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Magazin: story

Gaming und Norwegen: Passt das zusammen?
Gaming und Norwegen: Passt das zusammen?

Die norwegische Games-Branche

In den vergangenen Ausgaben hat IGM immer wieder nordische Länder unter die Lupe genommen: Wir porträtierten die Games-Branchen von Schweden, Finnland, Dänemark und Island. Für die vorliegende IGM-Ausgabe haben wir uns ein Land angeschaut, das eher für wohlig warme Pullover und blitzschnelle Skifahrer bekannt ist als für Games: Norwegen.

Wer kennt sie nicht, die Bilder von tiefblauen Fjorden und pittoresken Holzhäuschen? Besagte Bilder kommen einem spätestens dann unter, wenn wieder mal der Reiseteil der Zeitung über eine Hurtigruten-Fahrt entlang der norwegischen Küste berichtet. Norwegen ist aber nicht nur eines der landschaftlich schönsten Länder Europas, sondern auch eines der reichsten Länder der Welt: 2012 lag das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei knapp 100.000 US-Dollar – und damit mehr als doppelt so hoch wie das deutsche BIP. Einer der Gründe für den norwegischen Wohlstand sind die Erdölvorkommen des Landes, die voraussichtlich noch ein paar Jahrzehnte reichen werden. Auch sonst ist Norwegen mit Energie reich gesegnet – so werden 98 Prozent des heimischen Strombedarfs durch Wasserkraftwerke gedeckt. Zudem zählt Norwegen zu den größten Fischereinationen der Erde; auch der Tourismus bringt jede Menge Devisen ins Land.

Dünn besiedelt
Bei all dem ist Norwegen ein ausgesprochen dünn besiedeltes Stück Erde. Auf einer Fläche von 385.000 Quadratkilometern (Deutschland: 357.000 qm) tummeln sich gerade mal fünf Millionen Menschen. Neben der Hauptstadt Oslo (568.000 Einwohner) gibt es nur noch vier weitere Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, nämlich Bergen, Trondheim, Stavanger und Fredrikstad/Sarpsborg. Für Games-Händler hat das einerseits Vorteile, weil sie sich auf wenige Standorte konzentieren können. Andererseits sind sie an ebendiesen Standorten mit besonders großer Konkurrenz konfrontiert. Die wichtigsten Fachhandelsketten sind Gamestop sowie GAME, daneben bieten Märkte wie Euronics, Expert, Spaceworld oder Teknikmagasinet Computerspiele an. Bedeutendster Anbieter von Games in Norwegen ist allerdings Elkjøp, die größte Konsumelektronikkette in den nordischen Ländern. Natürlich ist Elkjøp auch im Versandhandel aktiv; die PS3-Version von GTA V kostet im Online-Shop aktuell 499 Norwegische Kronen, was ca. 62 Euro entspricht. Zu den wichtigsten Spielegroßhändlern Norwegens zählen die Firmen Bergsala, Pan Vision, Nordisk Film, Nordisk Game Supply und Koch Media; einige von ihnen sind im Industrieverband NSM (Norsk spill- og multimedia leverandørforening) zusammengeschlossen.

Über die norwegischen Gamer ist vergleichsweise wenig bekannt. So gibt es aktuell keine Studie, die das Spiel- und Kaufverhalten detailliert beleuchtet. Einzige Quelle ist die länderübergreifende ISFE-Studie „Videogames in Europe“ vom November 2012. Danach hat rund die Hälfte der 16- bis 64-jährigen Norweger in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Computer gespielt. Gleichwohl scheint die Begeisterung für Games nicht sehr hoch zu sein, weil immerhin 75 Prozent aller Befragten Computerspiele als nicht sehr bzw. überhaupt nicht interessant einstufen. Insgesamt ist die Faktenlage zu dünn, um ein klares Bild zu vermitteln – vielleicht lässt sich der Industrieverband doch irgendwann mal zu einer Auftragsstudie hinreißen.

