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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Grigory Bruev/stock.adobe.com
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Estland

Estland, Lettland, Litauen: In einer Serie von Länderporträts stellen wir die Games-Branchen der drei baltischen Staaten vor. Teil 1 widmet sich Estland, das zwar nur 1,3 Millionen Einwohner hat, aber zu den digitalen Vorreitern Europas zählt. Ein Besuch in der Hauptstadt Tallinn.
Ein Einkaufszentrum im Herzen Tallinns, das „Viru Keskus“. Ob es hier wohl irgendwo Games gibt? Bisher war die Suche nämlich erfolglos: In der estnischen Hauptstadt fehlen die obligatorischen GameStop-Filialen, auch Media Markt und Saturn sind nicht vertreten. Im Viru Keskus werden wir dann aber doch fündig: Im Erdgeschoss der Mall warten gleich zwei Läden auf zockfreudige Kundschaft: der Multimedia-Laden Lasering und eine Euronics-Filiale. Bei Lasering ist die Auswahl eher bescheiden: Ein paar Titel für PS4, Xbox One und PC stehen im Regal unweit der Kasse. Die Preise neuer Konsolenspiele bewegen sich fast durchweg zwischen 70 und 80 Euro. Vom Verkäufer wollen wir wissen, welche Games denn besonders gut laufen. Er nennt die üblichen Verdächtigen, also Fifa und Co., aber eben auch NHL 17 – denn Eishockey hat in dem nördlichsten der drei baltischen Länder einen hohen Stellenwert. Nebenan, bei Euronics, gibt es sogar diverse Konsolen zu kaufen – allerdings noch nicht die Switch, die zum Zeitpunkt unseres Besuchs gerade erschienen war. Die Hardware steht in Glasvitrinen, die Verkäuferinnen und Verkäufer sind ausnehmend freundlich – aber man hat nicht den Eindruck, dass hier wirklich viel Umsatz mit Games gemacht wird. Die Zwischenbilanz fällt ernüchternd aus. Aber wir werden weitersuchen...

Zunächst aber geht es in einen Vorort von Tallinn: Dort haben wir einen Termin mit den Gründern von Creative Mobile. Das Studio beschäftigt immerhin rund 100 Mitarbeiter – und ist damit der weitaus größte Arbeitgeber der estnischen Games-Branche. Laut einer Studie von IGDA Estonia gab es 2016 landesweit 31 Studios. Die meisten davon haben ihren Sitz in Tallinn (23), die übrigen verteilen sich auf Rakvere, Tartu, Viljandi, Pärnu und Keila. 62 Prozent der Studios haben zwischen einem und fünf Mitarbeiter, sind also dem Indie-Bereich zuzuordnen. Das alles klingt sehr übersichtlich, scheint aber auf den ersten Blick nicht unbedingt verwunderlich: Nur 1,3 Millionen Menschen verteilen sich auf 45.000 Quadratkilometer, einem knappen Siebtel der Fläche Deutschlands. Rund 430.000 Esten leben allein in Tallinn, der Rest des Landes ist nur dünn besiedelt. Kleines Land, kleine Games-Branche?


Estland setzt konsequent auf Digitalisierung
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Internet-Pioniere
So einfach ist die Rechnung nicht. Denn innerhalb Europas sind die Esten so etwas wie Internet-Pioniere. Das Land setzte nämlich – kaum war es 1991 von der Sowjetunion unabhängig – konsequent auf Digitalisierung. Bereits 1998 waren alle Schulen am Netz, und 2007 konnten die estnischen Bürger erstmals online wählen. Die Regierung unterstützte die Ausbildung von IT-Experten und die Gründung von Unternehmen, wo es nur ging. Erfolgsgeschichten blieben denn auch nicht aus: Zum Beispiel kommen mehrere der ursprünglichen Skype-Programmierer von hier. Heute ist Estland nicht nur nahezu lückenlos mit Breitband und WLAN versorgt – es ist auch ein weltweites Vorbild beim e-Government. Die Bürger können enorm viel online erledigen: von der Wahl des Parlaments über die Steuererklärung bis zur Einsicht in die eigene Patientenakte. Firmen lassen sich in wenigen Minuten und mit einer überschaubaren Anzahl Klicks via Internet gründen. Seit 2014 existiert zudem ein spezieller Status, die sogenannte e-residency: EU-Bürger können in Estland eine virtuelle Staatsbürgerschaft beantragen, die Vertragsabschlüsse erleichtert.

