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Magazin: story

Copyright Basis-Bild: Konstantin Gerasimov/stock.adobe.com
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Grosse Haie, kleine Fische

Der weiße Riese mit der gezackten Rückenflosse ist wieder unterwegs – und wer ihm zu nah kommt, der wird mit weit aufgerissenem Maul geschluckt und von 300 rasiermesserscharfen Zähnen zersägt: Scheinbar mehr denn je gleicht die Games-Branche einem Haifisch-Becken – aber wer hat im Meer der Super-Räuber noch eine Überlebenschance?
THQ Nordic frisst Koch Media und Deep Silver – das war eine Nachricht, die man in Deutschland erstmal sacken lassen musste. Aber damit nicht genug: Kurz vor diesem Paukenschlag wurden Gerüchte laut, nach denen Microsoft den Third-Party-Riesen Electronic Arts fressen könnte – ein Geschäft, das bei tatsächlicher Umsetzung noch über Jahre hinweg Schockwellen durch die gesamte Branche gesendet hätte.

Und dann wäre da noch das potenzielle Sorgenkind Ubisoft. Dessen feindliche Übernahme durch das Medien-Konglomerat Vivendi galt unter Insidern schon als beschlossene Sache, als Guillemot & Co. auf einmal verkündeten: Gefahr endgültig gebannt! Aber zu welchem Preis? Stattliche 8,1 Prozent der bisher freien Aktien-Anteile hat der französische Hersteller selber teuer zurückgekauft, 2,7 Prozent gingen an eine Kapital-Holding unter Kontrolle von Ubisoft-Geschäftsführer Yves Guillemot und seinen Brüdern. Weitere fünf Prozent wurden vom chinesischen Internet- und Entertainment-Giganten Tencent übernommen, der u.a. "League of Legends"-Betreiber Riot und die "Clash of Clans"-Schmiede Supercell besitzt. Auch an "Unreal Engine"- und "Fortnite"-Entwickler Epic hält der asiatische Konzern satte 48 Prozent. Keine Frage: Wer sich derart vehement gegen eine Übernahme sträubt wie Ubisoft, der muss dafür gute Gründe haben. Yves Guillemot zufolge sind es das Streben, die Kreativität sowie der Wille, auf Marktveränderungen schnell reagieren zu können, die dafür den Ausschlag gegeben haben: Eine Begründung, die fast so klingt, als käme sie von einer kleinen Indie-Bude – und nicht vom drittgrößten Third-Party-Publisher der Welt. Offensichtlich hat selbst ein Riese wie Ubisoft begriffen: Es wäre nicht zwangsläufig erstrebenswert, NOCH größer zu werden.

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Wo bleiben die Kleinen und Mittelgroßen?
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Chaotische Verhältnisse
Abgesehen von zunehmend unübersichtlichen Besitz-Verhältnissen zeigt all das eine wachsende Verdichtung des Games-Marktes. Und die scheint zunehmend in Richtung einiger weniger Macht-Zentren zu verlaufen, die ihre Einfluss-Sphären kontinuierlich ausbauen. Aber was bedeutet das für ein Business, dessen aktuelle Strukturen ursprünglich aus Vielfalt und Vielschichtigkeit heraus gewachsen sind? Wo bleiben bei der Schlacht um Marktanteile und Brands die Kleinen, die Mittelgroßen und die weniger Großen? Wo bleiben z.B. Unternehmen wie Daedalic oder HandyGames?

Am besten, wir fragen die "Betroffenen" selber: So meint HandyGames-Mitgründer und Geschäftsführer Christopher Kassulke, dass eine Transformation des Marktes alle 180 Tage inzwischen recht normal wäre. "Neue Plattformen, Business-Modelle und Trends tauchen immer schneller auf", erklärt er uns. "Wer nicht mit der Zeit geht, verschwindet früher oder später. Das gilt nicht nur für die Kleinen und Mittelgroßen, sondern VOR ALLEM für die ganz Dicken! Eigentlich ist der Markt groß genug für alle Teilnehmer – und wie man am Beispiel Deutschland gut sehen kann, gibt es viele ‚Hidden Champions' in großen Nischen. Diese Nischen zu finden und treffsicher zu besetzen, das ist wichtiger denn je. Das zeigen immer wieder die Gespräche bei unserem Games-Branchen- und Youtube-Format ‚Talk in der Alm'. Wer weiß, wie HandyGames arbeitet, erkennt das auch an den stetigen Veränderungen unseres Unternehmens: Wir sind seit 18 Jahren im Spielemarkt unterwegs und in dieser Zeit von einem ‚Mobile only'- zu einem ‚Cross Platform'-Entwickler transformiert. Trends zu erkennen und für sich zu nutzen, ist das Wichtigste überhaupt. In unserer Branche bedeutet das vor allem, offen und aufgeschlossen zu agieren und mit solchen Firmen zu kooperieren, die Experten in bestimmten Nischen sind."

