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Magazin: story

Gereifter Geschmack

Rund 10 Millionen Deutsche jenseits der 50 spielen an PC, Konsole und Mobilgeräten – das besagt eine aktuelle game-Studie. Damit sind die "Silver Gamer" die größte Spielergruppe innerhalb der erfassten Altersgrenzen. Grund genug für IGM, die Zielgruppe in einer zweiteiligen Serie zu beleuchten. In Teil 1 (IGM 10/2019) ging es um verschiedene Spielertypen – und darum, wie der Publisher Aerosoft die über 50-Jährigen anspricht. Der vorliegende Teil 2 dreht sich um Silver Gamer als Kunden des Fachhandels, um ihre Spielgewohnheiten – und um die Dynamik, mit der sich Spielegeschmäcker im Altern verändern.
"Silver Gamer" sind eine erstaunliche heterogene Zielgruppe: Das war die Haupterkenntnis aus Teil 1 unserer Senioren-Serie. Fassen wir noch einmal kurz zusammen, wie Bob De Schutter von der Miami University in Oxford/Ohio die Spielertypen fortgeschrittenen Alters kategorisiert: Erstens gibt es die "Zeitverschwender", die zocken, um die Zeit rumzubringen. Zweitens die "Freiheitskämpfer", die sich davon mehr Spaß und Lebensqualität versprechen. Drittens die "Kompensatoren", die mit Computerspielen auf ein ausgedünntes soziales Umfeld reagieren. Viertens gibt es die "Wertesucher", die auch in ihren Hobbys sinnvolle Dinge tun wollen. Und fünftens die "Ludophilen", die seit ihrer Kindheit immer schon leidenschaftlich gerne gespielt haben. Fünf Archetypen also, die zwar Überschneidungen besitzen, aber doch recht unterschiedliche Motive hegen. Wie bringt man die zielgruppenmäßig bloß alle unter einen Hut?

Klare Genre-Vorlieben
Für Stefan Kimmlingen ist die Antwort nicht sonderlich kompliziert: Der Inhaber des Fachgeschäfts SK GameNatiX in Trier kennt den Geschmack seiner älteren Kunden recht genau. "Simulationen, Racer. Dann die Retro-Schiene, ganz groß. Das sind die Hauptwarengruppen bei älteren Gamern", sagt er. Auch Landwirtschafts-, Flug- und Zugsimulatoren würden häufig nachgefragt, genauso wie Aufbaustrategiespiele. "Eine Zeitlang waren auch Wimmelbildspiele auf dem PC sehr beliebt", erzählt Kimmlingen. "Vor zwei, drei Jahren hatten wir da eine richtig große Nachfrage. Besonders bei älteren Männern sind auch PC-Kartenspiele beliebt: Skat, Poker und so weiter." Weil der Laden mitten in Trier liegt – die berühmte Porta Nigra ist nur wenige Schritte entfernt – ist das Publikum stark durchmischt. SK GameNatiX sei ein Geschäft, "das sich an alle richtet – ob Fortnite-Kiddie oder älterer Spieler", sagt Kimmlingen. "Gerade das Klientel ‚Enkel mit Opa und Oma' haben wir sehr oft." Wobei die Großeltern dann natürlich meistens für ihre Enkel einkaufen – die wiederum sehr genaue Einkaufsvorstellungen haben. Doch wie beratungsintensiv sind Senioren, die Spiele für sich selbst kaufen? "Es gibt durchaus ältere Kunden, die genau wissen, was sie haben wollen", so der Ladeninhaber. "Die kommen mit konkreten Wünschen – ob das jetzt spezielle Systeme oder spezielle Spiele sind -, und kaufen dann in der Tat auch überproportional viel und gut ein." Retro-Kunden seien besonders kauffreudig, so Kimmlingen – und das können ja durchaus auch Kunden jenseits der 50 sein. Insgesamt sind Silver Gamer also eine wichtige Zielgruppe für SK GameNatiX. Dass die Kundschaft generell altert, kann Kimmlingen (noch) nicht beobachten: "Wir haben mehr Kunden als früher, die sich für ältere Spiele interessieren. Aber nicht unbedingt mehr ältere Kunden." Wobei sich die Überalterung der Gesellschaft wahrscheinlich irgendwann auf die Zahl der silberlockigen Kunden auswirken werde: "Die werden mit Sicherheit mehr werden."

