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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Stefan_Weis/stock.adobe.com, peshkova/stock.adobe.com
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Eine durchaus runde Sache

Termine, Termine, Termine... und ehe man sich's versieht, ist wieder eine gamescom vorbei. Doch welche Faktoren haben die diesjährige Messe entscheidend geprägt? Was lässt sich aus der Praxis lernen? Und überhaupt: Was denken die Publisher? IGM blickt auf wuselige Messetage zurück.
Die gamescom 2017 hinterlässt einen interessanten, aber schwer zu definierenden Nachgeschmack. Einerseits gab es auf der diesjährigen Messe einige Neuerungen, die vor allem organisatorischer Natur waren. Andererseits verlief die ganze Messe in einem klaren, geradezu routinierten Rhythmus. Daran konnte auch nichts ändern, dass die Kanzlerin höchstselbst ihre Aufwartung machte. Die Games-Branche sei eine "ganz wichtige", hatte Merkel schon vorab in einem Video auf ihrer Homepage betont. Vorurteile gegenüber Games würden zunehmend überwunden, die Spiele als Kulturgut und Bil­dungs­­träger aufgebaut. Ja, Merkel sprach sogar von einem "gesellschaftlichen Durchbruch", der sich hier vollzog: Eine für Merkelsche Verhältnisse fast schon euphorische Aussage.

Beim Messebesuch der Kanzlerin lief dann allerdings wieder alles sehr nach Vorgabe: Merkel navigierte über die Messe, den Journalistentross im Schlepptau, schüttelte Hände, ließ sich von Ubisoft, Yager und Fizbin was erzählen, sorgte für Heiterkeit am Minecraft-Stand ("Geht das auch hochauflösender?") und hielt schließlich eine staatstragende Rede zur Messe-Eröffnung. Mit anderen Worten: Business as usual. Oder besser: Wahlkampf as usual. Denn natürlich fand der Besuch der Kanzlerin nicht ohne Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl statt: Gamer sind Wähler, zumindest die über 18, und da kann ein Messebesuch beim Pionier-Medium ja keineswegs schaden. Ob Merkel sich nach der Wahl an die Förderungsforderungen der Verbände erinnert, steht auf einem anderen Blatt. Genauso wie die Frage, ob Politik-Haudegen wie Peter Tauber (CDU) und Hubertus Heil (SPD) auch nach der Wahl noch so eifrig über Games debattieren wie in der "Wahlkampfarena" am Messe-Mittwoch. BIU und GAME müssen dann wohl erneut einige Berliner Klinken putzen, um für die förderungserpichte Branche zu sammeln.

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BIU und GAME müssen nach der Wahl wohl erneut einige Berliner Klinken putzen
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Rückenwind
Für BIU-Chef Felix Falk jedenfalls war die Messe ein voller Erfolg. "Wir freuen uns über die beste gamescom aller Zeiten mit gestiegenen Zahlen bei Besuchern, bei der Anzahl der teilnehmenden Länder oder bei der Ausstellungsfläche", so Falk gegenüber IGM. "Auch das starke politische Signal bedeutet – mit der sehr positiven und parteiübergreifenden Resonanz – einen großen Schritt nach vorn für die gamescom und die ganze Games-Branche." Zugleich gelobt Falk, die diesjährige Messe sorgfältig auszuwerten – und die Resultate als Basis für künftige Verbesserungen zu nehmen. Die Eckdaten der diesjährigen gamescom sind durchaus beeindruckend: Mit 355.000 Besuchern stellte die Messe einen neuen Rekord auf, auch die 30.700 Fachbesucher waren ein leichter Zuwachs gegenüber dem Vorjahr. Nicht weniger als 919 Aussteller (+5 Prozent) aus 54 Ländern waren in Köln mit dabei. Die Entwicklerkonferenz devcom, der eSport-Kongress Spobis und das umfangreiche Rahmenprogramm rundeten die Messe ab.

Klingt alles hervorragend. Doch wie wurden eigentlich die organisatorischen Neuerungen aufgenommen, also späteres Veranstaltungsdatum, früherer Beginn in der Woche und verschärfte Regeln für Cosplayer? Dass Punkt 3 bei einigen Besuchern nicht auf Gegenliebe stoßen würde, war vorauszusehen – wir haben entsprechende O-Töne auf den Seiten 18-20 gesammelt. Und was sagt der BIU selbst zu dem hier und da aufblitzenden Unmut? "Uns ist sehr wichtig, dass sich Cosplayer auf der gamescom besonders wohlfühlen", formuliert Felix Falk diplomatisch. "Deshalb haben wir trotz der richtigerweise hohen Sicherheitsstandards in diesem Jahr auf einen hohen Servicestandard für Cosplayer geachtet." So gab es Eingänge mit speziell geschultem Sicherheitspersonal; auch konnten Cosplayer im Vorfeld der Messe ihre Kostüme per Foto und Mail überprüfen lassen. "Auch wenn wir diese Verbesserungen sehr aktiv kommuniziert haben, bekommt sie nicht jeder einzelne mit", räumt Falk ein. "Insofern rechne ich auch mit einem Lerneffekt."

