Anzeige

Anzeige

Magazin: story

Copyright Basis-Bild: travelguide/stock.adobe.com
Copyright Basis-Bild: travelguide/stock.adobe.com

Elche, Wald und ... Games

Finnland ist eine Gaming-Großmacht. In wenigen Jahren hat sich das
skandinavische Land mit seinen gerade mal 5,5 Millionen Einwohnern einen ausgezeichneten Ruf als Spiele-Produktionsstätte erarbeitet. Doch wie sieht die dortige Handelslandschaft aus? Um einen Eindruck zu gewinnen, haben wir uns in der Hauptstadt Helsinki umgeschaut.

Die Finnen produzieren Games von Weltruf. Die ersten großen Hits landeten Studios wie Housemarque (Super Stardust, 1996) und Remedy Entertainment (Max Payne, 2001). Während der Handy-Hersteller Nokia in die Krise schlitterte, sprossen immer mehr Spielefirmen aus dem Boden, die besonders im Mobile-Bereich Erfolge feierten – man denke nur an Rovio (Angry Birds) und Supercell (Clash of Clans). Heute arbeiten rund 3000 Menschen in der finnischen Games-Branche, darunter viele Indie-Entwickler. 2019 steht die nächste Welle erfolgversprechender Titel bevor: Housemarque arbeitet am Battle-Royale-Game Stormdivers, Remedy am Action-Adventure Control und Frozenbyte am Puzzle-Platformer Trine 4, während RedLynx gerade den Motocross-Titel Trials Rising fertiggestellt hat  – um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Doch wie ist es eigentlich um den finnischen Games-Handel bestellt? Welche Akteure bestimmen den Markt, welche Spiele sind am erfolgreichsten? IGM hat sich Anfang Dezember in der Innenstadt von Helsinki umgeschaut, um diese und weitere Fragen zu beantworten.

Zunächst aber ein bisschen Landeskunde. In Finnland verteilen sich 5,5 Millionen Einwohner auf eine Fläche von 338.000 Quadratkilometer – damit ist das skandinavische Land ungleich dünner besiedelt (16,26 EW/qm) als etwa Deutschland (232 EW/qm). Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt kaufkraftbereinigt etwas unter dem deutschen Niveau (44.333 gegenüber 50.425 Internationalen Dollar). Bis ins 20. Jahrhundert hinein zählte Finnland zu den ärmsten Ländern Europas, doch staatliche Investionen in Hochschulbildung und High-Tech zahlten sich aus. Heute gehört Finnland zu den technisch fortschrittlichsten Ländern Europas, was sich auch in der hochproduktiven Games-Industrie niederschlägt. Das unbestrittene Zentrum des Landes ist die Hauptstadtregion mit den Städten Helsinki, Espoo, Vantaa und Kauniainen, in der rund 1,4 Millionen Menschen leben. In der Innenstadt von Helsinki buhlen zahlreiche Games-Händler um die Gunst der Konsumenten. Wir haben drei Stichproben genommen und die unterschiedlichen Konzepte miteinander verglichen.

"
Das Kamppi hat eine Verkaufsfläche von 35.000 Quadratmetern
"

