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Magazin: story

Gameshop mit Herz und Seele

IGM: Ist das nicht ein Problem für dich – als Händler von Killerspielen?
Schleede: Es stimmt schon, dass ein paar Sachen nicht sein müssen. Es gibt Spiele, die sollten so nicht programmiert werden. Manhunt zum Beispiel fand ich geschmacklos und das habe ich damals auch nicht beworben und es auch nicht weiter empfohlen. Das muss einfach nicht sein. Hitman oder Splinter Cell – also das gespielte Schleichen und Morden hingegen, finde ich in Ordnung. Wo die Gewaltdarstellung nicht so drastisch ist, da habe ich nicht so das Problem. Ich lasse mich da von der Story leiten. Was steckt dahinter? Was will der Charakter? Negativ empfinde ich die krasse Darstellung von Gewalt und die Verherrlichung. Das will ich nicht haben. Bei God of War 3 kannst du am Ende Zeus eine ziemlich lange Zeit das Gesicht blutig prügeln. Das hätte nicht sein müssen, das empfinde ich als bitteren Beigeschmack. God of War 3 ist an sich schon ein sehr brutales Spiel, was bei der Grafikpracht ja sehr eindrücklich vermittelt wird. Um aber auf die Frage nach meinen bestlaufenden Titeln zurück zu kommen. Was soll ich sagen? Die Weichei-Titel stehen hier ja nur rum. Davon verkaufe ich einfach nichts. Abgesehen von ein paar großen Sporttiteln lebe ich eigentlich ausschließlich von Action- und Rollenspielen. Das ist mal eine ganz klare Aussage.

„Ein wichtiger Faktor ist, dass die Games bei mir ungeschnitten sind“

IGM: Und wie schaut es mit deinen Kunden aus – wer kommt und kauft?
Schleede: Meine Kunden sind nicht die typischen Media Markt-Kunden, die anonym durch die Reihen wandern. Ich habe Leute hier, die auf mich zugehen, die wissen was sie wollen. Meistens sind das nicht die „Niedlich-Spieler“, sondern Hardcore-Zocker. Ich habe einerseits ein sehr junges Publikum. Aber gerade die Stammkundschaft von früher spielt immer noch, nur dass die eben nicht mit den Online-Spielen klarkommen. Man muss ja bedenken, dass ich das hier bald schon seit 17 Jahren mache. Unter meinen Stammkunden sind also auch Leute dabei, die jetzt Mitte oder Ende Vierzig sind und die sagen sich dann: „Ok, ich brauche online gar nicht erst spielen.

„Die Weichei-Titel stehen hier ja nur rum“

Da verliere ich ja nur.“ Genau wie ich sind das Oldschool-Gamer. Ich bin mit dem Atari VCS 2600 großgeworden und kann heutzutage mit den Glitsches, Cracks und mit was weiß ich für Controllern einfach nichts anfangen. Die älteren Spieler kommen damit nicht zurecht. Die junge Klientel um die 20 hingegen, die sind heiß darauf und die wollen das auch.

IGM: Das heißt, du hast eine starke Bindung zu deinen Kunden?Bildunterschrift Gamer-Herz, was willst du mehr? Die Angebotspalette von 2nd Reality ist enorm
Schleede: Die Leute wissen, dass ich ehrlich bin. Wenn die mich nach einem Game fragen, dann kann ich denen schon sagen, wie das Spiel ist. Ich sage dann auch: „Pass auf, lass das mal liegen, das passt nicht zu dir.“ Ich versuche auf jeden Kunden einzugehen, und persönliche Beratung ist bei einem so kleinen Laden natürlich das A&O, was den Verkauf von Spielen angeht. Das hier ist ein Mikrokosmos. Wir nutzen beispielsweise die Option Facebook und haben eine 2nd Reality Gruppe eingerichtet. Da sind knapp 400 Leute drin und die tauschen sich aus, treffen sich zu Multiplayer-Games und beraten sich. Das hier ist nicht einfach nur ein Geschäft, sondern die Menschen fühlen sich mit dem Laden zusammengehörig. Die meisten sind mir persönlich bekannt, und ich weiß, wer da als Mensch hinter steckt.

