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Magazin: story

"Regionale Eigenheiten" der Deutschen
"Regionale Eigenheiten" der Deutschen

Do you speak gamescom?

Mit mittlerweile 340.000 Besuchern wird die gamescom auch international immer wichtiger. Aber wie erleben die ausländischen Fachbesucher die Messe eigentlich – und wie gefällt ihnen die Mischung aus Chaos, Köln und Kölsch?

Es gibt diesen einen Moment, an dem man nicht mehr zurück kann, oben auf der Rolltreppe im Consumer-Bereich. Wenn man herunterblickt auf die Menschenmassen, die bisher nur eine abstrakte Zahl waren. Denn wer das erste Mal aus dem Ausland auf die gamescom kommt, kennt zwar die bisherigen Besucherzahlen (2011 und 2012 waren’s je 275.000) – aber es ist halt ein Unterschied, wenn man diese Horden dann auch sieht. Oder gar mittendrin steckt. So ergeht es zum Beispiel den Japanern, die Senior Communications Manager Martin Wein von Koch Media mit auf die Messe bringt: „Die stellen sich die gamescom so vor, dass da Besucher in Lederhosen herumtanzen. Und dann sehen sie die Massen und sind nur noch beeindruckt – brauchen aber auch eine halbe Stunde, um die Treppe herunterzukommen.“ Generell mögen seine Kollegen aus dem Ausland die gut funktionierende Zweiteilung der Messe in den Konsumenten- und Business-Bereich – eine Aussage, die wir immer wieder hören. Die amerikanischen Kollegen von Markus Wilding, Senior Director International PR bei 2K, schätzen die abgetrennte Business-Area ganz besonders: „Das Business Center ist so, wie es auf der E3 eigentlich sein sollte. Man kann sich auch unterhalten, ohne sich dabei anzuschreien. Auf der E3 musst Du Dich sogar noch im Meeting-Raum anbrüllen.“
Al Bickham, Communication Manager von Creative Assembly, wird die diesjährige gamescom in ganz besonderer Erinnerung behalten: Er konnte sein Strategie-Epos „Rome 2: Total War“ nicht nur Horden von Besuchern und der Fachpresse präsentieren, sondern auch Vizekanzler sowie Technologie- und Wirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler. Der selbsternannte „Gamer der ersten Stunde“ besuchte die gamescom mit 70 Kamerateams im Schlepptau. Auch diese politische Aufmerksamkeit steigert das Ansehen der gamescom im Ausland natürlich beträchtlich. Dass Dr. Röslers US-Pendants, Handelsministerin Penny Pritzker oder gar Vizepräsident Joe Biden auf der E3 auftauchen – völlig undenkbar.

Jäger und Sammler
Spätestens am gamescom-Wochenende kriegen aber auch die E3-gestählten Amerikaner Angst. Weil die E3, zumindest offiziell, keine Konsumentenmesse ist, kennen die Amis auch die „gemeine deutsche Beutelratte“ nicht – also die Devotionalien-Jäger mit ihren überdimensionalen Sammeltüten. Dann entwickeln sich folgende Dialoge zwischen Markus Wilding und den Kollegen aus Übersee:
„Warum schreien die alle so?“
„Die kriegen ein T-Shirt.“
„Oh.“
„Und warum schreien sie jetzt?“
„Die kriegen einen Kugelschreiber.“
„Oh.“
Aber es ist genau diese Mischung aus Chaos und Geschäft, die bei den auswärtigen Fachbesuchern so gut ankommt. Marilena Papacosta, PR- und Marketing Managerin von Tecmo Koei Europe („Dead or Alive“, „Dynasty Warriors“) gefällt die „seriöse Business-Seite der Show“ genauso wie die „unbekümmerte Spaß-Seite, die wir alle so mögen: „Aus PR-Sicht ist die gamescom eine wertvolle Gelegenheit, die Aufmerksamkeit zu erhöhen, indem Du einen Titel direkt dem Endkunden vorführst. Für Publisher ist das momentan die engste B-to-C-Beziehung, die es gibt, und sie folgt einem sehr einfachen und alten Prinzip: Try before you buy! Andere Shows bieten das zwar auch, aber ich denke, dass die Größe der gamescom den präsentierten Spielen noch ein besonderes Prestige verleiht. Außerdem ist es eine sehr gut organisierte Show. Ich kann natürlich nichts über die ganzen Probleme und Herausforderungen sagen, die es vor Messebeginn gab – was ganz natürlich ist, schließlich ist es eine große Veranstaltung. Aber von dem Moment an, an dem sich die Türen öffnen, habe ich kein Problem erlebt, das sich durch eine bessere Organisation hätte vermeiden lassen.“

