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Magazin: story

Der Selbstversuch

Fitness-Ring statt Rettungsring: IGM-Autor Robert Bannert will die Pfunde purzeln lassen.
Das Trainings-Programm seiner Wahl: "Ring Fit Adventure“.

Gamer stehen nicht ganz zu Unrecht in dem Ruf, eher Rettungsringe als Six-Packs zur Schau zu stellen. Weil inzwischen fast jeder Mensch mehr oder weniger oft zum Controller greift, ist das Bild der fetten und pickeligen Couch-Kartoffel zwar überholt, aber trotzdem sind ausgesprochene Viel-Gamer selten an vorderster Fitness-Front zu finden. Und das aus gutem Grund: Videospiele fressen Zeit. Und zwar jede Menge. Wer für hunderte Stunden durch die "Witcher 3"-Spielwelt reitet, kann nicht gleichzeitig joggen oder im Fitness-Center die Kilos wegdrücken.

Natürlich gibt es auch jede Menge Sportler, die dem "Games-Virus" zum "Opfer" gefallen sind – darunter sogar Profi-Fußballer, die genauso gerne über den digitalen wie über den echten Rasen stürmen. Trotzdem sind die Prioritäten hier anders gelagert: Zuerst der Sport – dann der Spaß vorm Bildschirm.

Von der Couch-Kartoffel zum Rettich
Was aber, wenn der Spieler so stark mit seinem Couch-Kosmos verwachsen ist, dass ihm der Gang ins Fitness-Center wie der Trip auf einen fremden Planeten erscheint? Dann ist er reif für ein Trimm-dich-Programm aus genau der Bild-Box, mit der er sonst in ferne Abenteuer- und Action-Welten reist: 2007 versucht sich Nintendo zum ersten Mal daran, die zockende Gemeinde ins Schwitzen zu beringen. Das Problem dabei: Das "Wii Fit" beiliegende "Balance-Board" wiegt den Spieler zwar zuverlässig, ist aber sperrig und unflexibel. Außerdem ist die Software selber wenig mehr als ein behutsam interaktiviertes Fitness-Video: Hier wird trainiert, aber kaum gespielt – darum steigen viele Gamer nach wenigen Wochen wieder aus. Der Anreiz fehlt.
Kein Wunder, dass sich Nintendo für den Quasi-Nachfolger an einem stark veränderten Konzept versucht: Statt einen wuchtigen Extra-Controller mit teurem, technischen Innleben in die Box packen zu müssen, legt man der Software einfach eine vergleichsweise leichte Kombi aus Beinschlaufe und Plastik-Ring bei – mit praktischem Klettverschluss und Halterungen für die Joy-Cons. Beide Zubehörteile erlauben eine wesentlich homogenere Kombination von Sport und Spiel. Das Resultat ist ein Fitness-Programm, das – zumindest im Adventure-Modus – einem "Dragon Quest" fast genauso ähnlich sieht wie einem klassischen Workout. Statt Heiltränken konsumieren wir in "Ring Fit Adventure" Shakes zur Regeneration oder zum Pimpen verschiedener Trainings-Gattungen – je nachdem, ob dabei vor allem Kraft, Ausdauer oder Beweglichkeit gesteigert werden sollen.

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Der Gang ins Fitness-Center erscheint wie
der Trip auf einen fremden Planeten
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Darum umfasst "Ring Fit" ebenso Übungen aus den Bereichen Cardio und Mucki-Aufbau wie Yoga oder Aerobic. Die werden dann in Rollenspiel-ähnlichen Kämpfen genutzt, um knuffige und belebte Trainings-Geräte von der Bildfläche zu putzen: Wenn der Spieler den mitgelieferten Fitness-Ring quetscht und dehnt, dann erscheinen fliegende 3D-Fäuste, die den angstvoll dreinblickenden Feinden im Dauerfeuer-Verfahren Bud-Spencer-Watschen verpassen oder wie ein krachendes Faustgewitter von oben auf sie niederprasseln.

