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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Winai Tepsuttinun/stock.adobe.com
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Die Wackelkandidaten

Wer als Angestellter in der Games-Branche beruflich überleben möchte, braucht Glück und starke Nerven – und im Idealfall einen Karriere-Plan B in der Schublade.
Das Hauptquartier des Mobilegames- und Browsergames-Entwicklers Goodgame Studios befindet sich seit
knapp drei Jahren im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld, unweit des Volksparkstadions. Zur Eröffnung schaute sogar Bürgermeister Olaf Scholz vorbei. Wenn die Mitarbeiter aus dem Fenster schauen, fällt ihr Blick auf das chlorklare Wasser eines Swimmingpools samt Liegestühlen im Innenhof, dem sogenanten „Goodgame Campus“. Dieser „eigene Pool“ ist nach wie vor als Pluspunkt in der Karriere-Rubrik der Goodgame-Website aufgelistet, zusammen mit vielen anderen „Benefits“ wie  der „After-Work-Location mit Sofa, Kicker und Spielkonsolen“, Gratis-Getränken und -Frühstück, Fortbildung in der hauseigenen „Goodgame Academy“ und MS-Office-Kursen.

Dass der Badebetrieb rund ums beheizte Schwimmbecken spürbar abgenommen hat, liegt in erster Linie daran, dass Goodgame Studios im Hochsommer 2016 – während der laufenden Gamescom – die Belegschaft reduziert hat. Zuvor lag der Personalstand bei mehr als 1.200 Mitarbeitern, inzwischen sollen es weniger als 350 sein. Derzeit sind keine neuen Jobs ausgeschrieben. Es ist der prominenteste, weil größte Personaladerlass innerhalb der Branche – und symptomatisch für viele andere Entwickler-Studios und Publisher.

Gelungene Integration: Wir schaffen das
Es gab Phasen, da waren die Banner in Hamburgs U-Bahnen nicht zu übersehen, auf denen Goodgame Studios um neue Mitarbeiter warb. Zu diesem Zeitpunkt galt das Unternehmen als Umsatz- und mitarbeiterstärkstes Studio des Landes – ein 80köpfiges Personalteam sichtete nach Firmenangaben 10.000 Kandidaten pro Monat. Zur Einordnung: Die komplette deutsche Games-Branche beschäftigt derzeit kaum mehr als 13.000 Personen. Das stramme Wachstum bei Goodgame Studios und anderen Free2play-Spezialisten war also zwangsläufig nur durch intensives Rekrutieren im Ausland zu stemmen.

Zwischenzeitlich arbeiteten Menschen aus 60 Nationen bei Goodgame Studios – aus Frankreich, England, Russland, Polen, Australien, China, Spanien, Indien oder Brasilien. Die neuen Kollegen mussten binnen kürzester Zeit integriert werden; dafür sorgte ein eigenes Onboarding-Team. Zur Not quartierte man die meist jungen Mitarbeiter in Hotels und Apartment-Anlagen ein, bis eine passende Unterkunft im angespannten Hamburger Wohnungsmarkt gefunden war. Die Integrations-Eingreiftruppe kümmerte sich außerdem um Kindergartenplätze, Girokonto-Eröffnung, Babysitter, Bus-Tickets, Deutschkurse und behördlichen Papierkram. Das Ziel: Die Neuzugänge sollten den Kopf frei haben für die Entwicklung und Vermarktung des Sortiments.

Ziel: Casual-Abhängigkeit reduzieren
Als während der Gamescom 2016 die Nachrichten über großflächigen Stellenabbau die Runde machten, musste man nicht lange warten, bis die ersten Ich-hab‘s-ja-schon-immer-gewusst-Bescheidwisser auf den Plan traten. Der Befund war schnell ausgemacht: zu aggressives Wachstum. Doch dass es so schnell zu einem derartigen Aderlass bei Goodgame Studios kommen würde, hatte sich nicht zwingend angedeutet. Das Smartphone-Aufbauspiel Empire: Four Kingdoms und das verwandte Browserspiel Goodgame Empire spülten über mehrere Jahre obszöne Summen in die Kassen der Hamburger. 2014 lag der Umsatz jenseits von 200 Millionen Euro - mehr als das Doppelte dessen, was Ubisoft in Deutschland einnimmt.

Als die Spielerzahlen sanken, stand kein adäquater Nachfolge-Titel parat. Zuvor hatte das Management viel Geld in die Hand genommen, um durch den Aufbau neuer interner Studios, zusätzlicher Plattformen und frischer Marken die Abhängigkeit vom Casual- und Mobilegames-Sektor zu reduzieren – eine aus damaliger Sicht sicher nachvollziehbare, wenn auch nicht von Erfolg gekrönte Strategie, die auch andernorts nicht  aufging. Bei Wooga in Berlin setzte man zum Beispiel große Hoffnungen auf  Spiele für Smartwatches wie die Apple Watch – eine Plattform, die in der Nische verharrte.

Last in, first out:  Job-Aus in der Probezeit
Dem Turbo-Wachstum auf allen Ebenen folgte also ein ebenso rasanter Rückbau. Leidtragende waren natürlich in erster Linie die Mitarbeiter, die ihren Arbeitsvertrag in der Hoffnung auf einen sicheren Job unterschrieben hatten und auch mittelfristig in Hamburg bleiben wollten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurden die Nachteile des zahnlosen Mitarbeiter-Komittees offenkundig, das erst wenige Monate zuvor in Folge der gescheiterten Betriebsrat-Gründung installiert worden war. Natürlich ist Goodgame Studios nicht das einzige Unternehmen, das heute weniger Mitarbeiter beschäftigt als noch vor zwölf Monaten. Crytek, Wooga, Gameforge, Aeria Games, Gameduell: Nach Jahren des Wachstums haben etliche Studios Kosten reduziert und Personal abgebaut, teils im großen Stil. Entlassen wurden tragischerweise just die neuen Kollegen, die erst kurz zuvor aufwändig angeworben und integriert wurden und eigens für den neuen Job umzogen oder ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlagert haben. Etliche befanden sich noch inmitten der Probezeit oder hatten befristete Verträge unterschrieben, standen also ganz oben auf der Liste der Streichkandidaten.