Kontakt mit Aliens
Angetan ist auch Doki Tops, CEO der niederländischen Cloud-Gaming-Plattform Kalydo: „Die Internet-Verbindung auf der gamescom ist sehr gut, wir haben ein 1,5-Gigabyte-MMO in drei Minuten ans Laufen bekommen. Und ich konnte eine große Nespresso-Maschine organisieren – habe allerdings den Wassertank vergessen. Dafür hatten wir tagsüber Wodka am Stand!“ Sein chinesischer Kollege Shu Xian Guo mag die Verkehrsanbindung der gamescom: „Dass das Ticket auch für den Öffentlichen Nahverkehr gilt, ist eine gute Idee, das gibt’s sonst nirgends. Allerdings war die Internet-Verbindung für Business-Ansprüche zu schlecht, da habe ich in den Niederlanden auf öffentlichen Plätzen schnellere Verbindungen.“
Und wie kommen unsere Journalisten bei den auswärtigen Publishern an? Die meisten sind auch auf der gamescom typisch deutsch, ihre Fragen also entweder sehr technisch („welche DirectX11-Features werden unterstützt?“) – oder einfach nur langweilig („wie viele Level und Waffen gibt es?“). Die lokalen Vorlieben spielen natürlich auch eine Rolle: Die Strategiespiel-Entwickler von Firaxis („Civilization“, „X-COM“) sind auf der gamescom quasi Rockstars, während die daheim so gefeierten Wrestlingspiel-Entwickler hierzulande eher als Exoten gelten – und nicht nach neuen Wrestling-Moves gefragt werden, sondern nach der Anzahl der Animationsstufen (vermutlich, weil’s keine Waffenzahlen gibt). Gelegentlich muss Markus Wilding seine „X-COM“-Kollegen auch vor lustig gemeinten, aber eher angestrengt wirkenden Interviews vorwarnen („mit welchen Aliens hattest Du schon Kontakt?“). Aber diese deutschen Eigenheiten treten nicht nur auf der gamescom zutage, sondern auf so ziemlich jeder Presseveranstaltung.

Schnitzeljagd
So, und jetzt lassen wir die gamescom mal beiseite. Wie finden die Besucher aus der ganzen Welt denn Köln, Deutschland und seine ulkigen Besonderheiten? Hier sind die beiden Bayern Martin Wein und Markus Wilding missionarisch tätig. Martin Wein trichtert seinen ausländischen Kollegen ein, „dass Kölsch nur ein Bier-Fake ist, eine regionale Eigenheit.“ Seine Predigt scheint sich herumzusprechen, wenn man mal genau hinguckt: Engländer stürmen bei ihrer Ankunft zwar ins „Früh“-Brauhaus, stapeln sich an den folgenden Messeabenden aber lieber in den Irish Pubs der Altstadt. Markus Wilding, der mit dem deutschen Take-Two-Team mit Dutzenden US-Entwicklern, seinen englischen Kollegen sowie PR-Managern aus aller Herren Länder durch Köln zieht, bringt den Gästen vor allem die deutsche Küche nah: „Alle Amis flippen bei deutschem Essen aus, vor allem beim Schnitzel. Am Montag vor der Messe habe ich außerdem drei von 17 Leuten zu Apfelstrudel überreden können, am Donnerstag waren’s schon elf von dreizehn. Currywurst ist auch der Hit, da zieht der exotische Faktor. Und natürlich Bierbierbier!“ Da kann es auch mal passieren, dass der WWE-Marketingchef morgens um drei noch auf einer Branchenparty gesichtet wird, am nächsten Messetag völlig verschläft und die Uralt-Ausrede „mein Wecker hat a.m. und p.m. verwechselt“ murmelt. Nach fünf Tagen in Deutschland, wohlgemerkt.

Worüber sich vor allem Amis hingegen nicht einkriegen: das Rauchen. Obwohl die Zahl der Raucher in Deutschland stark rückläufig ist, sind wir in amerikanischen Augen immer noch ein Volk aus lebenden Schornsteinen. Dafür lobt Marilena Papacosta das Kölner Wetter (kein Wunder im Vergleich zu England), und „das Essen ist sowieso immer exzellent. Ich kenne niemanden, der die Woche nach der gamescom nicht auf Diät ist!” Die beiden einzigen deutschen Sätze, die sie beherrscht, drehen sich dementsprechend ums Kulinarische: „Bier bitte!“ und „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“
Auch die Kölner Taxifahrer machen offenbar einen guten Job, denn Martin Weins Kollegen stießen immer wieder auf höfliche, gut englisch sprechende Kutscher. Kein Vergleich also zu Städten wie Paris, in denen man auch mal völlig ignoriert wird, wenn man mit Englisch daherkommt. Oder in München mit Preußisch. (mde)