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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: kaewphoto/stock.adobe.com, © stokkete/stock.adobe.com
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E3 oder keine E3 ...

24 Jahre nach seinem Debüt steht das Konzept "Electronic Entertainment Expo" wieder auf dem Prüfstand. Ist das Show- und Hochglanz-Format aus den USA dank Internet & Co. überflüssig geworden – oder brauchen wir es noch immer?
Als Games-Journalist unterteilt man den Kalender klassisch in den Zeitraum vor und nach der E3. In der ersten Jahreshälfte gähnen dicke Lücken in den Release-Fahrplänen der Publisher und reißen uns nur vereinzelte Hits aus der allgemeinen Lethargie. Nach der E3 wird es dann schon etwas interessanter: Allmählich nimmt das laufende Games-Jahr Form an und man kann planen.

Allerdings bekommt diese altehrwürdige Strategie schon seit Jahren zunehmend Risse. Denn E3 hin oder her: Wirklich relevante Spiele werden seltener, stattdessen bündeln die Groß-Publisher ihre Ressourcen für die Erstellung einiger weniger Mega-Hits, die man dann über viele Monate hinweg mit lebensverlängernden Maßnahmen füttert. Für Diversität und Masse sorgen in dieser Zeit zwar jede Menge Indie-Produktionen, aber für den klassischen Journalismus sind die meisten davon wegen ihrer nischigen Zielgruppe irrelevant. Getragen wird eine E3 ebenso wie das gesamte Branchen-Ökosystem von den Großen und Mittelgroßen. Was aber, wenn die stetig seltener werden oder sie der E3 immer häufiger eine Absage erteilen? So verzichtet Nintendo schon seit Jahren auf eine eigene Pressekonferenz und verlässt sich lieber auf sein Videoformat "Direct". Und jetzt hat auch noch THQ Nordic angekündigt, der Messe gleich komplett fernzubleiben. Stattdessen will sich der europäische Publisher für die Präsentation seines Programms auf die zwei Monate danach stattfindende Gamescom verlassen. Offizielle Begründung für die E3-Abstinenz: Man wolle während des Sommers lieber in den Wiener Biergärten lümmeln und dort die Übertragung der FIFA-Weltmeisterschaft genießen. Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, lässt aber trotzdem tief blicken. Ist der Stellenwert der E3 derart gesunken, dass ein kühles Blondes und Fußball als legitime Begründung für eine Nichtteilnahme reichen?

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Nach wie vor
ein wichtiger Treffpunkt
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An Bedeutung verloren?
Wir haben nachgehakt: So glaubt der bekannte Retro-Experte und Freelancer Stephan Freundorfer (u.a. "SPIEGEL Online"), dass die Messe ihre "Bedeutung als wichtigster Spielenews-Termin des Jahres verloren" hat, da "die großen Hersteller heute Hausmessen veranstalten und sich weitere Formate im Jahreskalender etabliert haben". Als Beispiele nennt er PAX, Gamescom und Reboot, weiterhin verweist er darauf, dass heute "nicht nur Spiele, sondern auch Informationen digital zu jedermann und jederzeit unters Volk gebracht werden können". Trotzdem wird das E3-Datum auch bei Freundorfer noch fett im Kalender markiert: "Dennoch ist sie als Termin, auf den die gesamte Branche hinarbeitet und -fiebert immer noch relevant. Dabei geht es heute aber nicht mehr nur um die drei Messe-Tage an sich, sondern um die gesamte Messe-Woche mit all ihren physischen wie digitalen Pressekonferenzen im Vorfeld und den Nebenveranstaltungen einzelner Hersteller", so der freiberufliche Journalist. Aber fliegt er auch noch selber auf die E3 – oder macht er es sich wie die Kollegen von THQ Nordic zuhause mit einem Bier gemütlich? "Finanziell lohnt es sich eigentlich nicht, wenn man Spesen und Arbeitszeit gegen die anschließenden Artikel-Honorare aufrechnet", meint Freundorfer. "Aber für mich ist es nach wie vor ein wichtiger Treffpunkt und ein Ort, an dem man sich für eine Woche im Herzen der Spiele-Industrie befindet. Von den dortigen Kontakten zehre ich lange genug, damit sich der Besuch zumindest gefühlt lohnt."