Angesichts dieser Entwicklung ist es dann doch fast ein bisschen verwunderlich, dass die estnische Games-Branche noch nicht weiter ist. Dynamik ist aber durchaus vorhanden. „Wir haben in den letzten zwei Jahren ein starkes Wachstum erlebt“, sagt Marianna Krjakvina, Präsidentin von IGDA Estonia. Krjakvina ist zugleich auch Business Development Managerin bei Creative Mobile, wir treffen sie zum Interview im Studio. „Als IGDA Estonia 2014 gegründet wurde, gab es nur fünf oder sechs Spielefirmen. Jetzt sind es über 30. Und das sind nur die, die wir kennen. Wahrscheinlich gibt es noch mehr, mit denen wir noch keinen Kontakt haben.“ Krjakvina erzählt, dass zwar einige Start-ups aus Universitäten heraus gegründet werden – die meisten aber von Leuten, die schon für große Spielefirmen im Ausland gearbeitet und dort viel Erfahrung gesammelt haben. Nur an einer Universität kann man in Estland dezidiert Game-Design erlernen: an der Estonian Entrepreneurship University of Applied Sciences, die ihren Sitz in Tallinn und Tartu (100.000 Einwohner) hat. Im Übrigen gibt es in Estland viele Studios, die outgesourcte Arbeiten für internationale Firmen wie EA oder Wargaming erledigen. Auch da ist Vorerfahrung sehr hilfreich.

Zentrale Rolle
IGDA Estonia spielt in der Entwicklung der Branche eine zentrale Rolle. „Wir haben dafür Gelder aus dem European Regional Development Fund erhalten“, berichtet Krjakvina. „Damit können wir Konferenzen, Seminare und Workshops für Entwickler veranstalten.“ Das wichtigste Entwicklertreffen des Landes fand Anfang April zum nunmehr fünften Mal in Tallinn statt: die GameDev Days. Mehr als 500 Vertreter großer Spielefirmen wie Epic Games, Remedy und Alawar trafen sich dort an zwei Tagen mit der estnischen Entwicklerszene, um Erfahrungen auszutauschen. Innerhalb des Baltikums sind die GameDev Days eines der wichtigsten Branchen-Events. Kein Wunder, ist Helsinki doch nur 70 Kilometer Luft- bzw. Fährlinie von Tallinn entfernt.

Creative Mobile ist einer der Hauptunterstützer der Konferenz. Das estnische Vorzeige-Unternehmen wurde 2010 gegründet, mit einem Team von fünf Mitarbeitern. Der Durchbruch gelang bereits 2011 mit Drag Racing: Binnen zweier Wochen verzeichnete das Mobile-Rennspiel auf Android eine Million Downloads, die iOS-Version erschien ein halbes Jahr später. Anfangs war Drag Racing free to play, doch nachdem Google eine Bezahloption einrichtet hatte, verkaufte Creative Mobile auch Ingame-Items. „Mit Drag Racing machten wir eine Menge Geld“, erinnert sich Studio-Mitgründer Vladimir Funtikov. „Wir standen vor dem Luxusproblem, ob wir die Firma verkaufen oder das Geld in eine richtige Firma investieren sollten, um regelmäßig solide Games zu produzieren. Wir entschieden uns für Letzteres. Das war der Punkt, ab dem wir sehr schnell wuchsen.“