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Die kommen
mit konkreten Wünschen
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Fragt man Christian Corre nach einer Definition von "Silver Gamer", muss der erst einmal schmunzeln: "Wenn ich meine Haarfarbe betrachte, dann gehöre ich mit meinem 42 wahrscheinlich schon dazu. Aber ich denke, dass das eher so die Zielgruppe ab 50 ist." Corre, ehemals Inhaber von Nippondreams in München, betreibt mittlerweile die Online-Handelsplattform retroplace.com ("Der neue Marktplatz für Videospiele"). Er hat viele Erfahrungen mit Kunden jeden Alters gesammelt – und mag es nicht sonderlich, wenn man alle Silver Gamer über einen Kamm schert: "Heutzutage werden auch Leute als Spieler betrachtet, die Facebook-Games, iOS-Games, Wimmelbildspiele und so weiter spielen. Nach dieser Definition wäre meine Mutter auch ein Spieler – und das sehe ich halt irgendwie nicht. Das ist eine Freizeitbeschäftigung, die zwischenrein mal gemacht wird." Sich selbst sieht Corre als Spieler, weil er sich wirklich mit dem Thema beschäftigt: mit der Historie, mit Neuerscheinungen und so weiter. "Meine Mutter sieht zum Beispiel irgendwo auf Android eine Werbung für ein Spiel, das interessant aussieht. Dann wird das halt runtergeladen und angeschaut. In der Regel ist es irgendwelcher Pay-to-win-Kram", sagt Corre.

Core-Senioren
Der Begriff "Silver Gamer" ist demnach zumindest ungenau, treffender wäre wohl die Unterteilung in ältere Core- und ältere Casual-Spieler. Doch was zocken Gaming-Senioren, deren Spielekonsum über Mobile- und Facebook-Titel hinausgeht? "Richtung The Last of Us, also schon auch mit Action-Anteilen", sagt Corre. "Point-and-Click ist wahrscheinlicher – aber wir verkaufen hier Konsolenspiele, da sind die eher unterrepräsentiert." Autorennen seien bei der Zielgruppe "Gamer 50+" ebenfalls beliebt. "Aber die Landwirtschaftssimulatoren werden bei mir lustigerweise eher von jüngeren Spielern um die 30 gekauft. Was auch noch läuft, sind Arcade-Collections – zum Beispiel die Mega Drive Collection", berichtet Corre. "Das sind Retro-Spieler, die sich ältere Sachen ins Haus holen." Dass die älteren Gamer besonders kaufkräftig sind, möchte er so direkt nicht bestätigen. "Auf alle Fälle wird in der Zielgruppe weit weniger Preis verhandelt", so Corre. "Da ist es noch mehr so dieses: ‚Ok, ich habe eine gute Beratung bekommen. Dementsprechend bezahle ich jetzt auch, was das kostet.'" Er selbst biete zum Beispiel komplett runderneuerte Gameboys an. "Die kosten dann 80 Euro. Bei älteren Leute hatte ich vor Weihnachten mehrmals einfach keine Diskussionen. Das Gerät ist gute Qualität, es schaut sauber aus – es kostet halt, was es kostet." Eine solche Anti-Geiz-ist-geil-Mentalität finde man heutzutage eher bei der älteren Kundschaft. "Denen ist eher bewusst, was heutzutage ein Stundenlohn für eine Facharbeit ist."

Fassen wir also zusammen: Für Fachhändler sind Silver Gamer durchaus interessant, wenn es sich um "Gamer" im engeren Sinne handelt. Nur dann nämlich finden sie den Weg in den Laden – und geben Geld für Vollpreistitel und/oder Retro-Games aus. Anders sieht es bei Spieleproduzenten aus, die sowohl Core- als auch Casual-Gamer bedienen: Für sie ist die komplette Zielgruppe der Silver Gamer interessant. Eine dieser Firmen ist HandyGames aus Giebelstadt in Unterfranken (vgl. IGM 07/2019): Sie produziert selbst Spiele, wurde 2018 von THQ Nordic gekauft und fungiert seitdem auch als Publisher für kleine und mittlere Studios. Im Interview mit CEO Christopher Kassulke erleben wir eine Überraschung: Bei ihm beginnt die Zielgruppe der Silver Gamer deutlich früher als etwa in der game-Studie. "Für uns ist die Zielgruppe 35+ und männlich/weiblich. Man sieht recht deutlich, dass sie andere Gewohnheiten haben als jüngere Spieler. Sie möchten keinen Zeitdruck haben, aber einen Singleplayer-Modus. Beim Multiplayer-Modus ist oft zu viel Druck dabei." Zwar seien auch in Spielen wie World of Tanks etliche Silver Gamer unterwegs, sagt Kassulke. "Das hat aber auch damit zu tun, dass es kein Counter-Strike ist, wo es um Reflexe geht. Man kann auch ‚langsam' spielen."

