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Magazin: story

Die Zeit läuft ab

Schmuck statt Spiele, Kosmetik statt Konsolen: Karstadt will sich modernisieren – und schafft dafür seine Multimedia-Abteilungen ab. Ist das der richtige Weg, um eine jüngere Zielgruppe anzusprechen? IGM hat Kunden und Handelspartner befragt.

Oben an der Rolltreppe gibt es plötzlich Geschrei. Menschen in grauen Business-Kostümen vollführen wilde „Häufig fehlt die notwendige Kompetenz“ Professor Andreas Fürst: „Häufig fehlt die notwendige Kompetenz“ Verrenkungen, wälzen sich auf Rolltischen und brüllen immer wieder das Wort „Gefeuert!“. Irritiert beobachten die Karstadt-Kunden das hektische Treiben, einige lieber aus sicherer Entfernung. Ist das ein handfester Streit zwischen Verkäufern? Oder der reine Shopping-Wahnsinn, der sich hier ungehindert Bahn bricht? Als ein Mensch im Hummerkostüm auftaucht, wird auch dem unbedarftesten Beobachter klar: Die Störenfriede sind Schauspieler, das Ganze ist eine Performance – irgendwo zwischen Event-Shopping und Hochkultur. Bloß weg vom angestaubten Warenhaus-Image.

Ein paar Meter weiter, in der Multimedia-Abteilung, geht es sehr viel gesitteter zu. Vor einem halben Jahr haben die Karstadt-Verantwortlichen am Berliner Hermannplatz den Verkaufsbereich umgebaut, haben ihn übersichtlicher gestaltet. Das Spieleangebot ist ordentlich, es reicht von aktuellen Chart-Titeln über Zubehör für alle gängigen Konsolen bis hin zu den üblichen Budget-Games.

„Wir hatten viel zu lange ein viel zu breites Sortiment“

Wirklich spektakulär ist die Präsentation aber nicht: Es fehlen Blickfänger, zum Beispiel großformatige Bildschirme mit In-Game-Szenen, auch die beiden Testkonsolen stehen verschämt im Hintergrund. Für einen späten Samstagnachmittag ist die Abteilung dennoch recht gut besucht: Man sieht Familien mit Kindern, Gruppen von Jugendlichen und erwachsene Einzelkäufer durch die Regalreihen schlendern. Was nur die wenigsten von ihnen wissen: Games bei Karstadt sind bald passé. Die Warenhauskette wird ihre Multimedia-Abteilungen dichtmachen.

18 Monate Zeit „Der Vertriebskanal Warenhaus wird weiter geschwächt“ Hans Josef Ley, Bigben: „Der Vertriebskanal Warenhaus wird weiter geschwächt“ Offiziell ist die Entscheidung seit Ende Februar. „Wir hatten viel zu lange ein viel zu breites Sortiment“, sagte Firmenchef Andrew Jennings in einem Interview mit der Financial Times Deutschland. „Der Händler muss für seine Kunden eine sinnvolle Vorauswahl treffen, die das Einkaufen erleichtert.“ Die Umstellung werde aber nicht schlagartig erfolgen, so Jennings, sondern in einem Zeitraum von 18 Monaten: Bis dahin sollen Computer, Unterhaltungselektronik, Musik, Filme und Games aus allen 83 Karstadt-Filialen verschwunden sein. Neben Multimedia wird es wohl noch andere Bereiche treffen: Karstadt stellt seine Buchabteilungen auf den Prüfstand, auch das Modesortiment soll um ein Fünftel gekürzt und damit die Zahl der Lieferanten verringert werden
Die Maßnahmen sind Teil eines umfassenden Sanierungsprogramms, das den Namen „Karstadt 2015“ trägt. Es soll dem Unternehmen helfen, zu einem normalen Geschäftsbetrieb zurückzukehren. Karstadt leidet wie kaum eine andere Firma unter den Fehlern der Vergangenheit: Die früheren Manager kümmerten sich viel zu wenig um die Weiterentwicklung des Kerngeschäfts, der Finanzbedarf wurde jahrelang unter anderem durch Immobiliengeschäfte verschleiert. 2009 musste das Unternehmen – wie auch der Mutterkonzern Arcandor und die Schwester Quelle – Insolvenzantrag stellen. Nur Karstadt überlebte das Verfahren und ging an den Investor Nicolas Berggruen. Der schwerreiche Deutsch-Amerikaner beteuert seitdem, mit Karstadt langfristige Ziele zu verfolgen. In der Öffentlichkeit allerdings wachsen die Zweifel am selbsternannten Karstadt-Retter: Erst kürzlich porträtierte eine ZDF-Doku ihn als gewieften Steuerminimierer und Gewinnmaximierer. Wirtschaftsexperten spekulieren darüber, was Berggruen mit Karstadt vorhat: Mal ist von einer Zerschlagung des Konzerns die Rede, mal von einer Fusion mit dem Konkurrenten Kaufhof, an dessen Erwerb Berggruen ebenfalls Interesse zeigt.