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Magazin: story

Gipfel-Stürmer

Was läuft wie gut und wer liegt vor wem? Die Bedeutung von Charts ist umstritten, doch ihr Reiz ungebrochen. Media Control ist jede Woche aufs Neue das Maß aller Dinge, doch nicht jeder hat Zugang zu den nicht ganz billigen Daten. Ist die kostenlose Alternative „amazon-Charts“ ein probater Ersatz? IGM macht die Probe aufs Exempel.

Ranglisten üben seit jeher eine starke Faszination auf den Menschen aus: Mit ihrer Hilfe wird gemessen, verglichen und geprotzt, doch wirklich aussagekräftig ist meist nur, ob etwas überhaupt darauf erscheint oder nicht. Trotzdem gelten Charts als das perfekte Vergleichs- und Messinstrument und gehören schon seit Jahren in fast jedem Spiele-Magazin zum Stehsatz. Doch wie werden sie erstellt?

Bis vor wenigen Jahren entsprangen viele Charts der Fantasie und dem Wunschdenken des zuständigen Redakteurs, heute dagegen werden sie meist mit Hilfe der ans Print-Medium angeschlossenen Online-Community erstellt. Wenn es um die „Königsklasse“ der Top-Listen geht, dann wird‘s jedoch problematisch: Nicht nur Geschäftsleute, sondern auch Consumer interessieren sich für die Verkaufsrangfolge von Spielen und die Entwicklung am Markt – doch kaum ein Medium leistet sich den teuren Luxus, verlässliche Zahlen wie die von Media Control einzukaufen. Wer seinen Lesern trotzdem vermitteln will, wie ein Spiel am Markt funktioniert, ohne dabei unerlaubt die offiziellen Charts abzukupfern, der muss sich an anderen Quellen orientieren: US-Seiten wie vgchartz.com vermitteln mehrere Monate nach dem Start eines Spiels einen recht ordentlichen Eindruck über dessen globale Verkäufe, außerdem wird nach den Regionen Nordamerika, Europa, Japan und „Rest der Welt“ aufgeschlüsselt. Doch genauer wird die amerikanische Seite leider nicht. Auch manch eine deutsche Seite listet teils akribisch weltweite und regionale Sales-Performance einzelner Titel auf, darunter vor allem auf News gebürstete Angebote wie gamefront.de, die Verkaufszahlen und Erträge sogar tabellarisch aufschlüsseln. Das Problem dabei: Wer diese Daten in Erfahrung bringen will, muss sich durch endlose News-Archive wühlen, unterschiedliche bzw. widersprüchliche Angaben gegeneinander aufrechnen und lange warten. Denn: Bis die entsprechenden Daten „fürs gemeine Volk“ zugänglich sind, geht einige Zeit ins Land.

„Erst spät fürs gemeine Volk zugänglich: Verlässliche Verkaufszahlen“

Charts als
Erfolgs-Barometer
Doch es geht auch einfacher: Ein Barometer für den Erfolg eines Produkts ist dessen Platzierung in den Charts repräsentativer Händler, allen voran amazon. Das Bestellsystem des Online-Riesen generiert automatisch Top-Listen: Sobald ein Kunde vorbestellt oder einen bereits erhältlichen Titel zur virtuellen Kasse schleppt, pflegt das System den Bestand und passt die jeweiligen Charts an. Hierfür klickt man sich zunächst über „alle Kategorien“ zu „Computer & Software“, dann in die Zeile „PC- und Videogames“. Darunter finden sich (mikrofein) Parameter für Preis- und Charts-Sortierung. Letztere verraten unter „Neuerscheinungen“ und „Bestseller“, wer in der laufenden Woche oder im ganzen Kalenderjahr die Hosen anhat, und das sogar recht umfangreich: 100 Plätze werden nicht nur an Spiele, sondern auch an Konsolen und Peripherie vergeben.

Und genau hier haben wir auch schon das erste Problem: Viele Artikel erscheinen nur deshalb in den Charts des Online-Händlers, weil sie dort Bestandteil einer speziellen Aktion sind. Will der z.B. einen Ladenhüter losschlagen, indem er ihn zum halben Preis anbietet, dann lässt ihn das in den amazon-Charts vielleicht nach oben schnellen, doch für den Erfolg des Artikels aussagekräftig ist diese Platzierung nicht. Trotzdem darf der psychologische Effekt einer solchen Aktion nicht unterschätzt werden: Häufig sollen derartige Schnäppchen dazu beitragen, das Produkt in den Charts nach oben zu bringen, um weitere Aufmerksamkeit zu generieren und es erfolgreicher darzustellen als es in Wahrheit ist.

Und schließlich lässt sich amazon selber bei der Erstellung seiner Listen nicht in die Karten schauen: Ein entsprechender Anruf bei der PR-Abteilung des Internet-Versenders verriet uns lediglich, dass man dort von Funktionsweise und Aufschlüsselung der Charts weniger Ahnung hat als die Publisher, mit denen wir uns außerdem über das Thema unterhalten haben. Wirklich erhellt hat uns hier allein die Aussage, dass die Bestseller- und Neuerscheinungs-Listen entgegen allgemeiner Annahme eben KEINE absoluten Klick- bzw. Bestell-Zahlen reflektieren.