Ebenfalls zu den Messe-Reisenden zählen die Kollegen von Webedia: Laut Chefredaktions-Mitglied Markus Schwerdtel ist die Messe "immer noch zu wichtig", um ihr fernzubleiben. "Was sich jedoch bewährt hat, das ist die Aufteilung in ein Heim- und ein Außen-Team", erklärt er uns. "Letzteres macht Termine vor Ort und tut das, was man wirklich nur in L.A. tun kann: Zocken und mit den Entwicklern sprechen. Und dann natürlich direkt von dort berichten – inzwischen hauptsächlich mit Videos. Die Kollegen daheim wiederum bringen die Asset-Flut auf die Websites und analysieren z.B. die Ankündigungen auf den Pressekonferenzen oder die Trends der Messe. Mit dieser Vorgehensweise sind wir während der vergangenen Jahre hervorragend gefahren. 2017 haben wir unter dem Hashtag ‚e3daheim' die gesamte Messe mit unzähligen Live-Streams, Videos und Artikeln begleitet – sowohl von Los Angeles als auch von München aus. Das kam bei den Usern hervorragend an. Will heißen: Ja, das Hinfahren lohnt sich. Aber es muss ein Plan dahinter stecken. Einfach so viele Leute wie möglich in die USA zu schicken, wäre Unsinn."

Rechnet sich nicht
In den vergangenen Jahren immer häufiger zuhause geblieben ist dagegen "Computer BILD Spiele"- und "SPIEGEL"-Autor Benedikt Plass-Fleßenkämper. "Ob ich hingeflogen bin oder einen meiner Mitarbeiter hingeschickt habe, das war in den letzten Jahren immer davon abhängig, wie früh meine Agentur für die E3 von Kunden konsultiert wurde und zu welchen Konditionen sich dann noch Flüge bzw. Hotels buchen ließen. Gelegentlich wurden die Reisekosten sogar von den Auftraggebern übernommen. Aber gerade das hat sich in letzter Zeit quasi komplett erledigt, die meisten Verlage haben da schlicht kein Budget für. So oder so bedeutet ein E3-Besuch inklusive Live-Berichtserstattung aber vor allem jede Menge Stress, der sich wirtschaftlich nicht rechnet."

Zu den Daheim-Bleibern zählt auch Gronkh-Chefredakteur Joachim Hesse: "Die Kosten für den E3-Besuch sind natürlich hoch – nicht nur finanziell, sondern auch zeitlich", erklärt Hesse. "Für reine Berichterstattung rechnet sich das kaum. Wegen der vielen persönlichen Kontakte und exklusiven Anspiel-Möglichkeiten lohnt es sich aus meiner Sicht dennoch. Dieses Jahr verfolgen wir jedoch eine andere Zielsetzung. Bei Gronkh TV planen wir erneut, die Live-Streams der Pressekonferenzen von Deutschland aus zu moderieren. Das hat bereits 2017 nach meinem Wechsel zu Gronkh hervorragend funktioniert. Das heißt aber nicht, dass für die Zukunft ein Team vor Ort keinen Sinn ergeben würde."