Ende 2012
waren wir um die 50 Leute, das ging sehr schnell
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Mitarbeiter gesucht
Creative Mobile suchte im Ausland nach Game-Designern und Producern, weil die zu diesem Zeitpunkt in Estland noch rar waren. Etliche Mitarbeiter kamen auch aus anderen IT-Firmen. „Ende 2012 waren wir um die 50 Leute, das ging sehr schnell“, so Funtikov. „Allerdings vermasselten wir den Übergang: Wir wuchsen zu schnell und konnten die Unternehmenskultur und die Arbeitsprozesse kaum aufrechterhalten.“ 2013/2014 schlitterte das Unternehmen in eine Krise: Google hatte die Katalogstruktur geändert, was weniger Sichtbarkeit im Store bedeutete. Creative Mobile verlor die Hälfte seines Umsatzes. „Ab dem Moment sind wir in uns gegangen und haben genauer darüber, nachgedacht, in was wir investieren und wie die Teams zusammenarbeiten“, erzählt Funtikov. Irgendwann ging es dann wieder bergauf. Heute ist Creative Mobile sehr wählerisch, wenn es um neues Personal geht. Von den 100 Mitarbeitern sitzen rund 85 im Studio Tallinn und 15 in Russland. 38 Mitarbeiter stammen aus dem Ausland. Neues Aushängeschild des Studios ist Nitro Nation Online, ein Rennspiel mit 3D-Grafik und realistischer Physik-Engine - es hat bereits 50 Millionen Android-Downloads und wird täglich von 50.000 Fans gespielt. Und noch zwei weitere aktuelle Spiele hat Creative Mobile im Rennen: eine Simulation namens ZooCraft und ein Hidden-Object-Game mit Akte-X-Lizenz.

Creative Mobile orientiert sich stark am Ausland. Das ist für Estland fast so etwas wie ein genereller Standortvorteil: Weil der eigene Markt überschaubar ist, muss man sich zwangsläufig nach außen orientieren. Diese Haltung hat auch GameFounders verinnerlicht. „Wir wollten mit GameFounders eine Plattform für Indie-Studios schaffen“, sagt Mitgründerin Kadri Ugand. „Wir sind eine Kombination aus einem Pre-Seed Investment Fund und einem Mentoring-Programm. Das bedeutet, wir verfolgen ein traditionelles Accelerator-Modell, sind aber ausschließlich innerhalb der Games-Branche tätig.“ Momentan sei GameFounders wohl der einzige Accelerator, der auf globaler Ebene in der Games-Industrie arbeitet, schätzt Ugand. Sie selbst stammt aus Estland, ihr Geschäftspartner Paul Bragiel kommt aus den USA und hat polnische Wurzeln. Die ersten zwei Jahre arbeitete GameFounders in Tallinn. „Wir stellten fest, dass wir unser Netzwerk nach Asien erweitern müssen, weil die Industrie so global ist. 2014 haben wir deshalb einen Hub in Malaysia eröffnet und arbeiten seit 2015 dort“, erzählt Ugand.


Das Mentoring ist sehr individuell
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Schwerpunkt Business
GameFounders bietet Start-ups ein zwölfwöchiges Programm. „In jeder Woche behandeln wir ein Thema“, so Ugand. „Es geht dabei nicht um technische Programmierung, Art Design oder Ähnliches, sondern ausschließlich um Business. Die Themen reichen also von der Monetarisierung und Datenanalyse bis zu Pitching, Publishing-Deals und Launch. Wir sehen diese Business-Orientierung als Marktlücke – das wird normalerweise an den Unis nicht gelehrt, und Start-ups haben damit sehr zu kämpfen.“ GameFounders hat einen Pool von rund 150 Mentoren. „Das Mentoring ist sehr individuell, deshalb begrenzen wir die Zahl der Teams, mit denen wir arbeiten, auf zehn“, betont Ugand. „Am Ende des Programms stellen wir sie Publishern und Investoren vor und nehmen sie mit auf Konferenzen, so dass sie ihr Produkt publik machen und selbstständig werden können.“ Im Gegenzug erhält GameFounders Anteile an den Unternehmen. In fünf Jahren hat GameFounders in fast 70 Teams investiert. Nur fünf davon mussten schließen, mehr als 90 Prozent überlebten – unter anderem auch zwei estnische Firmen, Interactive Fate und Baila Games. Von denen wird man bald noch mehr hören – davon ist Kadri Ugand überzeugt. (feh)

In Teil 2 unserer Baltikum-Reihe (IGM 07/2017) beschäftigen wir uns näher mit dem estnischen Spielehandel, der Verbindung zu Finnland sowie mit den Games-Branchen Lettlands und Litauens.