Dazugelernt
Bei der Lenkung der Besuchermassen haben die Veranstalter ganz offenbar dazugelernt. Gleich mehrere der von IGM befragten Branchen-Mitglieder berichteten von weniger vollen Hallen, Gängen und Treppen. "Es ist natürlich immer sehr voll hier", sagt Björn Pankratz von Piranha Bytes. "Dafür, dass es die größte Games-Messe ist, läuft es aber sehr gut." Auch Martin Schneider von Konami fand die Messe insgesamt "smooth organisiert". Pankratz fand allerdings "ein bisschen unglücklich", dass direkt vor dem Bahnhof Deutz eine große Baustelle war, die für einige Engpässe sorgte. Martin Schneider fand die Eröffnungsveranstaltung mit Angela Merkel "super". Allerdings sei es ein bisschen schwierig gewesen, da hinzukommen: "Direkt davor war ein Foto-Point aufgebaut, da gab es kurz Verwirrung. Das war ein bisschen peinlich, weil ich mit dem European President von A nach B geschickt wurde, als ich da reinkam."

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Ich rechne mit einem Lerneffekt
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Die Besucher allerdings durften sich über teils kürzere Warteschlangen und mehr Hands-On freuen. "Was ich sehr schön finde: Bei den meisten Ständen wird mittlerweile sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Besucher auch wirklich Spiele spielen können – und nicht eine Präsentation sehen", so Benedikt Grindel von Ubisoft Blue Byte. "Denn das macht natürlich den Reiz aus, dass die Gamer sich schon lange vor Release an die Rechner stellen und etwas anspielen können." Grindel sieht die 2017er-Messe als "beste gamescom, auf der ich je war": "Wir haben hier einfach eine tolle Stimmung, wir haben das nächste Anno-Spiel angekündigt, das ist für uns natürlich ein Riesenschritt. Und wir haben ganz hervorragendes Feedback bekommen – von der Presse und von den Fans."

Auch Björn Pankratz ließ sich von der Euphorie der Massen anstecken: "Wir sind sehr überrascht, wie gut das läuft. Der Irrsinn in der Entertainment Area ist echt überwältigend. Das macht sehr viel Spaß, den Leuten beim Zocken zuzuschauen." Auch Frank Matzke von ZeniMax ist "superhappy" mit dem Feedback von Handel und Presse: "Wir haben ja mit Wolfenstein 2: The New Colossus und The Evil Within 2 zwei ganz heiße Eisen für das Jahresendgeschäft im Feuer." Generell sieht Matzke Messen immer als "irres Invest von allen Seiten. Es ist aber schön zu sehen, dass hier in einer Woche so viele Händler und Endkonsumenten herkommen".

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Wir sind ständig
in einem Prozess der Analyse
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Kurz vor der Messe wurde bekannt, dass die Organisatoren über nächtliche Öffnungszeiten ab 2018 nachdenken. Für Matzke ist das "auf den ersten Blick eine coole Idee, weil das natürlich mehr Besuchern die Möglichkeit gibt, hier aufzutauchen und zu spielen – und weil dadurch die Schlangen vielleicht etwas kürzer werden." Er gibt aber zu bedenken, dass die Aussteller dann Schichten von 16 Stunden fahren oder mit zwei Promotoren-Teams arbeiten müssten. "Das ist natürlich sehr schwierig. Die Kosten sind das eine, wir könnten aber wahrscheinlich auch nicht genügend Leute finden, die wir einlernen können. Die Stand-Überwachung müsste von uns auf jeden Fall selbst geregelt werden, da können wir uns keine Promotoren dazuholen."

Felix Falk äußert sich dazu noch nicht dezidiert: "Wir sind ständig in einem Prozess der Analyse, wie sich die gamescom weiterentwickeln kann, denn wir wollen uns auf dem weltweiten Spitzenplatz nicht ausruhen. Dazu gehören solche und andere Überlegungen. Konkrete Aussagen kann ich dazu zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht machen."

Weiter wachsen
Auch die Frage nach einem weiteren Flächenwachstum ist noch unbeantwortet. "Es gibt durchaus noch weitere Flächen", so Falk. "Aber es geht ja nicht nur um quantitatives Wachstum, sondern auch um qualitatives." Man werde zum Beispiel analysieren, wie gut der neue Hub www.theheartofgaming.de funktioniert habe. "Auch bei der devcom gibt es viele Ideen, wie wir sie im nächsten Jahr noch besser machen können. Und das sind nur zwei Beispiele." Wir dürfen gespannt sein, was die gamescom 2018 in petto hat.

Die gamescom 2017 war auf jeden Fall durchaus eine runde Sache. (feh)