Den Gamer-Korpus stählen
In der Theorie also eine famose Sache, um spielerisch Spaß am Sport zu erlernen und ganz nebenbei den außer Form geratenen Gamer-Korpus zu stählen: Meiner bringt zum Zeitpunkt des "Ring Fit Adventure"-Erstkontakts um die 90 Kilo auf die Waage und ist innerhalb von 45 verzockten Lebensjahren auf 1,78 Meter zusammengeschrumpft. Auf Nintendos passendem Release-Event in München merke ich nicht zum ersten Mal, wie sehr ich aus der Form gekommen bin – doch als ich nach nur wenigen Übungen triefe und an Nintendos 15 Jahre jüngeren PR-Athleten Gregor übergeben muss, während ich selber asthmatisch röchelnd zur Seitenlinie krieche, da fasse ich einen Entschluss: Es muss etwas passieren. Gelegentliche Stepper- und Hantel-Fitness beim nächtlichen Netflix-Marathon bringt's offensichtlich nicht mehr – also mache ich den "Ring Fit"-Selbstversuch!

Gesagt, getan: Anders als "Wii Fit" erfordert der beringte Nachfolger keinen nennenswerten Aufbau, auch die Software-seitige Einrichtung gibt sich überraschend zahm. "Ring Fit Adventure" will nur ein paar Rahmendaten wie Alter, Größe oder Gewicht wissen – das war's. Wiegen kann mich das Programm mangels Balance Board nicht, man sollte also ehrlich sein – auch wenn's weh tut. Allerdings bietet es mir zwischendurch immer wieder an, durch Auflegen des Fingers auf das Joy-Con meinen Puls zu messen: Vermutlich will es mich auf diese Weise rechtzeitig vorm dräuenden Exitus warnen können.

Danach stürze ich mich direkt in den Adventure-Modus – das Herzstück des Programms – und folge der Empfehlung des virtuellen Trainers, indem ich mich bei einer Runde Gymnastik warm mache: Knie hoch, Knie runter, Ring über den Kopf, Ring zum Knie. Mit gestreckten Armen den Ring halten und nach links oder rechts neigen, bis die Wirbel knirschen. Und dann noch eine Dehn-Übung, die mir zumindest anfangs wegen Knie-Problemen Schwierigkeiten macht: Ich soll fixe Ausfallschritte nach vorne machen – mit nach oben ausgestreckten Armen und das so tief wie möglich. Autsch. Das lasse ich lieber erstmal. Immerhin unterstreicht "Ring Fit" von Anfang an deutlich, dass man sich zu keinen Übungen zwingen soll, die man wegen körperlicher Einschränkungen nicht richtig ausführen kann.

Sich über die Karte schwitzen
Ich erwäge daraufhin kurz, sämtliche Körperzonen und damit auch Übungen zum "Einschränkungsfall" zu erklären, mache dann aber doch "mutig" weiter: Um den fiesen Body-Builder- und Obermotz-Drachen Draco in die muskulösen Knie zu zwingen, arbeite ich mich auf Rollenspiel-ähnlichen Landkarten Station für Station bis zum Endkampf des jeweiligen Gebiets vor. Lasse meine Figur schweißtriefend über meist geradlinige Trimm-dich-Pfade flitzen, indem ich in vor meinem Schlafzimmer-TV auf der Stelle laufe. Meine Zock- und Medien-Ecke unter dem Dach ist für solche Experimente nicht gemacht: Hier stoße ich mit dem Ring gegen die Dachschrägen oder stolpere über… Gedöns.

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So viele Kniebeugen…
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Hindernisse wie Abgründe überwinde ich, indem ich beim Laufen den Ring flach vor mich halte und ihn dann beherzt "zusammenstauche". Über die Landschaft verteilte Sprungfedern aktiviere ich durch Kniebeugen (Oh Gott… so viele Kniebeugen…), zwischendurch überquere ich per Kanu einen reißenden 3D-Strom: Zum Rudern presse ich den Ring gegen meine gespannten Bauchmuskeln und drehe mich nach links oder rechts, um das "Ruder" auf der richtigen Seite ins Wasser einzutauchen.

