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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: BestPhotoStudio/stock.adobe.com
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Gamescom's next Top-Models

Sie heißen Karolina, Marika, Anna, Lena und Lilly – und sie gehören zu den beliebtesten Fotomotiven der gamescom: "Booth Babes" stehen in zweifelhaftem Ruf, sehen ihre Rolle selbst aber als das, was es ist: ein Job.

Es ist Donnerstag, kurz nach 9 Uhr – der zweite Publikumstag der gamescom hat soeben begonnen, in Halle 8 herrscht schon jetzt ohrenbetäubender Lärm. Vom Nachbarstand wummert der Bass über die Flure. Ein nicht enden wollender Schwall junger Menschen schiebt sich von allen Seiten durch die Eingänge. Bea ist bereits in Position. Sie kommt aus Ungarn, spricht nahezu akzentfreies Deutsch und trägt eine spektakuläre, hautenge Fantasy-Rüstung. Lippen, Augen, Wangen sind dramatisch geschminkt, die Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Eine dreiviertel Stunde braucht sie jeden Morgen, bis das Make-Up und XS-Klamotten am rechten Fleck sitzen. Abgesehen von einigen kurzen Nachschmink- und Pipi-Pausen muss das Outfit einen kompletten Tag durchhalten.

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Könn­wern­foddo­machen?
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Für Bea gilt in den kommenden Stunden das Motto der Pinguine aus dem Animationsfilm Madagascar: Immer lächeln und winken.

Models auf der gamescom: Ein Auftrag wie Dutzende andere
Nur wenige Minuten dauert es, bis eine Gruppe Teenager zielstrebig auf sie zusteuert – alle in der klassischen gamescom-Uniform: schwarzes Schlabber-Shirt, Sneaker, Shorts. Am Kinn der Jungs bildet sich der erste zarte Flaum. Es fällt jener Satz, den Bea an diesem Tag noch Hunderte Male hören wird: "Könnwernfoddomachen?" Das heißt: Wenn es gut läuft. Andere stellen sich einfach ungefragt neben sie, halten das Handy am ausgestreckten Arm und drücken ab, als wäre es das Normalste der Welt. Andere schießen kichernd aus sicherer Entfernung ein Foto. Bea kennt ihre Pappenheimer. "Die meisten sind nett", sagt sie. Anzügliche Sprüche sind selten – und wenn, nimmt sie es sportlich. Denn sie weiß um ihre Rolle. Bea ist Profi: Als hauptberufliches Model wird sie für Messen, Events, Firmenfeste gebucht – quer durch ganz Europa, für PR-Veranstaltungen genauso wie für Vertriebs-Präsentationen oder eben die gamescom. Ihren Stundensatz verrät sie nicht, aber später erfahren wir, dass er deutlich über den Tarifen liegt, die das gewöhnliche Standpersonal erhält. Bea ist das, was man landläufig ein "Booth Babe" nennt.

Auf der gamescom 2017 gibt es zig Beas – sehr zum Missfallen streitbarer Zeitgenossen, denen die öffentliche Zurschaustellung makelloser Körper in enganliegenden Klamotten ein Graus ist. Einige Wochen vor der Messe entspann sich in einer Branchen-Facebook-Gruppe eine erbitterte Debatte darüber, ob Booth Babes überhaupt noch zeitgemäß wären. Schließlich seien Games ja längst amtliches Kulturgut – da passt das vorgebliche "Schmuddelimage" nicht dazu.

Diskussion um Schmuddel-Image
Auf Anfrage wollte sich kein einziger angefragter gamescom-Aussteller öffentlich dazu äußern, aus welchen Gründen er überhaupt "Booth Babes" einsetzt. Doch die Argumente liegen natürlich auf der Hand: Die Models sind schlichtweg Hingucker, die vorwiegend männliches Publikum anlocken, das rund drei Viertel aller Privatbesucher ausmacht. Gerade Hardware- und Zubehör-Aussteller sind sich dessen bewusst, dass ihre beworbenen Mainboards oder Mauspads nicht zwingend dazu geeignet sind, Menschenmassen auf den Stand zu lotsen.

Die Debatte um die Außenwirkung der "Booth Babes" hat indes dazu geführt, dass leichtbekleidete Damen auf der E3 in Los Angeles in der Tat mittlerweile selten geworden. Auf anderen Branchenmessen wie der Frankfurter Internationalen Automobilausstellung (IAA) gehören sie weiterhin zum gewohnten Bild. Egal ob Audi, Lamborghini oder Mercedes: kaum ein Premium-Autohersteller oder Tuner, der die Präsentation seiner Neuheiten nicht mit jungen Frauen in knappen Klamotten aufwertet. Modelle und Models – das gehört gefühlt untrennbar zusammen. Selbst renommierte Kfz-Fachblätter lassen es sich nicht nehmen, ein Best-of im Rahmen einer Klick-Galerie auf der Website zu präsentieren.
Fließende Übergänge: Walking-Acts, Cosplayer, Promotoren
Doch Standpersonal ist natürlich nicht gleich Standpersonal. Vier Gruppen gilt es zu unterscheiden: Klassische Promotoren und Hostessen sitzen an der Rezeption im Business-Bereich, sind Warteschlangen-Aufpasser, Servicekräfte und Spielestation-Einweiser. In den allermeisten Fällen handelt es sich um vorzeigbare Studentinnen und Studenten, vorwiegend aus dem Großraum Köln-Düsseldorf. Teilweise reisen sie auch im Team aus anderen Bundesländern an, um sich in der gamescom-Woche einige Hundert Euro dazu zu verdienen.

