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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: joeygil/istockphoto.com
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Faszinierend

Pixel-Spiele, miniaturisierte Konsolen-Klassiker und Oldie-Remakes – der Blick zurück erfreut sich bei Games großer Beliebtheit. Doch wir bei IGM haben einige der wahren Dinosaurier: Games-Persönlichkeiten, die seit vielen Jahren fest mit der deutschen Spiele-Landschaft verwachsen sind. Diese Herrschaften sind wahrhaft retro – und wir wollten von ihnen wissen, was sie nach all dieser Zeit über die Branche denken.

Kaum ein Geschäft verändert sich so rasant wie das mit Pixeln und Polygonen. In der Welt von Konsolen, Spiele-PCs und mobilen Daddel-Gerätschaften gilt schon als "erfahren", wer fünf oder sechs Jahre hinter sich gebracht hat – und wer zehn Jahre ohne Nervenzusammenbruch übersteht, ist bereits ein "Veteran". Nach 20 Jahren Games-Business oder mehr wird man eigentlich nur noch zu besonderen Anlässen aus dem Sarkophag geholt und von den Mullbinden befreit – oder man ist längst so etwas wie eine personalisierte Instanz, gehört ins Reich der Mythen und Legenden. Ungefähr auf einer Stufe mit Nikolaus, Frau Holle und Billy Idol.

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Als Consumer-Service-Telefonfee zum Team
in Großostheim gestoßen
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Drei Jahrzehnte Games
Ganz klar zur letzten Kategorie gehört Nintendos Kommunikations-Urgestein Harald Ebert: Der PR-Profi, der schon so lange für den Mann mit Latzhosen spielt wie Janick Gers für "Iron Maiden", ist 1990 als Consumer-Service-Telefonfee zum Team in Großostheim gestoßen. "Dort war ich anderthalb Jahre bei der Spieleberatungs-Hotline, nebenbei habe ich für das "Club Nintendo"-Magazin geschrieben", erinnert sich Ebert an seine Anfangszeit. "Danach war ich viele Jahre als Lead-Correspondence für alle schriftlichen Anfragen unserer Fans zuständig, zwischendurch gehörten auch Spiele-Evaluierung und Product-Testing zu meinen Aufgaben. In meinen 27 Jahren bei Nintendo war ich also nicht ausschließlich für PR zuständig. Aber nicht nur die vielen verschiedenen Aufgaben, sondern auch die fantastischen Spiele und Konsolen-Generationen haben dazu beigetragen, dass ich nach so langer Zeit immer noch mit großer Begeisterung für Nintendo arbeite. Es freut mich auch, fast täglich feststellen zu können, mit wie vielen netten Arbeits- und Branchen-Kollegen man zu tun hat, die sich fast alle durch ihre Leidenschaft für den Job auszeichnen. Das macht unsere Branche besonders."

Zu diesen von ihrer Leidenschaft für das Medium befeuerten Kollegen gehört Michael Hengst: Als frühes Redaktionsmitglied bei Power Play und Videogames gehört der bekannte Rollenspiel-Experte zu den Gründervätern der verspielten Redakteurs-Zunft, angefangen hat Hengst vor fast 30 Jahren im "Hamburger Softwareladen". "Persönlich empfinde ich das aber gar nicht als so lange, denn auch in schwierigen Zeiten hat es mir immer Spaß gemacht. Aber warum ich nach so langer Zeit noch immer dabei bin? Nun ja, ich kann doch gar nichts anderes mehr", scherzt Hengst. "Aber mal ernsthaft: Das Schöne an der Branche ist die permanente Veränderung und die damit einhergehenden Herausforderungen. Wir haben in den letzten 40 Jahren über 200 Hardware-Systeme durchgeschleust – und dabei verschiedenste Business-Modelle sowie Sales- und Marketing-Strategien. Es wird nie langweilig."