Stark frequentiert
Die erste Station unserer Erkundungstour ist das Einkaufszentrum (finnisch: "kauppakeskus") Kamppi, etwa zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Die 2006 eröffnete Mall hat eine Bruttogeschossfläche von 135.000 Quadratmetern und eine Verkaufsfläche von 35.000 Quadratmetern. Im Jahr 2017 besuchten knapp 43 Millionen Menschen das Kamppi – damit ist es das am stärksten frequentierte Einkaufszentrum Finnlands. Auf sieben Stockwerken finden sich rund 150 Unternehmen, darunter 26 Cafés und Restaurants. Im Erdgeschoss besuchen wir eine GameStop-Filiale – eine von insgesamt fünf in der Hauptstadtregion und 14 im gesamten Land. Der GameStop im Kamppi zeichnet sich durch einen besonders hohen Merchandise-Anteil aus. Hochgradig beliebt ist das Franchise Rick & Morty, das auf der gleichnamigen Netflix-Serie von Adult Swim basiert: In den Regalen finden wir nicht nur ein "Rick & Morty Cluedo", sondern auch ein "Hip Flask Gift Set", "Mystery Minis" (Kleinfiguren), Rucksäcke, Plüschfiguren, Wollmützen und T-Shirts. Sehr beliebt ist auch Five Nights at Freddy's, zu dem es unter anderem Blacklight-Action-Figuren und Taschenlampen gibt. Auch sonst stehen Gaming-, Comic- und Film-Merch in trauter Eintracht nebeneinander: Wir stoßen auf Fallout-Tassen, eine "Star Wars Cookie Jar", Unmengen von Pop!-Figuren der Firma Funko, "1Up Mushroom Lights" von Paladone, Retrogamer-Shirts von Gildan, Zelda-Hemden von Bioworld, eine "Harry Potter Lightpainting Wand", eine "Ninjago Movie Watch", Griffindor-Schals, Batman-Hoodies, Bausätze zu "Roblox Zombie Attack", eine John-Snow-Figur, eine Buchstütze im Iron-Throne-Look – und noch unzählige weitere Produkte. Passend zum Retro-Boom verkauft GameStop auch Konsolen wie die Nintendo Classic Mini und die SNES Classic Mini. Ach ja: Games gibt es hier natürlich auch. Nur dass die – bei all dem Merch – fast schon in den Hintergrund treten.

"
PlayStation war
in Finnland schon immer groß
"

Auch in anderen Ländern haben wir schon beobachtet, dass GameStop stark auf Merchandise setzt. Doch eine solche Auswahl an Produkten wie im Kamppi-Laden war uns bisher noch nicht untergekommen. Zweifellos ist die Merch-Schwemme ein Tribut an die zunehmenden Games-Verkäufe im Netz – zwar lässt sich auch sämtliches Merchandise im Internet kaufen, nur eben viel besser im Laden präsentieren, Stichwort: Haptik. Uns interessiert nun, ob auch andere finnische Händler diese Schiene fahren – oder ob sie weiterhin auf den klassischen Games-Verkauf setzen. Im obersten Stockwerk des Kamppi-Einkaufszentrums befindet sich der unabhängige Spielehändler Konsolinet. Merchandise gibt es hier nur in Ansätzen, stattdessen stapeln sich Spiele in hohen Regalen – auf 82 Quadratmetern, inklusive Lagerfläche. "Hier ist ein guter Ort, weil uns die Leute schon kennen", sagt Inhaber Juho Korkeaoja. "Deshalb können wir hier im obersten Stockwerk sitzen – und die Miete ist ok." Dagegen müssten die Kunden des GameStop im Erdgeschoss die hohe Miete mitfinanzieren: "Wir verkaufen unsere Spiele meist 10 Euro günstiger als GameStop." Seinen Laden gründete Korkeaoja im Jahr 2000 als reinen Online-Shop. "Am Anfang – als die Verkäufe noch gering waren – habe ich mein Business von zuhause aus betrieben", erzählt er. 2006 lief das das Geschäft dann so gut, dass Konsolinet einen stationären Laden im Kamppi eröffnete. "Wir versuchen, unsere Fixkosten niedrig zu halten", umschreibt Korkeaoja das Erfolgsrezept des vierköpfigen Teams. "Unser Geschäft machen wir vorwiegend mit neuen Spielen. Aber Gebrauchtspiele sind auch ein Teil davon." Eine Treuekarte bietet Konsolinet seinen Kunden übrigens nicht. Wer hier viel kauft, erhält aber schon mal einen Sonderpreis.