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Da trifft Schachspiel auf Endless Runner
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Handbuch-Wälzer
Grundsätzlich zeichnen sich Silver Gamer durch eine gesteigerte Frusttoleranz aus, so Kassulke. "Die ältere Zielgruppe ist zum Beispiel bereit, ein Handbuch durchzulesen oder ein Tutorial durchzuspielen. Die wollen teilweise auch das Scheitern erleben und an ihre Grenzen kommen." Der jüngeren Zielgruppe fehle hingegen die Geduld: Wenn das Spiel zu anspruchsvoll oder frustrierend sei, springe sie einfach zum nächsten Titel weiter. "Der jüngeren Zielgruppe musst du viel vorkauen", resümiert Kassulke. "Komplexere Spiele wie Aufbaustrategie, Managerspiele oder Rollenspiele treffen wohl eher den Zeitgeist der Älteren." Diesen Geschmack bedient HandyGames beispielsweise mit dem Städtebauspiel Townsmen, das bei Spielerinnen ab 50 besonders beliebt sei. "Unsere Strategiespiele – von 1941 Frozen Front bis 1944 Burning Bridges – stehen dagegen bei älteren Hobbygenerälen hoch im Kurs", berichtet Kassulke. Viele Kunden rekrutiert HandyGames aus der klassischen Mobile-Casual-Zielgruppe: Erst spielen sie Candy Crush, Bejeweled Best Fiends oder auch June's Journey, dann wollen sie mehr und trauen sich an komplexere Spiele heran. Genau in diesem Moment schlägt die Stunde von Anbietern wie HandyGames. "Wir haben vor kurzem zum Beispiel ein Spiel namens Chessfinity auf den Markt gebracht", erzählt Kassulke. "Da trifft Schachspiel auf Endless Runner. Und warum machen wir das? Unter anderem auch, weil ältere Leute Schachspiele lieben – und wir dem Ganzen einen neuen Twist geben wollen." Jugendlichen, die noch nie Schach gespielt hätten, werde man mit Chessfinity kaum erreichen, so der CEO. "Aber du wirst Leute erreichen können, die im Schach-Bereich unterwegs sind und einfach mal etwas Neues ausprobieren wollen."

Influencer sind aus Kassulkes Sicht übrigens sehr wichtig, wenn es um die Verbreitung silberlockenkompatibler Inhalte geht. Als Beispiele nennt er die Youtuber von "Senioren zocken" aus Berlin: "Die sind richtig gut und lustig." Auch Podcasts wie "Auf ein Bier", "Insert Moin", "Spieleveteranen" oder "Stay Forever" seien gut geeignet, um ältere Zielgruppen zu erreichen. Kassulke lobt besonders den Youtuber "Writing Bull": "Bei jedem Zug überlegt Daniel erst einmal gefühlt fünf Minuten – und spricht darüber. Eine ältere Zielgruppe kann sich den anschauen. Einen Schreihals, der nur rumflucht und grölt, würden fast alle Silver Gamer sofort abschalten." Sehr gut erreiche man die Zielgruppe aber auch über traditionelle Medien wie Tageszeitungen, Radio und Dritte Programme.