Karriere-Start im Spiele-Business
Auch ToLL-Relations' PR- und Marketing-Director Stefan Dettmering schätzt die Abwechslung. Der Vermarktungs-Profi ist 1995 unmittelbar vor Einführung der "PSX" bei Sony Deutschland eingestiegen – 2016 hat es ihn nach mehrjährigem Engagement für EA Phenomic und Bethesda wieder zurück zum PlayStation-Hersteller verschlagen. Oder zumindest fast. "In unserer Branche wird es einfach nie langweilig", meint Dettmering. "Sicher ähneln sich viele Abläufe, aber trotzdem ist jedes Projekt für sich einzigartig. Eine Hardware stellt z.B. völlig andere Anforderungen an die Vermarktung als Spiele. Ein Rennspiel wiederum vermarktet man anders als ein RPG oder Adventure. Die Branche ist extrem dynamisch. Das macht es für die Unternehmen sehr herausfordernd, die richtigen potentiellen Käufer zu erreichen – darum hat man im Marketing immer alle Hände voll zu tun. Der ultimative Bonus ist natürlich, dass ich Videospiele liebe."

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Es wird einfach
nie langweilig
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Auch Aerosoft-Gründer und -Geschäftsführer Winfried Diekmann ist seit Mitte der 90er dabei. Auch wenn man – so Diekmann selber – "in den 90ern noch viel stärker in der Luftfahrt, und dafür weniger in Games unterwegs war". "Mittlerweile fühle ich mich bei manchen Veranstaltungen tatsächlich als Dinosaurier – einer von vielen natürlich. Aber es macht noch immer eine Menge Spaß, neue Entwickler kennen zu lernen und Spiele langfristig aufzubauen. Wenn man einmal gut in der Branche drin ist und sein eigenes Unternehmen führt, ist es schwer, das hinter sich zu lassen. Mittlerweile kenne ich im In- und Ausland viele Mitstreiter sehr gut und lang. Das schafft eine schöne, familiäre Atmosphäre. Zudem ist die Games-Branche sehr innovativ sowie ungezwungen und hat keinen Dress-Code – was mir entgegenkommt."

Komplizierte Beziehungen
Ebenfalls kein Freund von strengen Dress-Codes ist Metal-Head und Pixelveteran Sven Liebold: Der ehemalige Journalist (1996 bis 2003 bei CyPress) betreibt heute seine eigene Kreativagentur und arbeitet in der Hauptsache für den dänischen Entwickler Io Interactive als Brand- und Marketing-Consultant. "Für mich war schon als Kind klar, dass mein Weg in die Pixelwelt führen wird", erinnert sich der gebürtige Hofer. "Seitdem ich die ersten Listings auf dem VC 20 und Spectrum ZX runter getippt habe, hat mich die Begeisterung für Games und den kreativen Prozess dahinter nie losgelassen. Ich denke, es ist auch sehr wichtig, sich dieses Feuer zu bewahren. Das ist ein bisschen wie in einer langjährigen Beziehung. Klar wird man mit viel unschöner und oft auch demotivierender Routine konfrontiert. Die Kunst ist es, dann trotzdem die Balance zu halten – zwischen Arbeit und Leidenschaft. Bei mir hat es gut 15 Jahre gedauert, bis ich letztlich in einem Entwickler-Studio gelandet bin, aber diese "Umwege" gaben mir die Möglichkeit, die Branche aus vielen Perspektiven kennen zu lernen."

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Wir müssen
endlich aufhören, hierzulande unsere Mittelmäßigkeit
zu feiern
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Aber könnte er sich trotzdem vorstellen, das Games-Geschäft für einen anderen Job zu verlassen? Und was für ein Beruf müsste das sein? "Sicher gibt es emotionale Löcher, in die man über die Jahre fällt. Wo man sich fragt, was man da eigentlich macht. Doch könnte ich mir nicht wirklich vorstellen, die Tür komplett zu schließen und die Pixelwelt für etwas ganz anderes zu verlassen. Klar, sag niemals nie – aber Astronaut werde ich wohl nicht mehr."