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Als Entwickler
und Publisher muss man sich sehr breit aufstellen
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Aber bedeutet eine zunehmende Konsolidierung nicht auch zwangsläufig, dass weniger Produkte entstehen? Gerade für Hardware-Betreiber wie Sony oder Nintendo ist ein vielfältiges Produkt-Portfolio wichtig – zumal diese Konzerne für ihr Geschäftsmodell auf Lizenz-Zahlungen von den jeweiligen Anbietern angewiesen sind. "Als Entwickler und Publisher muss man sich sehr breit aufstellen", meint Kassulke. "Sich auf nur eine Plattform oder nur ein Genre zu konzentrieren, ist sehr gefährlich. Ob ein bestimmter Teilmarkt – wie z.B. eine spezielle Konsole – überlebt, hängt von vielen Faktoren ab, die wir selber meist gar nicht beeinflussen können. Wenn man den Markt auf diese Weise betrachtet, ist es unwahrscheinlich, dass es in Zukunft weniger Produkte geben könnte – Konsolidierung hin oder her. Allerdings müssen wir sehr wohl darüber nachdenken, ob Preisstrategien und Business-Modelle einiger Plattformen noch zeitgemäß sind und ob sie sich für die Entwickler auch künftig weiter rechnen."

Weniger Risikobereitschaft
Daedalic-Geschäftsführer Stephan Harms wiederum befürchtet durch die zunehmende Zusammenlegung bestehender Strukturen vor allem eine stetig sinkende Risiko-Bereitschaft bei den eher mittelständischen Games-Unternehmen: "Große Publisher wedeln meist erst dann mit dem Scheck, wenn Du ihr Geld schon gar nicht mehr brauchst", erläutert der Manager, der seit der Studio-Neugründung in München regelmäßig zwischen Hamburg und der bayerischen Metropole pendelt.

"In den Club der oberen zehntausend wird so gut wie niemand eingeladen, die Riesen setzen lieber auf ihre eigenen Studios und Altbewährtes. Inzwischen fehlt dieses Geld bei den kleineren Firmen und dort sinkt zusehends die Risiko-Bereitschaft, in neue, ehrgeizige Produktionen zu investieren. 2018 werden wir vermutlich noch einige interessante Titel aus diesen Segmenten sehen, aber dann wird die Luft wohl erstmal dünn. Zur Erklärung: Der durchschnittliche Entwicklungszyklus eines Spiels liegt bei etwa zwei Jahren – und weil gerade hierzulande seit 2017 nur noch wenige kleine bis mittelgroße Entwicklungen finanziert und angestoßen worden sind, dürften wir ab 2019 vergleichsweise wenige Spiele dieser Größenordnung sehen. Das geht uns selber übrigens nicht viel anders: Bis vor wenigen Jahren sind deutsche Publisher noch auf uns zugekommen und haben uns Hundert-Prozent-Finanzierungen angeboten – aber diese Zeiten sind vorbei. Glücklicherweise sind wir mittlerweile imstande, solche Entwicklungen selber zu tragen."

Ein weiteres Problem der zunehmenden Struktur-Verdichtung auf einige wenige Firmen-Dickhäuter ist laut Harms deren Dauer-Belegung der wichtigsten physischen und digitalen Vertriebs-Kanäle: "Schau Dir aktuell die Verkaufsflächen im Walmart oder in unseren Saturn- und Media-Märkten an: Die ganzen Regale sind voller "FarCry 5"-Boxen – für was anderes bleibt da kaum noch Platz. Für Non-Majors wie uns ist es von August bis Januar nahezu un- oder zumindest nur sehr eingeschränkt möglich, Produkte so zu platzieren, dass sie genügend Kunden ins Auge fallen. Noch mehr Konsolidierung könnte dazu führen, dass sich dieses Problem weiter verstärkt."

Wenn Dickhäuter stürzen
Erwartet uns also womöglich eine düstere Zukunft, in der fantasievolle Produkte Mangelware sind? Und nur noch Sony oder Nintendo kreativ liefern können, während der Rest sein Marken-Programm abspult und die kleineren Studios buchstäblich austrocknen? Christopher Kassulke jedenfalls meint, er sehe noch immer "viele neue und kreative Impulse im Markt". Und weiter: "Sicher kommen die nur selten von den Großen, die lieber ein Sequel vom Sequel produzieren, um ihr finanzielles Risiko zu minimieren. Kreative und neue Ideen werden meist von kleineren bis mittelgroßen Firmen kommen, die sich deutlich mehr trauen und mehr Risiken eingehen können oder wollen. Viele Endkunden schreien ja buchstäblich nach Innovation. Aber eines der Hauptprobleme ist und bleibt natürlich die Sichtbarkeit – zumal die Spielepresse erst in dem Moment über solche Produkte schreibt, in dem sie bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad genießen und Klicks generieren. Als kleiner und noch unbekannter Entwickler muss man deshalb immer kreativer werden, um Aufmerksamkeit bei Kunden, Community, Presse und Influencern zu bekommen."

