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Magazin: story

Gelungenes Gastspiel

Die gamescom ist der Mittelpunkt des Veranstaltungsjahres – so viel ist klar. Aber würde es für Spielehersteller nicht vielleicht auch Sinn machen, häufiger auf fachfremden Veranstaltungen Präsenz zu zeigen – etwa auf Open-Air-Festivals und Volksfesten? Um das herauszufinden, haben wir uns ein Event des letzten Jahres genauer angeschaut: das Wacken Open Air 2018.
Was machen Starkstrom-Götter, wenn ihnen im Tour-Bus langweilig ist? Man könnte jetzt gewisse Klischees bemühen, aber weil wir ein weitgehend klischeefreies Magazin sein wollen, schauen wir lieber genauer hin. Der gute Lemmy Kilmister (RIP!) mag zwar tatsächlich den einen oder anderen Whisky die Rauhkehle hinabgespült haben. Aber er tat auch etwas, das man von ihm eher nicht erwartet hätte: Er spielte gerne Computerspiele – zum Beispiel Star Fox. Das zumindest berichtet Tim Schafer, der Lemmy während der Produktion von Brütal Legend kennenlernte. Ein Rock-Monster, das gerne in die Rolle eines fluffigen Nintendo-Charakters schlüpft... warum nicht?

Als Spielarten der Popkultur sind Games und zeitgenössische Musik eng miteinander verbunden. Nicht nur, weil jedes Computerspiel einen Soundtrack hat. Sondern auch, weil Computerspiel-Soundtracks immer häufiger Musikrichtungen beeinflussen – oder sogar als Konzerte aufgeführt werden. DJs treten bei eSport-Events auf, Soundtracks werden remixt, bekannte Musiker versuchen sich als Game-Komponisten – um nur einige Beispiele zu nennen. Doch dafür, dass sich beide Bereiche so stark durchdringen, sind Games-Firmen noch vergleichsweise selten auf Musikfestivals präsent. Natürlich gibt es immer wieder punktuelle Kooperationen – wenn etwa SingStar in Glastonbury gastiert (2007), Rock­smith in Wacken gespielt werden kann (2012) oder Sony seinen PlayStation Truck mit PSVR zum Airbeat 2016 schickt. So richtig breitflächig waren die Kooperationen in den letzten Jahren aber kaum – das zeigen auch die Antworten, die wir von großen Publishern auf unsere Anfrage erhielten: Sie reichten von "Mir ist dazu nichts bekannt" bis "Dazu haben wir schon lange nichts mehr gemacht". Aber warum eigentlich nicht? Schließlich ist ein Musikfestival doch ein Ort, an dem vorwiegend junge Menschen zusammenkommen, an dem die Emotionen hochschäumen – und wo man doch eigentlich gut eine passende Spielemarke platzieren könnte.

Komplettes Zelt
Ein Event, bei dem das tatsächlich in die Tat umgesetzt wurde, ist Wacken: 2018 gab es dort erstmals ein ganzes Zelt mit Anspielstationen und eSport-Turnieren. Doch sind die Erfahrungen, die dort gemacht wurden, auf andere Musikfestivals übertragbar? Um das herauszufinden, haben wir mit einigen Beteiligten gesprochen.

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Die Fans wollen den Spirit
von Wacken hochhalten
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"Wir haben natürlich im Vorfeld Marktforschung betrieben", sagt Oliver Redelfs. Der Inhaber der Hamburger Agentur Red Elf Media ist beim Wacken Open Air hauptamtlich für die Entwicklung und Umsetzung der eSport- und Gaming-Strategie zuständig. "2017 haben wir Besucher befragt: ‚Seid ihr Gamer? Wenn ja, was zockt ihr? Interessiert ihr euch für eSport'?" Die Zustimmungsquote war so hoch, dass die Festival-Organisatoren entschieden, im Folgejahr eine riesige Gaming Area einzurichten. Ein Fremdkörper auf einem Festival, auf dem auch viele Oldschool-Metaller unterwegs sind? "Das Thema ‚Authentizität' ist für Metal-Fans unheimlich wichtig, wenn nicht sogar kriegsentscheidend", sagt Redelfs. "Die sind bei dem Thema sehr sensibel." Entsprechend lief das Spieleangebot unter dem Label "Full Metal Gaming" – ähnlich wie die anderen Festival-Ableger ("Full Metal Cruise", "Full Metal Holidays" etc.). Als die Pläne im Vorfeld des Festivals bekannt wurden, entbrannte in den Social-Media-Kanälen eine Diskussion darüber, ob Gaming und eSport überhaupt zu Wacken passen. "Das Hauptargument der Gegner war: ‚Ich bin froh, dass ich endlich mal von der Kiste weg bin. Jetzt tragt mir auch noch die Games hinterher'", so Redelfs. Ein weiteres Gegenargument war, dass eine Gaming Area zwischen Camping-Feld und Konzertbereich die Laufwege noch weiter verlängert. "Die Fans identifizieren sich mit dem Festival und sie wollen den besonderen Spirit von Wacken hochhalten", zeigt Redelfs Verständnis. Vor Ort sei dann aber alles ganz entspannt gewesen: "Die durchweg positive Resonanz auf dem Feld hat gezeigt, dass unser Ansatz genau richtig war. Und längere Wege sind im Gegensatz zu den Befürchtungen auch nicht entstanden."