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Einfach so viele
Leute wie möglich in die USA zu schicken, wäre Unsinn
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Trotz schwindender Bedeutung unersetzlich
Dennoch glaubt auch er, dass "der Stellenwert der E3 sinkt". "Inzwischen gibt es deutlich mehr Messen, die alle ein Stück des Kuchens einfordern. Vor allen Dingen der Trend auf Seiten der Publisher, ein eigenes Süppchen mit zeitnahen Veranstaltungen abseits des Convention-Centers zu kochen, verwässert das ursprüngliche Konzept. Den Zug mit Mobile, Indie oder F2P haben die Veranstalter zudem verschlafen, haben diesbezüglich nicht genug attraktive oder bezahlbare Angebote an den Start gebracht. Die Strahlkraft der Spielemesse für Hochglanz-Produktionen scheint mir dennoch ungebrochen. Insofern bleibt die E3 die wichtigste Leitmesse für Spielankündigungen", so Hesse.

Aber warum erteilt ein THQ Nordic der Veranstaltung dann eine Absage? Reicht es für einen wichtigen europäischen Publisher wirklich, wenn er sich stattdessen auf unsere einheimischen Messe-Plattformen beschränkt? "Das hängt von der Zielsetzung ab", vermutet Hesse. "Wenn du deine Titel lieber den Spielern direkt präsentierst, liegst du mit der Gamescom goldrichtig: Nirgends kommen abseits des Fachpublikums mehr Besucher. International und in Bezug auf Presseberichte hast du mit der E3 aber den stärkeren Einschlag. Ich vermute deshalb, dass der Verzicht auf einen teuren E3-Stand nicht bedeutet, dass wir in der E3-Woche nichts von THQ Nordic hören werden. Mein Tipp: Die Postfächer und Online-Seiten werden überquellen vor Pressemitteilungen und neuen Trailern. Je mehr Hersteller wie THQ Nordic, Activision oder EA allerdings nur noch als Trittbrettfahrer agieren, desto größer das Risiko, dass die E3 kollabiert. An diesem Punkt war die Messe ja vor einigen Jahren schon mal. Momentan klagen viele über die hohen Preise, aber die Konzentration des internationalen Fachpublikums ist trotzdem einmalig. Würde die E3 plötzlich wegfallen, ist nicht sicher, ob diese Lücke überhaupt gleichwertig besetzt werden könnte."

Videos statt Show
Markus Schwerdtel wiederum ist ein Freund von Nintendos "Direct"-Weg: "Das ist ein vernünftiges Format, vor allem für Nintendo", resümiert er. "Es passt nämlich hervorragend zu ihrem Konzept, sich aus dem Wettrüsten von Microsoft und Sony rauszuhalten. Eine ‚richtige' Pressekonferenz würde zwangsweise mit denen der großen Plattform-Betreiber und Publisher verglichen werden, und da hat Nintendo im Vergleich meist nicht so gut ausgesehen. Die Japaner können Spiele, nicht Show – was mir im Zweifelsfall auch lieber ist."

Auch sonst ist der Webedia-Mann nicht der Meinung, dass es zwingend ein E3-Auftritt sein muss: "Gerade für mittelgroße Publisher kann es sehr sinnvoll sein, auf eine E3-Präsenz zu verzichten", vermutet er. "Denn die würde – und seien ihre Produkte noch so gut – ohnehin nur im Rauschen des Messetrubels untergehen. Was nutzt ein teurer Messestand mit allem Brimborium, wenn am Ende doch nur eine Randnotiz zu den neuen Spielen dabei rumkommt, weil ein AAA-Blockbuster von Activision oder Ubisoft die Show stiehlt? Dann lieber zu einem günstigen Zeitpunkt außerhalb der Messe ankündigen und dabei ungeteilte Aufmerksamkeit genießen."

Auch Giga-Games-Chefredakteur Stephan Otto konsumiert die Messe gerne am Computer: "Das Internet tut uns hier einen großen Dienst", meint er. "Ob mir ein Spiel nun in L.A. am Bildschirm gezeigt wird oder ich in meinem Bürostuhl sitze, tut ja erstmal nicht viel zur Sache. Sicher sind direkte Meetings immer netter, aber über den digitalen Weg lassen sich Informationen schneller und einfacher übertragen." Außerdem hält er es für ein gutes Zeichen an die Gamescom, wenn Publisher wie THQ Nordic die größte Publikumsmesse für Ankündigungen nutzen. Das würde die Daseinsberechtigung unserer Heimmesse unterstreichen.