Smash-Hit
Am Tag unseres Besuchs (7.12.2018) erscheint gerade der Nintendo-Hit Super Smash Bros. Ultimate. "Wir haben 400 Exemplare auf Lager", so Korkeaoja. "260 davon haben wir schon verkauft. Das ist der zweitbeste Launch dieses Jahres nach RDR2." Die Switch habe in letzter Zeit deutlich Boden gut gemacht, so der Fachhändler. Zwischen Sony und Microsoft sei das Kräfteverhältnis aber klar. "PlayStation war in Finnland schon immer groß", sagt Korkeaoja. "Manche nennen es ‚das PlayStation-Land'." Bei den Verkaufsrelationen ist der Finne sehr auskunftsfreudig – er nennt uns die exakten Anteile der Online-Verkäufe aus dem Zeitraum Sommer 2017/Sommer 2018. "52 Prozent aller verkauften Games waren für die PS4", so Korkeaoja. Darauf folgen Switch (17 %), 3DS (6,8 %), Xbox One (6,3 %) und PC (2,7 %); der Rest setzt sich aus diversen anderen Plattformen zusammen. Nach dem finnischen Spielegeschmack befragt, nennt Korkeaoja nur eine Besonderheit: Nämlich Eishockey, das bekanntlich EA mit dem NHL-Franchise beackert. Im übrigen werde Merchandise immer wichtiger, so der Händler. "Für uns ist es aber immer noch ein kleines Geschäft. Wir verkaufen hauptsächlich Spiele."

Als Hauptkonkurrenten sieht Korkeaoja die Firma GameStop. Aber grundsätzlich auch alle großen Ketten, die Elektronik verkaufen, zum Beispiel den Händler Gigantti, der landesweit rund 40 Stores betreibt. Größter Online-Anbieter von Games ist die Firma Verkkokauppa.com, die 2017 einen Gesamtumsatz von 431 Millionen Euro erzielte. Verkkokauppa.com ist nicht nur online bärenstark, sondern betreibt in Finnland auch vier Megastores und rund 2500 Pickup-Locations. Das Helsinki-Geschäft, das Hauptlager und der Service befinden sich in Jätkäsaari bei Helsinki. Insgesamt führt das Unternehmen mehr als 65.000 verschiedene Produkte – vom Bügeleisen bis zum Hundefutter. Im finnischen Games-Geschäft mischen auch Unternehmen wie Clas Ohlson, Elisa Shopit, Euronics, Expert, Power, Stockmann und K-Citymarket mit. Ein reiner Online-Anbieter ist cdon.fi – auch er hat etliche Games im Portfolio.

"
Verkkokauppa.com ist nicht nur online bärenstark
"

Zubehör-Paradies
Vom Kamppi-Einkaufszentrum führt uns unsere Tour in das nahegelegene Forum: Ein Einkaufszentrum, das bereits 1985 eröffnet wurde und mit knapp 40.000 Quadratmetern Verkaufsfläche etwas größer ausfällt als das Kamppi. Im Forum besuchen wir eine Filiale des bereits erwähnten Elektronikhändlers Gigantti. Was uns hier besonders auffällt, ist die große Auswahl an Gaming-Zubehör. Am Eingang der Games-Abteilung im Untergeschoss stapeln sich G29-Lenkräder der Firma Logitech (249 Euro), gleich nebenan findet der geneigte Käufer Kopfhörer von SteelSeries (Arctis 7), Tastaturen von Turtle Beach (Impact 700) und HyperX (Alloy Elite RGB), ein "Flight Yoke System" von Saitek und Streaming-Mikrophone von Razer (Seiren). Blickfang der Games-Abteilung ist eine ausladende PC-Anspielstation mit einem Arozzi Game Desk ("Keep yourself in the game"), einem Acer Predator PC, Maus und Tastatur von Razer, einem Seiren-Mikrophon und insgesamt drei Predator-Monitoren, die über ein "Triple Screen Monitor Mount" verbunden sind.

Angesichts solch geballter Gaming-Power verwundert nicht, dass sich Jugendliche um die Anspielstation scharen – die dann aber höflich aufgefordert werden, den Laden zu verlassen: Der Feierabend naht! Auch wir tappen zurück in die Kälte des finnischen Dezemberabends. Fazit unserer Erkundungstour: Der Konkurrenzkampf in Helsinki ist groß – die lokalen Händler reagieren darauf mit zunehmender Spezialisierung. (feh)