Ab nach Kanada
Wenden wir nun den Blick auf die norwegische Entwicklerlandschaft. Von den 73 Studios mit 775 Mitarbeitern (Stand: Januar 2012) hat vor allem eines internationale Bekanntheit erreicht: Funcom. Das 1993 gegründete Studio machte mit Titeln wie The Longest Journey, Anarchy Online, Age of Conan und Dreamfall auf sich aufmerksam, sorgte zuletzt aber mit The Secret World für Negativschlagzeilen. Das MMO bestach zwar mit einem originellen Dark-Fantasy-Setting, enttäuschte aber beim Gameplay und blieb finanziell weit hinter den Erwartungen der Macher zurück. The Secret World wurde weitgehend in Montreal produziert - schon 2009 hatte Funcom einen Großteil seiner Entwicklungskapazitäten aus Norwegen abgezogen, weil Kanada mit tax breaks lockte. Funcom ist nach wie vor ein norwegisches Unternehmen - allerdings eines, das kaum noch als Aushängeschild für die lokale Entwicklerszene taugt.
Schon eher trifft das auf die Firma Ravn Studio zu. Gegründet wurde sie bereits 2002 von den Unternehmerinnen Stine Wærn und Tinka Town; das zehnköpfige Entwicklerteam sitzt in der Stadt Drammen, 40 Kilometer südwestlich von Oslo. Seit 2006 entwickelt Ravn Studio Games für alle wichtigen Plattformen – bis heute hat es 13 Titel veröffentlicht, darunter Snakeball für PSN und das mehrfach prämierte PC-Kinderspiel Englekræsj!. Jüngster Titel ist Tainted Keep: Das Hack‘n‘Slash erschien im Juni für Nvidia Shield und soll bald auch für Smartphones verfügbar sein. In Entwicklung befindet sich Captain Sabertooth, ein Smartphone-Spiel über eine in Norwegen beliebte Piratenfigur. Ravn-Mitbegründerin Tinka Town prophezeit der norwegischen Games-Industrie eine rosige Zukunft. „Die Indie-Szene boomt. Das bedeutet, dass in naher Zukunft sehr viele interessante Spiele aus Norwegen kommen werden. Einer der Gründe dafür ist die staatliche Förderung, die seit 2004 über das Norwegian Film Institute (NFI) läuft.“

Strikte Kriterien
In der Tat bemüht sich das NFI um eine konsequente Unterstützung der aufkeimenden Entwicklerszene. Das Jahresbudget 2013 beträgt zwar nur etwas mehr als 2,5 Millionen Euro. Allerdings handelt es sich bei den 16 Titeln, die bisher gefördert wurden fast durchweg um Indie-Produktionen, die auch kleinere Beträge gut gebrauchen können. „Wir unterstützen Spiele für Kinder und Jugendliche über alle Plattformen und Genres hinweg“, sagt Kaja Hench Dyrlie, Head of Production beim NFI. „Ziel des Förderprogramms ist, Kindern und Jugendlichen Zugang zu norwegischsprachigen Spielen von hoher künstlerischer und technischer Qualität zu bieten. Wir fördern keine Spiele mit 18er-Rating, auch vorwiegend kommerzielle Produktionen und Adaptionen bestehender Projekte werden von uns nicht unterstützt.“ Insgesamt dürfe die Förderung nicht mehr als 75 Prozent der Entwicklungskosten betragen, so Dyrlie weiter. Neben dem NFI gebe es in Norwegen insgesamt sechs regionale Filmfonds. „Die meisten von ihnen unterstützen auch Videospiele – aber in sehr viel geringerem Umfang als das NFI.“

