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Magazin: story

Der Tag, an dem ich zum Nazi wurde

"Ich will, dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit hat.
Ich will, dass Deutschland auch eine tausendjährige Zukunft hat."

Es ist 35 Jahre her, da bekam ich von einem Freund eine Diskette für den Commodore 64, auf der sich ein Spiel befand, das den Nationalsozialismus verharmloste und verherrlichte. Es hieß Hitler Diktator. Natürlich tat ich umgehend, was gut erzogene Pubertierende tun, die bekanntlich alle sehr vernünftig sind: Ich nahm den Freund bei einer Tasse Baldrian-Tee ins Gebet und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Na ja, fast jedenfalls.
Genau genommen versuchte ich, meine Neugierde zu bekämpfen. Dummerweise waren mein Gewissen und mein Hirn damals extrem überlastet. Der Moralkompass musste ständig die C64-Schwarzkopie-Sammlung bagatellisieren und das Lustzentrum immer und immer wieder den theoretischen Beischlaf mit Madonna vollziehen. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Neugierde und der Reiz des Verbotenen besiegten die Willenskraft knapp mit 10:0.

Ins rechte Licht gerückt
Das üble Machwerk spukt wieder in meinem Kopf herum, seit die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) die auch in Deutschland erhältliche internationale Fassung von Wolfenstein: Jungblood freigegeben hat, obwohl sie verfassungsfeindliche Symbole zeigt. Natürlich besteht im Vergleich mit Hitler Diktator ein erheblicher Unterschied: Im neuen Ego-Shooter kämpft der Spieler gegen die Nazis, während die rassistische, völkische und antidemokratische Software aus dem Jahr 1983 den Spieler zum Täter macht und die Ideologie des Dritten Reichs gleich zweimal im übertragenen Sinn ins rechte Licht rückt. 

Hitler Diktator ist kein kommerzieller Titel, sondern das, was man heute Modifikation nennt: Die "Mod" entstand auf Basis der Herrscher-Simulation Imperator, bei der der Spieler das Römische Reich führt und sein Territorium durch Eroberungskriege vergrößert. Gekämpft wird nicht, das erledigt eine zufallsunterstützte Automatik, denn Imperator ist eine politische Wirtschaftssimulation. Es gilt, die finanziellen Mittel für immer mehr Truppen zu beschaffen. Der virtuelle Kaiser erhebt Steuern und knechtet Sklaven, die billige Exportware produzieren.

Jagd auf Juden
Anschließend verteilt der Machthaber das Geld an die Stützpfeiler des Reichs: Das Heer verlangt Sold, die Händler Subventionen, der Adel erwartet Finanzspritzen für die Hofhaltung, die Kirche hofft auf Spenden, die Gemahlin möchte regelmäßig einkaufen, das Volk fordert Sozialabgaben und Zwangsarbeiter brauchen Unterkünfte. Wie das bei der Lobbypolitik so ist, sollte man keine Interessengruppe vergrätzen – wird eine unzufrieden, drohen etwa Aufstände, Attentate oder auch mal ein gepflegter ehelicher Giftmord.
Imperator hat interessanterweise ein gewisser Thomas R. A. Wolf programmiert, der mit seinem Intelligenzquotienten von knapp 200 heute als einer der neun klügsten Menschen gilt. Vielleicht war mir das Spiel deshalb zu schwierig. Schon Imperator ist nicht zimperlich und erlaubt es, Christen zu jagen, um sie den Löwen zum Fraß vorzuwerfen. In Hitler Diktator werden daraus Juden, die in Gaskammern sterben, die Palastwache mutiert zur SS, und der Führer des Reichs baut statt Gladiatoren-Arenen Konzentrationslager. So weit, so widerlich.

Verdrehte Naziwelt
Für die "Modder" bedeutete die Umwandlung des Spiels kaum Aufwand, der Programmcode von Hitler Diktator besteht aus simplem BASIC. Sie tauschten einige Begriffe aus und änderten die Benutzeroberfläche von blau zu braun. Es gibt kaum Grafik, und die wohl größte Leistung der Macher bestand darin, eine Krone durch ein Hakenkreuz zu ersetzen. Das ist zwar spiegelverkehrt, die Formulierung "Sie waren stets bemüht" im Arier-Führungszeugnis macht die mutmaßlich sehr patriotischen Patrioten aber sicher trotzdem sehr stolz.