Danach taumele ich in eine Gruppe Gegner hinein: Anfangs geistern die Kerlchen noch wie bei einer Rollenspiel-Zufalls-Begegnung als Wolken-förmige Platzhalter durch die Spielwelt – erst nach der Kollision offenbaren sie ihr Nintendo-typisch knuffiges Antlitz. Ich bekämpfe grimmig dreinblickende Hantel-Krabben, schwebende Trainings-Matten oder Trompeten-förmige Vögel und poliere Pokémon-ähnlichen Gymnastik-Bällen die Schmoll-Schnute. Zunächst ist mein Angriffs- und damit auch Übungs-Repertoire stark eingeschränkt: Ich quetsche, stauche und strecke den Ring, um Brust-, Arm-, Schulter- und Rückenmuskulatur zu stärken oder lege ihn zur Seite, um mich auf den Rücken zu legen und die ausgestreckten Beine zu heben. Bei jeder erfolgreich ausgeführten Bewegung werden einer oder mehrere Feinde verdroschen: Einmal die Beinchen heben – ZACK!  – dann wieder senken – AUA! – und nochmal heben – RUMMS!

Überraschend taktisch
Je weiter ich im Spiel komme, desto mehr verschiedene Verrenkungen und Schweißtreiber darf ich in meine Manöver-Leiste zuteilen – und manchmal ist sogar eine Yoga-Übung dabei, mit der ich (alternativ zum selbstgemixten Fitness-Drink) meine angeschlagene Herzchen-Leiste auffüllen kann. Zu Beginn meiner Abspeck-Odyssee spare ich mir die noch streng limitierten Manöver-Slots lieber für gymnastische oder muskulöse Attacken auf – aber mit der Zeit wird das Abenteuer immer taktischer. Wie in vielen Rollenspielen sind die Angriffe in verschiedene Farben gegliedert und funktionieren immer dann am besten, wenn man sie gegen Feinde derselben Farbe einsetzt. Im Zweifelsfall hilft auch hier der stetig wachsende Getränke-Fundus, den ich mir aus verschiedenen Zutaten zusammen mixe, die ich im Verlaufe meiner Sport-Reise aus Truhen oder am Wegesrand aufklaube. Zum Beispiel, indem ich mit dem passenden Blubberlutsch dafür sorge, dass entweder alle oder bestimmte Übungen die Farbe wechseln.

Klar: Zum echten Rollenspiel-Schwergewicht wird "Ring Fit Adventure" dadurch nicht. Aber das gelungene Wechselspiel aus schweißtreibender, mit eigener Muskelkraft betriebener Bildschirm-Action und klassischem Game-Design wirkt bei mir Wunder: Immer amüsierter verfolge ich die zwar simplen, aber sympathisch naiven Geschichten, die mir das Programm erzählt, während ich dabei hampele und strample. Und genieße die Bilder einer zwar reduzierten, aber liebevoll gestalteten Bildschirm-Illustration, die mir mit drolligen Details ein Training versüßt, das ohne diese zusätzliche Motivations-Drehschraube ziemlich stumpfsinnig wäre.

"Ring Fit Adventure" vereint beides: Den Unterhaltungsfaktor der abendlichen Programm-Berieselung und die Effektivität des Fitness-Center-Workouts. Denn: Der Nintendo-Titel mag sich zwar als Spiel tarnen, ist im Kern aber ein knallhartes Trainings-Programm. Nach nur wenigen Minuten muss man aufpassen, nicht in der eigenen Schweißlache auszurutschen.

