzulande steht und fällt der Konsolenmarkt mit der PS4. Gäbe es die nicht, dann würde die Xbox nach wie vor keine nennenswerten Chart-Positionen einnehmen. Ob das nun daran liegt, dass Deutsche dümmer oder cleverer als Briten bzw. Amerikaner sind – das muss jeder mit sich selbst ausmachen. (rb)