Damit das mit dem verdrehten Hakenkreuz nicht ganz so fremdschämend wehtat, redete ich mir damals ein, dass es Absicht war. Vielleicht sollte Hitler Diktator ja eine Satire sein? Heute weiß ich als Social-Media-Junkie: Gerade die eifrigsten Nationalisten gehen während ihrer Bildungsreisen oft im Marianengraben schnorcheln. Da kann man sich bei einem Facebook-Meme schon mal dafür einsetzen, dass Kinder weiter Schweinefleisch essen dürfen, und deshalb auf einem Foto ein paniertes Fischfilet abbilden. Und bei der deutschen Rechtsschreibung ist bisweilen auch noch Luft nach oben. Sig heil!     

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Hitler, Himmler, Hasch
Keine Frage, Machwerke wie Hitler Diktator oder der ebenfalls aus den 80ern bekannten KZ Manager und der Anti-Türkentest sind zu ächten. Beide wurden richtigerweise beschlagnahmt. Ich kann außerdem gut darauf verzichten, Rechtsextremen bei öffentlichen unheiligen Messen zuzuschauen, wie sie Fahnen schwenken, Hakenkreuz-Tätowierungen präsentieren und den Hitler-Gruß feiern. Von der verkrampften deutschen Verbotskultur halte ich trotzdem nichts. Wie weit das Totschweigen bringt, haben nicht zuletzt die Bundestagswahl 2017 und die folgenden Landtagswahlen gezeigt.  

Die "Ich halte mir und meinen Kindern die Augen und die Ohren zu und singe dabei la-la-la, dann ist das Problem nicht da-ha-ha!"-Mentalität treibt in Deutschland bisweilen seltsame Blüten. Nehmen wir das Beispiel eines Spediteurs, dessen Fahrzeugflotte seit Jahrzehnten mit dem Kürzel "TÖL - HH" auf dem Nummernschild unterwegs war, bis das eines Tages zum Problem wurde. Anno 2014 gab die Zulassungsstelle die Kombination plötzlich nicht mehr aus. HH könnte ja "Heil Hitler" oder "Heinrich Himmler" bedeuten. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass diese Posse in Bayern geschah, wo Drogendelikte besonders hart geahndet werden: Das HH stand in Wahrheit für den Unternehmer Heinz Hasch.

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Das HH
stand für den Unternehmer
Heinz Hasch
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Zahlen-Wahnsinn
Vermutlich können nur Fans der Krimi-Serie Numbers: Die Logik des Amtsschimmels entschlüsseln, warum in Brandenburg die Zahlen 14, 18, 28 und 74 verboten sind. Die 14 steht für diese 14 Wörter: "We must secure the existence of our people and a future for white children". Auf Deutsch: "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern". Die Zahl 18 bedeutet Adolf Hitler (erster und achter Buchstabe im Alphabet), die 28 steht für BH = Blood and Honour und 74 für GD = Großdeutschland.

Es geht aber, bitte festhalten jetzt, noch abenteuerlicher: Im Kreis Steinburg in Schleswig Holstein, wo die Nummernschilder mit "IZ", für Izehoe beginnen, ist die Kombination AN verboten. Immerhin ergibt "IZ - AN" rückwärts gelesen das Wort Nazi. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich davor warnen, "Regen" falsch zu lesen, in Hamburg zu leben, durch doppelte S-Kurven zu fahren, den Lottoschein unglücklich auszufüllen oder den 88. Kommentar unter einen Online-Artikel zu schreiben.  