250 Anspielstationen
Tatsächlich bot "Full Metal Gaming" eine ganze Menge – passend zum Open Air, das mit 75.000 zahlenden Besuchern das größte Metal-Festival der Welt ist. "Für die Gamer stand ein Sechs-Mast-Zirkuszelt mit rund 2500 Quadratmetern Innenfläche bereit, in dem rund 250 Game-Stations aufgebaut waren", erzählt Redelfs. "Im e­Sport-Bereich gab es jeweils 100 Gaming-PCs für League of Legends und Playerunknown's Battlegrounds." Dazu kamen die Anspielstationen bei PlayStation, Razer und den Hamburger VR-Nerds. Der eSport-Bereich wurde komplett von der ESL organisiert. Am Donnerstag trugen vier eSport-Teams ein großes Show-Turnier aus – mit dabei waren das Team Euronics, die "Unicorns of Love", das Team von Innogy und das französische Frauenteam "Out of the Blue" von Airbus. Am Freitag spielte das Berliner LoL-Profi-Team "Spandau Inferno" ein Show-Match gegen das Publikum. Im Vorfeld des Festivals hatte sich bereits ein Herausforder-Team qualifiziert, ein weiteres Team qualifizierte sich vor Ort, das Ganze wurde von NicNac's gesponsert.

Das Wacken-Gelände ist mit 280 Hektar Grundfläche riesig. Das Gaming-Zelt lag genau gegenüber vom Bullhead City Circus – dem 15-Mast-Zelt, in dem alljährlich der Nachwuchswettbewerb "Metal Battle" ausgetragen wird. "Da kommt man zwangsläufig dran vorbei", so Redelfs. Das Festivalgelände ist von Mittwoch bis Sonntag geöffnet, der Camping-Bereich bereits ab Montag. "‚Full Metal Gaming'" begann am Mittwoch, "da haben wir eine große Aufmerksamkeit. Ein Großteil der Besucher ist bereits vor Ort, der Festivalbereich wird geöffnet, aber das Infield ist noch geschlossen, wo ab Donnerstag die bekanntesten Bands auftreten". Das Zelt war täglich von 11 bis 22 Uhr geöffnet, Wartezeiten habe es aufgrund der vielen Gaming-Stations kaum gegeben, so Redelfs. Die Security zählte per Klicker, wie viele Festival-Teilnehmer ins Zelt strömten. "Wir hatten mehr als 35.000 Besucher an vier Tagen", so Redelfs. "Damit sind wir in den Top 3 der größten Gaming-Veranstaltungen 2018."