Einen Branchen-Wechsel zumindest in Betracht ziehen könnte Daedalic-Gründer Carsten Fichtelmann: Der Geschäftsführer des bekannten Hamburger Studios ist ausgebildeter Journalist, stieß aber schon 2001 als Marketing-Director zum Hamburger Hersteller dtp, den er kurz darauf von Anwender-Software auf Games-Kurs einschwenken ließ. Sechs Jahre später gründete er zusammen mit Jan Müller-Michaelis alias "Poki" sein eigenes Studio. "Als Shareholder und Geschäftsführer eines angesehenen Unternehmens kann man nicht einfach so weglaufen, aber selbstverständlich habe ich während der vergangenen Jahre immer wieder attraktive Angebote aus Branchen-fremden Geschäftsfeldern bekommen – und ja, natürlich schwirren mir viele veschiedene Geschäftsideen durch den Kopf. Hätte ich mich in der Vergangenheit auf eines dieser Angebote oder dieser Ideen eingelassen, hätte ich vermutlich sorgloser leben können. Aber ich bin von Natur aus hartnäckig und habe mich für den Kampf entschieden."

Und der hat sich gelohnt: Kein anderes deutsches Studio hat während der letzten Jahre so viele Preise eingeheimst wie die Hanseaten hinter "Deponia" und "The Whispered World". Trotzdem ist Fichtelmann von der deutschen Games-Branche auch immer wieder enttäuscht: "Wir müssen endlich aufhören, hierzulande ständig unsere Mittelmäßigkeit zu feiern, wir brauchen eine vernünftige Selbst-Reflexion. Entwickeln wir bei Daedalic z.B. ein Spiel, das wie "Shadow Tactics" oder "Säulen der Erde" bei Plattformen à la PC Gamer oder Kotaku Höchstwertungen einstreicht, dann können wir fast sicher sein, dass es unsere einheimische Presse nicht versteht und abstraft. Sobald Du über die eigenen Landesgrenzen hinaus Erfolg hast, leert die deutsche Games-Branche einen großen Eimer Jauche über Dir aus. Neid, Missgunst und Häme sind weitaus stärker verbreitet als Stolz auf und Förderung von lokalen Produktionen. Bist Du unten, wirst Du teils hochgejubelt. Bist Du oben, wird man vom System wieder eingereiht."

Für Neueinsteiger noch attraktiver
Ein deutscher Alleingang ganz anderer Art treibt NBG-Boss Markus Biehl um: "Etwas was mich schon lange beschäftigt, ist die Tatsache, dass Deutschland ein gesetzliches Altersfreigabe-System hat, aber im Rest von Europa gibt es nichts dergleichen", leitet Biehl ein. "Das machte unser Leben früher schon etwas komplizierter. Durch die fortschreitende Digitalisierung von Inhalten wird der deutsche Alleingang zu einer immer größer werdenden Barriere. Lösung: Nicht nur für Toilettenbrillen sollte es einen europäischen Weg geben."

Trotzdem ist auch Biehl der Meinung, dass sich seit seinem Branchen-Einstand 1996 einiges verbessert hat: "Für Neueinsteiger ist die Branche auf jeden Fall attraktiver geworden. Anfangs musste ich mich im Bekanntenkreis oft dafür rechtfertigen, dass ich diesen Job ausübe – als ob ich etwas Verbotenes machen würde. Heute ist das ganz anders, denn fast jeder besitzt ein Smartphone und hat somit Zugang zu Unterhaltungs-Software. Videospiele sind heute fester Bestandteil der Gesellschaft."

Auch Stefan Dettmering glaubt, dass die Branche von heute gerade für Neueinsteiger sexy ist: "Gaming ist inzwischen viel akzeptierter, die Aufgabenpalette größer und die Möglichkeiten sind vielfältiger. Andererseits ist das Geschäft im Vergleich zu früher professioneller und ernster geworden. Darum dürfen Neueinsteiger bei aller Liebe und Leidenschaft für Games nicht unterschätzen, dass es sich um ein Business handelt und es unterm Strich darum geht, Produkte zu verkaufen."

Doch geändert hat sich die Arbeit auch für diejenigen Kollegen, die schon lange dabei sind – nicht nur für "Frischlinge". So erinnert sich Harald Ebert daran, wie er damals "mit unzähligen Disketten und externen Laufwerken" arbeiten musste. Und weiter: "Fotos erhielten wir früher in ausgedruckter Form, weil sie noch nicht digital darstellbar waren. Audio-Aufnahmen wiederum wurden uns auf Kompakt-Kassetten oder Digital-Audio-Tapes zur Verfügung gestellt. Als ich 1990 anfing, gab es nicht mal eine Nintendo-Website, und für die Korrespondenz wurden überwiegend Faxe oder Briefe genutzt. So erhielten wir täglich mehrere Postkisten mit teils hunderten von Anschreiben. Kurzum: Viele Arbeitsabläufe waren früher wesentlich umständlicher."