Links nach rechts
Ich bin mir wohlgemerkt sehr bewusst, dass wir alle eine besondere Verantwortung tragen, gerade in diesen Tagen. Wenn Lebensretter als verbrecherische Schlepper hingestellt werden und immer mehr Facebook-Nutzer ungeprüft Links teilen, die nach rechts führen, läuft was in die falsche Richtung. Der türkische Schneider bei uns um die Ecke klagt über die "Willkommenskultur", die eine "Flut von Ausländern" mit sich bringt. Ein Bekannter, der anno 1984 aus der DDR geflohen ist, warnt vor "Wirtschaftsflüchtlingen". Vieles lässt sich momentan nicht mehr logisch erklären.   

Es ist definitiv wichtig, nicht leichtfertig mit den Symbolen und Begriffen des Nazi-Regimes umzugehen. Fällt in einem Freizeitpark im Schwarzwald ein Karussell "Eagle Fly" (Adlerflug) auf, dessen ausfahrbare Arme zwei Hakenkreuze bilden, darf man schon mal nachhaken. Dass der Rummelplatzbetreiber ausgerechnet Rüdiger Braun heißt, ist aus meiner Sicht allerdings nur Stoff für Aluhutfalter.      

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Vieles lässt
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Mit Zeichen Zeichen setzen
Wer heute argumentiert, dass er als Vertreter der jungen Generation nichts für die Geschehnisse im Dritten Reich kann und "Zensur!" ruft, macht es sich zu leicht. Aus meiner Sicht geht es bei diesem Thema um Respekt und Empathie gegenüber den Opfern und ihren Nachkommen. Deshalb ist die Verbannung aus der Öffentlichkeit, wie etwa bei Demonstrationen oder Kundgebungen, völlig in Ordnung.

Wenn ich in der Straßenbahn versehentlich jemandem auf den Fuß trete, tut mir das ja auch leid, selbst wenn eine Verurteilung wegen Körperverletzung eher unwahrscheinlich ist. Das Verbot verfassungsfeindlicher Symbole hat vor allem Symbolcharakter, der Umgang mit diesen Zeichen soll Zeichen setzen. Die USK prüft mittlerweile Fall für Fall und kann ein Spiel trotz Hakenkreuz & Co. freigeben. Was bei Filmen schon immer Usus war, gilt seit geraumer Zeit auch für Pixelkunstwerke. Das wurde Zeit! Es macht nämlich sehr wohl einen Unterschied, ob ich beispielsweise in Wolfenstein 2: The New Colossus gegen einen schnurrbartlosen Herrn Heiler und "Das Regime" antrete oder gegen Adolf Hitler und die Schergen des Dritten Reichs. Im Original fühlt sich das Spiel noch böser an, und es kann nicht schaden, das zu spüren.  

Wolfenstein sollte Schule machen
The New Colossus basiert zugegebermaßen nicht gerade auf der wertvollen geschichtlichen Doktorarbeit eines Historikers. Aber vielleicht sind Spiele grundsätzlich eine Möglichkeit, bei der jungen Zielgruppe Interesse zu wecken. Ich habe da eine völlige absurde Idee, die bei Lehrern im Kreis Steinburg gut ankommen dürfte: einfach mal die Wolfenstein-Spiele im Geschichtsunterricht behandeln.    

Ein Hakenkreuz anzuschauen, macht niemanden zum Nazi. Rechtspopulisten machen Menschen zu Nazis, sie säen Angst, düngen mit Neid, gießen mit Hass und ernten die Stimmen der Wutbürger. Ein schlechtes Elternhaus macht Nazis, falsche Freunde machen Nazis, die einseitige Berichterstattung der Medien über Straftaten macht Nazis – und damit ist nicht alleine die Zeitung mit den vier großen Buchstaben gemeint. Niedriglöhne machen Nazis und zu wenig Bildung auch. Da kürzen wir doch gleich mal den entsprechenden Etat im Bundeshaushalt 2020 um schlappe 533 Millionen Euro, hurra! 

Es ist 35 Jahre her, dass ein Spiel mich zum Nazi machte. Für rund 30 Minuten und glücklicherweise nur virtuell auf einem Kinderzimmercomputer. Zwischen digitaler und realer Welt zu unterscheiden, kann manchmal hilfreich sein.   

PS: Das Zitat am Anfang dieses Textes ist nicht von Adolf Hitler, sondern von Björn Höcke. (hfr)