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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Mopic/stock.adobe.com
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Eine Frage der Einstellung

Die Entwickler-Szene wächst, die ersten ernstzunehmenden Förderbeträge sprudeln, und Angela Merkel eröffnet die Gamescom. Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? "Nein!" sagen unsere Gesprächspartner – und erklären, wo noch immer nachgebessert werden muss.
479.000 Euro hat der "Film-Fernseh-Fonds-Bayern" gerade in die Förderung verschiedener Spiele-Start-Ups investiert. Darunter 80.000 Euro Prototypen-Förderung für eine VR-Umsetzung von "Das Boot". Und Produktions-Support für die Multiplayer-Raserei "Can't Drive This" von den Nürnberger Pixel Maniacs. Ebenfalls mit von der Partie: Ein MMORPG ("Pirates of Tortuga") und die Wirtschaftssimulation "Tycoon City". Liest sich zunächst so, als wäre die deutsche Spielewelt hochgradig in Ordnung: Ausgerechnet die ehemals scharfen Games-Kritiker von der CSU verteilen Geld an kleine Spiele-Start-Ups. Fette Zeiten für die deutsche Entwickler-Landschaft also – oder?

"Natürlich stellt sich die Situation heute dramatisch besser dar als noch vor einigen Jahren", erklärt uns Deadalic-Geschäftsführer Stephan Harms. "Aber das bedeutet nicht, dass sie optimal ist. Denn was sind denn bitte 80.000 Euro? Mit solchen Summen werden meist Spiele entwickelt, die auf den regionalen Markt abzielen, international aber kaum eine Chance haben. Für die betreffenden Projekte ist das gut und schön, aber den Standort Deutschland bringt es kaum weiter. Weiter kommen wir dann, wenn wir vermehrt solche Titel produzieren können, die es zumindest schaffen, auch unsere europäischen Nachbarn zu interessieren. Wenn wir Deutschen es endlich schaffen, unseren einheimischen Stallgeruch loszuwerden."

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Wir müssen es endlich schaffen, unseren eigenen Stallgeruch loszuwerden
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Den Stall verlassen
Aber warum fällt uns das eigentlich so schwer? "Indie-Advisor" André Bernhardt hat eine These: "Deutschland war lange Zeit ein sich selbst genügender Markt. Man konnte als Entwickler Spiele für den hiesigen Heimcomputer-Markt produzieren und damit erfolgreich sein. Leider haben uns die Globalisierung und die Diversifikation der Plattformen eingeholt. Darum bin ich natürlich absolut dafür, Fördergelder aufzustocken – aber das darf in meinen Augen nicht nur quantitativ geschehen, sondern muss auch qualitativ stattfinden. Will heißen: Die Empfänger der Gelder sollten auch geschult werden. Und hier denke ich nicht nur an kreative Weiterbildung, sondern vor allem an die Vermittlung von unternehmerischem Basiswissen. Darum bin ich auch sehr glücklich, dass wir am Standort Berlin die hierzulande wohl internationalste Entwicklerszene vorfinden: Ausländische Teams wie Treasurehunt oder Klang Games haben hier ein Zuhause gefunden. Was beide Teams vom klassischen deutschen Entwicklungsstudio unterscheidet? Neben den internationalen Wurzeln vor allem das Risikokapital! Beide Firmen haben sich dafür entschieden, nicht über Publisher Geld für ihr Projekt einzuwerben, sondern zuerst ein direktes Investment für ihre Firma zu finden. Die Anzahl deutscher Studios dagegen, die Erfahrung mit Risikokapitalgebern hat, ist leider recht übersichtlich. Auch wenn die hiesige Investorenszene etwas dünn ist, so heißt das ja nicht, dass Entwickler Geld nur in Deutschland auftreiben dürfen. Wer mit Spielentwicklung Geld verdienen möchte, muss das Ganze in meinen Augen auch als "Business" betrachten."