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Modelle und Models – das gehört gefühlt untrennbar zusammen
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Die zweite Gruppe sind die Walking-Acts, also verkleidete Statisten, Menschen in XXL-Plüschkostümen oder mehrköpfige Teams im Look des beworbenen Spiels, die über die Messe schlendern und mit Besuchern posieren. Unter den Masken von Crash Bandicoot, Super Mario und Sackboy verbergen sich meist routinierte Studenten oder Nebenerwerbs-Darsteller mit Gewerbeschein – schauspielerisches Talent schadet in keinem Fall.

Fließend sind die Übergänge zur dritten Gruppe, den Cosplayern, die in den Look ihrer Helden aus Filmen, Serien, Comics und Computerspielen schlüpfen – häufig auf Basis selbstentwickelter und -geschneiderter Kostüme. In den allermeisten Fällen sind es Amateure, allerdings gibt es auch in diesem Gewerbe inzwischen Profis, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen und Hunderttausende Fans auf Facebook, Youtube und Instagram auf sich vereinen. Auch Fanvereinigungen wie der bekannte Star-Wars-Kostümklub "German Garrison" vermieten Sturmtruppen inklusive Darth Vader für Messen und Ausstellungen.

Booth Babes: Profi-Models aus Osteuropa
Als vierte Gruppe gibt es schließlich die klassischen "Booth Babes", also auffallend hübsche Frauen, die wie unser Beispiel Bea einzig dazu da sind, für Fotos und Selfies zu posieren. Sie sind also schlichtweg Teil der Stand-Deko und damit der Inszenierung. Geduldig stemmen sie die Hände in die Hüften, setzen ihr strahlendstes Lächeln auf und verlieren auch dann nicht die Geduld, wenn mal wieder die Foto-App klemmt oder die Szene wiederholt werden muss.

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Immer lächeln
und winken!
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Die überwiegende Mehrheit der Models, die wir während der gamescom 2017 angesprochen haben, stammt aus osteuropäischen Ländern – etwa aus Tschechien, Polen, Russland, Kroatien, der Slowakei, aber auch aus Belgien und den Niederlanden. Viele sind selbstständig und werden über spezialisierte Agenturen vermittelt, die als groben Richtwert einen Tagessatz von rund 150 bis 200 Euro angeben, abhängig von der Erwartungshaltung an Erfahrung und Optik. Die Kunden dürfen sehr konkret vorgeben, welcher Typ benötigt wird, von der Kleidergröße über die Haarfarbe bis hin zu Fremdsprachenkenntnissen. Am Sonntag und Montag vor dem gamescom-Start erfolgt dann die Einweisung durch die Stand-Verantwortlichen samt Anprobe, am Dienstagmorgen beginnt die Schicht.
In den offiziellen gamescom-Teilnahmebedingungen finden sich im Übrigen keine dezidierten Vorschriften, ob und wie das Standpersonal bekleidet sein muss. Lediglich die erwähnten Walking-Acts müssen vorab beim Veranstalter angemeldet werden, allerdings eher mit Blick auf Waffen-Nachbildungen oder waffenähnliche Gegenstände, die im Zuge der verschärften Sicherheitskontrollen überprüft werden.

gamescom ist nur einmal im Jahr
Booth Babes, Models, Hostessen: Die IGM-Recherche zeigt, dass die jungen Frauen wesentlich entspannter und lockerer mit ihrem Job umgehen, als es ihnen gemeinhin von Verteidigern des Abendlandes unterstellt wird. Natürlich sei der Auftritt extrem anstrengend, weil die Darstellerinnen inklusive Make-Up und Ankleide oft zwölf Stunden oder länger auf den Beinen sind und der Einsatz unter verschärften Bedingungen – Lärm, Hitze, Gedränge – stattfindet. Die gamescom sei in dieser Hinsicht auch deutlich kräftezehrender als etwa ein entspanntes Presse-Event, erzählt man uns. Gleichzeitig ist die Bezahlung in Ordnung und die Messe mit nur fünf Publikumstagen kürzer als manch andere Mammutveranstaltung, etwa die erwähnte IAA (elf Tage) oder das Oktoberfest in München (18 Tage). Für die demnächst startende "Wiesn" werden zum Beispiel weiterhin attraktive Promotorinnen gesucht, die in den Zelten Blumen, Sepplhüte oder als "Promilla" Alkoholtests verkaufen (kein Scherz).

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs hat Bea bereits zwei Tage hinter sich und drei weitere vor sich, bevor sie zum nächsten Einsatzort weiterreist. Noch mache die gamescom "Spaß", wie sie beteuert. Und auch wenn es manchmal schwerfällt: Immer lächeln und winken! (pf)