Online-Schafkopf
Kassulke lässt die Zielgruppe der Silver Gamer zwar schon mit 35 Jahren beginnen. Als klassisches Beispiel nennt er dann aber doch ältere Leute mit viel Zeit. "Ich hasse das Bullshit-Bingo, wonach Computerspiele heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind", so Kassulke. "Aber ja, es stimmt. Mein Schwiegervater beispielsweise ist Rentner, da ist kein Kind mehr im Haus – er setzt sich hin und zockt kleine Spielchen. Das kann Schafkopf sein, was er online zockt, oder kleine Puzzle- oder Strategiespielchen, wo er sagt: Ich brauche den ganzen Stress außenrum nicht, ich brauche kein großes Kriegsspiel außenrum, lass mich einfach ein bisschen bauen, und es ist alles schön." Wobei es sich tatsächlich lohnt, die Lebensumstände der Silver Gamer etwas genauer anzuschauen – und nicht nur eine Momentaufnahme zu wählen. "Es ist einfach, eine Stichprobe zu nehmen und einen ganz bestimmten Zeitpunkt zu untersuchen", sagt Bob De Schutter. "Natürlich lässt sich dann feststellen, dass die eine Person der Herausforderung wegen spielt, die andere, um ihre Fantasie anzufachen, und die dritte der sozialen Interaktion wegen. Es gibt eine Menge unterschiedlicher Motive, aber wenn man die Motivation älterer Erwachsener verstehen  will, muss man sich ihren Kontext anschauen. Also die Situation, in der sie leben – und was die damit zu tun hat, wie sie Games spielen."

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Man muss
sich ihren Kontext anschauen
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In seinen Forschungsarbeiten hat De Schutter tiefgreifende Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Silver Gamern gewonnen. Im Interview schildert er einen besonders prägnanten Fall. "Nehmen wir mal an, wir haben eine 50-Jährige, die nie besonders viele Games gespielt hat, aber dann ein simples Casual Game wie Farmville auf Facebook kennenlernt", sagt er. "Und so beginnt sie, Farmville zu spielen. Und das läuft für ein paar Jahre auch ganz gut." Fünf Jahre später hat die selbe Person in diesem Games eine gewisse Kompetenz erlangt, hat ihren Games-Geschmack verfeinert. "Und während sie mit den Games anfangs nur die Zeit totschlagen wollte, hat sie sich mittlerweile richtig reingesteigert und sucht gezielt nach Games, die bestimmte Fantasien erfüllen, in denen sie etwas tun kann, was sie im echten Leben nicht tun kann. Oder die ihr einfach ein paar interessante Herausforderungen bieten", so De Schutter. Von Farmville verfeinert sich der Geschmack also hin zu einem MMORPG oder zu Second Life. Die "Geschmackslaufbahn" könnte hier abgeschlossen sein – doch bekanntlich ist schwer vorhersehbar, wie das Leben mit uns spielt. "Nehmen wir als Beispiel besagte Person", sagt De Schutter. "Ihr Ehemann bekam schwere gesundheitliche Probleme – es mag Alzheimer gewesen sein – und benötigte erhebliche medizinische Unterstützung. Die Dame, die anfangs Farmville und später Second Life gespielt hatte, musste nun plötzlich sehr viel mehr für ihren Ehemann sorgen." Die Zeit, die sie fürs Spielen aufwendete, verlagerte sich von tagsüber – sie war Rentnerin – in die Nacht hinein, wenn ihr Ehemann schlief. Die Leute, mit denen sie Second Life spielte, waren zu dieser Uhrzeit nicht mehr online. "Außerdem suchte sie beim Spielen nicht mehr nach einer Herausforderung, wollte keine Fantasien mehr erfüllen – denn tagsüber hatte sie sehr viel Stress und musste sich in Vollzeit um jemanden kümmern, der buchstäblich den Verstand verlor", erzäht De Schutter. "Also begann sie, wieder mehr Casual Games zu spielen – und spielte auch nicht mehr online. Eher so etwas wie Microsoft Spider Solitär. Zu diesem Zeitpunkt waren Games für sie einfach nur eine Möglichkeit, Luft zu holen und ein bisschen zu entspannen – und nichts Ernsthaftes mehr."

Für Händler und Spieleproduzenten ist eine solche Dynamik natürlich nicht planbar: Ihnen geht es auch mehr um die Masse der Kunden als um Einzelschicksale. Dennoch ist es sinnvoll, Faktoren wie "Gesundheit" oder "Konzentrationsvermögen" zu berücksichtigen, wenn man Spiele für ältere Gamer entwirft. Bob de Schutter selbst arbeitet übrigens gerade an einem Spiel namens Brukel (brukelgame.com): Es ist seiner Großmutter Bie gewidmet, die mitten im Chaos des Zweiten Weltkriegs in Belgien aufwuchs – und die ihm davon berichtete. Was ihr dort widerfuhr, dürfte für jüngere Generationen genauso spannend sein wie für ältere – gerade auch in Form eines Games. (Achim Fehrenbach)