Als „äußerst wertvoll für die Industrie“ bezeichnet auch Game-Designer Stefan Svellingen (Rain Games) das staatliche Förderprogramm: „Nicht zuletzt deshalb, weil bei Privatinvestoren und business angels in Norwegen weitgehend Fehlanzeige herrscht.“ Allerdings sei auch die staatliche Förderung nicht frei von Problemen, gibt Svellingen zu bedenken: „Sie bevorzugt kindgerechte Produktionen, die in norwegischer Sprache gehalten sind und die norwegische Kultur repräsentieren. Das kann ein enger Flaschenhals sein, wenn man auf Großproduktionen für einen globalen Markt abzielt. Außerdem ist der Förderumfang begrenzt, was den Produktionsspielraum schnell deckelt.“ Um die Entwicklerszene voranzubringen, gründete Svellingen im Jahr 2010 mit ein paar Kollegen die Community Spillmakerlauget; Ausgangspunkt war die Stadt Bergen, wo es zum damaligen Zeitpunkt keinerlei Netzwerk gab. „Ein Jahr nach der SML-Gründung fanden ihre Arbeit und ihr positiver Community-Effekt auch in anderen Städten Anklang“, erzählt Svellingen. „Dort wurden dann ebenfalls lokale Gilden [norw. ‚laug‘] gegründet. Zuerst in Trondheim, kurz darauf in Oslo und Kristiansand und schließlich in der Mehrzahl der größeren Städte.“ Aus globaler Sicht, so der Networker, sei die norwegische Spieleindustrie sehr klein: „Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, um erfolgreich zu sein.“

Drückende Kosten
Svellingen ist stolz darauf, was Spillmakerlauget seit 2010 bewirken konnte. „Mit unserer Arbeit sind wir präsenter denn je, und sehen täglich neue Möglichkeiten, die wir gerne nutzen möchten.“ Nun wolle man die Kräfte weiter bündeln und ein „nationales Kompetenzzentrum“ („nasjonalt kompetansesenter“) gründen, der Antrag für die Finanzierung sei bereits in Arbeit. Bei aller Freude über die boomende Indie-Szene sehen sowohl Town als auch Svellingen einen klaren Standortnachteil: die hohen Lohn- und Lebenshaltungskosten. „Hohe Lohnkosten machen es schwer, auf dem globalen Markt mitzuhalten“, klagt Svellingen, „Funcom ist ein gutes Beispiel für dieses Problem.“ Town wünscht sich tax breaks „wie in Kanada oder Frankreich“, um die Firmen zu entlasten und neue Anreize zu schaffen. Doch davon ist noch nichts zu hören und zu lesen – auch nicht in dem Weißbuch, dass die norwegische Regierung schon vor Jahren zum Thema Games veröffentlicht hat.
Einen Mittelweg sucht man beim Studio SnowCastle Games, das 2009 in Oslo gegründet wurde: Die Firma hat nur sechs feste Mitarbeiter, greift aber auf ein Netzwerk von Freelancern in aller Welt zurück. Nach einer Reihe von Auftragsarbeiten veröffentlichte SnowCastle vor zwei Jahren die erste größere Eigenproduktion: Hogworld, ein Buch-Adventure-Mix für Kinder ab vier Jahren, das auf iTunes den Sprung in die „Best Apps of 2011“ schaffte. Gerade arbeitet das Studio an seinem bisher ehrgeizigsten Projekt, dem Rollenspiel-Adventure Festival of Magic (FOM). Es erzählt die Geschichte des Wüstenvagabunden Amon, der mit seinem tierischen Gefährten Gnart die Geheimnisse der magischen Welt Umbra erforscht. Der Beta-Launch ist für Dezember auf der Wii U geplant, Versionen für PC und Mac sollen folgen.

Weltweite Kooperation
“Norwegen kämpft mit hohen Lohnkosten und einem Mangel an qualifizierten Programmierern“, sagt Erik Hoftun, Mitbegründer und CEO von SnowCastle. „Wir kompensieren das, indem wir ein kleines Kernteam in Norwegen beschäftigen und es mit Talenten aus aller Welt kombinieren, die zu konkurrenzfähigeren Löhnen arbeiten.“ Das derzeitige Projekt habe einige wirklich hervorragende Partner angezogen, schwärmt Hoftun. „Wir hoffen, dass wir die internationale Zusammenarbeit noch ausbauen können, und entwerfen dafür die entsprechenden Werkzeuge. Unity 3D, Asana und Skype sind für unsere Arbeit unerlässlich.“ Man darf gespannt sein, was für Games Norwegen in den nächsten Jahren so hervorbringt. (feh)