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Wenn du
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Meet & Greet
Für seinen 22. E3-Besuch rüstet sich bald US-Korrespondent Roland Austinat. Der seit 2004 in Kalifornien residierende Journalist beliefert neben Computec noch heise online und die c't mit Informationen aus den Staaten. "Die laute E3 ist mein idealer Gegenpol zur etwas feingeistigeren GDC", leitet er ein. "Und weil ich als freier Journalist mit Standort San Francisco viele Kollegen gerade aus Deutschland nicht so oft sehe wie ich es gerne würde, werfe ich mich auch dieses Jahr unerschrocken ins Getümmel. Aus Visa-seitigen Gründen beliefere ich seit 2004 nur deutschsprachige Medien – bzw. solche, die nicht in den USA beheimatet sind."

Doch obwohl die E3 für Austinat zu den jährlichen Pflichtterminen zählt, sieht auch der seit fast 25 Jahren aktive Games-Redakteur die Bedeutung der Show abnehmen. "Vor 24 Jahren war die E3 noch ein Spiegelbild der Branche", erinnert er sich. "Da gab es mit der Kentia Hall sogar Platz für Hard- und Software-Indies, die es nicht in die beiden ‚großen' Hallen des Convention-Centers geschafft hatten. Doch dann kamen Social Media und Mobile Games: Die fanden nur noch begrenzt auf dem Messegelände statt. Heutige Mega-Hits wie ‚League of Legends' versuchten vor ihrem Start verschämt, interessierte E3-Besucher zu externen Hotel-Demos zu laden. Und Blizzard ist schon seit Jahren nicht mehr auf der E3, sondern feiert sich und seine Fans auf der BlizzCon. Das erklärt auch, warum ich die Messe heute im Vergleich zu früheren Ausgaben im Alleingang erkunden kann – der Branchen-Konsolidierung und dem Fokus auf weniger, dafür qualitativ hochwertigere Spiele sei Dank. Mit den Fans und ‚Influencern', die in diesem Jahr zum dritten Mal mit dabei sind, versucht die E3, gegen diese am Horizont aufziehende Irrelevanz zu kämpfen. Außerdem gibt es inzwischen auch ein Begleitprogramm mit Diskussionsrunden, Vorträgen und Demos, das man als regulärer Messebesucher gar nicht mehr wahrnehmen kann – hier sind die Heimzuschauer im Vorteil."

Doch tatsächlich geht es Austinat beim Messebesuch vor allem ums "live dabei sein". "Und darum, dass die meisten Hersteller geballt am Start sind und dabei für ein ‚Branchen-Selfie' posieren", erklärt er. "Auch wenn es die meisten News schon im Vorfeld der Messe gibt – die Stimmung, live z.B. bei der Verkündung des PS4-Preises dabei zu sein und die Reaktionen darauf mitzuerleben, das kann kein Stream ersetzen."

Stimmt, ein Live-Erlebnis ist durch nichts zu toppen. Fraglich nur, ob dieses Argument auf Dauer reicht. Aber wie bei den meisten Dingen, gilt vermutlich auch für die E3: Man weiß erst, was man ihr hatte, wenn es sie nicht mehr gibt. Man mag von der alljährlichen Selbst-Inszenierung halten was man will – aber sie verpasst dem eingeschlafenen Spiele-Jahr jedesmal aufs Neue genau den elektrisierenden Impuls, den es dringend braucht. So lange es für die E3 keinen adäquaten Ersatz gibt, darf sie nicht die Segel streichen oder gar zum Schrumpf-Format von 2007 und 2008 zurückkehren. Darum bleibt zu hoffen, dass dem Format auch in Zukunft genügend Publisher treu bleiben. (rb)