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Das Material
ist stets in guten Händen
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Sony zeigt God of War
Sony war mit insgesamt zwölf Anspielstationen und Racing-Seats vor Ort. Als Eigenproduktionen zeigte der Publisher zum einen Gran Turismo, zum anderen God of War – ein Titel, der mit seiner nordischen Raubauzigkeit gut in die Metal-Gefilde passt. Außerdem konnten Festival-Besucher am Sony-Stand Fifa und Rocket League anzocken. Am Capcom-Stand fand derweil ein Turnier statt. "Wir haben die Gelegenheit erhalten, ‚Full Metal Gaming' mit der Street Fighter V Arcade Edition zu unterstützen", so Matthias Mirlach, Senior Marketing Manager Central Europe. "Das war für uns ein hervorragender Testballon, um die Resonanz auf eine solch spezielle Veranstaltung zu prüfen." Am Capcom-Stand gab es vier Couchen mit Flachbildschirmen, an denen sich Teilnehmer für das Finale am Samstag qualifizieren konnten. Das wichtigste Kriterium bei der Wahl eines passenden Musikfestivals ist für Mirlach das Line-up: "Titel, Zielgruppe und Timing müssen zusammenpassen, und diese Situation ergibt sich nicht in jedem Jahr. Wenn alles zusammenkommt, bietet ein Event wie Full Metal Gaming interessante Wege, eine Marketing-Kampagne zu ergänzen und zu verlängern." Wacken könne zwar keine andere, näher ans Thema Gaming angesiedelte Veranstaltung ersetzen, so Mirlach. "Aber es spricht eine gute Schnittmenge an Zielgruppen an, die durchaus für das eine oder andere Capcom-Thema interessant sind." Capcom beobachte "Full Metal Gaming" weiterhin interessiert. "Wir schauen uns für jeden Release an, inwieweit die relevanten Kriterien erfüllt werden."

Das Wacken Open Air findet alljährlich in der ersten Augustwoche statt. Natürlich muss bei einem Event wie "Full Metal Gaming" auch die zeitliche Nähe von gamescom & Co. berücksichtigt werden. "Für den Aufbau eines großen eSport- und Gaming-Bereichs ist das für den Veranstalter Fluch und Segen zugleich", sagt Oliver Redelfs. "Ein Fluch, da die Spieleindustrie uns als wichtiges Event bislang nicht in ihre Planungen integriert hat und im August durch die gamescom die personellen und finanziellen Ressourcen durch die Messe in Köln größtenteils geblockt sind. Ein Segen, weil sich bei geschickter Planung der Partner Wacken als Pre-gamescom-Event etablieren kann, in dessen Vorfeld man durch ein weltweit bekanntes Festival auch weltweit Aufmerksamkeit in den Medien erzielen kann – ohne im gamescom-Trubel nur eine von vielen Nachrichten zu sein." Außerdem liefere Wacken eine perfekte Kulisse, man könne zusammen mit den Stars vor Ort einzigartige Geschichten erzählen. Darüber hinaus lasse sich das Ausstellungsmaterial direkt von Wacken weiter nach Köln schicken. "Dank der besten Fans der Welt und unserer hervorragenden Security ist das Material stets in guten Händen", betont Redelfs. "Wir können mit Stolz sagen, dass wir an allen Gaming-Stations und bei allen Ausstellern im Zelt eine Verlustquote von NULL Prozent hatten. Ich kenne keine andere Großveranstaltung in Deutschland, die mit solchen Zahlen aufwarten kann."

Gute Ergänzung
Die Firma Razer war 2018 offizieller Hardwarepartner der ESL Arena in Wacken: Sie stellte die 250 Peripherie-Sets für PUBG und LoL zur Verfügung. "Am Razer-Stand hatten Besucher die Möglichkeit, die neuesten Tastaturen, Mäuse, Blade-Laptops, Konsolenprodukte und das Razer Phone auszuprobieren", erzählt Christian Hunger, Event-Manager bei Razer. "Darüber hinaus freuten sich Besucher auf spannende 1on1-Turniere mit großartigen Sachpreisen." Hunger hält Wacken für eine "tolle Ergänzung zu traditionellen Gaming-Messen wie der gamescom. Auf dem Wacken Open Air treffen wir neue Zielgruppen, die wir sonst nicht erreichen, und können ihnen unsere Produkte in einem für sie passenden Umfeld präsentieren." Das Feedback sei überwältigend gewesen, freut sich Hunger: "Ein Großteil der Standbesucher hat sich das Razer-Logo als Tattoo auftragen lassen, überzeugte sich von den Razer-Produkten und hat seinen Besuch in den sozialen Netzwerken geteilt – das war für uns ein voller Erfolg." Darüber hinaus traten Besucher in der ESL eSports Village gegen Bandmitglieder an. "Viele Metal-Fans sind leidenschaftliche Gamer und teilen die Faszination für Gaming und eSports. So wurde uns erneut bestätigt, dass Gaming und eSports Massenphänomene geworden sind, die wirklich jeden begeistern."