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Der Köder
muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler
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Aber was ist mit den verbliebenen Publishing-Schwergewichtern? Je weniger große Marken die einzelnen Firmen haben, mit denen sie eventuelle Verluste abfedern können, desto risikoreicher wird das Geschäft – und sollte einer von den ganz großen Brocken straucheln, könnten die Folgen fatal sein. Gestürzte Elefanten werden zwar nicht notwendigerweise erschossen – aber oft genug werden sie eingehegt und verlieren dabei ihre Selbständigkeit. Und was, wenn einer der Kolosse so groß ist und so viel Hunger hat, dass niemand ihn sich leisten kann? Auf alle Fälle birgt ein derartiges Horror-Szenario genügend Sprengstoff, um die Branche ordentlich durchzurütteln und über Jahre hinweg entstandene Geschäftsmodelle ins Wanken zu bringen.

Christopher Kassulke empfindet das ganz ähnlich: "Klar – je größer die Firma, desto schwerfälliger ist sie", meint er. "In der heutigen Zeit braucht man kein stehendes Heer mehr, sondern flinke Spezialeinheiten. Wir haben unsere Firma nach dieser Maxime strukturiert, darum können wir in vielen Bereichen sehr schnell reagieren. Ich habe schon milliardenschwere Unternehmen gesehen, die gefühlt mit unendlich viel Geld in den Ring gestiegen sind, um ihn dann heulend wieder zu verlassen. Am Ende muss der Köder nämlich immer dem Fisch schmecken – und nicht dem Angler."

Keine akute Crash-Gefahr
Trotzdem sieht Kassulke keine akute Crash-Gefahr: "Der Markt von heute ist deutlich breiter und stabiler aufgestellt als damals beim Video-Games-Crash von 1983 oder bei der Dotcom-Krise der 2000er-Jahre. Wir haben eine gigantische Zielgruppe und etablierte Märkte auf deutlich mehr Plattformen. Ich vergleiche unsere Industrie gerne mit dem Bier-Geschäft: Auch dort gibt es einige ‚Giganten', die für die Masse zuständig sind und die gute Produkte liefern. Aber es gibt auch genügend mittelständische Brauereien und viele neue ‚Craftbeer'-Macher, die für einen bunten Mix zuständig sind. Falls ein paar Megakonzerne auf Grund laufen sollten, werden die anderen gerne deren Plätze einnehmen. Und was das Games-Geschäft angeht: Gespielt wird immer. Was genau, das bleibt natürlich offen. Am Schluss entscheidet immer der Kunde, was er konsumieren möchte und wohin die Reise führt. Ich bezweifele aber, dass unsere Kunden künftig nur den ‚Einheitsbrei' eines einzigen Konzerns spielen möhchten."

Und wie geht es dabei den Arbeitnehmern? Nicht jeder will ein Indie-Studio gründen oder ewig von einem dürftig bezahlten Start-Up zum nächsten tingeln, um seine Brötchen zu verdienen. Also wird er auf kurz oder lang dazu gezwungen sein, bei den Großen anzuheuern. Aber zunehmender Monopolismus geht selten damit einher, dass die Arbeitsbedingungen für die Angestellten erfreulicher oder fairer werden…

"Ich glaube nicht, dass wir in der aktuellen Konsolidierungs-Phase schon von Monopol-Stellungen einzelner Unternehmen reden können", gibt Kassulke zu bedenken. "Aber schlechte Arbeitsbedingungen sind natürlich generell Gift – nicht nur für kreative Jobs. Arbeitnehmer haben jederzeit die Wahl, schlechte Bedingungen hinter sich zu lassen und bei anderen Studios anzuheuern oder sich sogar selbständig zu machen. In unserer Branche geht das leichter als in vielen anderen. Fest steht: Will man auf Dauer bestehen können, braucht man ein schlagkräftiges und motiviertes Team. Ein Chef allein wird kaum ein Spiel entwickeln und pflegen können. Ich kann hier natürlich nur für uns sprechen – und wir haben sehr faire Arbeitsbedingungen! 40-Stunden-Woche, definitiv keine Crunch-Time, 30 Tage bezahlter Urlaub, flexible Arbeitszeiten usw. Wer sich nicht fair behandelt fühlt, kann sich gerne bei uns bewerben – wir suchen noch!"

Schön den Müll trennen
"Natürlich wird es immer kleinere und unabhängige Publisher oder Entwickler geben – auch wenn sie es aktuell schwer haben", vermutet auch Stephan Harms. "Trotzdem birgt die Hinwendung des Marktes zu einigen wenigen Riesen-Gewächsen das Risiko, dass die kleineren Pflanzen verdorren, sobald die Großen alles Wasser in Anspruch nehmen oder damit beginnen, das Ökosystem zu beschädigen, von dem wir alle leben."

Korrekt. Darum gilt für alle Beteiligten: Gießen, pflegen und wenig Müll produzieren. Denn so viel sollten wir inzwischen gelernt haben: Umweltschutz beginnt zuhause und vor der eigenen Tür. (rb)