Sportler, Musiker, Zollbeamter
Nils Kedeinis – Deputy Managing Director beim Hamburger Kommunikations-Club Delasocial – musste in den letzten Jahren "leider feststellen, dass die Diskussionskultur innerhalb der heutigen Branche vielfach zu wünschen übrig lässt." Zwischen "Hype-Trains und Shit-Storms" wären "differenzierte Betrachtungsweisen" oft Mangelware. "Beispiel Influencer, Sarkeesian oder die neueste Sau im Dorf: Lootboxen. Wenn so was hochkocht, rettet einen inzwischen nur noch der "Logout"-Button", ärgert sich Kedeinis. Trotzdem ist der PR- und Social-Media-Profi der Branche seit über 15 Jahren treu: "Ich fühle mich nach wie vor sehr privilegiert, dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte und kann mir nur schwer vorstellen, etwas gänzlich anderes zu machen. Würde man mich dazu zwingen, fiele meine Wahl aber vermutlich auf ein anderes persönliches Interessengebiet – entweder im Bereich Sport oder Musik."

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Nicht nur für Toilettenbrillen sollte es einen europäischen
Weg geben
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Zu den für die Branche typischen Quereinsteigern gehört Stephan Freundorfer: Der ausgebildete Gymnasiallehrer ist vor rund 20 Jahren zum Games-Business gestoßen und seitdem als Autor aktiv. Auf verspielte Chefredakteurs-Posten bei Cybermedia und Bauer-Verlag folgten viele Jahre Freelancer-Tätigkeit – und inzwischen wurde die stattliche Retro-Sammlung auf rekordverdächtige Größe erweitert. Könnte sich der passionierte Gamer und Sammler überhaupt noch eine andere Betätigung vorstellen? "Alles, was ich in den letzten 20 Jahren gemacht habe, hatte mit Games zu tun", erinnert sich Freundorfer. "Aber prinzipiell könnte ich mir das schon vorstellen, ja. Denn gerade als Freelancer ist man von der aktuellen Situation immer wieder mal frustriert und hat das Gefühl, nicht so vorwärts zu kommen wie man es eigentlich möchte. Dann denkt man natürlich darüber nach, wie andere Jobs wohl wären. So wüsste ich schon ganz gerne, wie die verschiedensten Tätigkeiten funktionieren, wie die Menschen in diesen Bereichen drauf sind und wie sich die Arbeit dort anfühlt. Und das gilt für alles mögliche, was man so machen kann – vom Busfahrer bis zum Bäcker oder Zollbeamten. Vielleicht sollte ich ja mal ein paar Praktika machen…"

Wie sich die Arbeit als Zollbeamter oder Bäcker anfühlt, wird Freundorfer in diesem Leben vielleicht nicht mehr herausfinden – immerhin hat er wie viele Kollegen in unserem kleinen Dino-Talk die 40 schon länger hinter sich gelassen. Trotzdem ist der vor Kurzem von München nach Hamburg umgesiedelte Autor mit seinem Job nicht unzufrieden: "Dass ich der Branche verhaftet bleibe, hängt u.a. damit zusammen, dass ich nach all den Jahren viele Beteiligte gut kenne und sie mir darüber ans Herz gewachsen sind. Und nebenbei geht's ja um Games, und die liebe ich noch immer. Nicht nur das Spielen an sich, sondern das Graben nach Hintergründen und Erkennen von Zusammenhängen innerhalb dieser immer noch jungen Medienform, deren gesamte Existenzspanne ich bereits begleite."

Und vielleicht sind wir genau hier auf das große Geheimnis gestoßen – auf die Erklärung dafür, was unser Geschäft so besonders macht. Und wir auch dann noch dabei bleiben, wenn man uns mit Eimern voller Jauche überschüttet, wenn man von Shit-Storms genervt wird oder sich fragt, wie es sich wohl als Busfahrer lebt. Für viele von uns handelt es sich um DAS Medium der eigenen Generation – und als solches verbinden wir es mit einem ganz speziellen Lebensgefühl. Genauso wie die Branche an sich. (rb)