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Selbstverständlich führen wir Gespräche
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Gerade die Einbindung der Musiker sorgte bei ‚Full Metal Gaming' für die nötige Authentizität. "Damit haben wir auch einige kritische Stimmen zum Verstummen gebracht", berichtet Redelfs. "Wir hatten im Vorfeld das Band-Management darüber informiert, dass es Full Metal Gaming geben wird. Und wir wurden von den Rückmeldungen der Musiker überrollt: ‚Wie geil ist das denn? Ich komm vorbei! Was kann ich zocken? Habt ihr auch das und das Spiel da?'" Viele Musiker hätten gefragt, wie sie sich vor Ort darstellen können. Die Fans wiederum waren begeistert, weil sie mit ihren Idolen direkt in Kontakt treten konnten. "Das ist eben anders, als wenn man bei einer klassischen Signing-Session eine Stunde in der Schlange steht", so Redelfs. "Bei uns wird Interaktivität beim Zocken cooler Games gelebt. Musiker, eSport-Profis und Influencer bewegen sich ganz selbstverständlich und ohne Berühungsängste durch unsere Gaming-Welt. Und wir schaffen Situationen, in denen die Fans mit ihren oder gegen ihre Stars spielen können." Zu den bekanntesten Bands vor Ort zählten Epica, Walkind Dead on Broadway, Vogelfrey, Feuerschwanz und Heavysaurus. "An den vier Tagen sind Musiker von über 40 Bands vorbeigekommen." 2019 will Wacken die Musiker noch stärker in das Thema Gaming integrieren. Ein wichtiger Bestandteil der Strategie ist auch Social Media. "Bei uns endet die Welt nicht mit dem Festival", so Redelfs. "Wir werden das sukzessive das ganze Jahr über ausrollen. Das findet dann natürlich in den sozialen Kanälen statt. Wir haben den Vorteil, neben Wacken noch eine ganze Reihe anderer cooler Events bieten zu können."

VR-Turnier
Neben Sony, Capcom und Razer waren auch die Hamburger VR-Nerds bei "Full Metal Gaming" präsent. "Wir haben im Zelt unseren Virtual-Reality-Multiplayer-Shooter Tower Tag gezeigt", so Mitgründer Yigal Bloch. Zwei Teams à drei Spieler traten gegeneinander an. "Wir hatten eine Auslastung von 100 Prozent und haben auch ein Turnier veranstaltet, bei dem es fette Preise zu gewinnen gab", erzählt Bloch. "Neben einigen Artists hatten wir auch Politiker, die sich für unser Spiel interessierten." Logistisch gesehen war das Event für die VR-Nerds allerdings sehr aufwändig. "Da sich der Zeltboden bewegte, musste ich schon mit den Messebauern vor Eröffnung – also während der Aufbautage – klären, wie unsere Laser-Tracker aufgebaut werden. Die dürfen nicht wackeln, da das dazu führen würde, dass den Spielern übel werden könnte", so Bloch. Die VR-Nerds lösten das Problem, indem sie vier Löcher in die Siebdruckplatten bohrten und so die Stative vom Boden entkoppelten. "So standen die Stative auf der Kuhwiese", berichtet Bloch lachend.

"Full Metal Gaming" war für alle Beteiligten also ein voller Erfolg. Aber ließe sich der auch in andere Musikfestivals exportieren? "Aktuell konzentrieren wir uns in erster Linie auf Wacken und Werner sowie das riesige Veranstaltungsportfolio von ICS", sagt Oliver Redelfs. "Selbstverständlich führen wir Gespräche auch mit anderen Veranstaltern in Deutschland und Europa." Grundsätzlich freue man sich über Partner, die das Konzept gemeinsam weiterentwickeln und ausbauen wollen. "Auch wenn der Satz inzwischen überstrapaziert ist: Spiele sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Branche braucht keine weitere Fachveranstaltung. Zusammen mit der Games-Industrie integrieren wir eSport- und Gaming in erfolgreiche und etablierte Event-Formate", betont Redelfs. Das zweite Ziel sei, die beiden Medienbranchen, die die stärksten Emotionen auslösen, stärker zusammenzubringen: Musik und Games. "Wir erschaffen Formate und Situationen, um den Austausch von Fans und Stars über das Gaming zu ermöglichen."

Zu Wacken 2019 möchte sich Redelfs in puncto Gaming noch nicht detailliert äußern. "Wir sind noch mitten in der Planung. In den nächsten Wochen werden wir mehr bekannt geben", so der PR-Spezialist. Die Chancen stehen jedenfalls gut, dass Wacken und Zocken auch in diesem Jahr wieder eine Einheit bilden. (Achim Fehrenbach)