Zehn Kilo in zwei Monaten
Zumindest scheinen das meine Trainings-Resultate zu bestätigen: Arbeite ich mich während der ersten Tage noch mit schmerzverzerrtem Gesicht und laut keuchend vor dem Programm ab, werden meine Bewegungen mit der Zeit zusehends sicherer und meine Gliedmaßen beweglicher. Besonders mein durch die Schreibtischarbeit geschädigter Rücken profitiert: Im selben Maße, wie meine gesamte Rumpf-Muskulatur zunimmt, nehmen die Schmerzen ab. Natürlich trägt auch der schrumpfende Bauchumfang dazu bei: Innerhalb von knapp zwei Monaten arbeite ich stattliche zehn Kilo ab – allerdings muss ich mich dafür auch jeden zweiten Tag für mindestens eine Stunde abmühen. So lange brauche ich durchschnittlich, um auf 20 bis 30 Minuten effektiver Trainingszeit zu kommen – denn Getränke-Mixen, Neu-Sortierung des Übungs-Menüs, Besuche im Ausrüstungsladen, Aufwärm-Training, Dehnübungen & Co. fressen ebenfalls Zeit, werden aber – verständlicherweise – nicht in der Trainings-Statistik geführt.

Dieses Ergebnis ist umso ansehnlicher, weil es mir trotz eines kleinen Übungs-Fauxpas während der ersten Wochen gelingt: Vermutlich weil ich mir zu schnell zu viel zumute und meinem Körper wenig Magnesium zuführe, zerre ich mir die rechte Achillessehne – autsch! Den Jogging-intensiven Adventure-Modus muss ich deshalb für zwei Wochen ruhen lassen. Stattdessen weiche ich auf die diversen Sets für Schnell-Training und die personalisierbare Übungspalette aus. Vor allem Letztere hat einen echten Vorteil: Ich entscheide selber, welche Übungen ich ein- und welche ich aussortiere. Macht eine Trainings-Einheit Schwierigkeiten, weil sie einen entweder akut oder chronisch lädierten Körperteil belastet, lasse ich sie einfach aus.

Im Adventure-Modus vermisse ich diesen Luxus übrigens "schmerzlich": Zwar darf ich hier meine persönliche Angriffs-Palette anpassen, aber beim Durchqueren der Spielwelt muss ich wohl oder übel alles mitmachen, was "Ring Fit" mir vorsetzt. Natürlich darf ich das Spiel jederzeit pausieren, aber aussetzen oder überspringen kann ich auf dem Weg platzierte und mit bestimmten Übungen verknüpfte Hindernisse nicht. Das steigert ohne Frage die Disziplin.

Immer schön vorsichtig
Dabei steht dieses Manko im Widerspruch zur sonst humanen Sparrings-Philosophie des Programms: "Ring Fit Adventure" ermuntert mich immer wieder dazu, Pausen einzulegen, genug Flüssigkeit zu trinken, mich richtig zu ernähren und ein Handtuch griffbereit zu haben – gerade im Winter eine wichtige Regel, damit das Fitness-Training nicht in eine handfeste Erkältung mündet.

Eine kleine Männergrippe habe ich allerdings trotzdem abbekommen – wenn auch nicht wegen des Trainings. Auch hier mahnt "Ring Fit" zur Vorsicht: Wer sich krank fühlt, soll den Ring lieber eine Weile liegen lassen – darum melden sich während der folgenden zwei Wochen von den abtrainierten zehn Kilo einige wieder zurück.

Trotzdem kann sich die Bilanz auch nach knapp drei Monaten sehen lassen: Statt 90 bringe ich nur noch 82 Kilo auf die Waage. Und die Pfunde, die noch da sind, sitzen jetzt deutlich strammer auf den Rippen. Ob "Ring Fit Adventure" in ein bis zwei Jahren noch immer meinen (dann vielleicht deutlich gestiegenen) Fitness-Bedürfnissen genügt, kann ich noch nicht abschätzen – aber für den Start der Reise war es genau das Richtige. Schon nach einigen Wochen war ich so weit, dass ich auch ohne die Bildschirm-Steilvorlage wieder aktiv sein wollte – die Lust aufs Sporteln kam beim Zocken. Damit habe ich mein (zumindest vorläufiges) Trainings-Ziel erreicht. Danke, Nintendo! (rb)