IGM: War das auch der Gedanke, der hinter 2nd Reality stand? Eine Anlaufstation für echte Gamer zu bieten?
Schleede: Ganz so philosophisch war es nicht. Damals habe ich in Wandsbek gewohnt, war Konsolenzocker. Ich bin wegen eines Importtitels zu zwei Geschäften nacheinander gegangen und wollte ein Spiel kaufen, damals für 159 Mark, also echt teuer. Das stand bei dem ersten im Regal. Ich wollte es gerne mal ausprobieren, weil es ja so teuer war. Da war dann der Besitzer, der gesagt hat, das ginge gerade nicht, er spiele Turok. Entweder ich würde es kaufen oder ich könnte wieder hinstellen. 

„Ich habe die Hoffnung, dass die nächste Generation Konsolen noch Datenträger bieten wird“

Er hat mich noch nicht mal angekuckt dabei. Beim nächsten Händler stand es in der Vitrine, da durfte ich das Spiel noch nicht mal anfassen. Als ich dann auch noch gefragt habe, ob ich es mal antesten dürfte, da hat mich die Bedienung angeschaut und meinte, ich dürfe nur spielen, was in der Test-Konsole drin sei, sonst nichts. Und da ist die Idee des Ladens geboren worden. Mir ging es um Kundenfreundlichkeit, um Service und ums Wohlfühlen. Die Läden damals waren bis unter die Decke mit Bananenkisten zugestapelt, in denen jede Menge Games lagerten. Das sah ganz furchtbar aus. Ich wollte, dass es gemütlich ist.

IGM: Bleibt die Frage, wie du deine Zukunft siehst? Wie geht es weiter?
Schleede: Generell arbeitet die Branche darauf hin, dass die Spiele, wie sie hier stehen, nicht mehr lange existieren. Die Hersteller bevorzugen ja deutlich das Online-Geschäft. Das bedeutet, du klickst und lädst dir das Spiel runter ohne jemals etwas physisch in der Hand gehabt zu haben.

„Online ist für viele meiner Kunden ein echtes Gräuel“

Und das bedeutet, tippe ich mal, dass der Spielehandel irgendwann in den nächsten zehn Jahren erledigt ist. Effektiv läuft meine Daseinsberechtigung also in fünf bis zehn Jahren aus. Ich habe die Hoffnung, dass die nächste Generation Konsolen noch Datenträger bieten wird. Denn Online-Spiele sind ein großer Knackpunkt. Die meisten Leute wollen die Überwachung nicht. Die wollen nicht online irgendwas einlösen, oder dass ein Spiel überprüft, was sie gerade online machen. Online ist für viele meiner Kunden ein echtes Gräuel. Das ist nicht der Weg, den die Konsole als Spieleplattform gehen sollte – sonst könnte man sich ja gleich einen PC kaufen. Aber der Trend ist, dass die Konsole immer mehr zum Multimediagerät wird und alles können muss. Das ist generell der falsche Trend. Da gehört auch zu, dass die Entwickler nur noch halbfertige Spiele rausbringen, weil sie ja damit rechnen, dass es gepatcht werden kann. So viel Ärgernisse: Spiele die einfach schlecht gemacht sind. Das wird immer schlimmer, aber damit tut sich die Industrie keinen Gefallen, dass sie alles zulässt und schlechte Produkte rausbringt.

IGM: Und was machst du, wenn es soweit ist?
Schleede: Dann mache ich einen Laden für Retro-Gaming. Heute gibt es ja schon 30 Jahre Konsolengeschichte, die ja auch bedient werden wollen. Ob das Leute sind, die Probleme mit ihren alten Geräten haben, oder ob sie einen Anlaufpunkt suchen, wo sie Games für alte Konsolen wie das NES oder das Sega MegaDrive bekommen. Ich habe die jetzt schon im Programm, aber eben nur auf Nachfrage. Aber warum sollte nicht aus Vergangenem eine Zukunft entstehen…  <(ls)