Standortförderung
Guter Punkt. Denn international konkurrenzfähige Produktionen kann man mit 1,8 Millionen Euro im Jahr schwerlich stemmen – so viel steht in Bayern ab 2018 für die Förderung von Spiele-Entwicklern durch den "FFF" zur Verfügung. "Das ist aber immerhin das Dreifache dessen, womit wir uns vor einigen Jahren noch begnügen mussten und hat daher eine hohe Vorbild-Funktion", meint GAMES-Vorstand und Mimimi-Geschäftsführer Johannes Roth. "Aber ja, 2019 sollte dieser Betrag möglichst wieder verdreifacht werden, im Jahr darauf erneut usw.", räumt er ein. "Was wir aktuell als Verband beobachten, das sind vor allem Fördermaßnahmen für kleine Firmen und Start-Ups. Aber gerade Unternehmen wie Handy Games oder Keen – also gewissermaßen der deutsche Entwickler-Mittelstand – haben längst nicht so gute Möglichkeiten, an Geld zu kommen wie eine Indie-Ausgründung. Hier kommen wir zum Thema, dass international konkurrenzfähige Produkte nur dort entstehen, wo ein florierendes Standort-Ökosystem mit z.B. attraktiven Steuer-Modellen existiert. Und genau hier verliert Deutschland den Anschluss. Zugegeben: Dabei geht es in erster Linie um die ganz großen Studios, aber die ziehen ja einen riesigen Rattenschwanz hinter sich her. Wenn wir solche Projekte nicht vermehrt nach Deutschland kriegen, dann laufen wir Gefahr, unsere jungen Talente ans Ausland zu verlieren. Wenn die wiederum futsch sind, haben wir ein Nachwuchs- und Ausbildungsproblem. Es geht also nicht allein darum, AAA-Produzenten einen Anreiz zu geben – wichtiger ist , dass mit ihnen der gesamte Standort wächst und floriert. Wir haben ja bereits einige Entwickler, die AAA können – ebenso wie kleine und kreative Teams. Jetzt brauchen wir die nötigen Rahmenbedingungen, damit in diese Firmen richtig investiert wird und sie nicht darüber nachdenken müssen, auszuwandern."

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Jetzt brauchen wir die nötigen Rahmen­bedingungen
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Games-Emigranten
Auswandern wie Anton Borkel: Der gebürtige Hamburger arbeitet seit 2015 als Creative Lead beim amerikanischen "League of Legends"-Macher Riot Games. Der war so von den Fähigkeiten des studierten Film-Profis überzeugt, dass man diese Position extra für ihn geschaffen hat. Immerhin ist Borkel für den international bekannten "Dead Island"-Werbe-Trailer verantwortlich: Das hochkarätig produzierte Filmchen von 2011 hatte maßgeblich Anteil am Erfolg von Deep Silvers untoten Rabauken. Eine Erfolgsgeschichte made in Germany also. Trotzdem ist der Video- und Kreativ-Fachmann kurz darauf zum ersten Mal in die USA ausgewandert. Jahre später hat es Borkel zwar – "desillusioniert von der Hollywood-Maschinerie" – zurück nach Deutschland gezogen, doch lang war der "Heimurlaub" nicht. Nach einem rund anderthalbjährigen Gastspiel beim Mobile-Experten Goodgame ging Borkel wieder in die USA. Und das aus gutem Grund: "Würde ich weiter in Deutschland arbeiten, könnte ich vermutlich nicht mehr in der gleichen Größenordnung arbeiten. Deutsche Firmen sind meiner Erfahrung nach überwiegend auf Performance, und nicht etwa auf kreative Indikatoren ausgerichtet – aber genau die sind nun mal meine Stärke. Darum weiß ich nicht, ob ich in Deutschland auf längere Sicht eine höhere Studio-Position hätte ausfüllen können oder wollen. Sollte ich mich irgendwann entscheiden, wieder in Deutschland zu arbeiten, würde ich mich vermutlich mehr in Richtung Independent-Entwicklung orientieren." Trotzdem glaubt Borkel, dass einige Firmen bei uns "enorm gute Arbeit machen": "Die Deutschen haben wirklich Probleme damit, über den Tellerrand hinauszuschauen. Aber innerhalb dieser Grenzen leisten sie teilweise Großartiges und beweisen Kreativität.