Hire & Fire in Reinkultur
Dass die Branche nicht zwingend Beschäftigungssicherheit bis zum Renteneintrittsalter bietet, ist jedem Erstsemester-Studenten klar. Computerspiele sind und bleiben nun mal ein Hit-Geschäft mit vielen Unwägbarkeiten. Oftmals entscheiden Nuancen darüber, ob eine Neuheit durchstartet und ob ein Unternehmen länger als zehn Jahre am Markt besteht. Selbst ein Mega-Seller ist keine Garantie für einen sicheren Job, wie sich regelmäßig bei US-amerikanischen Studios besichtigen lässt: Kaum ist das Riesenprojekt auf dem Markt, landen Programmierer, Grafiker, Level-Konstrukteure und Tester auf der Straße. Tritt die Entwicklung des Nachfolge-Titels in die heiße Phase, werden wieder Kapazitäten aufgebaut – und das Spiel beginnt von vorne. Hire & Fire in Reinkultur, analog zum Filmgeschäft, wo sich das Produktions-Team nach Ende der Dreharbeiten in seine Einzelteile auflöst und bei nächster Gelegenheit neu formiert.

Noch schwankungsanfälliger ist das Online- und Mobile-Games-Segment. Aus den Erkenntnissen der Vergangenheit wurden Lehren gezogen: Inzwischen sind fast alle größeren Studios dazu übergegangen, neue Ideen und Projekte in winzigen Teams bis zu einer gewissen Marktreife zu entwickeln und im Zweifel gnadenloser als je zuvor wieder einzustampfen. Vielfach ist man förmlich stolz auf jedes Projekt, das nicht das Licht der Welt erblickt. Erst wenn das Konzept die strengen internen und externen Tests übersteht, geht das Spiel in ausgewählten Testmärkten an den Start. Und erst wenn die App oder das Online-Spiel durchstartet, wird das Team aufgestockt: mit Marketing-Leuten, mit Daten-Analysten, mit Community-Betreuern und mit Spieldesignern, die frische Inhalte produzieren.

Robuster Games-Arbeitsmarkt
Zu Hoch-Zeiten hat Goodgame Studios allmonatlich Gehaltsschecks zwischen 4 und 5 Millionen Euro ausgestellt. Branchenbeobachter schätzen, dass dieser Wert analog zur geschrumpften Belegschaft und der verkleinerten Geschäftsführung um zwei Drittel reduziert werden konnte. Den Cashflow freut‘s, doch die Frage nach einem Thronfolger für Goodgame Empire ist unbeantwortet. Stand heute gibt es noch keine Anhaltspunkte, dass das Unternehmen jemals wieder annähernd an glorreichere Zeiten anknüpfen kann.

Die geschassten Mitarbeiter haben sich natürlich längst anderweitig orientiert und sind bei anderen Studios, bei Agenturen, in der Werbung, bei Startups, Medienhäusern oder Digitalriesen wie Google oder Rocket Internet untergekommen.

Und auch wenn er derzeit einen anderen Eindruck macht: Der deutsche Games-Arbeitsmarkt präsentiert sich durchaus aufnahmefähig für erfahrenes Personal. Interessanterweise wachsen derzeit vor allem Niederlassungen ausländischer Studios – Riot Games, Gamevil und Epic Games in Berlin oder Foundry 42 und id Software in Frankfurt, um nur einige zu nennen. So global die Zielgruppe der Spiele, so international ist vielfach auch die Belegschaft: Aufgrund des hohen Ausländeranteils ist Englisch häufig die offizielle Amtssprache. Bei Wooga, InnoGames und anderen Firmen läuft die komplette offizielle Kommunikation und Dokumentation auf Englisch: Sobald sich ein einziger Mitarbeiter im Raum befindet, der des Deutschen nicht oder nicht vollumfänglich mächtig ist, schalten die Kollegen von einer Sekunde auf die andere in den Englisch-Modus.

Firmeneigenes Fitness-Studio
Die Dynamik des Videospiele-Marktes bringt es mit sich, dass vielerorts schon wieder auf Wachstum umgeschaltet wurde. Um die besten Köpfe gibt es einen harten Schönheitswettbewerb mit Vergünstigungen aller Art. Im Erdgeschoss von Goodgame-Lokalrivalen InnoGames befindet sich zum Beispiel ein firmeneigenes Fitness-Studio mit modernsten Hightech-Geräten – eine Ausstattung, die manch kommerzielle Konkurrenz im Umkreis buchstäblich alt aussehen lässt. Wooga in Berlin lockt nicht nur mit einem der buntesten und originellsten Arbeitsplätze in ganz Spiele-Deutschland, sondern auch mit Gratis-Latte-Macchiato und -Müsli sowie 1.500 Euro frei verfügbarem Weiterbildungs-Budget.

Nur der firmeneigene Goodgame-Pool in Hamburg-Bahrenfeld, der ist weiterhin einzigartig – und die ganze Branche drückt die Daumen, dass nicht noch mehr Mitarbeiter die Misere ausbaden dürfen. (pf)