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Bleiben macht keinen Sinn.
Ich muss gehen
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Lieber Öl-Pipelines als Games
Als Direktor der Frankfurter Games Academy ist Erik Staub für die Ausbildung des deutschen Entwickler-Nachwuchses verantwortlich. Umso wichtiger ist es dem ehemals freiberuflichen Künstler und Travian-Kreativchef, dass seine "Zöglinge" auch nach Studien-Abschluss gut aufgehoben sind. "Betrachtet man Deutschland im internationalen Vergleich, dann entdeckt man bei uns einen dramatisch anderen Fokus als in den meisten Ländern", erklärt Staub. "Beim französischen Kreativbetrieb z.B. geht es vor allem um kulturelle Details, in den USA steht der Unterhaltungswert an erster Stelle. Und bei uns? Hier dreht sich alles um Sicherheit, denn der Deutsche ist in erster Linie Angst-getrieben. Von der Angst, Geld zu verlieren. Darum ist unsere einheimische Games-Förderung auch noch immer absurd niedrig und dürfen z.B. unsere hessischen GA-Studenten noch immer kein BAföG beantragen. Und was sind denn schon 1,8 Millionen Euro Förderung für Bayern? So viel kostet vielleicht eine Fußgänger-Brücke. Selbst hundert Mio. wären noch nicht genug – dafür gibt's übrigens gerade mal ein bis zwei Kilometer Autobahn. Aber Deutschland braucht scheinbar noch 20 Jahre, um zu verstehen, dass man mit Games mehr verdienen kann als mit Mercedes Benz. Denn die Lobby-Gruppen, die bei uns Politik machen, die kommen nun mal aus den alten Industrien. Es ist kein Zufall, dass von den 50 reichsten Unternehmen der Welt kein einziges aus Deutschland kommt. Darum ist es vor allem die deutsche Wahrnehmung der Games-Branche, die sich ändern muss. Wir brauchen einen Paradigmen-Wechsel. Warum z.B. pumpt die Bayerische Landesbank aktuell Millionen in den Bau einer Pipeline durch ein Indianerschutzgebiet, aber keinen Cent in unsere eigene Spiele-Industrie? Mit moralischen Argumenten braucht man mir vor diesem Hintergrund nicht zu kommen!"

Die richtige Einstellung ist alles
Wenn es um die richtige Einstellung geht, dann muss sich Laut Stephan Harms auch bei den Studios selber etwas ändern: "Vielleicht sind nicht allein Politik und Investoren zu sehr auf Sicherheit bedacht – der Arbeitnehmer selber macht da keine Ausnahme. Bei vielen deutschen Nachwuchs-Entwicklern ist noch nicht angekommen, dass die Games-Produktion ein wahnsinnig stressiger Job ist und dass es hier ohne persönliche Entbehrungen einfach nicht geht. Dass Überstunden und schlaflose Nächte einfach dazu gehören. Für den Deutschen ist es typisch, dass er schon vor Fertigstellung des Produkts über Nebenkriegsschauplätze lamentiert und sich über Ungerechtigkeit beklagt. Wenn deutsche Entwickler wissen wollen, warum wir hier kein CD Projekt haben, dann muss ich sie fragen: Seid Ihr auch bereit, Euch genauso abzuschuften, wie es die da drüben tun? Für das gleiche Gehalt – und ohne Euch zu beschweren?"

Nun kann man es jungen Entwicklern kaum vorwerfen, dass sie einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz haben möchten. Andererseits setzt ein solcher Arbeitsplatz voraus, das alle Beteiligten kräftig anpacken – und sich der Tatsache bewusst sind, dass sie für eine Branche arbeiten, die sich hierzulande noch immer im Aufbau befindet. Ein Umstand, der mit genauso vielen Opfern wie Chancen kommt. Damit wir – so André Bernhardt – "eines Tages aus unserer Echo-Kammer ausbrechen können", müssen alle Beteiligten an ihrer Einstellung arbeiten. (rb)